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HANDEL

Lara Croft im Supermarkt

Von Hartung, Manuel J.

Der Handelsriese Metro setzt auf Kassen ohne Kassiererin. Die Gewerkschaften fürchten um Hunderttausende Arbeitsplätze.

Die Kassiererin der Zukunft hat einen prallen Po, große Brüste und sagt mit sanfter Stimme ständig "bitte". "Bitte legen Sie diesen Artikel in die Einpackstation zurück." Oder: "Bitte warten Sie auf das Ladenpersonal."

Die sexy wirkende Frau mit dem langen Zopf, die aussieht wie Lara Croft, Heldin des gleichnamigen Computerspiels, taucht allerdings nur auf einem Monitor auf und heißt dort eher unsinnlich NCR Fastlane.

Fastlane steht in einem zur Metro AG gehörenden Real-Markt in Ratingen und markiert den Beginn einer Revolution, die Hunderttausende Kassiererinnen arbeitslos machen könnte. Denn Fastlane ist eine Kasse ohne Kassiererin.

Bislang gab es in Deutschland derlei Zahlstellen nur im Modellversuch: im Future Store in Rheinberg zum Beispiel, der vergangenes Jahr mit viel Tamtam und Claudia Schiffer von der Metro eröffnet wurde. In Ratingen stehen neben 13 konventionellen nun 4 Selbstfahrer-Kassen in einem stinknormalen Supermarkt, wo große zartblaue Schilder von der neuen Zeit künden: "Nehmen Sie's selbst in die Hand! Sie werden überrascht sein, wie schnell und einfach alles geht."

Einfach sind die neuen Kassen in der Tat. Bildschirm-Lara macht's vor, der Kunde macht's nach: Er hält die Strichcodes der Waren an den Scanner und legt sie dann in Plastiktüten, die an einem Metallgestell hängen. Eine integrierte Waage prüft, ob der eingescannte Joghurt nicht doch Delikatess-Lachs ist. Wenn das passiert, blinkt ein Licht auf, und der Aufpasser vom "Kundenassistenzplatz" stürmt herbei.

Nur mit der Schnelligkeit hapert es etwas: Wer fünf Joghurts kauft, muss auch fünf Joghurts einscannen, quälend langsam sagt die sanfte Stimme dann den Preis jeder Ware an - und mit Bargeld läuft gar nichts.

Bei der Metro ist man mit dem Erfolg des Tests dennoch zufrieden: Zwei von fünf Kartenzahlern hätten die neuen Terminals genutzt; fast jeder siebte Umsatz-Euro sei dort eingebucht worden. "Sogar ältere Leute gehen da ran", sagt Real-Marktleiter Heinz-Josef Dammertz.

Deshalb entschied der Metro-Konzern jetzt, die neue Technik auszubauen. Bis Anfang 2005 sollen insgesamt 200 SB-Kassen in rund 50 Real- und Extra-Märkten in Deutschland installiert werden.

Noch nehmen die Metro-Mitarbeiterinnen ihre virtuelle Kollegin gelassen: "Ich habe keine Angst um meinen Job", sagt eine Kassiererin, "SB-Kassen werden immer nur eine Alternative bleiben."

Gewerkschafter halten das jedoch für Wunschdenken. "Im Ernstfall kosten die SB-Kassen Hunderttausende Arbeitsplätze", fürchtet Ulrich Dalibor, Einzelhandelsexperte der Gewerkschaft Ver.di.

Dabei ist ein Job im Supermarkt ohnehin schlecht bezahlt: Wer Vollzeit arbeitet, bekommt knapp 2000 Euro brutto im Monat. Eine SB-Kasse ist zwar um einiges teurer als ein Standardgerät, auf Dauer aber billiger: "Das hat einen riesigen Rationalisierungseffekt", ahnt Dalibor.

Real weist die Sorgen der Gewerkschaft zurück. "Wir können uns den menschenleeren Laden nicht vorstellen", beteuert Real-Sprecher Rainhardt Freiherr von Leoprechting. Nach dem Umbau habe man in Ratingen sogar mehr Mitarbeiter eingestellt.

Zukunftsprognosen will der Real-Mann aber nicht abgeben, etwa für jene Vision, in der Kunden ihren Einkaufswagen nur noch durch eine Schleuse schieben und wo durch Funksignale abkassiert wird. "Wir sind in einem sehr harten Wettbewerb", was in zehn Jahren sei, könne man seriös nicht sagen, so Leoprechting.

Schon jetzt stehen nicht vier Aufpasser an den SB-Kassen, sondern mal zwei, mal drei Assistentinnen. "Das kann fies werden, wenn die Kassiererinnen eine nach der anderen rausgeschmissen werden", ahnt Kurt Jablonski, 63, als seine Frau mehrere Weinflaschen einscannt. "Uns ist die Zeitersparnis aber wichtiger."

Nicht alle Kunden sehen das so. "Scheißtechnik", sagt Arif Bolat, 40, "durch die Roboter werden die Menschen doch alle arbeitslos." MANUEL J. HARTUNG


DER SPIEGEL 8/2004
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