16.02.2004

KONZERTEMal was mit Herzblut

Zum ersten Mal hat eine Popsängerin die Münchner Olympiahalle auf eigene Faust gemietet - ohne Plattenfirma und Promotionsagentur im Rücken.
Es gab mal eine, das ist lange her, die hat es vorgemacht: Die stellte sich allein mit einer Gitarre auf die Bühne in der Münchner Olympiahalle und sang so hingebungsvoll, dass die Leute hingerissen waren. Das war im Jahr 1977, die Sängerin hieß Joan Baez und war damals bereits ein internationaler Star.
Barbara Clear, mit bürgerlichem Namen Klier, 39, ist kein internationaler Star, nicht mal ein nationaler. Immerhin: In Bayern, vor allem in Niederbayern, ist sie weltberühmt. Die deutsche Sängerin lebt in einem Nest namens Hutthurm, nördlich der schönen Bischofsstadt Passau, und hatte vor gut zwei Jahren eine Eingebung: Es könne ihr gelingen, die Münchner Olympiahalle zu füllen für eines ihrer Konzerte - ohne Plattenfirma und Agentur im Hintergrund.
"Jeder Sänger träumt davon, dort aufzutreten", sagt Clear. Im August 2001 ließ sie sich die Halle reservieren: für den 24. April 2004. Tatsächlich hat bisher noch kein Künstler im Alleingang diese Riesenhalle zu mieten gewagt. Wird es der große Coup oder die rührendste Pleite der Saison? Clear investiert kaum Geld in die Werbung, sie setzt auf die Wirkung ihrer Lieder, ihrer Stimme, begleitet von Gitarrenklängen, unterstützt von Mikrofon samt Verstärker. Nichts sonst - einmal abgesehen von ihrer guten Ausstrahlung und Figur.
Viele, denen sie von ihrem Plan erzählte, rieten ab: "Bei dir piept's wohl."
Peter Häberle indes, verantwortlich für Kulturveranstaltungen in der Münchner Olympiahalle, schwärmt drauflos: "Da kommen all diese berühmten Bands und Sänger zu uns, schön und gut. Aber dieses Projekt mit Barbara Clear, das ist endlich mal was mit Herzblut und Idealismus."
Barbara Clear ist Sängerin im Hauptberuf und bekennende Idealistin im Nebenberuf. Sie arbeitet seit über zehn Jahren als Profi-Musikerin und kann gut davon leben. Eine große Plattenfirma hat sie nicht, ihre CDs vertreibt sie selbst auf ihren Konzerten und via Internet. An rund hundert Tagen im Jahr tritt sie auf, mal vor 500, mal vor 50 Leuten, dabei trommelt sie schon lange für ihr Münchner Abenteuer - ihre jüngste CD heißt "Ticket to Munich". Manager und Marketingmann ist ihr Freund und Lebensgefährte Ralph Dittmar.
Clear komponiert selbst, in englischer Sprache, weil sie mit englischen Liedern sozialisiert wurde. Ihre Balladen handeln von Krieg und Terror, aber auch von der Liebe zur Natur oder der Sehnsucht nach Glück. Tollkühn, wie sie nun mal ist, variiert sie auch Klassiker von Janis Joplin, Carole King, von Bonnie Raitt, Peter Gabriel oder Kris Kristofferson. Den Vergleich mit den Originalen braucht das "Stimmwunder" ("Süddeutsche Zeitung") Clear nicht zu scheuen.
Sie hat lange dunkle Haare und braune Kulleraugen. Sie ist ein ernsthafter Mensch, der den seriellen Verbrauch singender Sexy-Girls ablehnt - und den momentanen Niedergang dieser Musikindustrie nicht ohne Schadenfreude verfolgt.
Clear findet es ziemlich pervers, dass fast alle Radiostationen immer dieselben Hits spielen, dass so viele talentfreie Menschen als "Stars" aufgebaut und verramscht werden, dass Popkonzerte überhaupt so viel Geld kosten.
Trotzdem geht es auch bei ihr nicht nur um Selbstverwirklichung, es geht auch ums Materielle. Auf 60 000 Euro belaufen sich die Kosten für Saalmiete und Extras wie den Security-Service. Clear verkauft ihre Karten für 10 Euro, angeblich sind bereits 4000 Stück weg. "Wenn ich noch 2000 Tickets verkaufe, habe ich meine Unkosten raus", sagt sie. Sogar aus Bremerhaven, Berlin und Salzburg wurden Karten geordert. Noch zehn Wochen hat sie Zeit. Ihr Motto: "Wer nicht positiv nach vorn schaut, darf sich auf ein solches Unterfangen nicht einlassen." Wohl wahr. ANGELA GATTERBURG
Von Angela Gatterburg

DER SPIEGEL 8/2004
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