21.02.2004

SHOWGESCHÄFTDie Mechanik der Erregung

Der inszenierte Wirbel um die Porno-Vergangenheit Sibel Kekillis, der deutschtürkischen Hauptdarstellerin im Berlinale-Siegerfilm „Gegen die Wand“, enthüllt vor allem eines: So freizügig sich eine Gesellschaft auch gibt - pseudoprüde Empörung zieht immer noch.
Auf der ersten Seite von "Bild" prangte am vergangenen Mittwoch Uschi Glas, 59, das sorgenfaltige Reh. "Uschi Glas steht sündiger Film-Diva mutig bei", lautete die Zeile.
Heilige Uschi, da kam sie tatsächlich auf die Frontpage gewackelt, die Frau Sünde, die "Bösartigkeit der menschlichen Natur" (Immanuel Kant). Ein anderes Wild, die rehäugige Sibel Kekilli, Hauptdarstellerin des mit dem Goldenen Berlinale-Bären ausgezeichneten deutschen Films "Gegen die Wand", war auf dem Porno-Lotterlager erwischt worden - "Bild" fuhr seine neueste Kampagne: Schlimme Sibel (Wie kann sie uns so täuschen), arme Sibel (Die Eltern verstoßen sie), hilfsbedürftige Sibel (Uschi bietet Hilfe an), tapfere Sibel (Wir sind stolz auf sie) - das Blatt deklinierte den Fall nach allen Regeln des Boulevards durch.
Dank der Enthüllung zog Kekilli, 23, in der Woche nach dem Triumph des "Gegen die Wand"-Melodrams bei der Berlinale-Preisverleihung so viel Interesse auf sich, dass der Regisseur des Films, der Hamburger Fatih Akin, neben der in Heilbronn aufgewachsenen Jungschauspielerin nur noch eine Nebenrolle zu spielen schien.
"Warum drehte die zarte Diva so harte Pornos?", lautete die fürsorglich-kulturkritische Schlüsselfrage der "Bild"-Kampagne. Konkreter Anlass der Empörung: Kekilli, die in Akins Film eine aus der Enge ihrer türkischen Familie ausbrechende junge Frau spielt, hatte im Jahr 2002 in einigen Hardcore-Porno-Filmen mitgewirkt, die Titel trugen wie "Megageile Kükenfarm" oder "Tierisches Teenie-Reiten".
Regisseur Akin und Berlinale-Chef Dieter Kosslick standen Kekilli ebenso öffentlich bei wie der Filmemacher Dieter Wedel oder seriöse Zeitungen wie die "taz" ("widerlich"), die "Süddeutsche" ("so viel Herrenschweiß") und die "Zeit" ("schmierig").
Sämtliche TV-Boulevardmagazine berichteten ähnlich engagiert wie die Münchner "Abendzeitung", deren Titel "Porno-Star? Na und!" lautete. "Da wird sogar der Goldene Bär rot", kalauerte die Berliner "B.Z."; der "Stern" nutzte die Gelegenheit, einen männlichen Porno-Darsteller zu loben, er sei "um Längen besser als jeder andere". Die "Welt" barmte, der Verzicht auf einschlägig erfahrene Kräfte könne "zu einem Engpass von jungen Frauen fürs Kino führen".
Gerade noch hatten sich die Deutschen in vermeintlicher Überlegenheit amüsiert über die Heuchelei der US-Medien, die sich nach der Präsentation einer nackten Brust der Sängerin Janet Jackson im Live-TV eine drastische Selbstzensur auferlegten. Der so genannte Nipplegate-Skandal hatte vor allem christlich gesinnte Amerikaner aufgebracht. Nun aber wirkt der deutsche Rummel um die Porno-Arbeit der Darstellerin Kekilli kaum weniger lachhaft als die Aufregung um Jacksons Busen.
Längst sind fast alle westlichen Gesellschaften in bizarrer Weise dauersexualisiert. Entspannt lassen sich die Menschen durch Fernsehserien wie "Sex and the City" über die Vorzüge von Oral- und Analsex informieren, achselzuckend betrachten sie in der Werbung für Unterwäsche oder im MTV-Videoclip Paare bei der Paarung; die Porno-Branche wird in zahlreichen TV-Reportagen, die schon mal "live vom Set" aus Budapest berichten, porentief ausgeleuchtet. Ehemalige Sex-Darstellerinnen wie Dolly Buster oder Michaela Schaffrath sind gern gesehene Talkshow-Gäste und schmücken manche Promi-Party.
US-Stardesigner Tom Ford, der jahrelang für Gucci extravagante Kleider entwarf, bekannte vor kurzem, wie es ihm und dem Rest der Menschheit mit der Porno-Bilderflut im Alltag ergeht: "Sex nervt mich oft."
Was also ist so bemerkenswert daran, dass eine junge Frau Porno-Filme gedreht hat, bevor sie zur erfolgreichen Filmschauspielerin wurde? Gibt es in einem Land, in dem jährlich 9000 Pornos neu auf den Markt kommen, immer noch eine Schranke zwischen den Sphären: Hier das halbwegs normale öffentliche Leben, dort die ungehemmte private Triebhaftigkeit, hier die Filmkunst, dort die hässliche Welt des megageilen Hardcore-Kapitalismus?
Paradoxerweise vollzieht Akins "Gegen die Wand", der am 11. März in die Kinos kommt, selbst eine Art Tabubruch, wenn er die schmerzhafte Emanzipation der jungen Deutsch-Türkin Sibel, gespielt von Kekilli, zeigt.
Die Heldin landet nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie. Dort trifft sie den fast doppelt so alten Alkoholiker Cahit (Birol Ünel). Weil sie ihrem muslimischen Traditionen verhafteten Elternhaus entfliehen will, überredet sie ihn zu einer Scheinehe.
Ihrer Familie entkommen, holt Sibel ihre Pubertät nach: Partys, Drogen, Sex. "Ich will frei sein, ich will ficken - und nicht nur mit einem Mann", erklärt sie ihrem Alibi-Gatten. Regisseur Akin zeigt, wie Sibel tanzt, Kokain schnupft und mit Party-Bekanntschaften verschwindet - doch wie diese One-Night-Stands ablaufen, sieht der Zuschauer nicht.
Erst als die Eheleute Sibel und Cahit merken, dass sie sich tatsächlich ineinander verliebt haben, lässt die junge Frau ihr knappes Kleid fallen. Die anschließende Bettszene kann es an Harmlosigkeit mit jeder Rosamunde-Pilcher-Verfilmung aufnehmen. Doch trotz aller Rücksichten des Regisseurs, der sagt, die Idee zu seinem Film stamme von einer Freundin, "die aus einem ähnlich strengen Elternhaus kam wie die Sibel" - auf türkische Traditionalisten muss sein Film, der bereits in die Türkei verkauft ist, höchst provozierend wirken.
Akin, 30, traditionsbewusst erzogen ("Mein Vater ist ein Mensch, der fünfmal am Tag betet und in Mekka war"), ist wichtig, "was meine Eltern von dem Film denken". Er habe niemanden provozieren wollen, aber so, wie er es zeige, sei nun mal das Leben: "Jeden Abend, wenn man die Glotze anmacht, wird für 0190-Nummern rumgestöhnt."
"Du kannst kein türkisches Mädchen nackt zeigen", hätten ihn türkische Männer ermahnt; und auch wie die jungen Türkinnen im Film reden, wenn ihre Männer nicht dabei sind ("Meiner leckt wie eine Katze"), dürfte konservative Sittenwächter empören.
Wen aber sonst? Von einer "sündigen Film-Diva" schwallte "Bild" über Kekilli - und rief in den Hirnkammern ihrer Leser die Reste religiöser Überlieferung wach: Es war doch Eva, die Frau, die sich zur ersten Sünde der Menschheit überreden ließ. Daran erinnerten schon Berichte des Blatts über den Dschungel-TV-Hit "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" auf RTL, als die Zeitung die Rolle der Schlampe mit Caroline Beil besetzte: "Die schlimmste Schlange des Dschungels" - der Bibel-Forscher des Blattes schlug zu.
Die Moral ist in der angeblich total libertinären Welt ein ewiger Mitläufer: Sie hat keinen wirklichen Einfluss auf die Todsünde der hemmungslosen Neugier, aber sie klingt immer so schön sonorig und entlastet das Gewissen des Lesers. Auf dem Boulevard funktioniert die Mechanik der Scheinmoral noch anstandslos.
In der bunten Welt der Kunst, zumal der bildenden, folgt die Erregungsleitung dagegen längst anderen Gesetzen. Die "pornografische Energieübertragung", von der der Philosoph Bazon Brock noch Anfang der neunziger Jahre sprach, hat sich, so scheint's, erledigt.
Wirklich erregen mag sich über das viele nackte Fleisch niemand mehr. Im vergangenen Herbst etwa zeigte die amerikanische Künstlerin Andrea Fraser, 39, in Hamburg eine Art Kunstporno, der sie - offensichtlich wenig angeturnt - beim Sex mit einem Mann zeigt, der als Sammler ausgegeben wird.
Die Österreicherin Elke Krystufek hat schon einmal mitten im Museum und dort vor Hunderten belustigten Menschen masturbiert. Der Fotokünstler Thomas Ruff erzielt mit nur spärlich verwischten Aufnahmen von Porno-Grazien Höchstpreise.
Und als der Kölner Taschen Verlag vor vier Jahren die "Digital Diaries" der blutjungen Amerikanerin Natacha Merritt veröffentlichte, da konnten die deutschen Feuilletonisten vor Begeisterung kaum an sich halten. Auf die Fotos, die Merritt nackt oder beim Gruppensex, vor allem aber die ineinander verrenkten Genitalien in Großaufnahme zeigten, reagierte die Geisteselite betont befriedigt. Der Verlag bot die Bilder als "sexuelle Reise eines Mädchens aus dem 21. Jahrhundert" feil.
Nur minimal unterscheiden sich Darstellungen wie die Merritts vom gemeinen Hardcore-Porno: Und doch ist im Porno-Film die pure, banale, oft trostlose Triebabfuhr derart in Nahaufnahme gebannt, dass das Erschrecken über die unheimliche Macht des sexuellen Begehrens mitunter auch die Kinder von Bauchnabel-Piercing und String-Tanga anfällt.
Vielleicht erklärt dieser Gruseleffekt, was selbst ein reichlich auf- und abgeklärtes Publikum über Kekillis Porno-Arbeit diskutieren lässt. Dabei ist nicht ihr Wechsel zwischen den Sphären der Kunst und der Porno-Produktion die Sensation, sondern die Verve und Strahlkraft, mit der sie in "Gegen die Wand" die Konventionen auch des jungen deutschen Kinos sprengt.
Weder Kekilli noch Filmemacher Akin kommen einstweilen dazu, den Berlinale-Erfolg zu genießen: "Ich muss meine Hauptdarstellerin beschützen", sagt er. "Sie ist für mich wie meine kleine Schwester."
Um die Wahrung von Kekillis Persönlichkeitsrechten kümmert sich mittlerweile der Hamburger Medienanwalt Matthias Prinz. Er will "sie vor der Berichterstattung schützen, so weit es geht".
Kekilli halte "sich sehr gut, den Umständen entsprechend", sagt Akin. Sie sei "wütend - und Wut ist immer ein guter Motor". JANA HENSEL, ULRIKE KNÖFEL,
REINHARD MOHR, MARTIN WOLF
Von Jana Hensel, Ulrike Knöfel, Reinhard Mohr und Martin Wolf

DER SPIEGEL 9/2004
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