01.03.2004

LEICHENHANDEL„Russische Kadaver“

Die Affäre um die Machenschaften des „Körperwelten“-Erfinders Gunther von Hagens weitet sich aus: Die Universität Heidelberg mischte beim Geschäft mit den Toten kräftig mit.
Der tote Mensch, in Scheiben tranchiert und mit Kunststoff unverweslich gemacht, dozierte Professor Wilhelm Kriz, leitender Anatom der Universität Heidelberg, sei für die moderne Medizin unverzichtbar. Ohne die Scheibenplastinate, die kleinste Äderchen, Nerven, Organ- und Knochenstrukturen en détail zeigen, wäre die Interpretation von Computertomografien ungleich schwieriger. Dass diese Technik auch Gunther von Hagens zum größten Leichenschausteller aller Zeiten machte, ändere nichts an dieser Einstellung - "eine große wissenschaftliche Leistung".
Bei allem medizinischen Enthusiasmus - so versicherten Kriz und der Heidelberger Prorektor Jochen Tröger nach den Vorwürfen der illegalen Leichenbeschaffung für Hagens' umstrittene Ausstellung "Körperwelten" (SPIEGEL 4/2004) vor wenigen Wochen - sei die Alma Mater nie blind gewesen. Bis Mitte der neunziger Jahre, solange Hagens in Diensten der Hochschule gestanden habe, sei "alles, aber auch wirklich alles korrekt abgelaufen".
Das war wohl etwas voreilig.
Um die Plastinationsphantasien des damaligen wissenschaftlichen Mitarbeiters Wirklichkeit werden zu lassen, hat sich auch das Anatomische Institut der renommierten Ruprecht-Karls-Universität - das belegen Dutzende Dokumente - keine Gedanken um ethische Skrupel gemacht: Anatomie-Leiter Kriz, inzwischen zum Ordinarius aufgestiegen, segnete nicht nur den Verkauf plastinierter Menschenteile ab, er ließ es offenbar sogar geschehen, dass Leichen auch unplastiniert und im Ganzen feilgeboten wurden - als Übungsmaterial für Kollegen im Mittleren Osten, zum Stückpreis von 3500 Mark (Männer) oder 4100 Mark (Frauen). Ohne jedoch, wie Kriz heute beteuert, Konkretes darüber gewusst zu haben.
Mehr als ein Jahrzehnt war der illustre Kreis des universitären "Plastinationslabors" sorgsam darum bemüht, seine heiklen Geschäfte, mit denen er Millionen machte, im Verborgenen zu halten. Erst nachdem die Enthüllungen über Hagens' "Körperwelten" im Januar auch dunkle Schatten auf die um den Elitestatus bemühte Bildungsstätte zu werfen drohten, ordnete Rektor Peter Hommelhoff "unverzügliche und rückhaltlose" Aufklärung an.
Erste Ermittlungsergebnisse der Abteilung Innenrevision bestätigen nun die schlimmsten Befürchtungen. Quasi ohne Kontrolle konnte der Universitätsangestellte Hagens Anfang der neunziger Jahre auf Akquise-Tour in West und Ost gehen. So stießen die Revisoren auf Lieferungen aus Gainesville (Florida) und Leichentransporte, die Hagens' russischer Anatomie-Kollege Michail Sapin, damals Professor am "1. Moskauer Medizin-Institut", an den Neckar geschickt hatte. Wie viele Leichen aus Russland geliefert wurden, woher diese stammten und ob sie legalen Ursprungs waren, konnten auch die Prüfer nicht mehr klären: Der Eingang der toten Körper war schlichtweg nicht registriert worden.
Auch das offenbar lückenhafte Gedächtnis von Kriz erleichtert die Ermittlungen nicht gerade. Noch im Januar hatte der Professor kategorisch ausgeschlossen, die Uni habe jemals Leichen aus Moskau erhalten. Plötzlich ist Kriz immerhin "erinnerlich", dass formalinfixierte Leichen "von unseren Kollegen" aus Russland geliefert wurden.
Das deutsch-russische Joint Venture der Hochschul-Anatomen erinnert mitunter an einen zweitklassigen Agententhriller. So empfahl Hagens laut internen Unterlagen seinem Business-Partner Sapin, generell nicht von "Leichen" zu sprechen, sondern von "anatomischen Ganzkörperpräparaten". Der "Verwaltungsaufwand für den Grenzübertritt" sei dadurch "weniger aufwendig". Für die Zollerklärung schlug er die unverfängliche Bezeichnung "Biologisches Material" vor. So deklariert, wären die Leichen dann auch noch "duty free".
Freimütig erklärte der Anatom auch, warum es notwendig sei, den Kreis der Mitwisser so klein wie möglich zu halten: "Boulevard-Gazetten in der westlichen Hemisphäre", so Hagens am 9. Juni 1991 an Sapin, wären "sehr interessiert an einer Story wie ,Heidelberger Universität kauft russische Kadaver'". Auf solche Schlagzeilen lege man an seinem Institut überhaupt keinen Wert. Nur solange sein "Umgang mit Menschenmaterial" im Stillen geschehe, würden ihm seine Vorgesetzten "freie Hand gewähren".
Die Camouflage galt wohl auch für die Beschaffung von Toten in der Heimat. In der Nacht zum 17. September 1989 war Hagens im privaten VW-Transporter auf der Autobahn zwischen Düsseldorf und Heidelberg unterwegs. Im Laderaum lag die Leiche eines 25-Jährigen, der wenige Tage zuvor an den Folgen von Aids gestorben war. Hagens, immer auf der Suche nach frischer Ware, hatte den Tipp von einem Mitarbeiter der Düsseldorfer Anatomie bekommen und war am 16. September sofort ins Rheinland aufgebrochen.
Die Rechtmäßigkeit solcher Transfers ist mehr als fraglich: Die Leiche war zur Ausbildung von Düsseldorfer Medizinstudenten gespendet worden. Die Heidelberger aber interessierte offenbar eher die Gewinn bringende Vermarktung des Toten.
Hinweise darauf, wie einträglich das Plastinationsgeschäft für die Kriz-Abteilung war, fanden jetzt die Heidelberger Uni-Revisoren in der nur noch lückenhaft vorhandenen Buchführung. So stießen die Prüfer auf zwei Zahlungseingänge im Jahr 1991 über insgesamt 768 350 Mark, die aus Kuweit (417 531 Mark) und Saudi-Arabien (350 819 Mark) geleistet worden waren.
Dabei hatte Kriz noch im Januar die Umsätze mit den Plastinaten ganz kleingeredet: "Wenn das 100 000 Mark waren, war das viel." Inzwischen weiß es der Professor besser. Zwei bis drei Millionen Mark, so räumt er inzwischen ein, seien wohl auf ein für das Plastinationsgeschäft eigens eingerichtetes Drittmittel-Konto geflossen. Wie viel genau, lässt sich nicht mehr sagen, die Einzelbelege aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre, als das Uni-Geschäft mit Hagens' Plastinaten boomte, sind längst "vorschriftsmäßig ausgesondert".
Somit ist auch nur schwerlich zu rekonstruieren, wie viel Hagens selbst am universitären Leichenhandel verdiente. Eine Dienstvereinbarung, der sogar das Stuttgarter Wissenschaftsministerium zustimmte, sah nämlich Provisionszahlungen vor - zusätzlich zu seinem Gehalt als Universitätsangestellter. 15 Prozent der Einkünfte aus dem Plastinationsgeschäft der Hochschule gingen an Hagens privat.
Dennoch versuchte der damalige Universitätsangestellte Hagens offenbar, besonders lukrative Aufträge bisweilen auch ganz privat abzuwickeln. Als das "König Chalid Universitätshospital" in Riad, Saudi-Arabien, im September 1990 bei der Universität Heidelberg eine Kollektion plastinierter Leichenteile im Gesamtwert von 359 892 Mark orderte (Auftragsnummer U-112-181), kam es zu einem denkwürdigen Briefwechsel. Am 19. November teilte Hagens den Saudis mit, dass ihr Vertragspartner fortan nicht mehr die Universität, sondern eine Firma namens Biodur Products sei - sein damaliges Privatunternehmen. Gezahlt werden sollte "cash on delivery" - persönlich an Hagens.
Den Wechsel des Vertragspartners begründete Hagens unter anderem damit, dass "der internationale Handel mit menschlichen Präparaten in großen Stückzahlen nicht ohne weiteres zu der Funktion der Heidelberger Universität als öffentliche Bildungseinrichtung passt".
Heute lässt der Plastinator seinen Rechtsanwalt kategorisch erklären, dass er "zu keinem Zeitpunkt den Verkauf von Präparaten der Universität Heidelberg bzw. deren Institut für Plastination über die Privatfirma Biodur Products oder eine andere Privatfirma abgewickelt" habe.
Auch Professor Kriz, 67, kann sich heute an einen solchen Vorgang nicht mehr erinnern - wegen "nicht mehr vorhandener Belege" könne das Geschäft auch "nicht mehr nachvollzogen werden". Sollte Hagens tatsächlich "zu Gunsten privater Konten" in der Universität gefertigte Präparate verkauft haben, "wäre dies illegal gewesen".
Während sich der akademische Senat inzwischen von Hagens' "Körperwelten" distanzierte, hält sich Kriz vornehm zurück. Nach seiner Emeritierung darf der baden-württembergische Landesbeamte auf eine gut dotierte Zukunft in Hagens' - nunmehr privatem - Leichenkonzern hoffen. SVEN RÖBEL, ANDREAS WASSERMANN
Von Sven Röbel und Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 10/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 10/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LEICHENHANDEL:
„Russische Kadaver“

Video 01:12

Zukunftsprojekt Das Flug-Zug-Konzept

  • Video "Sprecherin der US-Waffenlobby: Wer ist diese Frau?" Video 02:37
    Sprecherin der US-Waffenlobby: Wer ist diese Frau?
  • Video "Parkland-Schüler: Teenager flehen Trump im Weißen Haus an, etwas zu tun" Video 03:03
    Parkland-Schüler: Teenager flehen Trump im Weißen Haus an, etwas zu tun
  • Video "Zyklon-Folgen in Neuseeland: Ein Fluss aus Geröll" Video 01:00
    Zyklon-Folgen in Neuseeland: Ein Fluss aus Geröll
  • Video "Diesel-Urteil vertagt: Richter sind genervt, dass sie entscheiden müssen" Video 01:55
    Diesel-Urteil vertagt: "Richter sind genervt, dass sie entscheiden müssen"
  • Video "70 Stockwerke, 350 Meter: Ein Wolkenkratzer aus Holz" Video 00:51
    70 Stockwerke, 350 Meter: Ein Wolkenkratzer aus Holz
  • Video "Fahrverbots-Urteil: Autohersteller könnten als Sieger dastehen" Video 03:20
    Fahrverbots-Urteil: "Autohersteller könnten als Sieger dastehen"
  • Video "Videos aus Südkorea: Curling im Wohnzimmer" Video 01:14
    Videos aus Südkorea: Curling im Wohnzimmer
  • Video "Schlacht um Ost-Ghuta: Die Bilder des Kriegs" Video 03:16
    Schlacht um Ost-Ghuta: Die Bilder des Kriegs
  • Video "Entdeckung: Maya-Relikte in weltgrößter Unterwasserhöhle" Video 00:49
    Entdeckung: Maya-Relikte in weltgrößter Unterwasserhöhle
  • Video "US-Waffenbesitzer zersägt sein Gewehr: Eine weniger" Video 01:49
    US-Waffenbesitzer zersägt sein Gewehr: "Eine weniger"
  • Video "Polit-Thriller auf der Berlinale: 7 Tage in Entebbe" Video 01:49
    Polit-Thriller auf der Berlinale: "7 Tage in Entebbe"
  • Video "Extrem-Tüftler: Mit dem Pedal-Luftschiff übers Meer" Video 01:32
    Extrem-Tüftler: Mit dem Pedal-Luftschiff übers Meer
  • Video "Merkel sorgt für Lacher: Ach nee!" Video 00:40
    Merkel sorgt für Lacher: "Ach nee!"
  • Video "Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr: Bedingt einsatzbereit?" Video 02:07
    Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr: Bedingt einsatzbereit?
  • Video "Zukunftsprojekt: Das Flug-Zug-Konzept" Video 01:12
    Zukunftsprojekt: Das Flug-Zug-Konzept