Von Kneip, Ansbert
Es ist nie allzu viel los an Caves Beach, normalerweise. Ein ruhiger Strand, 110 Kilometer nördlich von Sydney gelegen, also weit genug weg von der Großstadt. Ein paar Touristen kommen trotzdem, sie sehen sich gern die Felshöhlen an, die dem Strand seinen Namen gaben. Sonderlich fesselnd ist es dort nicht.
Ab und zu gleiten Surfer durchs Wasser, aber die Wellen sind gerade mal anfängertauglich. Die Könner surfen woanders. Caves Beach ist kein Strand für Abenteurer, selbst der letzte Hai-Alarm liegt jetzt schon sieben Jahre zurück.
Jemand hatte einen Hai in Strandnähe gesehen, damals. Das Tier verschwand kurz darauf, niemand wurde angegriffen, niemand verletzt. Nach ein paar Tagen gingen die Leute wieder ins Wasser. An anderen Stränden passiert das viel öfter.
Für Luke Tresoglavic gab es also keinen Grund, besonders vorsichtig zu sein, als er Mitte Februar seinen Wagen oberhalb des Strandes parkte, Taucherbrille und Schnorchel aufsetzte, ans Meer hinunterging und hinausschwamm zum Riff, das etwa 300 Meter vor der Küste liegt.
Luke Tresoglavic ist ein guter Schwimmer, 22 Jahre alt, ein drahtiger Kerl, Enkel jugoslawischer Einwanderer. Abends arbeitet Luke in einer Bar, vor zehn Uhr morgens darf man ihn nicht wecken, danach kommt er oft für eine Runde ans Wasser. Er hat noch nie einen Hai gesehen.
Das Meer ist angenehm warm, ungefähr 24 Grad Celsius. Luke schnorchelt noch nicht lange über dem Riff, als ihn plötzlich ein heftiger Schmerz durchzuckt. Irgendetwas an seinem linken Bein fühlt sich furchtbar heiß an, vielleicht hat ihn eine Qualle verbrannt.
Doch dann sieht Luke an sich nach unten: Ein Fisch hat ihn gebissen, in die weiche Stelle knapp unterhalb seiner linken Kniescheibe. Der Fisch hängt noch dort, die Zähne ins Fleisch geschlagen. Luke hat keine Ahnung, um was für eine Spezies es sich handelt.
Es ist ein Hai, ein Teppichhai, vermutlich einer, den die Australier Wobbegong nennen.
Teppichhaie haben nicht viel gemein mit dem Weißen Hai, den man aus Kinofilmen und Fernsehreportagen kennt. Wobbegongs sind kleiner und flacher, um das Maul herum hängen fleischige Fransen.
Vor allem aber tragen sie nicht die typische Haifarbe, statt gleichmäßig grau ist ihre Haut gefleckt.
Wobbegongs leben auf dem Meeresboden, in Höhlen an der Riffkante und auf algenbewachsenen Felsen. Sie sind so genannte Lauerjäger. Perfekt getarnt warten sie regungslos auf Beute: kleine Rochen, Tintenfische, Krustentiere. Menschen zählen nicht dazu, normalerweise.
Ab und zu passiert es, dass ein Schwimmer einen Wobbegong übersieht und versehentlich drauftritt - der Hai beißt dann einmal zu und sucht anschließend erschrocken das Weite. Allerdings gelten Wobbegongs als ungeheuer futtergierig, sie missgönnen ihrer Umwelt jedes Beutestück. Außerdem sind sie extrem reizbar und damit sehr schnell sehr schlecht gelaunt.
Dieses Exemplar ist genau so ein Typ. Ein kleiner Hai nur, mit 60 Zentimeter Länge fast noch ein Baby, aber furchtbar verbissen. Der Hai hängt am Bein und lässt nicht los.
Schlimmer noch: Viele Wobbegongs haben Fangzähne, mit denen sie einzelne Fleischstücke aus der Beute schlagen können. Und genau das scheint der kleine Hai mit Lukes Bein zu versuchen. Vielleicht, so eine zweite Theorie, ist der Hai gar kein Wobbegong, sondern ein so genannter Blind Shark, ebenfalls aus der Ordnung der Teppichhaie. Dann wäre das Zupacken kein Angriff, sondern ein Liebesbiss: Der Blind Shark hätte dann Lukes Bein mit einem Weibchen verwechselt. Er schlägt seinen Kopf hin und her. Ob Hunger oder Lust: Das tut weh.
Luke versucht mit beiden Händen den Fisch festzuhalten, damit das Zappeln aufhört. "Nur nicht in Panik verfallen", denkt er jetzt, und daran, dass er ins Meer blutet, denkt er auch. Er muss zurück ans Ufer.
Luke schwimmt los. Das Tier schlägt unten an seinem Bein mit dem Kopf hin und her. Es sind 300 Meter bis zum Strand, eine endlose Strecke. Der Hai will seine Beute auf keinen Fall hergeben.
Nicht einmal, als Luke aus dem Wasser steigt, lässt der Teppichhai ihn los. Luke bittet zwei Strandbesucher um Hilfe, aber auch sie können den Biss nicht lockern. Der Hai lebt noch.
Luke sieht nur eine Möglichkeit: Gut einen Kilometer weiter liegt sein Surfclub, daran angeschlossen ist eine Lebensrettungsstation. Die Leute dort werden sich auskennen. Luke steigt in seinen Wagen, den Hai noch immer am Bein. Die Situation wäre komisch, wenn es nicht so wehtun würde.
In der Rettungswacht hat Michael Jones Dienst, ein erfahrener Ausbilder. "Hey, könnt ihr mir helfen, dieses Ding loszuwerden?", fragt Luke beim Reinkommen - und tatsächlich: Jones hat eine Idee. Zwei Rettungsschwimmer greifen den Hai beim Ober- und Unterkiefer, dann spritzt Jones frisches Wasser auf die Kiemen. Der Hai lockert seinen Biss, jetzt hat er verloren. Wenig später liegt er vor dem Clubhaus auf dem Boden, in Lukes Bein sieht man die Einstiche von 70 nadelfeinen Zähnen.
Luke steigt wieder ins Auto, er will ins Krankenhaus, Antibiotika holen. Vielleicht hat er sich infiziert, den Hai nimmt er sicherheitshalber mit. Die Ärzte beruhigen ihn.
Luke Tresoglavic fährt nach Hause, zu seiner Mutter. Er zeigt sein Knie und erzählt die Geschichte. Dann begräbt er den Hai im Vorgarten. Essen wollte er ihn nicht.
ANSBERT KNEIP
DER SPIEGEL 10/2004
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