01.03.2004

Ein Held fürs Weiße Haus

Von Spörl, Gerhard

Noch vor kurzem schien George W. Bush eine zweite Amtszeit sicher. Nun haben die Demokraten einen Herausforderer erkoren, der schon heute wie ein Präsident aussieht und handelt - John F. Kerry. In einem tief zerrissenen Amerika müssen die Kandidaten Anhänger auch im gegnerischen Lager sammeln.

Es gibt Inszenierungen, die können nur im Rausch erdacht worden sein, in dieser Sorte Stimmung, in der alle rufen: "Das ist brillant." Und weil sich alle am Tisch darin einig sind, Genies zu sein, schlägt keiner vor, vielleicht mal einen Becher Kaffee zu trinken oder einen Hamburger zu essen, jedenfalls mal ein paar Minuten ganz in Ruhe nachzudenken. Und so kommt es dann - nur so konnte es kommen -, dass George W. Bush am 1. Mai in Fliegermontur auf dem Flugzeugträger USS "Abraham Lincoln" landet und vor dieses Banner mit der Aufschrift "Mission accomplished" - "Auftrag erfüllt" - tritt und das Ende der Kampfhandlungen im Irak verkündet.

Es ist ein Lehrstück. So kann man an der eigenen Hybris scheitern. So wird ausgerechnet aus dem Moment des Triumphes das Symbol des Scheiterns. So wird aus einem Präsidenten, der sein Land verteidigt, erst ein Aufschneider und dann auch noch ein Drückeberger.

Was für eine Vorlage!

Es gibt auch Inszenierungen, die täglich überprüft werden, die ständig verändert werden und manchmal sogar verbessert. Menschen, die Senator John Kerry vor einem Jahr in halb vollen Klassenzimmern gesehen haben, sagen, er sei damals ziemlich hölzern und abgehoben gewesen. Das war gestern.

An diesem Dienstag macht der Kandidat Wahlkampf in Ohio. "Beautiful day" erklingt, und dann betritt John Kerry das Podium. Er lacht. Er ballt die Fäuste. Er umarmt die Leute auf der Bühne, und wenn er sie loslässt, schaut er sie noch einmal an. John Kerry ist ein Mann, der schon immer mit Zahlen jonglieren konnte und der, wenn er zum Terrorismus befragt wurde, mit der Bevölkerungsstruktur Saudi-Arabiens argumentierte. Er zeigt, was er weiß, und hat auch noch dazugelernt.

Er redet frei. Er redet leise, er redet laut. Er redet von George W. Bush, jenem amerikanischen Präsidenten, der sich verkleidet habe für die Show auf dem Flugzeugträger, jenem Präsidenten, der amerikanische Soldaten in den Tod schicke und amerikanische Bürger dafür zahlen lasse, jenem Präsidenten, der so "rücksichtslos und arrogant und töricht und ideologisch" Außenpolitik betreibe wie kein Präsident vor ihm.

"Mission accomplished?" Kerry stellt die Frage, er spielt damit, er leckt sich die Lippen. Er lächelt dort oben. Er macht eine Pause. Und dann zählt er auf: Es gibt 44 Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung, es gibt fast 9 Millionen Arbeitslose in den Vereinigten Staaten. "Mister President", ruft Kerry, das könne man nicht einmal "mission attempted" nennen - nicht einmal "einen Versuch, den Auftrag zu erfüllen". Und hier unten kreischen 2000 Menschen, weil sie einen kampfkräftigen Kandidaten haben, und dort oben hinter Kerry stehen die Kriegsveteranen und gucken wieder so verklärt.

Amerika liebt seine Kriegshelden. Aber das sind normalerweise Republikaner wie George Bush sen., der als 18-Jähriger freiwillig in den Zweiten Weltkrieg zog, oder John McCain, der über fünf Jahre lang in nordvietnamesischen Kerkern gequält wurde. Demokraten dagegen gelten gemeinhin als Sommer-Soldaten und Sonnenschein-Patrioten - wenn es hart auf hart geht, könne man ihnen Amerika nicht anvertrauen, lautet das gängige Vorurteil.

Deshalb genießen die Kerry-Anhänger die Umkehrung der Verhältnisse: Hier ist ein Kriegsheld, Spross einer Ostküsten-Patrizierfamilie, der freiwillig nach Vietnam ging "und weiß, wie es sich auf einem Flugzeugträger lebt", wie er nie zu erwähnen vergisst. Dort ist ein Präsident, der dank väterlicher Beziehungen in der National Garde überwintern durfte, dennoch die patriotische Pose liebt und nun zwei Fragen am Hals hat: Wie viele US-Soldaten werden noch im Irak sterben? Und was hat er damals wirklich gemacht, als er die Heimat verteidigen sollte?

Kerry aber erlebt seine goldene Stunde. Der hoch aufgeschossene, schmalgliedrige Senator mit dem lang gezogenen Gesicht, in das 60 Jahre tiefe Furchen schnitten, hat seinen Schwung gefunden. Aus 18 von 20 Vorwahlen ging er bislang als Sieger hervor. Wenn er am "Super Tuesday", an dem in dieser Woche gleich zehn Bundesstaaten ihre Vorwahlen abhalten, seinen Triumphzug fortsetzen kann, steht der offiziellen Krönung zum Gegenspieler des Präsidenten nichts mehr entgegen.

Kerry kommt zugute, dass er schon jetzt geht und steht und auch denkt wie ein Präsident. Dabei versucht er gar nicht erst den Eindruck zu erwecken, dass er Amerika nun einer weiteren Revolution unterziehen möchte. Es könnte ja sein, dass dieses Land, nach den neokonservativen Aufwallungen der letzten Jahre, von weiteren Großversuchen zur Änderung der politischen Grundeinstellung verschont werden will. Es könnte ja sein, dass Amerika der Sinn nach einem Präsidenten mit Augenmaß steht.

Offenbar schätzen auch die Demokraten die Lage so ein. Mit kollektiver Vernunft haben sie sich nach einem ernsthaften Gegenspieler für George W. Bush umgesehen. Sie haben Howard Dean gewogen und für zu leicht befunden. Sie haben General a. D. Wesley Clark wohlwollend betrachtet und ihm dann ihre Gunst entzogen. Vor allem im Kontrast zu diesen beiden Außenseitern steht Kerry in bestem Licht: ein Kriegsheld, aber einer mit reicher Erfahrung in Washington, den die Aura von Kompetenz umweht.

In der gnadenlosen Auslese, einem Luxus, dem die Demokraten seit Monaten nachgehen, kann allein John Edwards noch halbwegs mithalten. Doch der strahlende Populist, der sein Publikum zum Leuchten bringen kann, hat seinen Rhythmus erst spät gefunden, wahrscheinlich zu spät.

Parteien mit ergiebigem Binnenleben wie in Europa kennt Amerika nicht. Jeder Kandidat muss sich erst die Gefolgschaft suchen, die ihn dann tragen kann. Im Fall Kerry ist es aber andersherum. Ihn haben die Heerscharen der Vorwähler kühlen Verstandes zu ihrem Kandidaten erkoren. Sobald nicht länger zu leugnen ist, dass es auf Kerry hinausläuft, dürften auch die Spenden reichlicher fließen. Die Freiwilligen, auf die jeder Wahlkämpfer in diesem riesigen Land angewiesen ist, fliegen ihm ohnehin zu. Sie bebten förmlich vor Enthusiasmus, als "Newsweek" kürzlich eine Umfrage veröffentlichte, wonach Kerry Bush mit 48 zu 45 Prozent schlagen würde.

Das ist zwar nur eine Momentaufnahme, sie besitzt aber Symbolkraft. Die Demokraten warten im selben Moment mit einem respektablen Kandidaten auf, da der Präsident an Popularität verliert und ihm die Dinge entgleiten. Wird Amerika bald wieder demokratisch regiert? Legt die Weltmacht am 2. November den Schalter um? Ist die Zeit des Neokonservativismus und des Traums von neoimperialer Weltherrschaft schon wieder vorbei?

Die Hoffnung der Demokraten steigt im selben Maß, wie der Glanz des Präsidenten schwindet. George W. Bush, der vor noch nicht allzu langer Zeit unschlagbar schien, ist ins Trudeln geraten. Die Aussicht auf eine Art Erbmonarchie in Amerika, bei der dann der jüngere Bruder Jeb, derzeit Gouverneur in Florida, auf George W. folgen könnte, ist erheblich geschrumpft. Vielmehr erscheint plötzlich möglich, dass es dem Sohn wie dem Vater ergeht: Abwahl nach einer Amtszeit.

Seit seinem Gastspiel auf der "Abraham Lincoln" hat Bush ziemlich viel Glaubwürdigkeit verloren. Im Nachkrieg sterben erheblich mehr amerikanische Soldaten als bei der Invasion, und die ganz große Gefahr für den Frieden bedeutete Saddam Hussein, wie die Welt inzwischen weiß, auch nicht. Die Präsidentenwahl ist auch ein Plebiszit über Bushs Krieg.

Dabei ist von seiner stolzen Doktrin, die Welt nach dem Willen und der Vorstellung Amerikas zu ordnen, wenig übrig geblieben. Die Hoffnung auf einen blühenden Irak ist einstweilen erloschen. Anstatt der Region ein leuchtendes Beispiel vorzusetzen, ringt die Regierung Bush um Stabilisierung auf niedrigem Niveau. Und die Umstände sind weder im Irak noch anderswo günstig für Alleingänge (siehe Seite 62).

Wie sehr die Strahlkraft Bushs gelitten hat, zeigt die Umfrage des Magazins "Newsweek". Danach wollen ihm nur noch 43 Prozent aller Amerikaner eine zweite Chance geben. Lediglich 48 Prozent sind der Auffassung, dass er ein guter Präsident ist. Davon waren zuvor, so lange ist das noch gar nicht her, mehr als vier von fünf Amerikanern überzeugt. Anders als gedacht kann Bush keineswegs als patriotischer Kriegspräsident dem Wahltag in aller Gelassenheit entgegensehen.

Allerdings stellte sich für Bush bislang immer im richtigen Augenblick das Glück ein und trug ihn mit sich fort. So kam er ins Weiße Haus, so fand er nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zu seiner Rolle als Präsident, so ließ sich Saddam Hussein unverhofft in einem Erdloch aufstöbern, so lässt sich womöglich auch noch Osama Bin Laden ergreifen - und jetzt sendet sogar die Konjunktur ein paar freundliche Signale.

Ein kleiner, stabiler Wirtschaftsaufschwung würde die Stimmung in Amerika ungemein heben. Aber danach sieht es kaum aus. Zwar gibt es wieder Wachstum, aber die Arbeitslosenrate bleibt bei 5,6 Prozent hängen: "Was wir erleben, ist zunehmende Verunsicherung im eigenen Land, weil das Verlagern der Arbeit ins Ausland zunimmt", schreibt das Magazin "Time". Anstatt von der Globalisierung umfassend zu profitieren, leiden ausgerechnet die Vereinigten Staaten plötzlich unter den Rückwirkungen auf den eigenen Markt.

Falls nicht ein Wunder geschieht, wird Bush daher als der erste Präsident seit Herbert Hoover in die Geschichte eingehen, in dessen Amtszeit mehr Jobs verloren gingen, als entstanden sind. Und Hoover musste Amerika durch die Weltwirtschaftskrise nach 1929 führen.

Fast jede Präsidentenwahl gerät zur erbarmungslosen Schlacht um Amerika. Das hat lange Tradition. Republikaner wie Demokraten geben Hunderte Millionen Dollar dafür aus, nach allen Regeln des Polit-Marketings die Herzen und den Verstand ihrer Wähler zu gewinnen. "Da jede der beiden Parteien jede Wahl um Haaresbreite gewinnen kann, haben beide das Ziel, ihre Klientel in Erregung zu versetzen, zum Engagement anzutreiben und hinter sich zu vereinen, um die Parität zu überwinden", schreibt der Politikforscher Stanley Greenberg in seinem neuen Buch "The Two Americas".

Seit die von den Terroranschlägen ausgelöste lange Welle des Patriotismus verebbte, ist Amerika wieder so gespalten wie zuvor. Rund 46 Prozent aller Wähler sagen von sich, sie bevorzugten demokratische Kandidaten - rund 46 Prozent sagen von sich, sie seien überzeugte Republikaner. Anders als in Europa bilden die Unentschiedenen in Amerika nur eine kleine Minderheit. Sie liegt bei acht bis zehn Prozent, gibt aber den Ausschlag, und zwar gerade dann, wenn sie ihre Gunst womöglich einem unabhängigen Kandidaten schenkt.

So sorgte eigentlich Ross Perot, der entfremdete republikanische Wähler auf sich zog, im Jahr 1992 für Clintons überraschenden Triumph. Vor vier Jahren wiederum spaltete Ralph Nader das linke Lager. Zwar bekam er nur 2,7 Prozent aller Stimmen, aber genau die hätte Al Gore dringend gebraucht. Und Nader lässt es sich auch diesmal nicht nehmen, abermals den zweifelhaften Ruhm des Drittplatzierten zu ernten, der Geschichte schreiben möchte. Trotz beschwörender Appelle seiner Freunde, zu Gunsten des höheren Zweckes zu verzichten, nämlich der Abwahl Bushs, kündigte der Verbraucheranwalt seine Kandidatur an. Das war eine gute Nachricht für den Präsidenten und eine schlechte für Kerry.

Ohnehin ist die Linke in Amerika normalerweise nicht so gut organisiert wie die Rechte. "Wir haben im Grunde keine Oppositionspartei in diesem Land, abgesehen von der kurzen Phase alle vier Jahre zwischen der Nominierung der Kandidaten und der Wahl", stellte Kerry fest. Jetzt aber gibt es eine, und dafür hat George W. Bush gesorgt. Die Demokraten eint ein Wille, der aus dem tiefen Ressentiment gegen den frommen, konservativen Präsidenten fließt. An Entschlossenheit stehen sie diesmal den Republikanern nicht nach.

Die haben sich in einer festen Burg verschanzt. Im Neokonservativismus finden sie eine verbindliche Weltanschauung, "die evangelikale Christen, einfache Arbeiter im Süden und Südwesten und dazu Big Business miteinander vereint", meint Robert Reich, der alte Freund Bill Clintons und Harvard-Professor, fast neidisch.

Dabei kann neokonservativ ganz Verschiedenes meinen. June und Marc O''Neill leben im hochbürgerlichen Nordwesten Washingtons, wo mittelgroße Häuser mindestens anderthalb Millionen Dollar kosten. Um die Ecke wohnt Karl Rove, der Präsidentenberater, der "Bushs Gehirn" genannt wird. An ihren beiden Autos kleben "Bush/Cheney"-Aufkleber.

Die Soziologen zählen June O''Neill zu den "Fußballmammis", die dem konservativen Land eine prägende Färbung verleihen. June ist eigentlich Ärztin, hat ihren Beruf aber aufgegeben, als das zweite Kind kam. Von Haus aus begütert, können sie gut von Marcs Gehalt - er ist ebenfalls Arzt - leben. Sie wollen die Kontrolle über das Leben ihrer Kinder nicht verlieren, und deshalb ist June damit beschäftigt, ihre Töchter vom Fußballtraining zum Ballettunterricht oder zum Klavierspielen zu kutschieren.

Das Amerika, das die O''Neills meinen, ist weiß, wird von der Regierung vor hohen Steuern bewahrt und bleibt liberalen Experimenten, von der Abtreibung bis zur Homosexuellen-Ehe, skeptisch abgeneigt.

Zum Kern der Konservativen zählen auch die "Nascar Dads". Nascar-Rennen sind Massenmagneten wie die Formel 1, gefahren allerdings in "Salatschüsseln" - ovalen Stadien mit überhöhten Kurven. Das sind Kultveranstaltungen vor 180 000 Zuschauern plus 35 Millionen am Fernseher - eine der populärsten Sportarten in den USA. Als "Grand Marshall" das Rennen freizugeben ("Meine Herren, bitte starten Sie Ihre Maschinen") ist eine besondere Ehre. Neulich in Daytona fiel sie dem Schauspieler Ben Affleck zu, der jedoch im letzten Augenblick einem Höheren weichen musste.

Der landete mit seiner Air Force One gleich neben dem Stadion und fuhr dann mit einer Flotte schwarzer Geländewagen mitten auf den Rennkurs. Die Zuschauer brachen in johlendes Entzücken aus, als George W. Bush ausstieg. Denn "Nascar Dads" gehören zum festen Stamm der Republikaner. Sie arbeiten in schlecht oder gering bezahlten Jobs, sind vorzugsweise in den Südstaaten zu Hause, lieben ihre Gewehre und ihre Pickup-Trucks, auf denen oft die Flagge der Südstaaten weht - als Zeichen der Verachtung für die Yankees im Norden, zu denen zweifellos John Kerry gehört.

Für "Nascar Dads" ist Amerika weiß. Ihr Rassismus speist sich aus der Angst vor

der Konkurrenz der Latinos und Schwarzen. Sie lieben Bush, weil er ein "gerader Kerl" ist und nach dem 11. September 2001 zurückgeschlagen hat.

Diese bunte neokonservative Mischung ist aus den Kulturkämpfen der siebziger Jahre entstanden. Sie hat erst Ronald Reagan ins Weiße Haus gespült, sie gibt heute Bush Rückhalt. Gewachsen ist seither das Gewicht der 70 Millionen frommen Christen, die etwa bei den Southern Baptists in den Südstaaten eine unüberhörbare Macht bilden. Im letzten Jahrzehnt haben der Süden und die Gläubigen die republikanische Partei erobert. Reagan bleibt ihre Ikone. Bush, der Texaner und wiedergeborene Christ, ist ihr Matador.

Der Siegeszug der Neokonservativen begann mit der Entdeckung, dass sich Fragen persönlicher Lebensführung vorteilhaft instrumentalisieren lassen. Das Private ist politisch: Seitdem entbrennen Kulturkämpfe um Sex vor der Ehe und die Todesstrafe, um Abtreibung oder das Schulgebet. Zurzeit wühlt Amerika ein tief greifender Konflikt auf, ob Homosexuelle genauso heiraten dürfen wie Heterosexuelle. Es begann in Massachusetts mit einem Dekret des Obersten Gerichts, wonach der Staat die Pflicht habe, auch Homosexuellen das Recht auf Ehe zuzugestehen. Es schwappte hinüber nach San Francisco, wo der Bürgermeister seinen Beamten die Anweisung gab, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen. Ein Massenandrang war die Folge. Am vorigen Dienstag intervenierte Präsident Bush so, wie es die christliche Rechte erwartet: Er will in die Verfassung schreiben lassen, dass die Ehe eine Institution für Mann und Frau ist. Das findet im Prinzip auch Kerry. Er allerdings unterstützt die "civil union", die zivilrechtliche Gleichstellung aller Lebensgemeinschaften.

Das Amerika der Republikaner ist bestens organisiert. Da sind die Denkfabriken in Washington, da sind die Überzeugungstäter im Talk-Radio und im Kabelfernsehen, die sich als selbständiger Teil einer Propagandamaschine verstehen. Da steht eine Dampfwalze bereit, die im Wahlkampf zu vollem Einsatz kommen wird.

Das Amerika der Demokraten konzentriert sich vor allem auf die Ost- und Westküste mit ihren großen Traditionsuniversitäten, ihrer liberalen Presse und urbanen Lebenswelt. Dort finden sich die "Bobos" als Massenerscheinung und umschwärmte Klientel - jene bestens ausgebildete "bourgeoise Boheme", die innovativ und postmodernen Lebensexperimenten aufgeschlossen ist.

Zum festen Stamm der Demokraten gehören die stärksten Minderheiten, wobei Latinos - der stete Strom der Einwanderer aus Mexiko und Mittelamerika, den allerdings auch die Republikaner zunehmend erfolgreich umwerben - mittlerweile die Schwarzen an Zahl übertreffen. In den südwestlichen Staaten Arizona und New Mexico, wo sich die neuen Immigranten bevorzugt niederlassen, haben die Demokraten mächtig Boden gut gemacht.

Dazu kommt die Traditionskompanie gewerkschaftlich organisierter Arbeiter in den Städten. Überhaupt treffen auf die Demokraten zwei Faustregeln zu. Erstens: Mit der Größe der Stadt wächst der Anteil ihrer demokratischen Wähler. Zweitens: In Gemeinden mit vollen Kirchen wählt nur jeder Dritte Demokraten, in weniger frommen Kommunen aber jeder Zweite.

In seinen drei Amtsjahren hat sich George W. Bush als polarisierender Präsident in einem polarisierten Land erwiesen. Die beiden Amerikas stehen sich zu Beginn der Schlacht ums Weiße Haus feindseliger denn je gegenüber. Wir gegen sie - das gilt für Republikaner wie Demokraten.

In New York schreibt gerade ein Mann an seinen Memoiren, der auf vielen Seiten seinen Kampf mit dem anderen Amerika schildern dürfte. Im Sommer will Bill Clinton damit fertig sein, aber natürlich lässt ihn der anschwellende Schlachtgesang nicht kalt. Ihm wird ja nachgesagt, dass er Wahlkämpfe mehr genoss als das Regieren.

Der Memoirenschreiber mischt sich jetzt wieder häufiger unter seine Demokraten. Einer Runde von Senatoren seiner Partei gab er neulich in Washington ein paar gute Ratschläge für den angemessenen Umgang mit den Republikanern und ihrem Präsidenten. Danach sagte seine Frau Hillary, die Senatorin aus dem Staat New York, er sei eben "der Meister, dem wir alle mit Gewinn zuhören".

Bill Clintons Maxime lautet, dass die Wähler ihre Entscheidung im Blick auf die Zukunft treffen und nicht im Blick auf die Vergangenheit. Diese Wahl, so die Schlussfolgerung, wird sich mehr um die Wirtschaft als um den Irak-Krieg drehen. "It''s

the economy, stupid" hieß schon sein Schlachtruf im Jahr 1992, als er Vater Bush aus dem Amt fegte.

Der Aufforderung zum ökonomischen Populismus ist bislang Senator John Edwards am entschlossensten nachgekommen. Er ist als Sohn eines Fabrikarbeiters in North Carolina aufgewachsen und als Anwalt reich geworden. So wie er im Gerichtssaal die Geschworenen betört hat, so umgarnt er jetzt mit samtweicher Stimme und strahlendem Antlitz sein Publikum.

Edwards entwirft ebenfalls ein Bild von den beiden verfeindeten Amerikas - in dem einen sind die "Mächtigen und Privilegierten" beheimatet, in dem anderen "der Rest von uns". Er erzählt von den 35 Millionen Menschen, die in Armut leben, "so dass die Kinder hungrig zu Bett gehen oder nichts anzuziehen haben". Er greift sich ans Herz und empfindet die Sorgen der Mittelschicht mit, die der Präsident vernachlässigt, "weil er nur Wall Street kennt und nicht Main Street, wo Amerika wirklich zu Hause ist". Großes Melodram, großes Theater.

Edwards läuft zu bestechender Form auf, wenn er den Grund für die nicht endende Krise auf dem Arbeitsmarkt liefert. Er findet ihn in der Globalisierung, die Jobs in Mexiko, Indien oder China schafft und in Amerika vernichtet. Er hält die Freihandelszone mit Mexiko und Kanada (Nafta) für einen verhängnisvollen Fehler. Jedes Mal erntet er dafür rauschenden Beifall, vor allem im "Rostgürtel", jenen Staaten wie Michigan, Wisconsin und Ohio, in denen Jobs zu Hunderttausenden verschwunden sind. Edwards stellt seine vernichtende Kritik am Freihandel auch deshalb so plastisch heraus, weil er damit einen Unterschied zu seinem überlegenen Rivalen Kerry herausmeißeln kann. Senator Kerry gehörte damals im Jahr 1994, als Nafta in Kraft trat, zu den Befürwortern. Allerdings befand er sich in bester Gesellschaft, denn der Präsident, der seine Unterschrift unter den Freihandelsvertrag setzte, war nicht etwa ein finsterer Republikaner, sondern ein Demokrat namens Bill Clinton.

Kein Wunder, dass Kerrys ökonomischer Populismus weicher ausfällt. Er konzentriert seine Angriffe auf Unternehmer, die Jobs in Billiglohnländern ansiedeln, was ihnen die Regierung Bush nicht verwehre. Kerry nennt ihre Chefs "Benedict-Arnold-Bosse", und wenn der Name Benedict Arnold fällt, ist das für amerikanische Ohren gleichbedeutend mit Vaterlandsverrat. Denn der historische Träger dieses Namens, dem George Washington im Unabhängigkeitskrieg sein Vertrauen geschenkt hatte, konspirierte seit 1779 mit der britischen Krone. Noch heute wird so gut wie kein Kind in den USA Benedict getauft.

Ausgerechnet der ökonomische Chefberater des Präsidenten Bush lieferte den beiden Demokraten den denkbar besten Vorwand für ihre kleine Verschwörungstheorie. Gregory Mankiw, der ansonsten in Harvard lehrt, gab einen Satz von sich, der rein ökonomisch richtig ist, aber politisch ziemlich töricht: "Wenn eine Ware oder eine Dienstleistung im Ausland billiger produziert werden kann, dann ist es sinnvoller, sie zu importieren, als sie im Inland bereitzustellen."

Zwei Millionen Jobs sind in Amerika seit der Wahl im Jahr 2000 verloren gegangen. Der Präsident zieht quer übers Land, um davon zu künden, dass der traurige Zustand dank seiner Steuerreform - 1,7 Billiarden Dollar über zehn Jahre - bald enden werde. Bei Mankiw hörte es sich aber so an, als finde das Ökonomen-Team im Weißen Haus die gegenwärtige Lage einfach wunderbar.

Für die letzte Wahrheit über die wirtschaftliche Lage der Nation ist allerdings Alan Greenspan zuständig. Der ist seit über 15 Jahren Vorsitzender der Zentralbank und eigentlich ein Meister der Zweideutigkeit. Doch mittlerweile kritisiert er die Regierung fast unverhohlen für ihre Nonchalance gegenüber dem enormen Haushaltsdefizit von 521 Milliarden Dollar. "Das Ungleichgewicht im Haushalt wird langfristig zu Schwierigkeiten führen", meint er lakonisch.

Greenspan glaubt, dass Amerika in diesem Jahr fünf Prozent Wachstum erreichen kann. Er glaubt jedoch nicht an eine durchschlagende Wirkung auf dem Arbeitsmarkt. Und genau hier leistete sich die Regierung ihren nächsten Fauxpas: In ihrem Wirtschaftsbericht stand vorige Woche frohgemut, dass noch in diesem Jahr 2,6 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen würden. Umgehend musste das Weiße Haus einräumen, dass wahlkampfbedingter Zweckoptimismus mit den Verfassern durchgegangen war.

Bei Empfehlungen für die Sanierung der Wirtschaft hält sich der Bewerber Kerry nie lange auf. Wer ernsthaft das Staatsdefizit mindern möchte, muss über Steuererhöhungen nachdenken, und die sind im Land der Steuerrebellen immer unpopulär. Aber in diesem Stadium des Wahlkampfes geht es weniger um konkrete Programme als um die richtige moralische Grundhaltung, die ein Präsident haben sollte. Es geht um Führungskraft, um "leadership" - den Leitbegriff politischer Machtausübung, den Amerikaner mit Weihrauch umschwängern wie einen Hochaltar.

Für die "Babyboomer", die Generation der zwischen 1940 und 1950 Geborenen, ist nach wie vor John F. Kennedy das Ideal eines führungsstarken Präsidenten. Er bleibt die Sonne, um die sie kreisen. Wenn ein Politiker zum Vergleich mit JFK anregt, ist das noch immer ein Ritterschlag.

Bill Clinton besuchte einen Tag vor seiner Amtseinführung Kennedys Grab auf dem Heldenfriedhof in Arlington. John Edwards genießt es, "Kennedy lite" genannt zu werden, auch wenn das despektierlich verstanden werden könnte. John Forbes Kerry teilt mit seinem lebenslangen Idol sogar die Initialen.

Wie Kennedy wuchs Kerry in Brookline in Massachusetts auf. Wie Kennedy wurde er katholisch erzogen. Doch anders als der große JFK hatte der kleine JFK keinen Vater im Nacken, der unbedingt wollte, dass er Präsident wird. Dieser Entschluss wuchs ganz allein in ihm.

Die Wurzeln des kleinen JFK reichen tief in die amerikanische Geschichte hinein. Die mütterliche Linie, die Forbes, gehört zum puritanischen Uradel, der bis auf den Pilgervater John Winthrop zurückgeht.

Der schwärmte 1630 bei der Überfahrt nach Amerika vom neuen Jerusalem, das die Gläubigen dort erwarte - eine neue "Stadt auf dem Hügel". Winthrop gründete Boston, er war der erste Gouverneur von Massachusetts.

Im Vergleich dazu haben die Kerrys einen prosaischen Stammbaum. Der Großvater des kleinen JFK hieß eigentlich Fritz Kohn und war ein böhmischer Jude. Vor seiner Emigration Ende 1904 studierte er eine Landkarte, wählte seinen neuen Namen nach der irischen Grafschaft Kerry und trat zum Katholizismus über. Er brachte es in Brookline, das "die Stadt der Millionäre" hieß, mit einem Schuhgeschäft zu Ansehen und Wohlstand.

Der junge Kerry wuchs in der Tradition der Forbes auf, die etliche Monate des Jahres auf ihrem bretonischen Landsitz in St. Brieuc verbrachten. Sein Vater, ein Romantiker ohne brennenden Ehrgeiz, ging in den Diplomatischen Dienst. Von 1954 bis 1956 war er Rechtsberater des US-Gesandten in Berlin, später ließ er sich nach Oslo versetzen. Sein ältester Sohn John F. erinnert sich an Radtouren im Sommer hinüber nach Ost-Berlin und an lange Zugfahrten quer durch die DDR mit einem Sixpack Coca-Cola. Noch heute spricht er leidlich Deutsch.

An John fiel seinen Freunden der ungewöhnliche Ernst auf, mit dem er das Leben betrachtete. Vermutlich rührt das davon, dass seine Familie ihn mit knapp elf Jahren in ein Schweizer Internat schickte. "Nie werde ich diese innere Leere vergessen, dieses Gefühl zu versinken, als wir uns verabschiedet haben. Mein ganzes Leben lang habe ich mich mit Abschieden schwer getan, wahrscheinlich weil ich sie seitdem einfach verabscheue", sagt er heute.

Aus der Schweiz wechselte er auf die St. Paul''s School in New Hampshire, ein Elite-Internat, das seine Zöglinge auf die besten Universitäten Amerikas vorbereitete. Er litt darunter, dass seine Freunde aus viel reicherem Hause stammten und das auch nicht verbargen. Den schönen Mädchen aus den alten Familien aber imponierte sein Ernst, und einer von ihnen, die Janet Auchincloss hieß und die Halbschwester Jacqueline Kennedys war, verdankt er, dass er den großen JFK kennen lernte.

Janet lud ihren 18-jährigen Freund im August 1962 auf ein Familienanwesen ihrer Eltern ein, Hammersmith Farm an der Atlantikküste bei Newport. Kerry kommt zu spät an, wird von den Bediensteten eingelassen, irrt durchs große fremde Haus. "Ich kann niemanden finden", erzählte Kerry seinem Biografen Douglas Brinkley, "aber da steht ein Mann am Fenster und blickt hinaus auf die Bucht. Er dreht sich um, und es ist der Präsident der Vereinigten Staaten." Die Fotos, die ihn mit JFK beim Segeln tags darauf auf der "Manitou" zeigen, hütet der Kandidat in einem grünen Fotoalbum, das er seit Kindertagen besitzt.

Kinder aus Patrizierfamilien mussten eigentlich nicht nach Vietnam. Anstatt ihr Leben aufs Spiel zu setzen, retteten sie sich, wie Richard Cheney, in eine Vaterschaft. Oder sie ließen sich, wie der Schriftsteller Scott Turow ("Aus Mangel an Beweisen"), von einem milde gestimmten Arzt ein Attest über ein fiktives Leiden ausstellen. Oder sie tauchten, wie George W. Bush, dank väterlicher Beziehungen in der Air National Guard von Texas unter.

Offenbar war es jedoch kein Hurra-Patriotismus, der Kerry zum Entschluss bewegte, sich freiwillig zur Marine zu melden. Damals, 1966, begann Amerika langsam den Glauben an der Mission zur Eindämmung des Kommunismus in Südostasien zu verlieren. Stärker als der Zweifel war am Ende wohl der berühmte Appell Kennedys an die nächste Generation, den Kerry auf sich bezog: "Frag nicht, was dein Land für dich tut, frag, was du für dein Land tun kannst."

Einige Jahre lang verliefen die Lebenswege Kerrys und Bushs parallel. Auch der Präsident, der zweieinhalb Jahre jünger ist als der Bewerber, entstammt einer Patrizierfamilie der Ostküste. Auch er besuchte erst eine Eliteschule und dann die Universität Yale. Auch er gehörte der legendenumwobenen, vornehmen Studentenverbindung Skull & Bones an. Anders aber als der junge Kerry fühlte sich der junge Bush von den elitären Ansprüchen in Yale gepeinigt. Er war ein lausiger Student, worüber er sich heute noch amüsiert. Er wollte Spaß haben und nicht wie Kerry alle Erwartungen übererfüllen.

Kerry gehörte zur Minderheit der Söhne aus guten Kreisen, die nach Vietnam gingen. Bush gehörte zur Mehrheit der Drückeberger. Als Kerry zu seiner zweiten

"Tour nach Nam" aufbrach, begann Bush gerade seine Ausbildung als Pilot der National Guard. Danach musste er nur an ein paar Wochenenden im Jahr Dienst tun. Offenbar entzog er sich jedoch der Unbequemlichkeit, jedenfalls hat er heute große Not, Lücken im Lebenslauf zu füllen.

Während Kerry immer schon zu erwachsen war, blieb Bush noch lange der große, wilde Junge. Sein Vater holte ihn heraus, wenn er in Schwierigkeiten geraten war, sei es wegen des Alkohols oder auch wegen Drogen.

Der junge Bush verabscheute die Linken, die Hippies und das Gebaren der Pop-Generation, die Anfang der siebziger Jahre die kulturelle Hegemonie an sich riss und ihren Hass auf die Regierung laut herausschrie. Der junge Kerry aber, hoch dekoriert aus Vietnam heimgekehrt, gehörte plötzlich zu den Langhaarigen, die gegen den Vietnam-Krieg protestierten.

Im April 1971 überschwemmten die vermutlich bittersten Demonstranten in der Geschichte Washingtons das Viertel ums Weiße Haus. Sie trugen ihre olivfarbenen Uniformen, etliche saßen in Rollstühlen, weil sie gelähmt waren oder eine Beinamputation hinter sich hatten. Sie waren hilflos vor Zorn, denn das Land, das sie in den Krieg geschickt hatte, wollte von diesem Krieg nichts mehr wissen und auch nicht von den verstümmelt Heimgekommenen. Amerika war über Vietnam mit sich selbst zerfallen.

Fünf Tage lang belagerten die Kriegsveteranen die Hauptstadt. Sie rissen sich in einer gespenstischen Zeremonie ihre Dienst- und Rangabzeichen von der Kleidung; viele warfen ihre Orden der Regierung Nixon/Kissinger symbolisch vor die Füße. Als ein Senatsausschuss, auch um die explosive Stimmung zu entschärfen, die "Vets" aufforderte, einen Sprecher zu schicken, fiel die Wahl auf Kerry.

Vorn saßen die Senatoren. Ihnen gegenüber saß der Reserve-Leutnant Kerry in aristokratischer Haltung, die Orden an der Brust aufgereiht. Er erzählte vom sinnlosen und barbarischen Krieg, den die Weltmacht in Vietnam entfesselt hatte: "Wir fanden heraus, dass die meisten Südvietnamesen den Unterschied zwischen Kommunismus und Demokratie gar nicht kannten. Sie wollten nur auf ihren Reisfeldern arbeiten, ohne dass sie aus Hubschraubern beschossen wurden oder Napalm-Bomben ihre Dörfer niederbrannten und ihr Land auseinander rissen."

Vietnam war und ist die schwärende Wunde Amerikas. Vietnam i st der rote Fa-

den im Leben John Kerrys. An Vietnam hängt auch sein Versuch, den Präsidenten in die Defensive zu treiben.

Mittlerweile zieht ein Tross von 30 bis 50 Vietnam-Veteranen mit Kerry quer durch Amerika. Sie sind zwischen Mitte 50 und 60 und genießen die späte Anerkennung. "Wir kommen langsam in Mode", spöttelt der drahtige Michael Medeiros selbstironisch. Er gehörte zu Kerrys Bootsbesatzung und schoss damals die Fotos vom leicht düster blickenden Leutnant, die sich nun blendend in den TV-Spots machen. Der bescheidene, wohlgenährte Jim Rassmann ergreift bei mancher Wahlveranstaltung sogar das Mikrofon, um die Heldengeschichte des Leutnants Kerry zu erzählen, der ihm, damals am 13. März 1969, das Leben rettete. Rassmanns Schnellboot war im Mekong-Delta auf eine Mine gefahren und in die Luft geflogen. Gegen strikten Befehl ließ Leutnant Kerry sein Boot wenden und zog den Erschöpften aus dem Fluss. Großer Beifall, große Rührung, Umarmung der beiden Veteranen auf offener Bühne.

Der Erfolg in den Vorwahlen hat den Bewerber zu seinem Vorteil verändert. Für seine Verhältnisse gibt er sich geradezu erschreckend locker. Als auch noch die tiefen Furchen in seinen hageren Zügen wichen, kam sofort das Gerücht auf, er lasse sich Botox spritzen. Kerry weist das von sich, versteht sich.

Seine wichtigsten Berater gehören der erweiterten Familie an. Die unübersehbare Hauptrolle spielt dabei seine zweite Ehefrau Teresa, 65. Sie steht hinter ihm bei seinen Auftritten und flüstert ihm ins Ohr, wenn der Beifall anschwillt. Sie ist reich und frei, und in erster Ehe war sie mit dem Ketchup-Erben John Heinz verheiratet, der ihr bei seinem Tod geschätzte 500 Millionen Dollar vererbte (siehe Seite 114).

Auch Kerrys sieben Jahre jüngerer Bruder Cameron gehört zum engsten Kreis der Vertrauten. Er ist Teilhaber einer renommierten Bostoner Anwaltsfirma, die Telekommunikations-Riesen wie AT&T berät. Da fügt sich ein wenig unglücklich, dass der Kandidat Kerry bei jedem Wahlkampfauftritt Lobbyisten anprangert, die freien Zugang ins Weiße Haus hätten. Nun hält ihm das "Center for Public Integrity" Ähnliches vor. Der Kandidat hat insgesamt 187 000 Dollar aus der Kanzlei seines Bruders bezogen - dafür habe er Bittbriefe geschrieben und auch Gesetze unterstützt, die vorteilhaft für die Telekom-Branche ausgefallen seien.

Zu den Kerry-Mentoren gehört der letzte aus dem Camelot-Reich. Wenn ihm danach ist, ruft Edward Kennedy morgens um sieben Uhr nach der Zeitungslektüre an und erteilt seinem Senatskollegen Ratschläge, wie er den Schlagzeilen begegnen könnte. Er kennt Kerry seit mehr als 40 Jahren und teilt die Verblüffung über dessen unvermutete Fähigkeit zur Leichtigkeit: "Dieser Vietnam-Krieg steckt tief in ihm drin. Ich war mit ihm segeln, ich bin mit ihm am Strand spazieren gegangen, aber niemals sprach er von sich aus darüber. Doch diese Veteranen haben eine Saite in ihm angeschlagen, die er verdrängt hatte, wahrscheinlich ohne es zu ahnen. Und deshalb hat er jetzt seine innere Angespanntheit verloren."

Vermutlich liegen die schönsten Tage schon hinter Kerry. Er eilte von Sieg zu Sieg, die Rivalen sanken rechts und links nieder. Kühl wehrte er eine angedichtete Affäre ab. Doch jetzt nimmt die republikanische Progagandakampagne Fahrt auf.

Um die Schwachstellen eines Gegenspielers auszuloten, halten sich beide Parteien dienstbare Geister, die sie unverfänglich Rechercheure nennen. Die Republikaner haben 40 davon. "Das Schöne an John Kerry ist, dass er in 32 Jahren bei vielen Abstimmungen und öffentlichen Auftritten Spuren hinterlassen hat", sagt Mark McKinnon, wichtigster Medienberater des Präsidenten, sarkastisch und fügt hinzu: "Er war 32 Jahre lang im Unrecht, und er ist jetzt wieder im Unrecht."

George W. Bush wollte eigentlich bis in den Sommer hinein über den Wassern schweben. Doch weder die Zeiten noch seine Umfragewerte sind danach. Vorige Woche verwandelte sich der Präsident geradezu hektisch in den aggressiven Wahlkämpfer, der um die Deutungshoheit für die Lage der Nation ringt.

Amerika habe die Wahl zwischen seiner stetigen Führungskraft und den wankelmütigen Demokraten, die der harten Wirklichkeit nicht gewachsen seien, stimmte er das Land bei einem im Fernsehen übertragenen Gala-Dinner ein. Er nahm Kerrys Namen nicht in den Mund, mokierte sich aber über dessen Häutung vom patriotischen Leutnant zum Vietnam-Kriegs-Gegner.

Bush traf weder den richtigen Ton noch die richtige Botschaft. Sein Popularitätsabfall hat eben auch mit Zweifeln an seiner Führungsstärke zu tun. Und wann immer Vietnam im Zusammenhang mit Kerry auftaucht, stellt sich die Frage, die Bush nicht recht beantworten kann, wo er sich eigentlich damals herumtrieb, als er in der National Guard dienen sollte.

Dennoch besitzt der Präsident einen unschätzbaren Vorteil - eine Wahlkampfkasse, gefüllt mit beinahe 150 Millionen Dollar, und täglich kommen über 500 000 Dollar dazu. Davon investiert er in Fernsehspots, die von Donnerstag dieser Woche an zu sehen sein werden. In Erscheinung tritt dann der Präsident, der erzählt, wie er das Land nach dem 11. September 2001 souverän geführt und die Feinde Amerikas mit gerechten Kriegen überzogen hat. In Erscheinung tritt dann aber auch John Kerry, und zwar so, wie ihn eine Mehrheit Amerikas sehen soll: ein schwankendes Rohr im Winde, ein Politiker in seinen Widersprüchen.

Noch acht Monate sind es hin, bis Amerika die Schlacht ums Weiße Haus entscheiden darf. So früh wie selten zuvor sind diesmal die Konturen des Wahlkampfs zu erkennen, der sich quälend lange hinziehen wird. Und kaum je erschien ein Präsident so abhängig von Ereignissen, die er nicht kontrollieren kann - vom militanten Widerstand im Irak bis zur jüngst verschärften Jagd auf Osama Bin Laden.

Und außerdem können demnächst viele Kronzeugen befragt werden, wie das im Irak war und wie es ist. Denn das Pentagon tauscht die Besatzungstruppen derzeit fast komplett aus. 125 000 Soldaten kehren dann nach Hause zurück, und jeder von ihnen hat eine Geschichte zu erzählen.

Auch davon hängt ab, welches Bild sich das Land bis zum 2. November von dem Krieg macht, den die Regierung Bush unbedingt führen wollte.

Amerika wählt seine Präsidenten umstandslos ab, wenn sie das Glück oder die Kraft oder beides verlassen hat. Dieses Schicksal ereilte vor zwölf Jahren George Herbert Walker Bush. Sein Sohn hat sich vom ersten Amtstag an geschworen, dass es ihm nicht so ergehen wird. Ein entschlossener Gegenspieler wie Kerry dürfte es ihm schwerer machen, dem Fluch des Hauses Bush zu entkommen - keine zweite Chance für das Weiße Haus.

Bei seinem Auftritt am Dienstag in Ohio hat John Kerry gut 40 Minuten lang geredet. Er hat darum gebeten, dass Bush, der Wochenendpilot, mit ihm, Kerry, darüber diskutiert, was das Leben seiner Landsleute wirklich sicherer machen könne. Und er hat gesagt, dass es in ganz Amerika nur ein Mann wirklich verdiene, entlassen zu werden: "George W. Bush".

Jetzt erklingen die ersten Akkorde von "The Rising", Bruce Springsteens Hymne auf die Nationalhelden des 11. September. In die Töne hinein sagt John Kerry noch einen letzten Satz: "Wenn wir diesen Kerl im November endlich zurück nach Texas geschickt haben, dann können wir eines verkünden: Mission accomplished."

GERHARD SPÖRL

* In der Union Bethel African Methodist Episcopal Church in New Orleans am 15. Januar. * Während seines Studiums an der Universität Yale von 1964 bis 1968; nach der Landung auf dem Flugzeugträger USS "Abraham Lincoln" am 1. Mai 2003. * Bei einer Anhörung im US-Senat am 22. April 1971; mit Hund VC auf seinem Kanonenboot im Mekong-Delta 1969. * Mutter Barbara, George W., Vater George Herbert Walker, Großeltern Dorothy und Prescott in Midland, Texas. * Bei einem Segeltörn auf dem Atlantik 1962.

DER SPIEGEL 10/2004
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