01.03.2004

AUSSTELLUNGENOpfer der Kommune

Ein Wiener Museum huldigt von dieser Woche an dem Künstler Otto Mühl - trotz alter und neuer Missbrauchsanschuldigungen gegen den Kommunarden.
Im biederen Wien der sechziger Jahre war er der Mann fürs Geschmacklose, Rohe, Aufrührerische. Der grobschlächtige Künstler mit den rustikalen Manieren ließ bei seinen ebenso heftig bejubelten wie heiß bekämpften Aktionen Kot auf die Bühne werfen, dekorierte seine Modelle mit frischen Schweinedärmen und reichlich dampfendem Tierblut. Otto Mühl war der personifizierte Skandal.
Dank seiner animalischen Schauveranstaltungen wurde Otto Mühl, 78, einer von Österreichs erfolgreichsten Aktionskünstlern - und ein begehrter Exportartikel dazu. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass das renommierte Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien an diesem Dienstag eine große Retrospektive der Arbeiten Mühls eröffnen will: "Otto Muehl. Leben / Kunst / Werk. Aktion Utopie Malerei 1960-2004".
Doch nebenbei ist der Künstler auch ein verurteilter Sexualstraftäter. Als Prediger der freien Sexualität und Gründer einer obskuren "Aktions-Analytischen Organisation" (AAO) stand er von 1972 bis 1990 in einem abgelegenen Winkel des österreichischen Burgenlands einer Kommune auf dem Landgut Friedrichshof vor, in der bis zu 700 Jünger die Lehren des Meisters unter dessen Anleitung in die Tat umsetzten - und dabei machte sich Mühl der Kinderschändung strafbar. 1991 verurteilte ein österreichisches Gericht den Künstler wegen "Beischlaf mit Unmündigen, Unzucht und Vergewaltigung" zu sieben Jahren Haft, von denen er sechseinhalb Jahre absitzen musste.
Anlässlich der Mühl-Schau im MAK, in der sie den Versuch einer Rehabilitierung des Künstlers sehen, melden sich nun zwei junge Frauen zu Wort, die neue Vorwürfe erheben: Mühl habe nicht nur, wie bislang bekannt war, Teenager missbraucht, sondern auch Kinder in jüngerem Alter.
In eidesstattlichen Erklärungen schildern die beiden Opfer, wie Mühl sie als kleine Kinder zu sexuellen Handlungen gezwungen habe. Eine der Frauen, heute 29, sagt etwa aus, sie habe als Fünfjährige, umringt von der Führungsmannschaft der Kommune, Mühl sexuell befriedigen müssen.
Für eine Stellungnahme zu den neuen Vorwürfen war Mühl Ende vergangener Woche nicht erreichbar. In Interviews, so gerade erst in der "Zeit", hat er immer wieder beteuert, er habe nur mit geschlechtsreifen Partnerinnen ("Das waren alles entwickelte Mädchen") verkehrt, im Übrigen habe ihm beim Prozess 1991 sein Anwalt geraten, "alles zu gestehen. Ich bin kein Kinderschänder. Das ist doch Blödsinn".
Die beiden nun gegen Mühl auftretenden Frauen sagen, sie seien zur Zeit der Gerichtsverhandlung gegen Mühl von Ex-Kommunarden gezwungen worden, nicht über die Geschehnisse zu reden. Insbesondere über die aktuelle Ehrung ihres Peinigers empört sich eine der beiden: "Es darf doch nicht wahr sein, dass Otto Mühl nach dem, was er den Kindern vom Friedrichshof angetan hat, ins Museum kommt und viele von uns mit den psychischen Schäden, die er uns zugefügt hat, in der Klapse enden."
Trotz Mühls bereits bekannten pädophilen Verfehlungen will das MAK, so dessen Direktor Peter Noever, an der Hommage unbeirrt festhalten. Für Noever ist Mühl "einer der bedeutendsten österreichischen Maler der Nachkriegsgeschichte".
Strafrechtlich sind die neuen Vorwürfe über Mühls Umtriebe als Kommunarde irrelevant, weil die Taten verjährt sind. Noevers Kommentar: "Wir müssen die Ausstellung jetzt einfach machen, danach kann man über die Geschichte reden."
Nach den ursprünglichen Plänen des MAK-Direktors und seiner Kuratorin Bettina Busse wäre in der Mühl-Jubelschau die Kommunezeit ausführlich und reichlich unkritisch dokumentiert worden; unter dem Titel "Otto Muehl - Das Leben ein Kunstwerk" sollten "zum Teil unveröffentlichte Fotos" aus dem Kommuneleben gezeigt werden. Auf massive Intervention von Hans Schröder-Rozelle, dem Sprecher Mühl-abtrünniger Ex-Kommunarden, reduzierten die Ausstellungsmacher den AAO-Teil in den vergangenen Wochen auf ein Minimum. Schröder-Rozelle hatte gefordert, dass auch "die Opfer des Menschenverächters Otto Mühl" gehört werden und zumindest ihre Persönlichkeitsrechte geschützt werden müssten.
Im Übrigen sind die Kommunezeiten keineswegs ganz vorüber. Ein Rest von zwei Dutzend Kommunarden hat sich an der portugiesischen Algarve niedergelassen. Auch dort soll weiter eine, so ein Kommunemitglied, "Generationen übergreifende Zärtlichkeit" praktiziert werden.
Der ehemalige Kommunarde Schröder-Rozelle, der nie dem Führungskreis der Kunstsekte angehörte, ist verbittert: "Wir haben es leider nicht geschafft, unsere eigenen Kinder vor Missbrauch zu schützen, da wir jahrzehntelang unser Gehirn ausgeschaltet hatten." Deshalb will er nun wenigstens "die Kinder retten, die heute noch von Mühl benutzt werden".
Darüber, ob das nötig ist, dürfen auch die Gäste der Ausstellungseröffnung im MAK sinnieren. Zur Vernissage soll Mühls Jugendgruppe Art & Life Sahara Baby Jazzband aufspielen. JÜRGEN KREMB
Von Jürgen Kremb

DER SPIEGEL 10/2004
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