01.03.2004

INTERNETRapunzel bis Regenzeit

Im Internet wächst eine gewaltige Enzyklopädie als Werk von Freiwilligen heran. Tausende arbeiten erfolgreich zusammen - ohne Lohn und ohne Aufsicht.
Ist das nicht ein Rezept für ein sicheres Debakel? Man stelle ein leeres Lexikon ins Internet und bitte die Besucher um Beiträge. Jeder darf hineinschreiben, was er will. Jeder darf obendrein in die Artikel der anderen Autoren hineinschreiben, was er will. Und was ist das Ziel? Ein Nachschlagewerk, das es eines Tages mit dem Großen Brockhaus aufnehmen kann. Vermessener geht es kaum. Man erwartet den Informationswert einer Wand im Bahnhofsklo.
Ein Besuch bei der Netzadresse www.wikipedia.org offenbart, wie es um das Unternehmen steht. Die "Wikipedia" wächst rasant. Die englische Ausgabe umfasst bereits gut 200 000 Artikel; bei der deutschen sind es mehr als 50 000 (de.wikipedia.org). Rund 200 neue Beiträge kommen hier jeden Tag hinzu. Und wahrhaftig, es handelt sich großteils um solides Weltwissen. Tausende Freiwillige tragen es zusammen; unentwegt sind sie am Schreiben und Redigieren.
Der Besucher findet hier nun kundige Aufsätze über den HipHop, die Relativitätstheorie und den lange verkannten Porzellanpionier Ehrenfried Walther von Tschirnhaus. Er wird aufgeklärt über die Physik der Seifenblasen und auch sonst alles, was wissenswert sein mag zwischen Ingwer und Iowa, zwischen Rapunzel und Regenzeit.
All die Helfer, so scheint es, arbeiten still vor sich hin in einem wundersamen Reich der selbst verfertigten Aufklärung. Wo bleiben die Vandalen, die Eiferer, die Narren? Es gibt sie, aber fast immer wird der Schaden flugs wieder repariert. Erscheint irgendwo Unfug, so kann der nächstbeste Passant - und davon gibt es viele - den Text umstandslos korrigieren. Die öffentliche Enzyklopädie ist ein selbstheilender Organismus.
Selbst wenn ein Unhold hundert Artikel verwüstet, sind sie allesamt mit einem Knopfdruck wiederherstellbar. Denn sämtliche Versionen werden aufbewahrt; der Leser kann zurückblättern bis zum Urtext. Das ist fast die einzige Vorsorge gegen die Verwahrlosung. Und viel mehr ist offenbar auch nicht nötig.
Die Online-Enzyklopädie verursacht darum kaum Kosten; dem Publikum ist sie gratis zugänglich. Der US-Unternehmer Jimbo Wales stellt die nötigen Netzrechner zur Verfügung. Die Software stammt von dem Programmierer Ward Cunningham; er nannte sie "Wiki" nach dem hawaiianischen Wort für "schnell".
Einsteiger können sofort loslegen; Vorkenntnisse sind nicht nötig. Wer etwa einen bestehenden Artikel umschreiben will, öffnet am Monitor ein Textfenster, gibt seine Änderungen ein, und fertig. Schon steht die neue Version im Internet. Diese Leichtigkeit hat etwas Bezwingendes. "Die meisten Leute bleiben hängen, weil sie etwas besser wissen", sagt Elisabeth Bauer, eine "Wikipedia"-Autorin aus München. Zufällig stolpern sie über einen Fehler, sie bessern ihn aus - und weg ist er. Ein denkwürdiges Erlebnis: Die Welt ist besser geworden, und es ging ganz fix.
Bauer hat einiges aus ihrem Fach, der Arabistik, beigesteuert, darunter Aufsätze über die Regierungsform des Kalifats oder auch die prachtvollen, altertümlichen Nilometer zur Messung des Nilpegels abseits vom Fluss. Außerdem hilft sie beim Aufbau der arabischen "Wikipedia", die seit kurzem am Netz ist.
Inzwischen gibt es die Enzyklopädie in mehr als fünfzig Sprachen. Polen, Chinesen und Katalanen arbeiten je an eigenen Ausgaben - nicht schlecht für ein Unternehmen, das erst im Januar 2001 begonnen hat. Bei der Netzgemeinde sind seine Auskünfte offenbar schon hoch geschätzt. So kommt es, dass Artikel aus der "Wikipedia" bei Google in zahllosen Suchanfragen unter den ersten Treffern landen - was der Enzyklopädie stetig neues Laufpublikum zuführt.
Wo keine Redaktion das Wachstum steuert, ist das Angebot naturgemäß lückenhaft. Viele Einträge bestehen nur aus kurzen Stummelartikeln, an denen sichtlich noch gearbeitet werden muss. Reichlich Stoff findet sich im Computerfach oder der Biologie, von den ersten Lochkarten für Webstühle bis zu den Eigenheiten der Kieferklauenträger. Um die Literatur ist es schon schlechter bestellt. Zwar gibt es meterlange Artikel über den Phantasten J. R. R. Tolkien ("Herr der Ringe") und seine Fabelwelt "Mittelerde". Heinrich Heine jedoch hat nur eine magere Chronik abbekommen; Peter Weiss, Walter Kempowski, Botho Strauß sind noch gar nicht vertreten.
Aber an Helfern mangelt es ja nicht. Schon jetzt werken rund 2000 Freiwillige allein an der deutschen Ausgabe. Darunter sind viele Spezialisten, wie keine Lexikonredaktion sie aufbieten könnte. Wo sonst gäbe es ein Grüppchen fleißiger Transsexueller, die den Stand der Wissenschaft zu ihrem Lebensthema aufbereiten? Auch die vielen Artikel zur Graphentheorie (etwa "Wälder und Bäume in der G.") sind nur denkbar, wo eine besondere Liebe zu diesem stillen Seitenzweig der Mathematik waltet.
Vor allem aber ist die "Wikipedia" in vielen Stichwörtern aktuell fast wie die Tagesschau. Nicht umsonst verzeichnen die Netzrechner des Unternehmens jede Stunde Hunderte Änderungen. So gibt es bereits einen fundierten Artikel zu den umstrittenen RFID-Funkchips, die womöglich bald auf den Waren im Supermarkt kleben werden. Und der Aufsatz zur "LKW-Maut in Deutschland" ist nicht nur auf dem letzten Stand, sondern auch erzseriös. Kein Wunder: Er hat über die Monate bereits Hunderte Überarbeitungen erlebt. Dutzende Autoren haben ihre Kenntnisse beigesteuert.
Solche Exzesse des Redigierens sind fast schon die Regel. Selbst der kleine Artikel über den "Gerichtskostenfreistempler" musste sechs Versionen durchlaufen, bis die Gemeinde zufrieden war. Oft sind es nur winzige Korrekturen, ausgeführt von den vielen Helfern, die sich eher zum Textgärtner berufen fühlen: Sie stutzen Wildwuchs, bringen Gliederungen in Form und jäten vorm Schlafengehen noch schnell ein paar unsinnige Apostrophe.
Bislang hat die Selbstkontrolle gut funktioniert. Nur schierer Unfug wird irgendwann vollständig entfernt. Befugt ist dazu eine Art Gilde der fleißigsten Beiträger. Diese Administratoren dürfen einen Artikel löschen mitsamt seiner Historie. Aber selbst das kann von jedem Nutzer angefochten werden.
Im Fall von Kontroversen kommt das Löschen ohnehin nicht in Frage. Viele Artikel, von Kindesmissbrauch bis Windkraftanlage, rufen diverse Streitparteien auf den Plan. Solche Texte werden unerbittlich hin und her formuliert. Meinung und Gegenmeinung nagen aneinander herum - und am Ende sind es dann doch meist die solidesten Fakten, die alle Scharmützel überleben.
Konfliktforscher fänden hier eine Menge Stoff. Denn bisher ging es im Internet ganz anders zu. Die herkömmlichen Diskussionsforen sind bekannt für flammende Meinungskriege. Vermutlich liegt es daran, dass jeder Kontrahent die Bekundungen der anderen Partei als unabänderlich hinnehmen muss. Was ihm bleibt, ist die Erwiderung, die dann möglichst noch härter dreinschlägt.
Die "Wikipedia" zeigt, dass es anders ginge: wie skrupelhaft die Streithähne werden, wenn sie plötzlich den Text des Gegners durch Umschreiben verbessern sollen - und tunlichst auch noch auf eine Weise, die den Beifall der vielen Mitlesenden hervorruft und nicht ihre Redigierlust.
MANFRED DWORSCHAK
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 10/2004
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