01.03.2004

MITTELALTERFeuer in der Phiole

Jungbrunnen, Elixiere, Transmutation - ein Forscher hat Europas berühmtestes Zauberbuch enträtselt.
In der Höhe misst die Handschrift 33 Zentimeter, sie ist in rotes Kalbsleder gebunden. Gleich auf dem Titelblatt gibt der Autor in steiler Fraktur an, worum es ihm geht. Er will - Abrakadabra! - über die "Alkhümia" berichten und die "kunstlich Würckhung des verporgenen Stains der Alten Weisen".
"Splendor Solis" oder "Sonnenglanz" gilt als prächtigste Handschrift der Alchemie. Drachen sind darin zu sehen, auch ein Hermaphrodit im Gehrock. Auf Seite 7 prangt ein Magier in einem karmesinroten Gewand, die Füße in goldenen Stiefeln. In der Hand hält er eine Phiole, in der eine leuchtende Flüssigkeit schwappt.
20 Abschriften des Traktats sind bislang aufgetaucht. Umberto Eco erwähnt den Folianten ebenso wie James Joyce. Auch Joanne K. Rowling ("Harry Potter") steht in seinem Bann. Wer aber schrieb ihn? Weder der Autor noch der Maler ließen sich bislang ermitteln.
Nun endlich gibt es eine Spur. Mit Geduld und Lupe hat der Berliner Kunsthistoriker Jörg Völlnagel, 36, "einen der bedeutendsten weltlichen Codizes" untersucht. Er durchstöberte Bibliotheken in Glasgow, London und Paris, wo eine französische Prachtfassung aus dem 16. Jahrhundert liegt**. Ergebnis:
* Das Zauberbuch stammt aus dem Augsburger Raum.
* Die "Urschrift" entstand 1531/32.
* Maler der Bilder ist Jörg Breu der Ältere, bekannt wegen seiner gotteslästerlichen Ausfälle gegen Kirche und Staat.
Vor allem im Berliner Kupferstichkabinett wurde der Forscher fündig. Dort liegt ein Exemplar in ostfränkischer Mundart. Weiß behandschuht, untersuchte er das Pergament, beäugte die Bindung ("acht Blätter fehlen") und stellte einen "leichten Wasserschaden" fest. Völlnagel ist sicher: "Das ist das Original."
Mit der Spürarbeit ist endlich jener Tarnring aufgesprengt, der viele alchemistische Werke umgibt. Ihre Verfasser schrieben hermetisch, ohne den eigenen Namen zu nennen. Auch beim "Donum Dei" (entstanden um 1400) und der "Aurora Consurgens" (um 1410) liegt das Copyright im Dunkeln.
Beim "Splendor Solis" wurde sogar eine falsche Fährte gelegt. Quellen zufolge stammt die Schrift von Salomon Trismosin, der angeblich 1473 in Venedig Gold herstellte und fließend Hieroglyphen lesen konnte. Auch habe er Infertile schwanger werden lassen, ehe er im Alter von 150 Jahren starb.
Die Handschrift aus Berlin, so viel ist klar, gelangte 1903 für die Summe von 18 000 Reichsmark aus einer privaten Pariser Sammlung an die Spree. Davor verliert sich die Spur.
Sieben Kapitel lang salbadert der Autor über die "Transmutation", jene stufenweise Verwandlung unedler Metalle wie Blei zu Gold. Auch berichtet er über den Stein der Weisen, der in Pulverform vor "Gelbsucht, Hertzcitern, Darmgicht" sowie "schwer muettigkait" schütze.
Bei der Frage, wie der Wunder-Klunker zu destillieren sei, verliert der Text allerdings an Präzision. Rotes Blei sei der "annfang des gantzen Werckhs", schwurbelt der Adept. Dieses Metall sei durch Entzug von "veichtigkait" in eine "weisse tinctur" zu verwandeln. Doch zum Nachkochen reicht das Rezept nicht.
Im 15. und 16. Jahrhundert waren solche Ansichten Mode. Gaukler reisten im Planwagen über Land. Am Hof der Fürsten köchelten Proto-Chemiker und träumten von der "Quinta Essentia". Auf einem Schloss in Niederösterreich lagen in einem vermauerten Gewölbe zerbrochene Pipetten und Glaskolben - Reste eines pharmazeutischen Labors aus dem Jahr 1550.
Die Wurzeln der Alchemie sind aber weit älter. Die Bewegung entstammt der "Tempelindustrie" Ägyptens, die für die - geheime - Herstellung der Kultgeräte zuständig war. Manche Sakralstäbe wurden
aus Elektrum gefertigt, selbst Eisen kam zum Einsatz, das die Schmiede aus herabgefallenen Meteoriten gewannen.
Unter dem Einfluss der Griechen verlor die metallurgische Geheimlehre an praktischem Bezug. Die Araber verhunzten sie dann endgültig zur physikochemischen Märchenstunde. Sowohl das Wort Alchemie (arabisch: al kimiya) als auch die Vorliebe für Quecksilber und Schwefel stammen aus dem Orient.
Auch der Verfasser des "Splendor Solis" raunt viel und weiß wenig. Keck übernimmt er Abschnitte aus älteren Zauberbüchern und streicht das christliche Gedankengut aus den Vorlagen. Auch das Sexuelle - manche Alchemie-Bücher zeigen Geschlechtsakte - tilgte er konsequent.
So kraus der Text, so beeindruckend sind die Illustrationen. Völlnagel spricht ihnen "Sensationswert" zu. Die 19 Miniaturen der Berliner Handschrift seien der "Höhepunkt alchemistischer Bildlichkeit" und zugleich ein Beweis für die "rahmensprengende Phantasie der deutschen Renaissance".
Da ist was dran: Tafel 6 zeigt einen Ritter, der mit einem abgetrennten Kopf unterm Arm vor einem zerstückelten Leichnam steht. Wenige Seiten weiter ist ein Greis in einem brodelnden Waschzuber dargestellt. Sinn der Übung: Der Alte lässt sich zwecks Verjüngung durchkochen.
Am unheimlichsten wirkt der "Sumpfmann" auf Tafel 8, dem ein "schwartzer unsauber schleym übl schmeckend" vom Körper trieft. Sein Gesicht gleicht einer roten Glaskugel. Ihm gegenüber steht eine geflügelte Dame. Laut Forschung stellt die Allegorie die "Transmutation der Verfaulung und Verwesung" dar.
Mit lichten Farben aus Zinnober, Weißviolett und Pinselgold hat der Künstler seine Bilder entworfen. Und auch er kopiert. "Die Miniaturen stecken voller Zitate", erklärt Völlnagel. Aus einem Holzschnitt von Hans Holbein übernahm der Maler einen Knochenmann. Auch von Albrecht Dürer und Lukas Cranach verwendete er Motive.
Wie aber hieß dieser Picasso der Alchemie? Der Forscher hatte Glück. Während einer Reise nach London konnte Völlnagel auch dieses Rätsel lösen.
In der British Library, erzählt er, sei ihm durch Zufall ein kleines Buchbild von Jörg Breu in die Hände gefallen. Es zeigt eine Putte, die genauso aussieht wie die Englein aus dem "Splendor Solis": "dieselben Speckröllchen" und "fleischigen tennisballartigen Waden". Auch der "runde ballonförmige Bauch" der Knäblein sei identisch gezeichnet.
Steckt also Breu hinter dem Dunkelbuch vom Sonnenglanz? Passen könnte das. Etwa 1480 als Sohn eines Webers geboren, betrieb der Künstler in der Freien Reichsstadt Augsburg eine Malerwerkstatt.
Umringt von Pfeffersäcken wie den Fuggern entschied sich Breu für die Bauernkrieger. Er war Anhänger der Reformation, sein Tagebuch steckt voll ätzender Kritik an den Stadtoberen. Auch geißelte er jene Kirchen- und Altarbilder als "Götzen", die er zuvor selbst gemalt hatte.
Tief im Herzen dieses Mannes (der zehn Häuser besaß), brannte offensichtlich noch eine andere Leidenschaft. Völlnagel zufolge muss er verschwiegen in seinem Atelier magische Bilder angefertigt haben. Wer den Auftrag erteilte, weiß auch der Berliner Historiker nicht zu sagen.
An einer Stelle ist zwar ein Wappen zu sehen. Doch die Fährte führt nicht weiter. Es ist ein Phantasiegebilde, das den Codex der Sonne widmet. MATTHIAS SCHULZ
* Oben rechts: Saturn-Allegorie mit Pfluggespann nach Holbeins "Tod und Ackermann" (rechts neben der Phiole); unten: im Berliner Kupferstichkabinett. ** Jörg Völlnagel: "Splendor Solis oder Sonnenglanz". Deutscher Kunstverlag, München; 200 Seiten; 78 Euro.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 10/2004
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