08.03.2004

JUSTIZ

Ein patriotischer Akt

Von Osang, Alexander

Jesselyn Radack war eine junge Karrierejuristin im Justizministerium von Washington. Dann geschah der 11. September, und sie verlor ihren Job und ihren Ruf - weil sie es wagte, eine andere Meinung zu haben als die Regierung Bush. Von Alexander Osang

An einem Wintermorgen vor gut zwei Jahren versuchte Jesselyn Radack eine einfache Frage ihrer Regierung zu beantworten. Wenn man sich das Leben der Frau heute so ansieht, könnte man denken, sie hat die falsche Antwort gegeben. Aber wahrscheinlich gab es keine richtige.

Jesselyn Radack war an jenem Morgen Dienst habende Anwältin in einer Abteilung des US-Justizministeriums, die Regierungsmitarbeiter bei rechtsethischen Problemen berät. Sie arbeitete dort seit zweieinhalb Jahren. Es waren gute Jahre. Sie fügten sich fugenlos an ihre Karriere, die sie zunächst an die Eliteuniversität Brown in Rhode Island geführt hatte, dann an die Law School der noch berühmteren Universität Yale, wo sie promovierte, und schließlich als eine von zwei Absolventen ihres Jahrgangs ins Justizministerium nach Washington. Jesselyn Radack war an diesem Morgen 31 Jahre alt, sie lebte mit ihrem Mann Sam, einem großen, gut aussehenden Wissenschaftler, der bei der Weltbank arbeitete, und zwei kleinen Söhnen in einem hübschen Backsteinhaus am Stadtrand, sie verdiente mehr als die Hälfte des Familieneinkommens, und es sah nicht so aus, als würde sich das ändern. Vor drei Monaten hatte sie der stellvertretende US-Justizminister Larry Thompson zum Essen eingeladen, um ihr eine Stelle in seinem Büro anzubieten, und vor 39 Tagen hatte ihr FBI-Direktor Robert Mueller in einem Brief zu einem Artikel gratuliert, den sie im "Georgetown Journal of Legal Ethics" veröffentlicht hatte.

Es war der 7. Dezember 2001, ein Freitag, sie hatte sich gerade einen Kaffee geholt und ihren Computer eingeschaltet, als das Telefon klingelte. Es war John De Pue, ein Prozessanwalt aus der Abteilung Terrorismus und Gewaltkriminalität des Justizministeriums. Er wollte wissen, ob John Walker Lindh bei seiner Vernehmung in Camp Rhino, Afghanistan, ein Anwalt zustehe.

Jesselyn Radack schrieb Lindhs Namen auf ein weißes Blatt. John Walker Lindh. Vor ihrem Fenster lag der Washingtoner "Platz der Freiheit", die große, weite Welt schwappte in ihre kleine Ministeriumsaußenstelle.

John Walker Lindh war der "amerikanische Taliban-Kämpfer". Ein 20-jähriger Kalifornier, der eine Woche zuvor bärtig, unterernährt und unter Taliban-Kämpfern in Afghanistan gefunden worden war. John Walker Lindh hatte eine ganz andere Karriere gemacht als Jesselyn Radack, eine entgegengesetzte, wenn man so will. Er stammte aus guten Verhältnissen und war in der High School überraschend zum Islam konvertiert. Lindh hatte Arabisch im Jemen und den Koran in Pakistan studiert, bevor er sich in einem Rekrutierungsbüro der Taliban in Kabul meldete, um an ihrem Kampf für einen rein islamischen Staat teilzuhaben. Lindh schien der erste große Fang im jungen amerikanischen Feldzug gegen die Taliban zu sein. Eine Figur, mit der auch der Durchschnittsamerikaner etwas anfangen konnte. Lindh war ein Verräter aus den eigenen Reihen, die Boulevardpresse nannte ihn "Ratte" und "Schwein", Justizminister John Ashcroft nannte ihn einen von der "Qaida trainierten Terroristen". Jetzt saß er in Camp Rhino, einem Marines-Stützpunkt in der Nähe von Kandahar, bereit, von einem FBI-Agenten befragt zu werden. In Afghanistan war es abends.

Hatte Lindh, der Vaterlandsverräter, das Recht auf einen Anwalt?

Jesselyn Radack diskutierte die Frage mit Kollegen und antwortete De Pue wenig später in einer E-Mail, dass eine Befragung Lindhs ohne Anwalt ethisch nicht vertretbar, ja nicht einmal rechtmäßig sei.

"Vielen Dank", schrieb De Pue zurück. "Ich werde das weiterleiten und halte Sie auf dem Laufenden."

Am Montag rief De Pue wieder an und sagte, dass der FBI-Agent den Gefangenen Lindh am Wochenende ohne Anwalt befragt hatte.

"Die Befragung muss womöglich versiegelt werden und kann nur für Zwecke der Nationalen Sicherheit verwendet werden", antwortete Jesselyn Radack.

"Mist", schrieb De Pue zurück. "Wir versuchen mal rauszukriegen, was Walker gesagt hat, wenn er denn überhaupt was gesagt hat."

In den folgenden zwei Wochen tauschten Jesselyn Radack und De Pue weitere E-Mails aus, insgesamt 14. Radack druckte sie aus, tat sie in eine Akte, die sie zum Fall angelegt hatte, und hängte sie in den Aktenschrank ihrer kleinen Außenstelle des Justizministeriums.

Dann war Weihnachten.

"Ich hatte zum Schluss den Eindruck, dass sich John De Pue aus unserer E-Mail-Konversation zurückzog. Er löste sich regelrecht auf", sagt Jesselyn Radack.

Sie sitzt in einem bunten Strickpullover auf der Wohnzimmercouch ihres Hauses, das sie in den letzten anderthalb Jahren nur selten verlassen hat. Es ist ein freundliches Haus, alles ist in warmen Farben gehalten. Auf dem Kamin steht das Hochzeitsfoto, das sie und ihren Mann vor dem Washington Monument zeigt. Im Flur bauen ihre beiden kleinen Söhne mit Stöcken aus dem Garten eine Art Scheiterhaufen, das schwarze Kindermädchen trägt Radacks drei Monate alte Tochter durch die Küche.

Jesselyn Radack hat einen dicken Ordner auf den Knien, der ihren Kampf der vergangenen zwei Jahre zusammenhält. Sie ist jetzt 33 Jahre alt, seit 16 Monaten arbeitslos. Jesselyn Radack hatte in dieser Zeit einen stressbedingten Anfall von multipler Sklerose, sie hat 30 000 Dollar Anwaltsschulden gemacht, und sie fährt ihren Haushaltsmüll auf eine Kippe nach Virginia, nachdem sie eines Nachmittags einen unauffälligen Mann in Windjacke dabei beobachtete, wie er ihre Abfälle inspizierte.

"Unser verdammter Müll geht niemanden etwas an. Nicht, dass ich etwas zu verheimlichen hätte", sagt sie. Aber so genau weiß sie das natürlich auch nicht mehr. Sie ist in das System der vorbeugenden Verbrechensbekämpfung geraten, in dem die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen.

Das Böse auszurotten, bevor es sich zeigt, war ein alter Traum von Justizminister John Ashcroft, der sich gelegentlich mit Jesus Christus vergleicht.

"Recht hat nicht mit Vergebung zu tun", sagte Ashcroft kurz nach seinem Amtsantritt. "Es hat oft mit Vergeltung zu tun und oft sogar mit Rache."

Kurz nach dem 11. September rief er seine engsten Mitarbeiter zu sich und erklärte ihnen die neue Rolle des Justizministeriums: Künftig gehe es nicht mehr nur darum, Verbrechen aufzuklären, sondern sie zu verhindern, bevor sie passieren. Er entwarf den "Patriot Act", ein Gesetz, das seinen Mitarbeitern weitgehende Freiheiten bei der Überwachung des Volkes einräumte.

"Wer dazu nicht bereit ist, kann jetzt gehen", sagte Ashcroft.

Seine Botschaft sickerte in alle Gefäße des amerikanischen Gerichtssystems. Im Januar 2002 rief Claudia Flynn, die Chefin der kleinen Washingtoner Außenstelle für ethische Rechtsberatung der US-Regierung, ihre sieben Mitarbeiter zusammen, um ihnen mitzuteilen, dass sie in ihrer Arbeit von nun an grundsätzlich eine "konservativere Position" einnehmen würden. Zwei Tage später bekam Jesselyn Radack von ihrer Chefin eine Beurteilung.

Die Beurteilung war nicht datiert, auch nicht unterschrieben, aber sie war vernichtend. Jesselyn Radack verstand die Welt nicht mehr. Sie hatte bislang nicht mal Erfahrungen mit durchschnittlichen Beurteilungen. Sie war ihr Leben lang überall die Beste gewesen, und nun las sie, dass sie unfähig war. Es gab keine Begründung, nur das Urteil. Sie fragte ihre Chefin, was das zu bedeuten habe.

"Vielleicht solltest du dich nach einem neuen Job umsehen", sagte Claudia Flynn freundlich.

Am nächsten Tag erschien Justizminister Ashcroft wieder auf einer Pressekonferenz und erklärte, dass die Rechte des "amerikanischen Taliban-Kämpfers" John Walker Lindh "peinlichst und sorgfältigst" gewahrt worden seien. Man würde Lindh bald den Prozess machen. Es gebe zehn Anklagepunkte. Die geplante Strafe war zweimal lebenslänglich. Oder Tod.

Jesselyn Radack sah keinen Zusammenhang zwischen dem Lindh-Fall und ihrer schlechten Beurteilung. Sie war Republikanerin, sie hatte kein Mitleid mit dem "amerikanischen Taliban-Kämpfer". Sie wusste allerdings auch nicht, dass Claudia Flynn hinter ihrem Rücken den E-Mail-Schriftwechsel mit De Pue an hohe Stellen des Justizministeriums weitergeleitet hatte. Sie wusste nicht, dass all diese Dokumente vom Gericht unter strengster Geheimhaltung eingestuft wurden. Sie wusste auch nicht, dass John Walker Lindh wie ein Tier in einem Container gehalten wurde. Zeitweise lag er nackt, mit verbundenen Augen, mit Isolierband an eine Trage gefesselt in dunklen Räumen. Bei den ersten Befragungen durch das FBI war er unterernährt, unterkühlt und übermüdet. Und niemand sagte ihm, dass seine Eltern einen Anwalt für ihn beauftragt hatten.

Aber genau um das Ergebnis dieser ersten Befragungen sollte die Anklage gegen Amerikas Staatsfeind Nummer eins gebaut werden. Es war jene Befragung, von der Radack per E-Mail abgeraten hatte.

Am 7. März bekam Jesselyn Radack von einem der US-Staatsanwälte, der den Lindh-Prozess vorbereitete, die Nachricht, dass zwei E-Mails, die sie mit John De Pue zur Vernehmung des amerikanischen Taliban-Kämpfers ausgetauscht hat, beim Gericht eingetroffen seien. Der Staatsanwalt fragte, ob das die gesamte Korrespondenz gewesen sei.

"Das war vielleicht das allererste Mal, dass ich misstrauisch wurde. Ich hatte ja mindestens ein Dutzend E-Mails mit De Pue ausgetauscht", sagt Jesselyn Radack. "Ich bin zu Claudia Flynn, meiner Vorgesetzten, gegangen und hab ihr von der Anfrage erzählt. Die hat die Tür zugemacht und schneidend, aber leise gesagt: ''Ich hab alles weggeschickt, was da war. Verstehst du? Alles!'' Ich bin gleich zum Aktenschrank gegangen und hab nachgesehen, und da waren noch ganze drei Mails in der Akte. Der Rest war verschwunden. Einfach weg. In dem Moment hab ich wirklich Angst bekommen."

Jesselyn Radack ging zu einem Kollegen ihrer Außenstelle, dem sie vertraute. Er sagte, die Akte sei "entwässert" worden, einen Begriff, den sie noch nie gehört hatte. Der Kollege riet ihr, die Computertechniker des Ministeriums anzurufen, um die automatisch gelöschten Mails zu retten. Sie fanden tatsächlich alle wieder. Sie druckte sie aus und machte Kopien.

Jesselyn Radack begriff, dass die Aussagen ihres Justizministers Ashcroft nicht zu ihrem kleinen Briefwechsel mit De Pue passten. Sie fühlte, dass sie eine Art Bedrohung für das Ethikbüro geworden war, wenn nicht für das gesamte Ministerium. Ihre Chefin Flynn unterbreitete ihr regelmäßig Jobangebote. Als in der Washingtoner Niederlassung der Firma "Hawkins Delafield & Wood" eine Stelle frei wurde, bewarb sie sich. Sie fing dort am 8. April 2002 an. Am 5. April war ihr letzter Arbeitstag im Justizministerium. Sie nahm die Kopien der E-Mails zur John-Walker-Lindh-Befragung mit, als sie ihren Schreibtisch ausräumte.

"Es war meine einzige Sicherheit", sagt sie heute.

Vielleicht aber hat sie schon damals darüber nachgedacht, etwas mit den Mails zu machen, die sich so gegen sie gewendet hatten. Jesselyn Radack musste ihr Leben lang kämpfen.

Ihre Mutter hatte Alkoholprobleme und lebte mit wechselnden Männern zusammen, die sie nicht selten schlugen. Jesselyn Radack wollte nur raus aus dem schmutzigen, verrümpelten Haus in Maryland, sagt sie. Sie hat sich den Weg an die Eliteuniversitäten über ein Sportstipendium erkämpft. An der Brown-Universität hatte sie drei Mitstudenten angezeigt, die sie sexuell belästigt hatten. Große, starke Footballspieler alle drei. Mit Anfang zwanzig stellte man fest, dass sie an multipler Sklerose leidet. Im ersten Yale-Jahr erblindete sie auf einem Auge und verlor das Gefühl in Armen und Beinen. Im zweiten Jahr nahm sie ein neues Medikament, die Nebenwirkungen waren stark, dennoch hielt sie immer ihre erstklassigen Noten und gelangte schließlich über das Ehrenprogramm des Justizministeriums nach Washington, das damals noch von Demokraten regiert wurde. Sie diskutierte als 25-Jährige bei einem Lunch mit Clintons Justizministerin Janet Reno über die Stammzellenforschung und machte ein einjähriges Praktikum in Hillary Clintons Büro. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass sich eine Frau wie Jesselyn Radack still zurückzieht, wenn sie auf Widerstand stößt.

Vielleicht wollte sie sich an ihren Kolleginnen der Rechtsberatungsstelle rächen, vielleicht an Ashcroft, vielleicht am gesamten System. Wer weiß. Sie sagt, dass sie eines Morgens eine Diskussion über den bevorstehenden Lindh-Prozess im Rundfunk hörte und beschloss, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Es war Juni 2002.

"Ich hörte, wie dieser Reporter von ''Newsweek'' im Radio behauptete, dass John Walker Lindh nach gültigem amerikanischen Recht behandelt worden sei. Ich dachte: Du hast doch keine Ahnung, Junge."

Sie rief den "Newsweek"-Reporter noch am selben Tag an und erzählte ihm von den E-Mails. Sie telefonierten ein paar Mal, schließlich faxte sie ihm die kopierten Briefe. "Newsweek" druckte Auszüge am 24. Juni 2002. Ihr Name wurde nicht genannt, aber es war kein weiter Weg zu ihr.

Zehn Tage nach dem "Newsweek"-Artikel meldete sich Special Agent Ron Powell aus dem Ermittlungsbüro des Justizministeriums bei Jesselyn Radack. Er hatte Protokolle der Telefongespräche zwischen "Newsweek" und ihrem Büro. Woher er sie hatte, war nicht klar, aber Special Agent Powell konnte genau sagen, wann und wie lange zwischen ihrem Telefon und dem "Newsweek"-Anschluss Kontakt bestand. Auch die Faxverbindung hatte er zurückverfolgt. Nach dem "Patriot Act" war das alles rechtmäßig. Jesselyn Radack hätte eine Staatsfeindin sein können.

Sie nahm sich einen Anwalt.

Der Anwalt erzählte ihr, dass ihre Aussage unter das Whistleblower-Gesetz fällt, das Regierungsangestellte schützt, die aus Gewissensgründen Interna an die Öffentlichkeit bringen. Es sehe gut aus.

Sie schöpfte Mut. Sie wähnte sich außerhalb des Systems. Sie fragte Powell, was man ihr eigentlich vorwerfe.

Der Special Agent zuckte mit den Schultern - und begann ihr Leben zu zersägen.

"Powell rief in der Kanzlei an und erzählte dort, dass gegen mich kriminalistische Ermittlungen geführt werden. Er erzählte es allen, von der Frau an der Re-

zeption bis zum Senior Partner. Am Anfang hielt die Kanzlei noch zu mir, aber man konnte zusehen, wie ihr Widerstand zusammenbrach", sagt Jesselyn Radack.

Die Kanzlei entließ sie nach fünf Monaten und übergab all ihre Unterlagen an Special Agent Powell.

"Die hatten keinen Durchsuchungsbefehl, sie sagten nicht einmal, was sie eigentlich für kriminalistische Untersuchungen gegen mich führten, aber die Kanzlei gab ihnen meinen Computer. Da waren Hunderte Akten von privaten Klienten gespeichert. Das waren vertrauliche Informationen", sagt Jesselyn Radack.

Der Prozess gegen John Walker Lindh wurde in dieser Zeit eilig und still durchgezogen. Der große Staatsfeind verschwand unspektakulär. Die Staatsanwaltschaft musste von den zehn Anklagepunkten acht fallen lassen. Lindh wurde im Oktober 2002 wegen "Dienst für die Taliban" zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Am Ende schien er nur noch ein verwirrter Junge zu sein. John Walker Lindh sitzt in einem normalen Gefängnis in Kalifornien, sein Fall ist zur Ruhe gekommen.

Für Jesselyn Radack war es noch nicht vorbei. Das Justizministerium informierte die Anwaltskammern in Maryland und Washington D. C., bei denen Jesselyn Radack zugelassen war, über die Ermittlungen. Ihre Anwaltslizenz war nun bedroht. Ihr Leben rutschte weg.

Vor einem Jahr traf Jesselyn Radack einen Anwalt, der sie kostenlos verteidigt, weil er die Ungerechtigkeit nicht ertragen kann. Und weil er der amerikanischen Verfassung vertraut. Das ist Bruce Fein.

Fein ist Ende fünfzig, er ist konservativ. Er ist in Cambridge geboren, hat in Harvard Recht studiert und war schon zu Reagan-Zeiten im Justizministerium. Fein beschäftigt sich seit über dreißig Jahren mit Verfassungsrecht. Er hat als Berater an den neuen Verfassungen von Russland, Südafrika, Mosambik und Ungarn mitgearbeitet. Sein Sohn ist Partner in seiner Kanzlei, aber gerade als Reservist der Army in Bagdad, wo er hilft, das irakische Justizministerium aufzubauen.

Bruce Fein erzählt das alles ganz am Anfang, womöglich, um klar zu machen, dass er nicht unpatriotisch ist.

Es funktioniert. Ashcrofts System der Patrioten funktioniert.

Gibt es ein System?

Bruce Fein überlegt einen Moment.

"System? Ich weiß nicht", sagt er. "Manchmal erinnert mich das alles an die McCarthy-Zeit. Damals genügte es, einfach zu sagen, jemand ist ein Kommunist, und er war zerstört. So in etwa ist es auch bei Jess. Niemand musste irgendetwas beweisen. Es wurde immer nur behauptet."

Fein sagt, dass er ihren Ruf wiederherstellen will.

Wie soll das gehen?

Es ist ein langer Weg, sagt Bruce Fein.

Wie ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat musste Jesselyn Radack über die unklaren, trüben Stellen in ihrer Biografie nachdenken. Sie hatte in einer College-Girls-Geschichte vom "Playboy" posiert. Ihre Mutter hatte ein Alkoholproblem. Sie hatte bei Frauengruppen mitgemacht. Ihr Mann reiste viel. Ein paar Kolleginnen aus ihrem Ministeriumsbüro streuten Gerüchte gegen die Frau, die jünger und erfolgreicher gewesen war als sie. Sie habe für ihren viel beachteten Rechtsartikel bei anderen geklaut, hieß es. Sie habe als Studentin Namen von sexuell aggressiven Männern an die Campusmauern von Yale geschrieben. Das alles stimmte nicht. Jesselyn Radacks Anwalt verbot den Kolleginnen per einstweiliger Verfügung, diese Gerüchte zu verbreiten. Aber sie waren ja in der Welt.

Niemand geht unbeschadet aus so einer Geschichte hervor.

Man spürt es, wenn man lang und tief in Jesselyn Radacks Berichten versinkt. Niemand ist nur unschuldig, denkt man irgendwann. Vielleicht war doch alles nur eine Bürofrauengeschichte. Wie kann jemand, der in einem Vorort-Haus sitzt, ein riesiges Ministerium bedrohen? Klingt es nicht eher wie ein John-Grisham-Roman? Ein Mann in Windjacke, der den Müll untersucht? Vielleicht bildet sie sich alles nur ein. Hat sie nicht alles erst ausgelöst, als sie sich an die Presse wandte? Und warum gibt sie nicht endlich auf? Warum zappelt sie noch? Jesselyn Radack ist allein und störrisch. Das macht es schwer, sich auf ihre Seite zu schlagen.

Sie hatte gehofft, dass nach dem "Newsweek"-Artikel eine Art Medienlawine ins Rollen kommen würde. Aber die Zeitungen hielten sich zurück. Als Eric Lichtblau, ein angesehener Rechtsexperte von der "New York Times", den Fall in einem Artikel erwähnte, streute ein republikanischer Kongressabgeordneter, dass Lichtblau auch mal einen Artikel zusammen mit Redakteur Jason Blair geschrieben hatte, der gerade als Fälscher aufgeflogen war.

Washington ist eine kleine Stadt, man schafft es von Ashcrofts Büro zur Außenstelle für Rechtsberatung und von dort zu der Anwaltskanzlei zu Fuß in einer halben Stunde. Alles liegt so dicht zusammen. Jesselyn Radack trifft ihre ehemaligen Kollegen im Supermarkt, bei Kinderfesten und in der Synagoge. Überall sind Staatsanwälte, Richter, Verteidiger, Politiker. Die Stadt lebt von ihnen, sie sind ihr Blut. Sie schauen weg oder lächeln sie an. Sie sind nicht verlegen, denn sie sind stark.

"Ich kann zu dem Fall nichts sagen", sagt Claudia Flynn, Radacks ehemalige Chefin aus der Rechtsberatungsstelle, ruhig und lächelt. Eine kontrollierte, ältere Frau, mit Pagenschnitt und Perlenkette. Sie zieht langsam die Tür zu ihrem Büro zu.

"Wir wollen das lieber nicht kommentieren", sagen die Anwälte der Kanzlei "Hawkins Delafield & Wood", die in einem Gebäude auf der anderen Straßenseite arbeiten.

Und die Anfrage im Justizministerium, das drei Straßen weiter hinter Stacheldraht und Straßenblockaden liegt, verschwindet wie in einem tiefen Brunnen. Kein Echo, nichts.

Der demokratische Senator Edward Kennedy schrieb im vorigen Jahr einen Brief an John Ashcroft und bat um Aufklärung im Fall Jesselyn Radack.

Ashcroft hat nicht mal reagiert.

Einer von John Ashcrofts Lieblingssprüchen geht so: "Es gibt zwei Sachen, die sich auf der Mitte des Weges befinden. Liberale und totgefahrene Stinktiere."

Man weiß nicht, ob er sich jemals im Detail mit dem Fall Radack beschäftigt hat. Aber man kann wohl annehmen, dass er kein großer Freund der ethischen Rechtsberatung ist. Vor einem halben Jahr rief jemand aus dem Justizministerium bei Radacks Anwalt an und teilte mit, dass die Ermittlungen gegen sie eingestellt worden seien. Sie wusste zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht, was ihr juristisch eigentlich vorgeworfen worden war. Der Anruf kam am 11. September 2003, dem zweiten Jahrestag des Anschlags. Das hätte ein Zufall sein können.

Oder ein Zeichen.

Fein hat beim Gericht Einsicht in die Kriminalakte Jesselyn Radack beantragt und sie vor zehn Tagen bekommen. Es ist der lächerliche, kleinkarierte Bericht des Agenten Powell. Es sind viele Fehler drin, Jesselyn Radack hat sie alle aufgelistet und dem Gericht zugeschickt. Aber das eigentlich Bemerkenswerte ist, dass es nie darum ging, warum die E-Mails verschwanden und ob sie jemals beim Gericht ankamen. Niemand machte sich die Mühe, herauszufinden, warum Jesselyn Radack aus ihrem kleinen Büro gedrängt wurde und ob sie vielleicht ehrenwert gehandelt hat. Es ging nur darum, einen Verrat zu beweisen. Sie zerstörten eine Karriere und verurteilten damit ein Verbrechen, das noch gar nicht begangen worden war.

Es ist unmöglich, sich dagegen zu wehren.

Jesselyn Radack sitzt in ihrem Wohnzimmer. Sie hat die Rechtslage in ihrem Ordner. Die spricht für sie. Sie hat die geretteten E-Mails abgeheftet. Sie hat eidesstattliche Erklärungen über die gesamten Vorgänge der vergangenen zwei Jahre zusammengetragen. Sie ist immer noch jung. Sie hat blonde gewellte Haare, kräftige weiße Zähne, und wenn sie steht, drückt sie ihre Beine durch wie ein Cheerleader. Sie ist ein All-American-Girl. Sie war Republikanerin, sie war eine von ihnen. Aber man weiß nie, in welcher Gestalt sich das Böse nähert. Jesselyn Radack hat sich bei über 30 Stellen beworben. Die meisten haben nicht mal geantwortet. Eine Kanzlei schrieb, sie wolle sich nicht mit der Regierung anlegen. Die Georgetown-Universität antwortete, Radack käme erst in Frage, wenn sie ihre Probleme geregelt hätte. Und ein Washingtoner Professor sagte ihr, dass alle Rechtsfakultäten der Stadt sich weigern, jemanden "mit einem solchen Ballast zu beschäftigen". Jesselyn Radack ist jetzt registrierte Demokratin. Aber am Ende hat sie nicht mal einen Job im Wahlkampfteam von Wesley Clark bekommen.

So funktioniert "Patriot Act".

Im Recht geht es nicht um Vergeben, sagt John Ashcroft. Es geht meistens um Vergeltung. Und oft um Rache.

* Mit Ehefrau Victoria.

DER SPIEGEL 11/2004
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