08.03.2004

KINODer Tycoon muss sterben

Unter der Regie von Jan Schütte ist aus Leon de Winters Roman „Supertex“ ein tragikomischer Film geworden.
Max Breslauer hat ein verwöhntes Gesicht. Und weil wir im Kino sind und nicht in der Wirklichkeit, die unsere Erwartungen gern enttäuscht, ist er auch ein verwöhnter Kerl. Der junge Mann, perfekt gespielt von Stephen Mangan, lebt in einer so kühlen wie pompösen Yuppie-Wohnung in Amsterdam und hält sich mit Witz und Routine das Leben vom Leib. Am Samstagmorgen hat er es eilig, beschleunigt sein Auto in den noch stillen Straßen von Amsterdam und fährt, in einem Moment der Unaufmerksamkeit, einen kleinen Jungen auf dem Weg zur Synagoge an.
Dessen Verletzung ist harmlos, die Auseinandersetzung ist es nicht. Der Vater des Jungen, wie seine beiden Söhne im vorgeschriebenen Schwarz, keift empört gegen die ungläubigen Gois und wird von Max unterbrochen: Ja, sicher, er sei gedankenlos, es tue ihm wirklich Leid, aber ein Goi sei er nun gerade nicht. Das entsetzt die drei Chassiden noch mehr: "Ein Jude im Porsche!" Vom Bruder des Verletzten an seine religiösen Pflichten erinnert, meutert Max, amüsiert und wegwerfend zugleich, gegen jahrtausendealte Regeln. Und wird prompt mit jener Schläue zurechtgewiesen, die sich gegen jeden Einwand seit Jahrtausenden wappnet: Und die Sonne, die uns bescheint, ist die neu? Die Luft, die du atmest, ist die von heute?
Eine der witzigsten Szenen des Films spielt mit souveräner Leichtigkeit die The-
men an, die die weitere Handlung vorantreiben: die Haltbarkeit der jüdischen Tradition, die Bindungen der Familie und schließlich die beiden Gegebenheiten des menschlichen Lebens, die niemals fehlen dürfen: Liebe und Tod.
Gekleidet ist Jan Schüttes Filmerzählung in einen Vater-Sohn-Konflikt - ein Klassiker in der Tradition des Familienromans, haltbar, belastbar und variantenreich. In dieser Variation gibt Max Breslauer, der Erstgeborene, den Begabten und Verzogenen, den Nutznießer der Arbeit seines Vaters, während sein Bruder Boy sich zunächst brav den Erwartungen fügt und still als Buchhalter der Firma fungiert. Simon Breslauer, ein Überlebender aus Galizien, hat die Firma Supertex mit Billigware zum Erfolg geführt: Kleider für arme Leute, wie sein Sohn Max sie verachtet. Simon war selbst bettelarm, er hat nichts vergessen und bewahrt und formt sein Gedächtnis mit jiddischen Sprüchen, deren triviale Weisheiten Max sprachlos machen. Doch gegen die Vitalität seines Vaters kommt sein geschmackssicherer Dünkel nicht an.
Vater Breslauer muss - wen wundert ''s? - sterben, damit seine Söhne leben können. Es ist nicht die Originalität der Geschichte, die "Supertex - eine Stunde im Paradies" zu einem Vergnügen macht, sondern die detaillierte Ausformung der Szenen, kluge wie schnelle Dialoge und Schauspieler, die offenbar Spaß an der Sache haben. Überraschend ist bei dem subtilen Filmemacher Schütte, dessen Vorliebe seit seinem ersten Spielfilm "Drachenfutter" (1987) vor allem ernsten, nicht selten elegischen Stoffen gilt, ein Talent zur Tragikomik, das sich in "Supertex" genussvoll entfaltet. In Schüttes Werk ist diese Romanverfilmung eine merkwürdige Besonderheit, auch durch eine Ästhetik, die so routiniert wie unpersönlich wirkt - und damit der Vorlage Leon de Winters völlig entspricht. Trotz der Glätte der Bilder kann man anschließend sagen: Wir haben geweint, wir haben gelacht. Man kann vom Kino mehr wollen und doch damit zufrieden sein. ELKE SCHMITTER
* Meital Berdah.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 11/2004
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