08.03.2004

LITERATURDas künstliche Paradies

Undine Gruenters letzter Roman: „Der verschlossene Garten“. Von Marcel Reich-Ranicki
Reich-Ranicki, 83, lebt als Kritiker und Autor in Frankfurt am Main; zuletzt erschien von ihm der Essayband "Unser Grass" (2003). -------------------------------------------------------------------
Das wichtigste, das einzige Thema des Romans "Der verschlossene Garten" von Undine Gruenter ist die Liebe**. Und es ist, zumal vor dem Hintergrund der deutschen Literatur unserer Zeit, ein ungewöhnlicher und auch anspruchsvoller Roman, vielleicht hier und da ein wenig überspannt, aber mit Sicherheit poetisch und geistreich zugleich.
Ich bin beinahe sicher: Dieses Buch wird viele dankbare Leser finden. Denn manches weist darauf hin, dass die Bereitschaft, die Lust des Publikums, auch des jüngeren, ein Wochenende mit einer Liebesgeschichte zu verbringen, nicht nachgelassen hat, wenn nicht gar etwas gewachsen ist.
Der Grund ist, will mir scheinen, sehr einfach: Die einen sind verliebt und erhoffen sich von der Literatur einigen Auf-
schluss über diesen sonderbaren, diesen unberechenbaren und unbegreiflichen, diesen unheimlichen und letztlich rätselhaften Zustand. Andere waren verliebt und wollen oder können diesen Abschnitt ihres Lebens nicht vergessen, sie trauern ihm nach. Und wieder andere (und es sind nicht wenige) sehnen sich nach der Liebe.
Man kann darauf erwidern, so sei es immer schon gewesen. Das mag ja mehr oder weniger stimmen, aber jede Epoche, jede Generation erlebt es anders. Zunächst: Unsere Autoren kümmern sich um derartige Wünsche, um derartige bewusste und unbewusste Bedürfnisse des Publikums überhaupt nicht - und das ist ihr gutes Recht. Sie schreiben meist nicht über die Liebe, sondern über deren Unmöglichkeit hier und heute.
Dass sich in den letzten Jahrzehnten die Beziehungen zwischen den Geschlechtern rasch verändert haben, weiß jeder, und niemand unterschätzt die umwälzende Entwicklung. Aber es ist noch die Frage, worauf eigentlich diese Veränderung vor allem Einfluss ausübt - auf die Liebe, wie meist angenommen wird, oder vielleicht doch eher auf die Sexualität. Es empfiehlt sich, da genau zu unterscheiden.
Jedenfalls sind literarische Werke, die Zärtlichkeit oder gar das Außersichsein von Liebenden spürbar machen würden, höchst selten geworden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass eben deshalb verhältnismäßig viele Leser zu Büchern von gestern und vorgestern greifen, etwa zu Erzählungen von Tschechow oder Maupassant oder zu den Romanen Fontanes. So kommt denn das letzte Buch von Undine Gruenter (1952 bis 2002) im rechten Augenblick.
Die in Köln geborene Autorin lebte von 1987 an in Paris und wurde, wenn das denn wirklich möglich ist, eine Wahl-Französin. Gern, ja enthusiastisch setzte sie sich französischen Einflüssen aus: der Literatur der Gegenwart und der Vergangenheit, der französischen Kultur und Lebensart im weitesten Sinn. Dass auch die französische Sprache auf ihre deutsche Diktion Einfluss hatte, liegt auf der Hand.
Die deutsche Literaturkritik äußerte sich über die vor allem in den achtziger und neunziger Jahren erschienenen Bücher Undine Gruen-
ters respektvoll und wohl-
wollend, doch etwas ratlos. Das hing wohl damit zusammen, dass sie, zwischen verschiedenen Strömungen und Richtungen der französischen Literatur schwankend, noch nicht ihren Weg und Ton gefunden zu haben schien. Anders ist es in ihren letzten Büchern, ihren besten - in dem Erzählungsband "Sommergäste in Trouville" und eben in dem Roman "Der verschlossene Garten", beide postum erschienen.
Den Roman hat die schwer kranke Autorin wenige Wochen vor ihrem Tod abgeschlossen. Wäre ihr noch einige Zeit vergönnt gewesen, sie hätte an ihrem Manuskript wohl noch gearbeitet, zumal am letzten Teil. So fällt es schwer, dieses auf dem Krankenbett entstandene Buch mit jener strengen Objektivität zu beurteilen, zu der die Literaturkritik nun einmal verpflichtet ist. Andererseits ist "Der verschlossene Garten" auf gütige Nachsicht und einen ermäßigten Tarif nicht angewiesen. Denn trotz einiger Schwächen übertrifft das Buch beinahe alles, was unsere Verlage in diesen Jahren auf den Markt werfen.
"Wer liebt, der spricht, der muss sprechen ... wer liebt, hat viele Worte." Ja, Soudain, der Mann, der hier im Mittelpunkt steht, ist ein solcher Liebender, der viel sprechen muss. Es handelt sich um einen vor den Toren von Paris lebenden Redakteur, einen Zeitschriften-Herausgeber. Was immer er erzählt, er kommentiert es sogleich und scharfsinnig. Und was immer er kommentiert, er belegt es mit kleinen beschreibenden Passagen, die gut, sehr gut von der Beobachtungsgabe der Autorin zeugen.
Dieser Stil, der Episches unentwegt mit Reflexivem verknüpft, weckt, anders als man vermuten könnte, keineswegs die Ungeduld des Lesers. Er trägt vielmehr in hohem Maße zur Eigenart und zur Qualität des Buches bei und zu seiner Kurzweiligkeit. Freilich: Es ist ein Liebesroman über Intellektuelle und für Intellektuelle und geschrieben aus der Sicht eines Intellektuellen - denn Soudain bleibt bis zum letzten Satz der Ich-Erzähler.
In der erotischen Literatur der mehr oder weniger herkömmlichen Machart werden die Liebenden in der Regel genötigt, ihren Platz außerhalb der Gesellschaft zu suchen. Gruenters Buch, das auf den ersten Blick mit dem Muster des traditionellen Liebesromans nichts gemein hat, folgt ihm gleichwohl: Es stellt nämlich dieses Muster schlicht auf den Kopf. Nicht die Gesellschaft schließt die Liebenden aus, sie tun es selber und sehr konsequent.
Ist es denn wirklich ein Liebespaar? Ja und nein, Soudain, der beredte Redakteur, verliebt sich in eine mädchenhaft anmutige, eine reizvolle und auch gebildete junge Frau, die er Hals über Kopf heiratet. Er ist, immerhin, fast 60 Jahre alt und sie, die etwas prätentiös Equilibre heißt, Anfang 20. Munter erklärt sie, dass Altersunterschiede zwischen Liebenden gleichgültig seien. Wirklich?
Vorläufig geht alles gut, am Anfang ist ja jede Romanze leicht. Das ungleiche Paar will allein sein, es wendet sich mit Entschiedenheit von der Gesellschaft ab. Nicht etwa, dass sie Paris verlassen, aber Soudain richtet dort, wo sie wohnen, für seine geliebte Partnerin einen ausgegrenzten Raum ein, einen wundervollen Garten, ganz still und sehr theatralisch, einen kunstvoll entworfenen Ort der Liebe.
Führen andere Paare ihre intimen Gespräche im Schlafzimmer, auf einem Balkon oder während eines Spaziergangs, so finden sie in Gruenters Roman in dem umschlossenen, ummauerten Garten statt, dem künstlichen Paradies. Equilibre wird auch so schnell wie möglich den festen Händen ihrer weit verzweigten Familie entzogen, Besucher werden höflich abgewiesen. Soudain kann seine Frau wie ein vollkommenes Kunstwerk empfinden und betrachten.
Aber liebt sie ihn? Die Frage lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten, da wir doch alles mit den Augen dieses Soudain sehen. "Was wäre der Liebende" - heißt es in dem Roman - "ohne seine Imagination?" In der Tat ist Equilibre ein Spielzeug der Imagination von Soudain, ein Objekt seiner Projektion - und sie hat nichts dagegen. Das Ganze ist ein Experiment mit einer zuverlässigen Grundlage: Das Sexuelle genießen die beiden Partner unsentimental und beinahe sachlich. Da gibt es nur Glück und überhaupt keine Schwierigkeiten.
Doch Wolken, von denen beide vorläufig nichts wissen wollen, verdüstern allmählich das künstliche Paradies. Equilibre wirft ihrem Mann vor, er sei wie ein "Regisseur, der sie behalten wolle, weil er mit ihr ein Stück aufführe. Aber das Ende des Stücks sei die Trennung". Das trifft genau: Denn was uns hier geboten wird, ist letztlich weniger die Geschichte als vor allem die Inszenierung einer Liebe.
Damit ist Equilibre einverstanden, nur möchte sie alles etwas umfunktionieren - aus der Bühne für die gemeinsame Liebe soll eine Bühne für moderne Kunst entstehen. Und Soudain erkennt, dass er als Architekt dieses Liebesgartens der Gefangene der Leidenschaft wurde, die er selbst erfunden hat.
Undine Gruenter zeigt auf ihre Weise und mit ihren Mitteln, dass die Liebe in der Vorstellung immer zu weit gehen und in der Realität immer über die Freiheit des anderen verfügen will. Vom magnetischen Feld zwischen den Liebenden ist die Rede, das eine größere Rolle spiele als die Person des anderen. Soudain und Equilibre sind fasziniert - er von seinem Entwurf der Liebe, sie von der Liebe selbst und auch von der Illusion der Liebe. Beide schwanken sie unaufhörlich zwischen der Hoffnung auf die Möglichkeit der Liebe und dem Leiden an ihrer Unmöglichkeit.
Diese Prosa lebt vor allem von Details und Nuancen, konkreten und abstrakten, sinnlichen und gedanklichen, von Impressionen und oft nur winzigen Miniaturen, von knappen, verblüffenden Überlegungen.
Es sind immer die stillen Pointen, die überraschen und überzeugen, die zarten, unauffälligen Motive, die die Stimmung, die Atmosphäre unaufdringlich prägen. Sie machen die große Vergeblichkeit bewusst oder deuten sie an.
Erst in dieser späten Prosa hat Undine Gruenter ihren eigenen, ihren jetzt unverkennbaren Ton gefunden, einen leisen, einen elegischen und melancholischen Ton. Weibliche Prosa? Ich weiß es nicht, aber ich bin sicher, dass in diesem schönen Roman die männliche Perspektive des Ich-Erzählers, an der Undine Gruenter so gelegen war, vorzüglich durchgehalten wird. Dass die Autorin mehr Fragen aufwirft, als sie beantworten kann, spricht keineswegs gegen sie. Vielleicht ist das ein Kennzeichen aller guten Romane.
Es spricht auch nicht gegen sie, dass sie für das Ganze eine simple Lösung gewählt hat, die jeder Leser voraussehen konnte. Unversehens taucht in dem ummauerten Garten ein Anwalt auf. Er ist über 20 Jahre jünger als Soudain.
Es bildet sich eine Trias, und keinen Augenblick kann man zweifeln, wer die besseren Karten hat. In der eher flüchtig geschriebenen Geschichte zwischen ihm und Equilibre wird Soudain der Dritte im Bunde und bald nur noch ein resignierter Zuschauer. Der perfekt-banale Gegenspieler, der Jüngere, siegt, aber nur einstweilen.
Am Ende geht jeder seinen Weg, es gibt keine Sieger, alle drei bleiben einsam. Als Soudain seine Equilibre noch einmal trifft, ist sie, die noch unlängst Angebetete, wie Lolita am Ende des Nabokov-Romans, allen Zaubers entblößt. Ist sie es wirklich oder nur in den Augen von Soudain?
Vielleicht haben wir noch nicht ganz begriffen, welche Lücke der Tod Undine Gruenters hinterlassen hat. Dieser Ton ist einmalig, diesen Stil gibt es nicht mehr in der deutschen Literatur.
* Mit Jeremy Irons und Dominique Swain. ** Undine Gruenter: "Der verschlossene Garten". Hanser Verlag, München; 224 Seiten; 17,90 Euro.
Von Marcel Reich-Ranicki

DER SPIEGEL 11/2004
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