Von Evers, Marco
Elizabeth Blackburn ist eine prominente Zellforscherin aus San Francisco. Seit zwei Jahren streitet die Wissenschaftlerin mit im Bioethik-Rat, einem oft hitzig debattierenden Gremium, das den US-Präsidenten in Sachen Bioforschung beraten soll. "Ich will alle Seiten hören, bevor ich mich entscheide", hatte ihr George W. Bush bei einem Treffen im Weißen Haus versprochen. Erst im Januar, so Blackburn, wurden alle Mitglieder für weitere zwei Jahre bestätigt.
Aber vor wenigen Tagen erhielt Blackburn einen Anruf - aus dem Weißen Haus.
"Ohne Angabe von Gründen", sagt sie, "bin ich von heute auf morgen entlassen worden." Gehen musste auch ein Ethikprofessor, der sich wie sie für das therapeutische Klonen ausgesprochen hatte. Nachrücken sollen drei Neue: ein Politologe und verbriefter Abtreibungsgegner, eine Politologin, die embryonale Stammzellforschung schon als "böse" bezeichnet hat, und ein ebenso anerkannter wie zutiefst religiöser Chirurg ("Jesus muss der Mittelpunkt unseres Lebens sein").
Für Blackburn ist der Fall klar: "Hinter meiner Entlassung steht der Wunsch, abweichende Meinungen aus dem Ethik-Rat zu verbannen." Und sie ist nicht die Einzige, die dahinter "ein Muster" am Werk sieht: Ob bei Stammzellen oder Sexualaufklärung, Aids-Prävention oder der Kriegsgrunddebatte zum Irak - was Experten sagen, das interessiert nicht.
In Bushs Amerika, so monieren Kritiker, werde die Wissenschaft derzeit von religiösen Eiferern, Industrielobbyisten und Sicherheitsfundamentalisten beherrscht. Im Bund mit der Administration schafften sie ein bisweilen mittelalterliches Klima, das viele ängstigt: Ideologie siegt über Information; Amerikas Hardliner schrecken nicht davor zurück, die Fakten zu verfälschen.
Mehr als 60 prominente Forscher haben jetzt einen Brandbrief unterzeichnet - 20 Nobelpreisträger sind darunter, Koryphäen von einigen der besten Universitäten des Landes, ehemalige Wissenschaftsberater von demokratischen wie republikanischen Präsidenten. Sie alle werfen der Bush-Administration vor, wissenschaftliche Ergebnisse zu politisieren, Fakten je nach Lage zu verzerren, zu entstellen oder zu ignorieren, um die eigenen Ziele durchzusetzen. Die Unterzeichner fordern den US-Kongress auf, sich der Sache anzunehmen.
Bushs Wissenschaftsberater John Marburger beeilte sich zu sagen, dass der Aufstand der Akademiker-Größen haltlos sei. Dabei ist schon seine eigene Position aufschlussreich: In der Hierarchie des Weißen Hauses steht er so niedrig wie kein Wissenschaftsberater seit Beginn der neunziger Jahre.
Begleitend zu der Deklaration hat die "Union of Concerned Scientists" (UCS) einen Untersuchungsbericht vorgelegt. "Der Missbrauch von Wissenschaft", schreibt darin der UCS-Vorsitzende Kurt Gottfried, "habe ernste Folgen für unsere Gesundheit, Sicherheit und die Umwelt."
Der in Österreich geborene Physiker dokumentiert Beispiele, wie Bush-Getreue systematisch Beratergremien mit unqualifizierten, aber ergebenen Kandidaten bestücken, wie sie Zensur ausüben auf unliebsame Forscher - oder ihre Expertisen einfach in den Wind schießen, etwa in der Klimapolitik oder auch im Irak: Nuklearexperten des Department of Energy wussten von vornherein, dass die von Bagdad bestellten Aluminiumröhren nicht zur Herstellung von Atomwaffen taugen. Interessiert hat es nicht.
Frühere Administrationen hätten in Teilen ähnlich gehandelt, aber "so krass war es noch nie", urteilt Val Fitch von der Princeton University, Physik-Nobelpreisträger von 1980.
Der Irrsinn hat Methode. An vielen Schulen ist es Lehrern untersagt, trotz der Aids-Gefahr das Wort "Kondom" auszusprechen. Wenn Bundesmittel fließen, um den Sexualkundeunterricht zu finanzieren, dann steht im Lehrplan, dass nicht Verhütung, sondern einzig Enthaltsamkeit vor Schwangerschaft und Geschlechtskrankheiten schütze. Bush hat schon als Gouverneur von Texas diese Linie vertreten - denn wer über Kondome aufkläre, so glauben seine Anhänger aus den Reihen der christlichen Rechten, der verführe zu frühem Sex und Promiskuität.
Die frommen Machthaber interessiert es nicht, dass Forscher für diese These keinen Anhaltspunkt gefunden haben - wohl aber exzellente Belege für die Effektivität von Präservativen. Texas ist bei Teenager-Schwangerschaften in der Spitzengruppe.
Jetzt hat Wahlkämpfer Bush sein Programm auf viele andere Bundesstaaten ausgeweitet - und möchte den Etat dafür auf 270 Millionen Dollar verdoppeln. Der in Studien einzig messbare Erfolg der Abstinenz-Paukerei: Die Jugendlichen haben ihren ersten Geschlechtsverkehr tatsächlich einige Monate später - dann aber zumeist blitzblank und schutzlos.
Im Epizentrum der Aids-Katastrophe reitet Bush einen ähnlich verhängnisvollen Kurs: Vor allem die Kunde von Enthaltsamkeit und Treue soll Afrikas HIV-GAU lindern. In diesem Jahr wird Washington für die Aids-Bekämpfung 350 Millionen Dollar in Afrika investieren, nur ein Bruchteil von dem, was ursprünglich versprochen war. Ein großer Teil des Geldes fließt an kirchliche Gruppen. Kondome sind in Bushs Plan nicht als genereller Schutz vorgesehen, sondern nur als äußerstes Mittel zur Risikobegrenzung für die so genannten Hochrisikogruppen - eine weltfremde Strategie in einem Land wie Botswana, wo bereits mehr als jeder Dritte zwischen 15 und 49 Jahren mit dem Aids-Erreger infiziert ist.
"Es ist schockierend zu sehen", sagt die Biologin Blackburn, "wie generell akzeptierte Maßnahmen von dieser Administration aus politischen Gründen missbraucht werden." Aids-Forscher berichten, dass die Empfindlichkeiten der Konservativen bei ihnen schon zu Selbstzensur in der Formulierung von Forschungsanträgen führt. Wer Igitt-Worte wie "Prostituierte" oder "Analsex" in seinen Antrag schreibe, der habe schon verloren.
Wer hingegen das Wort "Terrorismusabwehr" in einem Forschungsantrag unterkriege, habe beste Karten. Ein Milliardenregen geht nieder auf alle, die an Sensoren arbeiten für Bio- und Chemiewaffen und überhaupt an allem, was mutmaßlich der nationalen Sicherheit dienlich scheint. Die beiden wichtigsten Forschungsförderungsorganisationen National Institutes of Health (NIH) und National Science Foundation (NSF) verzeichnen leicht wachsende Etats - und dennoch sind die Verantwortlichen dort nicht glücklich: Zwar können sie jetzt weisungsgemäß viel mehr Geld für den Kampf gegen Pocken und Milzbrand ausgeben - aber dafür sind manche seit Jahren bestehende Programme bei der Krebs- Herz-, Aids- oder Alzheimer-Forschung gefährdet.
Der US-Forschung droht überdies eine weitere Gefahr: Für Ausländer, die einen großen Teil der Forschungsarbeit in den US-Universitäten verrichten, wird die Einreise mit den neuen Visa-Regeln im Gefolge des 11. September immer schwieriger. Viele müssen wochenlange Sicherheitschecks und Interviews in den Botschaften und Konsulaten erdulden.
An der Cornell University zum Beispiel ist die Zahl der Bewerbungen chinesischer Studenten um 36 Prozent gesunken. Auch ältere Semester bleiben nicht verschont. Charles Weissmann, ein renommierter 72jähriger Prionen-Experte aus der Schweiz, sollte eigentlich seit dem 1. März ein Institut in Florida leiten. Jetzt kommt er wohl erst sechs Wochen später - weil Prionen im Katalog möglicher Terrorwaffen stehen, wird sein Einreisegesuch besonders gründlich geprüft.
Viele Wissenschaftler sind die Gängelei leid. Im August 2001 hatte Bush den mit öffentlichen Geldern geförderten Forschern 60 embryonale Stammzell-Linien versprochen - und auch das erwies sich als Irreführung: Für sie sind jetzt allenfalls 15 Zell-Linien nutzbar. Die Harvard University hat sich darum jetzt zu einer Art Unabhängigkeitserklärung entschlossen.
Die Universität will rund 100 Millionen Dollar in den Bau eines der größten Stammzell-Zentren der Welt investieren, eigene Stammzell-Linien entwickeln und die Forschung unabhängig von Washingtoner Vorgaben und Staatsgeld in die Hand nehmen.
"Harvard", sagt der Wissenschaftler George Daley, "hat dazu die Ressourcen, die Kompetenz und, ehrlich gesagt, auch die Pflicht." MARCO EVERS
DER SPIEGEL 12/2004
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