15.03.2004

LEGENDENZauberers trotzig-treuer Erbe

Thomas Manns Sohn Golo war, so zeigen neue Studien, wohl der bedeutendste Spross aus Deutschlands berühmtester Literatenfamilie. Mit seinem beachtlichen historischen Werk bewältigte er auch schlimme Kindheits- und Kriegserlebnisse.
Wenn er anfängt, ungezogen zu sein, ist er "fürchterlich", sagte seine Mutter. "Er steigert sich in ein grauenhaftes Plärren und sieht dabei so über alle Maßen abscheulich aus, dass man nicht anders kann als ihn hassen."
Golo Mann, das dritte Kind des Schriftstellers Thomas Mann und seiner Frau Katia, fürchtete sich schon früh vor dem Unmut der Eltern. "Fürchterlich", "grauenhaft", "abscheulich" zu sein erschien ihm nicht gerade eine verlockende Perspektive. Daher zog er es vor, seine Wut im Zaum zu halten, eher selten zu plärren, sich so ruhig wie möglich zu verhalten - einmal, als er sich im Arbeitszimmer seines Vaters aufhielt, rührte er sich kaum und fragte dennoch: "Ich störe doch nicht, Papa?"
Dass sein Vater als der deutsche Schriftstellerfürst galt, als Goethe des 20. Jahrhunderts, lastete schwer auf Golo Mann und seinen Geschwistern. Die sechs Mann-Kinder versuchten in unterschiedlicher Weise, die Aufmerksamkeit der Eltern und auch der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen. Den beiden Ältesten, Erika und Klaus, fiel das am leichtesten, sie waren temperamentvolle Charaktere, die Bücher aller Art schrieben und später als zornige Widersacher Hitlers auftraten. Golo Manns jüngere Geschwister, Monika und Michael, taten sich schwerer, sie fanden keine Aufgabe fürs Leben und galten bei den Eltern als eher lästige, missratene Wesen. Die jüngste Mann-Tochter Elisabeth war - warum auch immer - bei den Eltern und zuletzt in der Öffentlichkeit die Beliebteste.
Golo Mann (1909 bis 1994) wiederum versuchte, auf versteckte Weise erfolgreich zu sein. Er mühte sich an der Quadratur des Kreises: wagte sich als Historiker an große Themen und äußerte sich in Essays zu aktuellen Diskussionen, doch er konnte erschrecken, wenn er merkte, dass er damit aneckte. Kränkungen versuchte er trotzig zu bewältigen, aber eigentlich gelang ihm das nie. Dass die Säulenheiligen der Frankfurter Schule, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, seine Berufung auf eine Professur in Frankfurt verhindert hatten, verzieh er ihnen nie.
Und weil er eben versuchte, herausragend zu sein und gleichzeitig unauffällig, hinterließ er in der Öffentlichkeit und auch in der Familie ein eher vages Bild: Er galt als treuer, aber auch distanzierter Sohn. Anders als seine älteren Geschwister nannte er den Vater nie "Zauberer", aber er suchte lebenslang die Nähe zu den Eltern. Er scheute auch, wiederum anders als Erika und Klaus, den Exzess. Dennoch sehnte er sich danach, dass etwas mehr in seinem Leben passieren möge als ewiges Brüten über Quellen und Manuskripten.
So war Golo Manns Leben auf stille Weise tragisch: Er war ein populärer Historiker geworden, der eine der erfolgreichsten Biografien der Nachkriegszeit geschrieben hat, den "Wallenstein" (1971), außerdem die viel beachtete "Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" (1958). Er hat das wissenschaftliche Monumentalwerk "Propyläen Weltgeschichte" herausgegeben, das in unzähligen deutschen Haushalten steht - und doch mochte er all diese Erfolge nicht genießen. Er versuchte sie vor sich selbst und anderen zu kaschieren.
Und noch eine weitere tragische Komponente kommt hinzu: Golo Mann war aus seiner Zeit gefallen. Er war ein Konservativer und ein Geschichtenerzähler, ausgerechnet in einer Zeit, in der man lieber in gesellschaftspolitischen Theorien als in lebendigen Geschichten dachte.
Die erste große Golo-Mann-Biografie, die diese Woche erscheint - fair, fundiert und gut geschrieben -, legt nahe: Heute, zehn Jahre nach seinem Tod, in ideologie- und theoriemüden Zeiten, in denen sich eine neue Lust an humanistischen und erzählerischen Traditionen regt, hätte es Golo Mann leichter gehabt. Damit wird er, in seiner Melancholie und in seinem liberalen, allumfassenden, radikal parteilosen Konservativismus, eine aktuelle Figur.
Kein Wunder also, dass nicht nur Biograf Urs Bitterli, sondern auch der Publizist Joachim Fest und andere eifrig mit Golo-Mann-Exegese beschäftigt sind**. Nach Mutter Katia Mann, die seit 55 Wochen auf der Bestsellerliste thront, ist nun der Sohn an der Reihe.
Golo Mann wurde am 27. März 1909 in München geboren. Er durchlitt, wie er selbst sagte, eine "elende Kindheit". Als Jugendlicher kam er ins Elite-Internat Schloss Salem, hier entdeckte er seine homoerotische Neigung. Anders als sein Bruder Klaus und seine Schwester Erika, die ihre Homosexualität ostentativ auslebten, ging Golo Mann eher diskret damit um - er verlegte sich augenscheinlich auf die Variante des Vaters, der auch lieber aus der Ferne für junge Männer schwärmte.
Mann studierte Geschichte und Philosophie und promovierte bei Karl Jaspers in Heidelberg. Im Februar 1933, nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, fuhren seine Eltern ins Ausland - und kehrten nicht mehr nach Hitler-Deutschland zurück. Im Juli 1933 ging auch Golo Mann ins Exil. Es begann eine Zeit der ständigen Verfolgung, die für ihn traumatisch blieb. Er sagte einmal, ein Mensch, der solche Erschütterungen erfahren habe, könne die Fähigkeit zum Glück für immer verlieren.
In Frankreich wurde er in Lager gesteckt. 1940 floh er gemeinsam mit seinem Schriftstelleronkel Heinrich durch Spanien nach Portugal. Heinrich Mann berichtete später, dass er die strapaziöse Flucht ohne seinen Neffen kaum überstanden hätte: "Er kehrte zurück, wenn wir gescheitert auf einem Stein saßen. Er verließ uns nicht, eher machte er den Weg dreifach."
In den USA, wo allesamt schließlich gelandet waren, fühlte sich Golo Mann nie wohl. Anders als seinen älteren Geschwistern, machte es ihm Mühe, die fremde Sprache zu lernen - und überhaupt: "Wer es sich schwer macht, macht es auch den andern schwer, und das nehmen die andern (die Amerikaner) einem übel."
Er diente zwar während des Krieges gegen Hitler-Deutschland beim militärischen Geheimdienst OSS und nahm danach eine Professorenstelle an einem College an, doch seine Sehnsucht galt dem alten Europa. So fing er an, seine erste historische Studie zu schreiben: über Friedrich von Gentz, der 1814/15 Diplomat auf dem Wiener Kongress gewesen war. In Gentz fand er einen Wesensverwandten, einen distanzierten Vermittler zwischen den Parteien.
Schon bei diesem ersten Buch fiel Golo Manns große Stärke auf, eine Stärke, die ihn zu einem der meistgelesenen deutschen Historiker des 20. Jahrhunderts machen sollte: Er schrieb wunderschön. Sein Wortschatz war reich und bildmächtig, überdies verzichtete er auf jeglichen wissenschaftlichen Jargon. Mit dieser Begabung hätte er in den USA, wenn er dort geblieben wäre, auch an Universitäten Furore machen können. Aber in den akademischen Kreisen des deutschsprachigen Raums wurde er damit zum Außenseiter. Ein Historiker als Erzählgenie - das wirkte irritierend: dem narrativen Talent wurde (und wird) schnell unterstellt, Fakten nicht allzu genau zu nehmen. Golo Mann wurde gemobbt.
Besonders in Frankfurt war es schlimm. Dort trugen sich jene Intrigen um Horkheimer und Adorno zu, deren Einzelheiten erst jetzt bekannt werden und die sich zu einem geistesgeschichtlichen Drama verdichten, das typisch ist für die Nachkriegszeit: Vor allem geht es um Ideologien und die Kritik daran.
Joachim Fest berichtet in seinem Golo-Mann-Stück, das im Herbst dieses Jahres in einem Porträtband bei Rowohlt erscheinen wird und dem SPIEGEL vorliegt, dass Horkheimer/Adorno in den sechziger Jahren sogar mehrmals versucht hätten, eine Berufung Manns auf einen Lehrstuhl der Frankfurter Universität zu hintertreiben.
Herbert Heckmann, der 1999 verstorbene Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, habe, so Fest, auf seinen "Eid genommen", einen Brief Horkheimers an den zuständigen Kultusminister gesehen zu haben, in dem "Horkheimer darlegte, dass Golo Mann homosexuell und folglich eine Gefahr für die akademische Jugend sei; er dürfe nicht berufen werden". Ein anderes Mal ließen die beiden Mann-Gegner durchblicken, der Bewerber sei ein "heimlicher Antisemit".
Die Argumente waren so perfide (Wie kann einer die Behauptung widerlegen, er sei ein heimlicher Antisemit?) wie vorgeschoben. Die wahren Gründe für die Aversionen waren, so analysiert Bitterli, die Unterschiede in der Geschichtsauffassung.
Horkheimer/Adorno waren Anhänger der nachhaltig wirksamen neomarxistischen Geschichtsphilosophie. Alles Denken sollte das "schlechte Bestehende" entlarven und möglichst in Gesellschaftsverbesserung münden. Golo Mann hingegen verstand sich als Beobachter von Geschichte, als Pragmatiker und Pessimist, der davor warnte, aus dem bisherigen Verlauf von Geschichte auf die Zukunft zu schließen. Geschichte sei nicht berechenbar - denn der Mensch sei nicht berechenbar: Er bleibe sich selbst Freund und Feind. Aus dieser Spannung entstünden immer neue, nicht vorhersehbare Konstellationen: "So vernünftig ist die Welt nicht, dass sie sich in ein Begriffsspiel auflösen ließe. Sie ist nicht dafür da, damit einer Recht behält."
Golo Mann störte sich nicht nur am Marxismus, er zweifelte prinzipiell daran, dass der Lauf der Geschichte in Theorien gezwängt werden könne: "Die Historie ist eine Kunst, die auf Kenntnissen beruht, und weiter ist sie gar nichts."
Die Welt als Chaos - darauf richtete sich das Interesse des Kindheits- und Kriegsgeplagten. Deswegen widmete er sich mit Lust und Grusel einer der verworrensten Perioden der Geschichte: Er schrieb den "Wallenstein", das imposante Porträt des wichtigsten Feldherrn des Dreißigjährigen Krieges. Die Biografie liest sich wie ein Roman. Von "buchenwaldumzogener Höhenkette" ist hier zu lesen und von "Weiden mit schwarz-weiß geflecktem Vieh".
Bald erschien das Werk auf den Bestsellerlisten, und es dauerte nicht lange, bis es als unwissenschaftlich abqualifiziert wurde. Mann traf dieser schlecht begründete Vorwurf , aber er blieb bei seinem Konzept der "Neuschöpfung des Vergangenen aus dem Geist der Sprache" (Bitterli).
Vielleicht rang er deswegen so unermüdlich um die angemessene Darstellung von Geschichte, weil das eine Möglichkeit war, arbeitend dem Vater nahe zu sein, ohne den Vater - weil Geschichtsschreibung doch etwas anderes ist als Literatur - allzu sehr zu stören.
Golo Mann wurde in seinem letzten Lebensdrittel zu einem geschätzten Zeitkritiker. Er legte sich parteipolitisch nie fest, sondern sorgte für angenehme Verwirrung: Mal unterstützte er Willy Brandt, mal Franz Josef Strauß.
1965 war er in den letzten Wohnsitz der Eltern im schweizerischen Kilchberg gezogen. Anderthalb Jahrzehnte lebte er dort mit seiner Mutter. Sie starb erst 1980, der Vater war 1955 gestorben. Mit seiner Mutter hatte es Mann nicht leicht, sie hörte nie auf, ihn zu erziehen.
Nach ihrem Tod holte er sich Studenten aus Spanien oder Lateinamerika als Untermieter ins Haus. Er sagte, dass er sich so gern mit ihnen in ihrer Sprache unterhalte.
Er adoptierte außerdem einen jüngeren Mann. Wie es zu dieser Adoption gekommen war, darüber äußert sich Bitterli in seiner 700-Seiten-Biografie nur knapp - und das ist schade: Denn dieses eine Mal hatte sich Mann in einer privaten Beziehung bekannt - dazu, dass er sich zugehörig fühlen wollte und dass er diese Zugehörigkeit in seiner eigenen Familie nicht empfand (siehe Interview). Die Umstände der Adoption wurden bisher kaum untersucht, kühne Gerüchte sind darüber im Umlauf: Golo Mann habe mit seinem Adoptivsohn ein Verhältnis gehabt, heißt es in einer Zeitschrift - "völliger Unsinn", sagt Ingrid Beck-Mann, die Witwe des Adoptivsohns. Andere bestätigen ihre Einschätzung.
Golo Mann starb 1994 im Hause von Ingrid Beck-Mann in Leverkusen. Er wurde auf dem Kilchberger Friedhof beigesetzt, wo auch seine Eltern und - bis auf Klaus - alle seine Geschwister bestattet sind.
Golo Mann allerdings hatte darauf bestanden, dass seine Urne weitab vom Familiengrab zu liegen habe. So machte er sein Bedürfnis nach Nähe und Abstand sichtbar - für immer. SUSANNE BEYER
* Monika, Golo, Michael, Katia, Klaus, Elisabeth und Erika Mann. ** Urs Bitterli: "Golo Mann. Instanz und Außenseiter". Kindler Verlag, Berlin; 708 Seiten; 29,90 Euro. Ausgabe für die Schweiz: Buchverlag Neue Zürcher Zeitung; 50 Franken. Klaus W. Jonas/Holger Stunz: "Golo Mann. Leben und Werk". Chronik und Bibliographie (1929 - 2003). Harrassowitz-Verlag, Wiesbaden; 344 Seiten; 45 Euro.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 12/2004
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