22.03.2004

KRIMINALITÄTFriedhof der Killertiere

Die Wetteinsätze sind hoch, das Schauspiel ist brutal und das Ganze illegal: Bei geheimen Hundekämpfen hetzen Züchter ihre Pitbulls aufeinander, meist, bis eines der Tiere stirbt.
Der Mann hat zwar schon Hunderte Kampfhunde erschossen, an einige aber kann er sich noch gut erinnern: "Kimmy" und "Corley" etwa, die Pitbull-Schwestern, tötete er in derselben Nacht und verbuddelte sie in einer Schonung am Rand einer Senke. Es war bitterkalt, erinnert sich Sean M., und er war "total besoffen".
Auch "Trouble" hat er noch deutlich vor Augen. "Trouble" war der erste Pitbull, den Sean M., Deutscher mit irischen Vorfahren, in seinem ganz speziellen Waldstück niederstreckte, damals, 1990. Während das Tier, nach einem Kampf auf Leben und Tod schwer verletzt, seinen letzten Hundekuchen kaute, schoss er ihm mit der 44er Magnum ins Genick.
Es sollte zum üblichen Ritual werden. Und deshalb steckt der Boden jenes Waldstücks, in dem Sean M. nun steht und erzählt, voller Hundeskelette. Es ist ein geheimer Ort an der Autobahn 27 zwischen Bremen und Cuxhaven nahe dem Flecken Holßel, aber weit genug vom Dorf entfernt, dass niemand die Schüsse hörte. Hier hat der bullige Mann mit dem glatt rasierten Kopf seinen Friedhof der Killertiere angelegt.
Fast 300 Hunde hat er an dieser Stelle getötet und vergraben, darunter viele Dutzend Welpen. Die meisten waren Kampfhunde, die ihren letzten Wettkampf verloren hatten; oder Kampfhunde, die zwar gewonnen, aber "als Sportler" wie Sean M. sagt, "keine Zukunft mehr" gehabt hätten; schließlich solche, die zwar gewonnen, sich dabei aber zu schwer verletzt hatten.
Vor 14 Jahren hat der Deutsch-Ire begonnen, Pitbulls zu züchten. Er hat sie für illegale Hundekämpfe präpariert, ist mit 250 von ihnen in die "Pit" gezogen, die Arena der Hundekämpfer. Und wenn sie verloren hatten oder für Kämpfe nicht mehr taugten, hat er sie eben erschossen. "Wer das nicht aushalten kann, der hat in diesem Sport nichts zu suchen", sagt er.
Hundekämpfe gehören zu den geheimsten Veranstaltungen der Republik. Fast jedes Wochenende trifft sich die Szene, oft in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch im Ausland, vor allem in den Niederlanden. Ein bis zwei Dutzend Männer versammeln sich dann um die vier mal vier Meter große umzäunte Kampffläche und verwetten kleine Vermögen. An einem Abend werden zuweilen sechsstellige Beträge gesetzt, wenn sich Immobilienmakler, Autohausbesitzer, aber auch Beamte und Kiezgrößen zusammenfinden. Zuschauen darf nur, wer von Bürgen eingeführt wird, denn wer Hundekämpfe betreibt, verstößt gegen das Tierschutzgesetz und kann dafür im Gefängnis landen.
Das aber beeindruckt die Hundehalter wenig. Nicht einmal, als vor knapp vier Jahren in Hamburg ein Pitbull-Mischling den sechsjährigen Jungen Volkan zerfleischte, ließen sie sich irritieren. Die Bundesländer erließen Kampfhundeverordnungen, die das Züchten verboten und das Halten der Tiere einschränkten - am vergangenen Dienstag hat das Bundesverfassungsgericht das Importverbot der Bundesregierung bestätigt. Sean M. fand wie die Kollegen freilich längst eine einfache Lösung: Er fuhr zu seinem Tierarzt in Hamburg, zahlte viel Geld und ließ seine Pitbulls kurzerhand in den Impfpässen als American Bulldogs eintragen; die Rasse gilt als weniger gefährlich.
Sean M. stammt aus einer alten Hundehalter-Familie. Schon sein Großvater züchtete Pitbulls in Irland. Das ganze Dorf sei damals zu den Kämpfen gekommen, auch der Pfarrer und der Polizist, sagt er. Sein Vater war einer der Matadoren der Szene, ihm gehörten 150 Hunde. Obwohl Sean M. bei seiner Mutter in der Nähe von Hamburg aufwuchs, wollte er unbedingt weitermachen, denn er sieht sich als Vertreter einer jetzt verfolgten, aber traditionsreichen Sportart, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert in Mittelengland hat.
Britische Kolonisten brachten den "Dogfight" um 1850 in die USA, wo sich das blutige Hobby schnell ausbreitete. Obwohl die Kämpfe inzwischen fast weltweit verboten sind, gehen sie im Verborgenen munter weiter. Allein in den USA sterben nach Insider-Schätzungen jährlich 1500 Pitbulls im Kampf.
Sean M.s erster Kampfhund heißt "Vanny". Aus Sentimentalität ließ er das Tier leben. "Vanny" tue niemandem etwas, behauptet ihr Herrchen, sie sei so harmlos, dass ihr Körbchen im Kinderzimmer seines Sohnes stehe: "Wir haben unseren Hunden einen genetischen Defekt angezüchtet", sagt er, "das Programm heißt: andere Hunde zu töten. Und nichts anderes."
"Vanny" hat ihre Kämpfe alle gewonnen: in Deutschland, in Holland, in den USA, in Mexiko. Sie kämpfte so, wie Henry Maske boxt: Sie griff an und zog sich dann immer wieder zurück. Deshalb dauerten ihre Matches, wie die Kämpfe genannt werden, bis zu zweieinhalb Stunden. Und sie waren extrem blutig, weil "Vanny" viele Male zubiss und gebissen wurde, bis sie, so ihr Besitzer, recht "zerbombt aussah". Erst als ihre Gegner aus der Puste waren, langte der Hund dann immer richtig zu.
Die Vorbereitung auf ein Match ist so eintönig, als hätte ein Sportwissenschaftler der DDR das Trainingsprogramm entwickelt: 90 Minuten auf einem speziellen Laufband, zwei Stunden spazieren gehen, dann 30 Minuten Massage. Alle zwei Wochen müssen die Hunde zur Blutuntersuchung, bei der die Sauerstoff-Sättigung kontrolliert wird, darüber hinaus bekommen sie spezielle Vitamin-Cocktails und Anabolika.
Acht Wochen vor jedem Kampf beginnt diese Trainingsphase, am Tag vor dem Kampf darf der Hund dann meist noch ein halbes Kilogramm über dem vereinbarten Höchstgewicht liegen. 200 Gramm Körperflüssigkeit verliert das Tier auf der Reise, zudem noch Kot, und schon ist das Maximalgewicht erreicht. Der Todesbiss steht nicht auf dem Trainingsplan - ein Pitbull beherrscht ihn entweder von Geburt an, oder das Tier wird "weggemacht", wie Sean M. das nennt.
Verkeilen sich die Hunde beim Kampf, trennt sie der Schiedsrichter, wie beim Boxen. Der Unparteiische hebelt den Tieren dafür mit einem "Breaking Stick" aus Hartholz oder Kunststoff den Kiefer auf. Der Betreuer kann seinen Hund dann mit einem Schwamm kurz frisch machen, bis das Kommando des Schiedsrichters die Gegner wieder aufeinander hetzt. Viele Dutzend Mal geht das so, bis einer der beiden Hunde nicht mehr laufen kann und dem anderen der tödliche Biss gelingt. Manche Tiere verausgaben sich in ihrem Blutrausch dermaßen, dass sie vor Erschöpfung sterben. So erging es Sean M.s Hündin "Cream", die kurz vor einem Sieg einfach tot umfiel. Sein Verlust an diesem Abend: 15 000 Dollar.
Angst vor Fahndern hatte der Hundehalter nur einmal: Im Sommer 1998 war es hessischen Polizisten gelungen, in die Szene einzudringen. Die Kripo in Marburg ermittelte gegen zwei Brüder, die als Drahtzieher der deutschen Szene galten. "Selten war eine Ermittlung so schwierig", sagt Kriminalhauptkommissar Eckhard Lambach. "Die Beteiligten sind verschwiegener als die Leute in der Pädophilenszene."
Nach wochenlangen Observierungen schlug die Polizei zu. Das Gericht verurteilte den Haupttäter wegen 40 unterschiedlicher Vergehen zu viereinhalb Jahren Haft - doch die meisten Züchter blieben unentdeckt. Die Aufregung legte sich schnell wieder, und danach florierte das Geschäft besser denn je: Die Veranstalter bauten die Pits in Lagerhallen und Scheunen auf, auch schon mal morgens früh um fünf in Discotheken, wenn der letzte normale Gast gegangen war. Sean M.s Hunde kämpften in einem Schwulenclub auf der Hamburger Reeperbahn, aber auch in Spanien, Großbritannien, in den Niederlanden, in Tschechien, Kroatien, Japan und den USA. In seiner Wohnung hängen Erinnerungen an die großen Kämpfe, vor allem Bilder von muskulösen Hunden.
Unter einem dieser Fotos lümmelt faul "Tia". Neben "Vanny" ist sie die zweite Hündin, die der Mann behalten hat. So phlegmatisch sei sie schon immer gewesen, sagt ihr Halter. Nur in der Pit sei "Tia" ein Killer gewesen - "sie hatte den Instinkt, den wir versucht haben jedem reinzuzüchten".
Bei "Tias" wichtigstem Kampf vor vier Jahren in den USA hatten sich 500 Leute in einer abgelegenen Halle getroffen, allein bei diesem Match flossen 300 000 Dollar Wetteinsätze. Die Zuschauer wetteten auf den Sieger, sie wetteten auf die Dauer des Kampfes und darauf, ob der Verlierer tot oder lebendig die Pit verlassen würde. "Tia" sprang ihre Gegnerin sofort an und bohrte ihre Zähne in deren Brust.
Für gewöhnlich sind Pitbulls unempfindlich gegen Schmerzen, sie jaulen deshalb nie. Doch in diesem Fall quietschte der andere Hund. Nach 23 Minuten, sagt Sean, "war das Ganze gelutscht" - und der Mann aus Deutschland um 80 000 Dollar reicher.
Fünfmal hat "Tia" gewonnen, alle fünf Gegner starben in der Pit. 2001 wurde sie von "Fat Bill" Reynolds, dem Herausgeber des einstigen Szene-Blatts "American Gamedog Times", zum Grand Champion gekürt - kurz darauf musste "Fat Bill" wegen organisierter Bandenkriminalität in den Knast.
Spätestens seit diesem Kampf galt Sean M. als einer der Größten. Dabei lief auch bei ihm längst nicht alles glatt. Als "187" - eine Hündin, die nach dem amerikanischen Polizeicode für das Verbrechen Mord benannt wurde - ihren ersten Kampf in 7 Minuten, den zweiten in 15 Minuten erledigte, dachten alle, das Tier sei unschlagbar. Vor dem dritten Kampf hatte Sean sich schon ein neues Auto bestellt, es ging um 35 000 Euro. Doch in der Pit sei "187" auf einmal wie blockiert gewesen, erzählt Sean. Nach 20 Minuten habe er den Hund in den Arm genommen und sei gegangen - zum Hunde-Friedhof im Wald.
Vor zwei Jahren begann sich die Szene dann zu verändern. Seitdem kommen immer mehr Zocker aus Russland in die Wettarenen, mit neuem Geld und gekauften, nicht mehr selbst gezüchteten Hunden aus Amerika. Mit den Russen veränderten sich auch die Gepflogenheiten. Wenn die Kämpfe vorbei sind, gibt es jetzt oft wilde Schlägereien, früher hat man sich nur besoffen.
Außerdem würden diese "Macho-Idioten" aus dem Osten die Pitbulls nach einem verlorenen Kampf am nächsten Baum aufhängen oder mit dem Hammer erschlagen - unnötig grausam im Vergleich zum Genickschuss mit der 44er, meint der Deutsche. Sean M. ist kürzlich ausgestiegen. Das sei ihm alles zu unsportlich geworden, sagt er. UDO LUDWIG
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 13/2004
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