22.03.2004

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEMein Sohn, das Monster

Wie Yang Xinhai zum Serienmörder wurde
Sie hatten es aufgegeben, ihn anzusprechen, die Fernsehleute, die Zeitungsreporter: Aus dem alten Mann war kein Wort herauszukriegen. Er saß auf der anderen Straßenseite, gegenüber vom "Mittleren Gerichtshof des Volkes" in Luohe, hockte auf einer Kiste, er drehte an seinen Fingern, spuckte auf den Boden, schwieg. Er trug eine wattierte Arbeitsjacke aus blauem Drillich, eine Wintermütze, die Ohrenschützer hochgeklappt. Manchmal richtete ein Fotograf sein Teleobjektiv auf ihn: verwittertes Gesicht, stumpfer, kleiner Schnurrbart. Man sah den Mann nie essen oder trinken, er saß nur da, starrte auf den Boden, schweigend, Tag um Tag, während im Gebäude gegenüber die Richter tagten.
So groß war seine Schande.
Jeden Morgen vor Sonnenaufgang zogen Wachen auf, Polizisten mit weißen Handschuhen brachten den Angeklagten ins Gerichtsgebäude. Sein Name: Yang Xinhai. Die "South China Morning Post" nannte ihn den "Monsterkiller".
Der alte Mann auf der anderen Straßenseite kannte den Angeklagten, er hatte ihn für die Polizei identifizieren müssen, nachdem er ihn fast zwölf Jahre nicht gesehen hatte. Aber er hatte ihn erkannt, hätte ihn immer erkannt. Der alte Mann hieß Yang Junguan, er war der Vater des Monsters.
Luohe, wo der Prozess stattfand, liegt in der Provinz Henan, in Nordchina, 750 Kilometer südlich von Peking. Aber der Fall war spektakulär, im ganzen Land sprachen die Menschen von ihm als Killer, Monster, Bestie.
Yang Xinhai: Mörder von mehr als 60 Menschen, Brandstifter und Schläger, Vergewaltiger in mindestens 23 Fällen. Geboren im Juli 1968, in Zhangjia, Provinz Henan. Körpergröße: 1,62 Meter. Kräftige Statur, glattes Gesicht, kalte Augen. Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Der alte Mann saß auf seiner Kiste und drehte an seinen Fingern. Die chinesischen Kleinbauern gelten als die eigentlichen Verlierer der Wirtschaftsreformen. Der alte Mann hatte es in seinem Leben nie zu mehr gebracht als zu einer strohgedeckten Hütte. Darin ein Ofen, ein Eisenbett und eine Lampe mit einer 15-Watt-Glühbirne. Sie wurde nur eingeschaltet, wenn Gäste kamen.
Alle Hoffnungen hatte der Alte in diesen einen Sohn gesetzt: Xinhai, drittes von fünf Kindern, fleißig, klug, wenn auch zart besaitet. Als Kind konnte er kein Huhn schlachten. Aber er malte gern bunte Bilder.
Und jetzt: ein Serienmörder.
Was war passiert?
Es war im Sommer des Jahres 1985, als Yang Junguan einen Brief von seinem Sohn erhielt: Xinhai hatte den Sprung auf die obere Mittelschule geschafft, ein Internat in der nächsten Großstadt, 30 Kilometer entfernt. Die Schüler mussten ihre Verpflegung selbst stellen.
Xinhai gehörte zu den Ärmsten im Jahrgang; kaum, dass sein Vater das Schulgeld aufbringen konnte. Also suchte Xinhai sich nach dem Unterricht Wildgemüse, sammelte Blätter, Wurzeln, die er selbst zubereitete. In der 12. Klasse aber, mit 17, waren seine Verzweiflung und sein Hunger so groß, dass er seinem Vater schrieb. Der versetzte, was er noch besaß, tauschte zwei Sack Getreide ein und marschierte damit zur Schule. Doch Yang Xinhai war fortgelaufen.
Er hatte sich den Wanderarbeitern angeschlossen: jenem Heer von mehr als 100 Millionen Menschen, die durchs Riesenreich ziehen. Xinhai arbeitete in Kohleminen, auf Baustellen, malochte in Ziegeleien. Er wurde satt, doch er blieb arm. Er hauste in Zelten, Buden, beging Diebstähle, hier ein Topf, dort eine Ente, wanderte ins Gefängnis, in Arbeitslager. Aber er hatte Hoffnung: Es gab eine Frau, eine Freundin aus seinem Heimatdorf. Sie hatte versprochen, auf ihn zu warten.
1992 wurde Yang Xinhai aus einem Arbeitslager in Shijiazhuang entlassen. Er kam heim - und platzte in die Hochzeit seiner Freundin mit einem anderen. Inzwischen hatten die Wirtschaftsreformen gegriffen, alle Chinesen wollten schnell reich werden, niemand wollte warten. Yang Xinhai verließ sein Dorf ohne Abschied.
Er zog durchs Land. Diebstähle, Einbrüche, Schlägereien. Während einer Vergewaltigung biss eine Frau ihm ein Stück seiner Zunge ab, seitdem lispelte Yang Xinhai. Zeitweise führte er eine Bande an: Tagsüber bettelten, nachts stahlen sie. Sie wurden gefasst, im Jahr 2000 kam er aus dem Gefängnis frei. Aber jetzt wollte er nur noch Rache nehmen. Nur noch töten.
Er tingelte mit dem Rad von Dorf zu Dorf, in drei Jahren durch vier Provinzen. Es war eine einzige Amok-Tour: Er mietete sich in Wohnheimen ein. Benutzte Decknamen. Erdrosselte Huren, vergewaltigte Kinder, tötete ganze Familien. Erschlug sie mit Hämmern, Schaufeln, Äxten. Er führte Tagebuch darüber. Sein Gedächtnis war hervorragend, sein Wortschatz ausgesucht. Nach jedem Mord schrieb er ein kleines Theaterstück, dann verbrannte er diese Texte. Nach jedem Verbrechen warf er seine Kleidung in ein fließendes Gewässer. Er verging sich an Leichen.
Ein Monster? Ein Kranker?
Im November 2003 wurde Yang Xinhai bei einer Razzia gefasst, am 1. Februar zum Tode verurteilt, die übliche Hinrichtungsart ist der Genickschuss, die Angehörigen, heißt es, müssen danach für die Pistolenkugel aufkommen, etwa ein Yuan, zwölf Cent.
Während des Prozesses, Tag um Tag, saß Yang Xinhais Vater auf seiner Kiste, gegenüber vom Gerichtsgebäude an der Huangshan-Straße. Dort harrte der alte Mann aus, er starrte auf den Boden, einsam, schweigend, so nahm er Abschied von seinem Sohn. RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 13/2004
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Mein Sohn, das Monster

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