22.03.2004

ARCHÄOLOGIEFund am schwarzen Felsen

In den Gewässern Indonesiens barg ein Hamburger Taucher ein zwölf Jahrhunderte altes Wrack mit dem wohl größten Schatz, der je das alte China verlassen hat. Der Fund stammt vom Anfang einer vergessenen Periode - in der das Reich der Mitte eine Weltmacht zur See wurde.
Richtig klar wurde Tilman Walterfang die Bedeutung seines Fundes erst, als dieser uralte Chinese durch die Lagerhalle schritt - und vor Begeisterung Arien aus der Pekingoper anstimmte.
Monatelang hatte Walterfang immer wieder versucht, eine Reise des alten Herrn aus China nach Neuseeland zu arrangieren. Doch Geng Baochang, 81, stellvertretender Leiter des Palastmuseums der "Verbotenen Stadt" in Peking und Kurator der angesehenen chinesischen "Forschungsgemeinschaft für antike Keramik", ist trotz seines fortgeschrittenen Alters ein viel beschäftigter Experte.
Geng gilt als eine Art Reich-Ranicki des chinesischen Porzellans, als der renommierteste Kenner des weißen Goldes der Chinesen. Aber die Reise nach Neuseeland sollte für den Doyen der chinesischen Archäologie dann doch noch zu einem besonderen Trip werden: Gut ein Dutzend Mal fing der Kunstexperte an diesem Nachmittag an zu singen. Am Abend sagte er schließlich zwei Dinge: "Jetzt kann ich getrost sterben, ich habe das Schönste in meinen Leben gesehen." Und: "Eigentlich müssten die Sachen alle nach China zurück. Es sind Nationalschätze."
Was den schmächtigen Senior so in Wallung versetzte, waren uralte Keramiken und filigrane Objekte aus Gold und Silber, wie auch er sie selten zu Gesicht bekommt - schon gar nicht in dieser Masse.
Gefunden hat den Schatz der Deutsche Walterfang in einem jahrhundertealten Wrack in den Gewässern Indonesiens, nördlich der Insel Belitung - in einer Gegend, in der es auch heute noch von Piraten wimmelt, in der bittere Armut herrscht. Und weil die Fundstelle in Sichtweite eines schwarzen Riffs liegt, nannte der Schatztaucher die Cargo auf Indonesisch den "Batu Hitam"-Fund - den Schatz vom "schwarzen Felsen".
Fünf Meter hoch, bis zur Decke, stehen die Lagerregale in dem neuseeländischen Hangar. Sie sind nun gefüllt mit gut 60 000 alten chinesischen Weinkrügen und Teeschalen. In Entsalzungsbecken lagern Prachtstücke, die mehr als ein Jahrtausend lang verschollen waren. Hunderte von Künstlern und Töpfern müssen dafür einst Jahre geschuftet haben.
Die Fundstücke datieren aus der Zeit der Tang-Dynastie (618 bis 907) - damit ist dies die älteste Ladung, die Schatzsucher in Asien je dem Meer entrissen haben. Und nach jetzigem Stand der Forschung ist die Batu-Hitam-Fracht zudem das wohl bedeutendste Gesamtkunstwerk, das China im Mittelalter über das Meer verlassen hat.
"Manchmal passieren Dinge, die auf das Dramatischste die Grenzen unseres Wissens vergrößern. Die Entdeckung des tangzeitlichen Schiffswracks in der Java-See ist solch ein Ereignis", sagt der britische Archäologe John Guy, Kurator der Indischen und Südostasiatischen Abteilung am Victoria and Albert Museum in London.
In kaum einer Region der Welt dürften so viele Schätze auf dem Meeresgrund liegen wie östlich der Straße von Malakka. Das indonesische Ministerium für maritime Angelegenheiten, das gegen eine 50-Prozent-Beteiligung die Koordinaten von Wracks an Ausländer verkauft, weiß von 1188 Fundstellen.
Walterfangs Entdeckung könnte Historiker und Sinologen, die Chinakundler, laut Geng "für Generationen" beschäftigen. Denn der Schatz stammt aus einer vergessenen Periode, in der Chinas Herrscher verstärkt ihren Einfluss jenseits der eigenen Grenze geltend machten. Es war eine Blütezeit des Handels; Seide und feine Keramik wurden zu Exportschlagern des Landes. Sie brachten über die Jahrhunderte einen solchen Reichtum, dass China in den folgenden Dynastien die erste Großmacht zur See wurde - lange vor den Engländern, Spaniern oder Portugiesen. Und das Batu-Hitam-Wrack markiert den Anfang dieses rasanten Aufstiegs vom Agrarland zur Seemacht.
Neben der Keramik fanden Walterfangs Leute auch Gold - nicht viel, aber für Historiker hochinteressant. "Erst wollte ich gar nicht glauben, was da vor mir lag", sagt Lothar Ledderose, ausgewiesener Kenner der ostasiatischen Kunstgeschichte und Professor in Heidelberg. Walterfang hatte ihn vor zwei Jahren um eine erste Expertise gebeten. Der Fund, sagt Ledderose, "ist eine kulturhistorische Sensation". Mehr als das Gold beeindruckt ihn aber die Keramik aus dem Rumpf des Wracks.
So bedeutsam wie der Fund, so phantastisch ist die Geschichte seiner Entdeckung. Walterfang, 47, ist begeisterter Sporttaucher, doch konnte der gebürtige Hamburger mit chinesischen Scherben auf dem Meeresgrund eigentlich nichts anfangen. Er leitete als Maschinenbaumeister ein Werk für Betonfertigteile in der Rhön.
Anfang der neunziger Jahre aber erzählte ein indonesischer Arbeiter des Werks wilde Geschichten von Goldschätzen und Schiffswracks. Walterfang ging der Sache nach, schrieb Briefe und forschte in Bibliotheken. In den Sommerferien 1995 flog er dann nach Südostasien. Was nur ein Abenteuerurlaub werden sollte, veränderte sein Leben.
Der Arbeiter stammte aus Belitung. Die Insel liegt in der Karimata-Straße zwischen Sumatra, Borneo und Java. Die Böden sind sandig und karg, die Leute bitterarm, die Malaria grassiert, und kaum irgendwo auf der Welt gibt es mehr Piraten als in den Gewässern um Belitung. Manchmal verschwinden ganze Boote samt Besatzung, nur weil jemand einen neuen Außenbordmotor braucht. Es ist eine der gefährlichsten Ecken des muslimischen Staats.
Die jungen Männer auf dem Eiland fristen ihr Leben meist als Seegurkentaucher. Stundenlang stapfen sie auf der Suche nach der Delikatesse nur mit Taucherbrille und Badehose ausgestattet über den Meeresboden. Die Atemluft pumpen ihnen altersschwache Kompressoren an Bord von Fischerbooten durch Gartenschläuche direkt in die Masken. Tödliche Unfälle sind häufig.
Doch immerhin verfügen die Männer über einen einträglichen Nebenverdienst. Vor der Insel liegt der größte Schiffsfriedhof Asiens. Hier kreuzten sich einst die Handelsrouten von China nach Indien und von Arabien nach Japan. Die knapp unter der Wasseroberfläche gelegenen Riffe und Sandbänke wurden manchem Kapitän zum Verhängnis.
Immer wieder finden die Seegurkentaucher von Belitung deshalb alte Scherben und Metallobjekte im Sand, die sie an Antiquitätenhändler in der Inselhauptstadt verkaufen. Walterfang freundete sich schnell mit den ausgemergelten Gestalten an. Als er nach Tagen mit Maske, Gartenschlauch und T-Shirt ins Meer stieg, fand er gleich zwei Wracks.
Im Herbst 1997 tauschte Walterfang dann den tristen Alltag im deutschen Betonwerk gegen die wildromantische Strandvilla eines geschassten indonesischen Ministers. Der Hamburger lebte fortan so abgeschieden wie der alte Nelson, eine schrullige Gestalt in Joseph Conrads Tropenroman "Freya von den Sieben Inseln" - mit Blick auf sturmgepeitschte Palmen und das türkisfarbene Meer. Damit nachts nicht Banditen über das Anwesen herfielen oder die Fundstelle plünderten, stellten Marineoffiziere Soldaten vor die Tür und schickten ein Begleitboot zu den Tauchgängen.
Was anfangs eine recht improvisierte Schatzsuche war, wurde schnell zum ausgewachsenen Bergungsunternehmen, das auch Unterwasserarchäologen beschäftigte. Zusammen mit dem deutschen Unternehmerspross Mathias Dräger gründete Walterfang die Bergungsfirma "Seabed Explorations". Der junge deutsche Betriebswirt Nicolai von Uexküll fand einen finanzkräftigen Sponsor aus seiner Verwandtschaft.
Mit ihrem Fischerboot "Kencana" tuckerte die internationale Crew bald immer häufiger zu den Fundstellen. Die Seegurkentaucher vertrauten auf ihre Gartenschläuche, Walterfang und seine Kumpane auf einfache Tauchausrüstungen. Bald ortete die Gruppe auf dem Meeresboden Krüge und Kanonen aus der Zeit der Ming-Dynastie (1368 bis 1644). Und als Walterfang um Ostern 1998 ein weiteres Wrack inspizierte, tauchten Männer aus dem Nachbardorf vor seiner Herberge auf.
Sie hatten mit Korallen und Algen verkrustete Teller und Krüge mitgebracht. Bald stellte sich heraus, dass die aus der Tang-Dynastie stammen könnten. Und der australische Unterwasserarchäologe Michael Flecker sagte Walterfang, dass wohl noch nie so weit weg von China solch alte Keramik gefunden worden sei.
Es war Ostersonntag. Als die Mittagshitze etwas nachgelassen hatte, ließ Walterfang sich zu jener Stelle bringen, an der die Einheimischen die Keramik gefunden hatten. Dort zwängte er sich in seinen schwarzen Neopren-Anzug, schnallte eine Pressluftflasche um und tauchte. Als sein Tiefenmesser 17 Meter anzeigte, landete er auf etwas, das wie ein Korallenriff aussah. Bei genauerem Hinsehen entpuppte es sich jedoch als ein Hügel aus gut erhaltener Keramik.
Am nächsten Morgen flog Walterfang nach Jakarta, wo er die Fundstelle bei der zuständigen Behörde registrieren ließ. Ohne diese Genehmigung wäre die Bergung ein schweres Vergehen.
Doch die ersten Experten daheim in Europa waren skeptisch, als Walterfang mit Tang-Fundstücken auftauchte und seine Geschichte erzählte. Einige belächelten ihn, andere taten ihn als Spinner ab. Denn phantastische Erzählungen über vermeintliche Schätze und den sagenhaften Reichtum, der damit zu machen sei, kursieren genauso viele, wie es abgebrannte Abenteurer und verkrachte Existenzen zwischen Bangkok, Manila und Jakarta gibt.
Freilich entspringen die Geschichten von sagenhaften Wracks und verschwundenen Dschunken, randvoll mit chinesischem Kaiserporzellan, nicht nur der Phantasie von Abenteurern. China beherrschte einst die Weltmeere, war Quelle der kulturellen Bereicherung von Kyoto in Japan bis Calicut in Indien - und exportierte seine Keramik in Länder an den Gestaden von Pazifik und Indischem Ozean. Walterfangs Fund markiert den Beginn dieser Epoche, in der China schließlich zur maritimen Großmacht aufstieg.
Denn schon zur Zeit der Tang-Kaiser machten zwei einzigartige Produkte die Kaufleute der damaligen Hauptstadt Chang'an reich: Seide und Keramik. Der Stoff aus den Kokons des Maulbeerspinners gelangte auf dem Rücken von Kamelen und Pferden über die Seidenstraße durch die Wüsten Zentralasiens nach Persien, in die arabische Welt und sogar bis Ostafrika. Für das zerbrechliche Tongeschirr aber, das noch nicht bei so hoher Temperatur gebrannt werden konnte wie in späteren Jahrhunderten Porzellan, war die Landroute schlecht geeignet. Entlang der südchinesischen Küste, rund um die Hafenstädte, entstand deshalb ein industrieller Speckgürtel von Manufakturen. Eine ganze Dienstleistungskette von Bankiers, Spediteuren und Zwischenhändlern sorgte für die Verschiffung der Güter übers Wasser in den "südlichen Ozean" - das nennen Historiker die "Seidenstraße zur See".
Bald verbreitete sich der Ruf von der Kunstfertigkeit der chinesischen Meister über den halben Erdball und zog Handwerker und Händler aus anderen Ländern ins Reich der Mitte.
Trotzdem blieb die Seidenstraße zur See lange weitgehend eine Einbahnstraße. Die Chinesen schipperten ihre erlesenen Waren auf die Ostseite des Isthmus von Kra, an die Landenge zwischen dem Südchinesischen Meer und dem Indischen Ozean. Weiter kamen damals ihre Küstenkähne, die Sampans, nicht. Malaiische Kulis schleppten die Schätze dann durch die brütende Hitze des Dschungels. Auf der anderen Seite warteten Araber, Inder und Perser. Sie brachten die Kostbarkeiten auf ihren seegängigen Dhaus nach Indien oder auf die arabische Halbinsel, bis nach Mekka, Medina und in den Osten Afrikas.
So verbreiteten die chinesischen Produzenten zwar ihre Waren - doch als Hersteller machten sie wenig Profit. Denn nur wer selbst den Seehandel im Indischen Ozean kontrollierte, konnte auch die großen Gewinne mit den mittelalterlichen Luxusgütern "made in China" einstreichen. Und diese Profite steckten einstweilen die arabischen Reeder ein. Das ärgerte Song-Kaiser Gaozong. Im Jahre 1132 befahl er den Aufbau der chinesischen Handels- und Kriegsmarine, der schwimmenden "Großen Mauer".
Der Erfolg gab ihm Recht; schon 1159 konnten fünf Prozent der Staatseinnahmen aus Exportsteuern erzielt werden. Die Expansion begünstigte zudem Wissenschaft und Forschung. Hofbeamte studierten arabische Methoden der Navigation, entwarfen eigene See- und Sternenkarten. Song-Seeleute nutzten den Kompass (fast 200 Jahre vor den Europäern), den sie nach "Süden zeigende Nadel" (Zhinanzhen) nannten.
Kein Land der Erde konnte bald auch eine so große Tonnage vorweisen wie China; 1237 taten schon 52 000 Matrosen auf den Schiffen der Song-Kaiser Dienst. Doch das rettete die Chinesen nicht - ein halbes Jahrhundert später kam der gefährlichste Feind auf dem Landweg: Die Song-Armee unterlag den Reiterhorden der Mongolen.
Der Sieg der wilden Reiter des Khubilai Khan, Enkel von Dschingis Khan, begünstigte den Aufstieg zur seefahrerischen Großmacht freilich noch. Khubilai Khan investierte und ließ mächtige Schiffe bauen - das Hauptschiff einer Flotte konnte 300 Tonnen Güter und 600 Passagiere an Bord nehmen. Es war dann auch dieser Größenwahn, der den Niedergang der Mongolenherrscher einleitete. Mit 150 000 Mann an Bord von 4500 Schiffen stach die Kriegsflotte 1281 in See. Das Ziel: auch Japan untertan zu machen. Doch ein Taifun, den die Japaner "Kamikaze" ("Götterwind") nannten, drückte die schweren Schiffe an die Küste. Dort töteten japanische Kämpfer die meisten ihrer Feinde - bis zum Zweiten Weltkrieg blieb das die größte Seeschlacht der Geschichte.
Dass die Mongolenherrscher sich davon nicht erholten und 1368 ihre Macht an die chinesische Ming-Dynastie verloren, tat der weiteren Expansion der Seefahrer aus dem Reich der Mitte jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil.
Kaiser Zhu Di (1402 bis 1424) ließ die größten Holzschiffe aller Zeiten erbauen - Dschunken mit mehr als 130 Meter Länge und mit 600 Mann Besatzung. In der kurzen Periode von 1405 bis 1433 brach die "Schatzflotte" unter dem Kommando des Hof-Eunuchen Zheng He zu insgesamt sieben Reisen an den Rand der chinesischen Welt auf. Begleitet wurden die Schiffsmonster aus Fernost von mehreren hundert Versorgungsschiffen. Alles in allem hatte die Flotte eine Crew von gut 28 000 Mann.
Von Nanjing aus, der damaligen Hauptstadt der Ming-Dynastie, segelte die Armada des Zheng He den Yangtze hinunter. Die Schiffe waren mit pyrotechnischer Hochtechnologie ausgestattet, die jeden europäischen Kriegsherrn des Mittelalters vor Furcht hätte erblassen lassen. Unter den bis zu 300 unterschiedlichen Sprengladungen, die von Spezialisten abgefeuert wurden, befanden sich solch Furcht erregende Geschosse wie die "Fei tian pentong" ("Himmel fliegende Spritzrohre") - Schwarzpulverladungen, deren eingewirktes Papier die gegnerischen Segel in Brand setzte.
Von so viel Sprengkraft geblendet, unterwarfen sich reihenweise asiatische Kleinstaaten, etwa Semudera und Deli auf Sumatra; auch der mächtige König von Siam und der Sultan von Brunei akzeptierten China als Ordnungsmacht in ihrer Welt. Der hünenhafte Zheng He vernichtete auf der Fahrt durch die Straße von Malakka eine Piratenflotte und tötete über 5000 Seeräuber, er schlichtete Streit zwischen Nachbarstaaten und schleppte Usurpatoren, wie König Alakeswara aus Ceylon, nach China, um dort über deren Herrschaftsanspruch zu richten: China war zu den USA des Mittelalters geworden - zu einer Macht, an der niemand vorbeikam und die ihre Hemisphäre beherrschte.
Seefahrer Zheng He erweiterte auf anderen Expeditionen den politischen Horizont der Kaiser bis jenseits des Indischen Ozeans. Zheng Hes Stellvertreter, der Eunuch Zhou Man, nahm Kurs auf Aden und segelte vorbei am heutigen Mogadischu bis nach Malindi in Kenia an der afrikanischen Ostküste. Das mingzeitliche China war damit die erste globale Seefahrernation.
Als Kaiser Zhu Di 1421 die neue Residenz, die Verbotene Stadt in Peking, offiziell bezog, waren am Hof Tausende ausländische Gesandte. Doch bald darauf starb der Kaiser. Nach dem Tod seines Mentors trat Zheng He nur noch eine Reise an: Seine siebte Expedition war ein systematisches Erkundungsunternehmen. Während einige Boote sich nach Dschidda wandten, segelten die anderen in Richtung Persischer Golf. Auf der Rückfahrt nach China starb Zheng He im Jahr 1433.
Kurz danach verloren die Eunuchen als Berater am Kaiserhof ihren Einfluss. Konfuzianer übernahmen die Macht, sittenstrenge und sehr vorsichtige Beamte. Sie forderten, die Landwirtschaft wieder in das Zentrum der Politik zu stellen - und von der unseligen Seefahrt die Finger zu lassen. Denn Zheng Hes teure Fahrten hatten dazu beigetragen, eine schwere Finanzkrise auszulösen. Die Macht des Kaisers war in Gefahr. Radikal beschloss die Ming-Dynastie, ihre gesamte Hochseeflotte abzuwracken. Und der Kaiser gelobte, sich künftig auf sein Land zu konzentrieren. Das war das Ende der Seemacht China.
Walterfang wusste zunächst nicht, dass sein Fund den Anfang jener glorreichen Zeit markierte, die endete, als der Eunuch Zheng He starb. Er konnte es auch nicht wissen: Noch nie war eine bedeutende Schiffsladung aus der Tang-Dynastie gefunden worden.
Erst mal gingen seine Leute daran, die ganze Ladung freizuräumen. Mit "Liftingbags" genannten Luftsäcken hoben sie unter Wasser Korallenbrocken beiseite, die die Fracht überwuchert hatten. Jetzt erst zeigte sich die Größe des Fundes. Ein Berg aus Keramik - Krüge, Teller und Tassen - von gut 30 Meter Länge und 10 Meter Breite lag da im Sand. Nachdem die größeren Stücke geborgen waren, saugten die Taucher den Meeresgrund mit einer Art Unterwasserstaubsauger ab. In einem Sieb an Bord des Bergungsschiffes blieben so auch Kleinteile hängen - wie ein Spielwürfel aus Elfenbein, mit dem wahrscheinlich Matrosen um ihre Heuer gezockt hatten.
Am Strand entstanden Wasserbecken, in denen jeweils gut 1300 Keramikgefäße zwischengelagert wurden. Doch bald drohte die Menge der Fundstücke die Truppe zu überfordern. Als dann nach dem Monsun Walterfang im November 1998 eines Nachmittags 7 massive Goldteile und wenig später 22 Silbergefäße barg, begann er um seinen Fund zu fürchten.
Bislang hatte er seine Fortschritte halbwegs geheim halten können - die Nachricht von dem Gold verbreitete sich nun aber wie ein Lauffeuer auf der Insel. Die Regierung riet, das Edelmetall in Sicherheit zu bringen. Mit Zustimmung der indonesischen Behörden schaffte Walterfang die Fundstücke nach Jakarta. Zur wissenschaftlichen Analyse kam das Gold dann an die Uni Heidelberg. Die Keramik hingegen sollte nach Neuseeland gehen, weil dort die Arbeitskosten niedriger sind als in Europa.
Jetzt erst begann der eigentliche Krimi, die Entschlüsselung des Fundes; die wichtigsten Fragen bei dieser Sisyphusarbeit im neuseeländischen Keramikdepot lauteten: Von wem stammt das Schiff? Welchen Hafen hat es wann verlassen? Lässt sich gar ermitteln, wer an Bord war oder wo die Landung hingeschafft werden sollte?
Einen ersten Anhaltspunkt lieferte die schwarze Tusche-Inschrift am Boden zweier hellbraun glasierter Schalen. Sie lautete: "Am sechzehnten Tag des siebten Monats im zweiten Jahr der Regentschaft von Kaiser Jingzong". Das war im Jahr 826.
Natürlich ist denkbar, dass die Stücke bereits als Antiquität auf die Reise gingen. Zu Hilfe kam Walterfangs Leuten dann jedoch die Tatsache, dass Reste von Anis und Rosinen, die in einem versiegelten Tonkrug als Schiffsproviant gelagert worden waren, wie vakuumverpackt die Zeit am Meeresgrund überdauert hatten. Eine Radiocarbon-Analyse der neuseeländischen Waikato-Universität ergab, dass die Vorräte der "Zeitspanne von 680 bis 890" entstammten - das Batu-Hitam-Schiff dürfte China also zur Zeit der Tang-Kaiser verlassen haben.
Auch bei der Bestimmung des Hafens kam dem Restaurator Andreas Rettel ein Zufall zugute. Unter stark korrodierten Metallobjekten befand sich ein Bronzespiegel. Ein Röntgenapparat zeigte verborgene Schriftzeichen in dem Stück, die Rettel unter dem Mikroskop mit dem Diamantbohrer freilegte. Sie gaben als Herstellungsdatum, nach westlicher Zeitrechnung, den 23. Dezember 758 an - und enthüllten die Herkunft: "Hundertmal geschmolzen in der Stadt Yangzhou am Yangtze-Fluss" stand da.
Der australische Unterwasserarchäologe Flecker nahm zudem Proben von Kiel, Mast und Planken des Wracks. Sie wurden einer chemischen Analyse unterzogen: Das Schiff war aus indischen und afrikanischen Hölzern gebaut.
Auch die Konstruktion des knapp 30 Meter langen Gefährts wies auf arabische Ursprünge hin: Die Planken wurden wohl von Seilen zusammengehalten, so wie es heute in Teilen der arabischen Welt und im Osten Afrikas noch üblich ist. "Man kann davon ausgehen", sagt Flecker, "dass eine Crew von Arabern und Indern an Bord war, die von Yangzhou bis in eines der Kalifate der arabischen Welt segeln wollte, bevor sie im Sturm auf Belitung ihr Ende fand."
Die Seeleute waren also jene Händler, deren übermäßiger Profit Chinas Kaiser schließlich zum Aufbau der eigenen Flotten getrieben hatte. Nur: An Bord waren Fundstücke, die eine kunsthistorische Sensation darstellen.
Es sind drei Tellerchen aus Blau-Weiß-Keramik, einer Art jenes legendären Blau-Weiß-Porzellans, von dem Historiker bisher glaubten, dass es erst 1327 in der Provinz Zhejiang aus dem Ofen genommen wurde.
Hier aber lag blau-weiße Keramik auf einem Schiff, das etwa 500 Jahre früher gesunken war. Womöglich hatte das Dekor im frühen China keinen Gefallen gefunden und war lange in Vergessenheit geraten, bevor es im Süden neu erfunden wurde und sich später großer Beliebtheit erfreute.
Auch Gold und Silber verblüfften die Experten. Nach heutigem Stand der Archäologie hat nie ein vergleichbarer Edelmetallschatz das alte China verlassen - hier aber lag er. "Es kann sich nur um ein diplomatisches Geschenk gehandelt haben", meint der französische Archäologe François Louis, "das die besondere Wertschätzung des Tang-Hofes für die Beziehungen zu diesem Staat dokumentiert."
Hätte er Recht, so wäre das für die chinesische Geschichtsschreibung ein Schlag, denn stets empfand sich China als jene Macht, der Anrainer Tribut zollen mussten. Sahen sich die Tang-Kaiser nun vielleicht doch anders? Mussten sie verhandeln, für etwas danken, etwas bezahlen?
Der kommerzielle Wert der Ladung leuchtete freilich nicht jedem sofort ein. Bei dem ersten Kontakt zum Auktionshaus Sotheby's riet China-Direktor Henry Howard-Sneyd, den Fund schnell unter den Hammer zu bringen: "Das Bauernporzellan der Schalen" werde ja ohnehin nur "fünf Pfund das Stück" bringen.
Walterfang aber ignorierte "den Unsinn", wie er sagt, er wollte den Fund zusammenhalten und konservierte die Batu-Hitam-Fracht - was seine Investoren bisher gut sieben Millionen Dollar gekostet hat.
Im Frühjahr meldeten sich die Experten von Sotheby's dann wieder und revidierten ihre erste Bewertung. Mittlerweile interessieren sich aber auch drei Städte für den Erwerb der gesamten Ladung: Doha in Katar, Shanghai in China und Singapur. Am weitesten sind die Verhandlungen in Singapur fortgeschritten, wo ein Museum für den Fund entstehen soll.
Professor Geng aus Peking mag deshalb auch noch keineswegs "getrost sterben", wie er Walterfang gesagt hatte. Jüngst bedeutete er einem Besucher, dass er bei der Museumseröffnung auf jeden Fall dabei sein will. JÜRGEN KREMB
Von Kremb, Jürgen

DER SPIEGEL 13/2004
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