DER SPIEGEL



SEUCHENFORSCHUNG

Arsenal des Todes

Von Evers, Marco

Zur Abwehr von Bioterrorismus entstehen überall in den USA neue Labore, in denen an Killerviren geforscht wird - mit erheblichen Risiken.

Galveston ist Unheil gewohnt, regelmäßig ziehen Hurrikane über die vor Texas gelegene Insel. Der schlimmste Orkan, der die USA je erreichte, zerstörte am 8. September 1900 fast alle Häuser und tötete über 6000 Menschen.

Jetzt kommt die Pest nach Galveston.

Ausgerechnet diese Insel im Hurrikan-Gebiet haben die Amerikaner auserkoren, ein Arsenal des Todes zu beherbergen. In einem schlichten Gebäude der University of Texas ist gerade hinter extradicken Mauern ein Labor der höchsten Sicherheitsstufe 4 fertig gestellt worden. In diesen Tagen wird es beliefert mit ersten Killern - etwa den Erregern von Horrorkrankheiten wie Ebola, Lassa und Krim-Kongo.

Und das ist erst der Anfang. Bisher gab es nur drei Hochsicherheitslabore in den USA, und die Forscher mussten sich dort drängeln. Das ist für immer vorbei. Für 120 Millionen Dollar wird in Galveston bis 2007 das "National Biocontainment Laboratory" errichtet: ein Mega-Laborkomplex für Hunderte von Forschern. Ein Zwillingsinstitut ist in Boston geplant, weitere Großlabore in Montana und Maryland; und gleich neun kleinere Regionallabore der Sicherheitsstufen 2 und 3 werden über das Land verteilt.

Die USA betreiben einen beispiellosen Ausbau ihrer Forschungskapazität auf den Gebieten der Biowaffen und neuen Infektionskrankheiten wie Sars oder Vogelgrippe. Gefördert mit Milliardensummen aus

Washington stürzen sich Tausende Wissenschaftler an Universitäten, öffentlichen Instituten und Firmen auf die Arbeit an todbringenden Viren und Bakterien. "Biodefense" lautet ihr Auftrag; denn die immer noch ungeklärten Anthrax-Anschläge im Herbst 2001 haben offenbart, dass die Amerikaner gefährlich wenig wissen über die Waffen von Bioterroristen.

In Zukunft jedoch, so mahnen Forscher, wissen sie gefährlich viel. Immer drängender wird das Problem, wie die zu erwartenden Forschungsergebnisse vor Missbrauch geschützt werden können. Manche Experten fordern bereits offen Zensur.

Noch herrscht ausgelassene Goldgräber-Stimmung. Vier Tage lang trafen sich AntiBioterror-Forscher Anfang März auf einer Tagung in Baltimore zum Expertenplausch über sowjetisches Anthrax und neue Impfstoffe gegen die Pocken. Gail Cassell, der Organisator der Konferenz, war hoch zufrieden. Hätte das Treffen vor wenigen Jahren stattgefunden, sagt er, wäre die Forscherschar "viel kleiner und viel älter" gewesen. Jetzt aber waren mehr als 800 gekommen - viele darunter, die den Antiterror-Kampf als Karrierechance für sich entdecken.

Dutzende Universitäten haben sich neue Zentren für die Erforschung des Bioterrorismus zugelegt, denn sie sind Garanten für reichliche Geldströme aus Washington. Unzählige junge Biotech-Firmen und viele Pharma-Riesen melken die diversen Anti-Bioterror-Etats in Höhe von insgesamt über sieben Milliarden Dollar. Der Bedarf an Sensoren, Tests, Impfstoffen und Medikamenten scheint fast grenzenlos.

Der Forschungsvorstoß lässt viele Durchbrüche erwarten - und dennoch ist das Getummel nicht allen geheuer. Richard Ebright von der Rutgers University hätte lieber nur ein einziges neues Hochsicherheitslabor gesehen - und zwar in Fort Detrick, dem medizinischen Forschungszentrum des Pentagons. Die Armee sei besser als eine Universität in der Lage, ein Institut voller tödlicher Erreger zu bewachen. Ihn beunruhigt auch, dass die Zahl der Personen mit Zugang zu Killerviren so schnell steigt: "Es erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Freisetzung."

Ebenso argumentiert Reinhard Kurth, der Leiter des Berliner Robert Koch Instituts. Der Virologe berichtet von "jeder Menge Unfällen" in Laboren, bei denen gefährliche Erreger entwischt sind (siehe Interview). Mehr noch als Zwischenfälle fürchten manche Experten aber das, was die Forscher planmäßig tun werden. "Hier wird Information erzeugt", sagt Elisa Harris von der University of Maryland, "die missbraucht werden kann, um neue Biokampfstoffe herzustellen oder existierende tödlicher zu machen."

In der Biologie produzieren Forscher laufend so genanntes Dual-Use-Wissen - es kann für oder gegen die Menschheit benutzt werden. Eckard Wimmer von der University of New York hat schon vor zwei Jahren mit normalem Laborgerät ein synthetisches Polio-Virus hergestellt. Den genetischen Bauplan für den Erreger fand er im Internet. Wimmer brauchte noch drei Jahre für sein Projekt. Craig Venter, der Enträtsler des menschlichen Genoms, hat kürzlich in nur 14 Tagen ein synthetisches Mini-Virus gebaut. Sein Ziel ist die Erschaffung einer künstlichen Bakterie - eines Franken-Keims, den er programmieren will, um etwa Wasserstoff herzustellen oder Radioaktivität abzubauen. Terroristen würden andere Anwendungen einfallen.

Extremes Missbrauchspotenzial ist auch gegeben bei der Arbeit von Mark Buller von der University of St. Louis. Er hat die Mäusepocken genetisch frisiert. Er hat den Viren - nahen Verwandten der ausgerotteten Menschen-Pocken - ein paar Extra-Gene eingebaut und sie auf diese Weise in besonders effiziente Killer verwandelt: Kein Medikament und auch keine Impfung konnten damit infizierte Mäuse retten.

Bei den Centers for Disease Control (CDC) in Atlanta fingert die Medizinerin Jacqueline Katz gerade am 1997 aufgetretenen Erreger der Hongkong-Vogelgrippe. Sie will das so genannte H5N1-Virus, das damals sechs Menschen tötete, in eine Version verwandeln, die leichter Menschen befällt. Ihre Forschung soll helfen, neue gefährliche Stränge schneller zu identifizieren, wenn sie in der Natur auftauchen. So soll eine Wiederholung der Spanischen Grippe verhindert werden, an der 1918 weltweit 20 Millionen Menschen starben. Doch viele Forscher halten das Vorhaben für hochriskant.

Anfang März hat die Bush-Administration die Bildung eines neuen Gremiums beschlossen, das Wildwuchs bei Forschungen an tödlichen Keimen regulieren soll. Das "National Science Advisory Board for Biosecurity" soll Richtlinien entwickeln, wie Wissenschaftler wichtige Forschungsergebnisse vor Missbrauch schützen können. Die Richtlinien, kritisiert Elisa Harris, werden aber nur den Charakter von Empfehlungen haben: "Das sind Papiertiger."

Seit Juni 2001 arbeitet Harris selbst an Plänen, wie sich potenziell gefahrvolle Forschungen regulieren lassen. Jetzt fordert sie ein weltweit gültiges Kontrollsystem in allen "Life Sciences", das hinauslaufen könnte auf eine Abkehr vom Gedanken der Offenheit, der bisher die Wissenschaft befruchtet: Wer an Dingen forsche, die zum Missbrauch geeignet seien, müsse im Besitz einer Lizenz sein. Aufsichtsgremien könnten bestimmte Experimente unterbinden oder in andere Hände geben.

In Galveston immerhin haben sich die Forscher Gedanken gemacht, wie sie sich schützen können vor einem neuen Hurrikan. Sobald sich ein übler Sturm der Insel nähert, geloben sie, alle infizierten Versuchtstiere zu töten und zu verbrennen.

Die Anwohner sind zufrieden. Sie haben ihren ursprünglichen Protest aufgegeben. MARCO EVERS

* Elektronenmikroskopische Aufnahme der Viren (gold eingefärbt) im Gewebe; influenzakranke Soldaten der schwedischen Armee werden in einer Turnhalle medizinisch versorgt (1918).

DER SPIEGEL 13/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 13/2004

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

SEUCHENFORSCHUNG:
Arsenal des Todes

TOP



TOP