22.03.2004

BUCHMESSE

Die glücklich geteilte Nation

Von Broder, Henryk M. und Mohr, Reinhard

Fast 15 Jahre nach dem Fall der Mauer ersetzt eine witzig-melancholische Selbsterforschung den oft polemischen deutschen Ost-West-Streit vergangener Jahre. Eine ganze Reihe von auffälligen Buch-Neuerscheinungen sichtet mit frischem Blick die "blühenden Landschaften" der vereinten Republik.

Im Sommer 2003 tauchte sie noch einmal in voller Schönheit auf, die Deutsche Demokratische Republik. Kati Witt streifte lachend ihr blaues FDJ-Hemd über den eislauftrainierten Astral-Körper, stinkende Trabis knatterten über die Bühne, und zur Klampfe sang man noch einmal gemeinsam die schönen alten Lieder: "Bau auf, bau auf ..."

Im milden Licht und den bunten Farben der Fernseh-"Ostalgie-Shows" mutierte am Ende sogar noch die Stasi zur irgendwie schrägen Folklore. Ein letztes Mal wurde die 1990 untergegangene DDR beschworen und gefeiert; seitdem ist sie mausetot. Der Triumph des Kinofilms "Good Bye, Lenin!" beim deutschen Publikum bedeutete zugleich: "Goodbye, DDR!"

Fast vergessen scheinen mittlerweile die jahrelangen, oft polemischen Auseinandersetzungen über die Arroganz der Wessis und die Jammerei der Ossis. Wenn deutsche Bürger heute klagen - ob über Sozialabbau, Rentenklau oder Kulturverfall -, dann meist in bester nationaler Eintracht.

Der 75. Geburtstag von Christa Wolf, der Repräsentantin der DDR-Literatur, wurde vergangene Woche in aller Ruhe begangen, ohne dass, wie noch vor Jahren, erregte Feuilleton-Debatten über ihre ambivalente Haltung zum "real existierenden Sozialismus" (samt IM-Tätigkeit) und die globale Zukunft des Kapitalismus vom Zaun gebrochen worden wären.

Gewiss hat auch das Entsetzen über die neue Dimension des weltweiten Terrors das Gezeter über deutsch-deutsche Verkrampfungen auf angemessene Weise relativiert und entdramatisiert. So ist es beinah konsequent, dass diverse Buch-Neuerscheinungen dieses Frühjahrs eine neue Phase deutscher Selbstbetrachtung zu eröffnen scheinen - kaum geprägt von Ideologie und Polemik, dafür bestimmt von nüchterner Beobachtung und skeptischer Ironie.

"Blühende Landschaften" heißt das gerade erschienene Buch des 30-jährigen Autors Peter Richter, der in Dresden geboren wurde, 1993 nach Hamburg zog und nun in Berlin lebt. Es ist charakteristisch für den Beobachterblick einer jüngeren Generation: spöttisch und pointiert, aber ohne jede Spur von prononciertem Willen nach Grundsatzdebatte und Weltveränderung.

In der autobiografisch beglaubigten Ich-Form erzählt der Kunsthistoriker und Journalist die Geschichte eines jungen, keineswegs anpassungswilligen Ostdeutschen, der als kaum 20-Jähriger in den Westen aufbrach. Auffallend ist der scharfe Blick, der die Präzision eines Gerichtsmediziners verbindet mit der zwanglosen Fröhlichkeit eines Zauberers. Dabei weiß Richter wohl oft selbst nicht genau, was er gleich aus dem Hut holen wird - Hauptsache, laut und bunt. Rund um den (Ost-)Berliner Kollwitzplatz, jenes Zentralrevier schwäbisch-rheinländischer Einwanderung, hat der aufgeweckte Landeskundler zum Beispiel jede Menge "westdeutscher Dachgeschossdeppen" entdeckt, die "Austern schlürfend über die Straße rennen", um sich im nächstgelegenen Bioladen ihr erdverbundenes Frischgemüse zu besorgen: Ökologisch bewusste "Zuzügler und Kolonialisten", wohin das tränende Ossi-Auge blickt.

Der Autor selbst bezeichnet seine grellen ethnologischen Forschungen als gut gelaunte "Heimatkunde": "Ich finde Deutschland so großartig, weil es so komisch ist", bekennt Richter, der einen alten BMW fährt, die Musik der Böhsen Onkelz liebt, gern spät aufsteht, Latte Macchiato verabscheut und zweimal in der Woche zum Boxen geht.

Statt sich über alles und jedes zu empören, wie es sich für anständige deutsche Intellektuelle geziemt, schildert Richter mit maliziösem Staunen die komplizierten Balzrituale geschlechtsreifer Wessis: "Vor den Sex hat der Anstand im Westen ausgiebiges und ruinöses Essen gehen gesetzt. Umgedreht wäre es natürlich praktischer, hinterher hat man ja meistens mehr Hunger."

Analytische Nonchalance verbündet sich hier mit einer ausgeprägten Pointenseligkeit - etwa wenn die notorische Anstrengung beschrieben wird, "sich durch Lebensart zu ent-deutschen", vor allem durch den exzessiven Verzehr von Mozzarella und Rucola-Salat, am besten mit gerösteten Pinienkernen bestreut und Balsamico-Essig veredelt. Stets geht es in Richters kurvenreicher Prosa um "eine Ethnografie von Lebensweisen und Lebenslügen der Deutschen in der Gegenwart".

In ganz ähnlicher Absicht hat sich der Reporter und Schriftsteller Axel Hacke, 48, auf eine Reise durch die deutschen Lande gemacht, die ihn auch in jenes viele Jahre lang nach allen Seiten abgeriegelte Dorf führte, das dem ehemaligen innerdeutschen Grenzübergang Marienborn seinen Namen gab. Ob er in Halberstadt einem fast vergessenen Dichter nachspürt oder einen malenden Münchner Straßenkehrer porträtiert - die Deutschland-Erkundung Hackes folgt immer dem gleichen Credo: "Das Gemeinsame interessiert mich persönlich nicht besonders, nirgends. An den Menschen ist doch nur das Besondere von Bedeutung."

Der gleichen Devise folgt die 31-jährige Berlinerin Jana Simon in ihrem gerade erschienenen Reportagenband. Minutiös und virtuos beschreibt sie all die großen und kleinen kulturellen Differenzen in der oft krumm zusammenwachsenden Republik. Schon der Titel "Alltägliche Abgründe. Das Fremde in unserer Nähe" deutet an, dass bei der Suche nach den Unterschieden nicht immer unbeschwerte Heiterkeit aufkommt.

Die in Potsdam geborene Journalistin Simon ist die Enkelin von Christa Wolf. Schon vor zwei Jahren hat sie mit ihrem beeindruckenden Prosadebüt über einen dunkelhäutigen ostdeutschen Kickboxer, der nach einer Verurteilung wegen Körperverletzung Selbstmord beging ("Denn wir sind anders"), davon berichtet, wie verflucht kompliziert die Ost-West-Probleme zwischen individueller Identitätssuche und gesellschaftlicher Integration sein können.

Simons neuer Band mit Reportagen aus den vergangenen Jahren nähert sich Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus - dem ewigen Schlagersänger Jürgen Drews, der an seinen einzigen Hit "Ein Bett im Kornfeld" lebenslang gekettet sein wird wie Prometheus an den Felsen, ebenso wie einer aufgeschlossenen Puffmutter, die "Emma" liest; einem obskuren "Major", der einst der strengste Wehrerziehungslehrer Ost-Berlins war und jetzt als Hausmeister die Schüler einer Musikschule dirigiert, aber auch dem Berliner Partyluder Leila, das Gucci über alles liebt und in einem schwer angesagten Club sogar mal mit Nick Nolte geknutscht hat. Jana Simons Texte berichten von einem abenteuerlichen, exotischen Land, das Deutschland heißt. "Ich liebe es, in fremde Fenster zu schauen", offenbart die Autorin zu Beginn.

Der Satz könnte durchaus als Motto für eine Erzählhaltung dienen, deren Neugier auf Fremdes, und wenn es noch so nahe liegt, stärker ausgeprägt ist als der Drang nach einer selbstgenügsamen Bestimmung des vermeintlich Eigenen.

Dass Identität sich gerade in der Differenz bildet, ist eine alte Erkenntnis, die immer neu und mitunter schmerzhaft errungen werden muss. Gerade die Neuerscheinungen dieses Frühjahrs, in denen deutsche Merkwürdigkeiten in Ost und West so plastisch herausmodelliert werden, seien Beleg dafür, "wie viel aufschlussreicher das Trennende ist", so konstatierte jüngst auch die Berliner Zeitschrift "Literaturen". Die Vereinheitlichung der Lebensverhältnisse würde nur Langeweile erzeugen.

Manchmal ist die Suche nach der Differenz aber auch nur modische Masche: "Klar bin ich eine Ost-Frau!", ruft es etwa trotzig und voll Sündenstolz vom Cover eines bei Rowohlt Berlin erschienenen Buchs, für das die Westautorin Martina Rellin 14 ostdeutsche Frauen interviewt hat, die von ihren tief sitzenden Prägungen durch den Sozialismus erzählen.

Und für ganz junge Leser, die nicht einmal mehr wissen, wer Erich Honecker war, was Nudossi-Becher und Florena-Creme für die sozialistischen Volksmassen bedeuteten und wo eigentlich Schkopau liegt, hat Susanne Fritsche in dem Band "Die Mauer ist gefallen" eine "kleine Geschichte der DDR" (Hanser Verlag) zusammengestellt. Eine Fibel für allzu Spätgeborene.

Mit deutlich mehr historischer Tiefenschärfe geht Anetta Kahane, 49, vor. In ihrem Erinnerungsbuch "Ich sehe was, was du nicht siehst" versucht die in einer jüdisch-kommunistischen Familie aufgewachsene Autorin, die sich seit vielen Jahren in der Berliner Ausländerpolitik engagiert, vor allem Antworten auf die Frage zu finden, warum sich gerade in der so "internationalistisch" gesonnenen DDR so viel latenter Fremdenhass angesammelt hatte, der nach der Wiedervereinigung so gewalttätig aufbrach.

Als sie in den Jahren nach dem Mauerfall zum ersten Mal ein türkisches Mädchen im Osten Berlins sah, so berichtet Kahane, "war ich so überrascht, dass ich mit quietschenden Reifen bremste". Doch auch die Art und Weise, wie Westdeutsche mit ihren ausländischen Mitbürgern umgehen, befremdete die Autorin.

Natürlich ist der Fremdenhass auch in Peter Richters "Blühenden Landschaften" Thema - aber selbst solch prekäre Dinge behandelt er mit dem Biss und dem Witz eines scheinbar emotionsfrei registrierenden Völkerkundlers: "Wer Häuser besetzt, bekommt ein Gerichtsverfahren. Wer Leute anzündet einen neuen Sportplatz", lautet seine Erkenntnis über den Umgang der gesamtdeutschen Gesellschaft mit Radikalen.

Es ist nicht leicht, die Sitten und Gebräuche dieses seltsamen Landes zu verstehen: Wohl deshalb erinnert Richters "Heimatkunde" zuweilen an den "Papalagi", an jenes Büchlein, das im vergangenen Jahrhundert in städtischen Wohngemeinschaften und autonomen Landkommunen immer wieder mit großer Begeisterung gelesen wurde, weil es das Leben in Europa aus der Sicht eines romantisch-naiven, aber leider erfundenen Südsee-Insulaners schilderte.

Noch nie, sagt Richter, habe er bedauert, dass es seine Insel, die DDR, nicht mehr gibt. Aber er findet es auch nicht schlimm, dass es sie gegeben hat: "Ich wurde auf der richtigen Seite der Mauer geboren."

HENRYK M. BRODER, REINHARD MOHR

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Peter Richter

Blühende Landschaften. Eine Heimatkunde

Goldmann Verlag, München; 224 Seiten; 17,90 Euro.

Axel Hacke

Deutschlandalbum

Verlag Antje Kunstmann, München; 240 Seiten; 19,90 Euro.

Jana Simon

Alltägliche Abgründe. Das Fremde in unserer Nähe

Ch. Links Verlag, Berlin; 208 Seiten; 14,90 Euro.

Anetta Kahane

Ich sehe was, was du nicht siehst. Meine deutschen Geschichten

Rowohlt Berlin Verlag, Berlin; 352 Seiten; 19,90 Euro.


DER SPIEGEL 13/2004
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