22.03.2004

Als wäret ihr im Krieg

Von Cziesche, Dominik; Mascolo, Georg; Röbel, Sven; Schimmöller, Heiner; Stark, Holger

Religiös verblendet und hochgefährlich - rund 270 gewaltbereite Bin-Laden-Anhänger, schätzen Sicherheitsbehörden, gehören zum deutschen Netz von al-Qaida. Drohen jetzt auch hier zu Lande Anschläge?

Das neue Stammheim steht am Rhein, am Kapellweg im Düsseldorfer Stadtteil Hamm. "Terrorbunker" nennen die Anwohner das nach den Anschlägen vom 11. September errichtete modernste deutsche Gerichtsgebäude.

Schon die Architektur zeigt, wer im 21. Jahrhundert als Feind des Landes gilt: Draußen schützen in den Boden eingelassene Betonkübel vor Anschlägen mit sprengstoffbeladenen Kleinlastern. Drinnen sind Becken installiert, weiße Emaille, auf Kniehöhe, für die rituellen Fußwaschungen gläubiger Muslime. 37 Millionen Euro hat sich der Staat das Symbol der Hoffnung kosten lassen - auf dass keiner deutschen Stadt widerfahren möge, was in New York, Istanbul oder vorvergangene Woche in Madrid geschah. Der finstere Klotz soll den gewaltbereiten Islamisten in Deutschland zeigen: Wir finden und verurteilen euch, bevor ihr eure Bomben zündet.

Gleich nach den ersten Meldungen aus Spanien hatte Innenminister Otto Schily (SPD) erkannt, was das Massaker von Madrid auch für Deutschland bedeutet. Habe al-Qaida das Inferno angerichtet, erklärte der Mann, der für die Sicherheit der Deutschen verantwortlich ist, in interner Runde, dann sei politisch "die Hölle los".

Was wie die Panik des ersten Augenblicks anmutete, ist nur eine nüchterne, von allen Illusionen bereinigte Analyse der Realität.

Im unbarmherzigen Krieg der Islamisten gibt es seit dem Anschlag von Spanien keinen eindeutigen Frontverlauf mehr. Hatte Osama Bin Laden einst nur "Amerikaner und Juden" zu Feinden erklärt, die so genannten Kreuzritter, so ist künftig jedes Land gefährdet, in dem al-Qaida oder von ihr inspirierte Islamisten sich stark genug fühlen, um zuzuschlagen.

Ist es also bereits so weit, wie der Leiter des Berliner Krisenstabs, Sigurd Peters, fürchtet, dass die Möglichkeit eines Anschlags auch in der deutschen Hauptstadt "sehr realistisch" ist?

Stellt sich womöglich gar nicht mehr die Frage nach dem Ob, sondern nur noch die, wann und wie ein Attentat erfolgt, wie es der englische Innenminister David Blunkett für die britische Insel fürchtet?

In der Bundesregierung werden derzeit zwei Theorien diskutiert: Ist die Ablehnung des Irak-Kriegs durch den Bundeskanzler eine Art Versicherungsschein, dass der Terror an den Deutschen vorbeigeht? Mit heimlicher Erleichterung registrierten die Behörden, dass Deutschland in keinem der vergangene Woche aufgetauchten islamistischen Pamphlete erwähnt wird, wohl aber den anderen Mitgliedern der Kriegsallianz gedroht wurde.

Oder gilt die in Afghanistan präsente Bundesrepublik ebenfalls als Kreuzritternation, die irgendwann an die Reihe kommen könnte "als Antwort auf unser Engagement in Kabul", so SPD-Verteidigungsminister Peter Struck?

Oder sind alle Gedankenspiele, was al- Qaida angeblich politisch will, nicht ohnehin obsolet - weil es nur einfach um den Tod von Ungläubigen geht? Vergangene Woche rang sich das Bundeskriminalamt (BKA) zu einer ersten vorsichtigen Einschätzung durch, die eher ans Fiebermessen erinnert und zeigt, wie unsicher die Behörden in Wahrheit sind: Die Gefahr in Deutschland sei "leicht erhöht".

"Auch wenn wir nicht genau wissen, wo: Die Zutaten liegen alle angerichtet in der Küche", glaubt der baden-württembergische Verfassungsschützer Herbert Landolin Müller, "bloß gekocht hat bisher noch niemand."

In den zweieinhalb Jahren seit den Anschlägen in den USA haben die Fahnder die sichere Erkenntnis gewonnen, dass auch über der Bundesrepublik ein Netzwerk mit relativ festen Strukturen liegt. Und die Gewaltbereitschaft vieler Zirkel ist ungebrochen - inzwischen laufen rund 180 Ermittlungsverfahren gegen islamistische Terrorverdächtige.

Die Spuren führen bis in die tiefste Provinz, ins westfälische Beckum etwa, in das brandenburgische Oberhavelland und nach Blaubeuren an der Oberschwäbischen Barockstraße.

Glich die Bundesrepublik vor den Anschlägen in den USA einer weißen Karte mit einigen islamistischen Flecken, so ist es nun umgekehrt: Mittlerweile können die Behörden die Landkarte der Deutschland-Filiale des islamistischen Netzwerks einigermaßen präzise zeichnen. Der Bogen beginnt im südlichen Zipfel der Republik, in München, und erstreckt sich dann über Stuttgart, Nordbayern, Frankfurt und das Ruhrgebiet bis nach Hamburg. Dazu kommt Berlin. In großen Teilen ausgespart sind nur der Osten und Norddeutschland.

Das Gefühl der latenten Gefährdung wurde bislang nur gemildert durch das Prinzip Hoffnung. Die Rolle Deutschlands, vermutete das BKA 2002, sei offensichtlich die eines "Ruhe-, Rückzugs- oder Vorbereitungsraums". Und hieß es nicht unter arabischen Zuwanderern: "Spucke nicht in die Suppe, die du löffelst"?

Bis al-Qaida in Istanbul zuschlug, galt es allerdings auch als einigermaßen gesichert, dass Türken gegenüber der Ideologie Bin Ladens weitgehend immun sind - inzwischen werden die in Deutschland lebenden radikalen Türken als Risikopotenzial betrachtet.

Und bis zu der Bombenkampagne in Spanien gingen Bundesnachrichtendienst (BND) und BKA in allen Lageanalysen davon aus, dass vor allem jene außereuropäischen Länder als Anschlagsorte in Frage kämen, in denen es starke islamistische Strukturen gibt - also nicht Spanien oder Deutschland.

Gilt jetzt also auch in Deutschland jene Devise, die CIA-Chef George Tenet dem deutschen Innenminister bei jedem seiner Washington-Besuche einzuhämmern versucht: "Ihr müsst denken, als wäret ihr im Krieg"?

Tatsächlich haben die Sicherheitsbehörden mit vielen Unwägbarkeiten zu kämpfen, die es schwer machen zu bestimmen, wer al-Qaida in Deutschland ist, wer ihr wirklich angehört. Das Raster, das Kriminalisten gleich nach den Anschlägen in den USA entwarfen, um künftig "Schläfer" wie den Todespiloten Mohammed Atta zu enttarnen, stimmt längst nicht mehr. Danach galten arabische Studenten, gebildet, unauffällig, fromm und sittenstreng, als Gefahr.

Die deutschen Experten haben lernen müssen, dass dieses Profil den Blick auf die zweite Generation von al-Qaida verstellte, die nun in Deutschland dominiert. Für diese so genannten non-aligned Mudschahidin mit loser Anbindung an das Netzwerk, sagt Jan Keller vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), sei eine Verwicklung in Kleinkriminalität "charakteristisch". Junge Araber etwa, die sich als Passfälscher, Drogendealer oder Waffenhändler durchschlagen, bevor sie den Islam als Anker entdecken und den Dschihad als Ventil krimineller Energie.

Sie alle werden vom Terrortrupp des Osama Bin Laden willkommen geheißen. Wer von ihnen schließlich bombt und tötet, egal wen, darf darauf setzen, dass die Ikone die Tat später loben und als von ihr in Auftrag gegeben darstellen wird.

Al-Qaida, sagt der Singapurer Terrorismus-Forscher Rohan Gunaratna, ist heute mehr Bewegung als Organisation. Das gilt auch für die Basis in Deutschland. Hier ist, so Keller, der Personenkreis der Unterstützer inzwischen "heterogen, und zwar in jeder Hinsicht". Sie kommen aus den unterschiedlichsten Ländern, sind in der Regel zwischen 18 und 45 Jahre alt, viele haben auch schon in anderen Islamisten-Organisationen mitgemacht. Und auch konvertierte deutsche Fanatiker spielen eine wichtige Rolle.

Mitunter mutet es wie eine feindliche Firmenübernahme an - die starke Qaida absorbiert die schwächere Konkurrenz. In Deutschland finden sich ehemalige Angehörige des ägyptischen Dschihad Islami, der tunesischen al-Nahda oder der algerischen GIA unter den Bin-Laden-Anhängern. Und weil aus der Sicht radikaler Muslime allein al-Qaida dem verhassten Westen wirklich schmerzhafte Schläge zufügt, ist ihr Zulauf ungebrochen.

Wer sich auf die Suche nach al-Qaida in Deutschland begibt, der muss deshalb nach jedem einzelnen radikalen Islamisten suchen, jedem, der sich für fähig und entschlossen genug hält, im Namen Allahs zu töten. Oder, wie es ein hochrangiger Verfassungsschützer ausdrückt: "Wir hangeln uns von Person zu Person."

Dabei wurde der Feind im eigenen Land fast so gründlich analysiert wie in den siebziger Jahren die RAF. Herausgekommen ist ein Vier-Typen-Modell des militanten Islamismus. Experten erkennen

* Leute, die bereits als Mitglied einer islamistischen Organisation nach Deutschland gekommen sind. Der Ägypter Osama Ajub, in seiner Heimat zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt, soll so einer sein. Als Anhänger des ägyptischen Dschihad floh er aus seiner Heimat, ging nach Münster und baute dort als Vorbeter das Islamische Zentrum mit auf. Das Potenzial dieser Exil-Islamisten, sagt ein Verfassungsschützer, "ist weitgehend erfasst": einige tausend Leute, von denen die überwiegende Mehrheit zumindest in Deutschland Ruhe bewahrt. Wenn Konservative wie Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) über Probleme mit Abschiebungen klagen, geht es oft um diesen Typus. Weil ihnen in ihrer Heimat Folter oder Todesstrafe droht, dürfen sie in der Regel hier bleiben;

* so genannte non-aligned Mudschahidin. Gemeint sind Militante, die wie Söldner für Gott in den Krieg ziehen, mal in Bosnien, mal in Tschetschenien, mal im Irak kämpfen. Für sie ist Bin Laden so etwas wie ein Spiritus Rector - aber nicht der Befehlshaber. Die Zahl dieser in Deutschland lebenden Kämpfer dürfte um die hundert schwanken. Seit Freitag ist es einer weniger. Der Algerier Abderrazak M. aus Hamburg, der geholfen haben soll, Kämpfer an die Front im Irak zu schleusen, wurde nach Italien ausgeliefert;

* al-Qaida-Mitglieder der ersten Generation wie mutmaßlich den Duisburger Konvertiten Christian Ganczarski, der den späteren Djerba-Attentäter Nizar Nawar kannte und von ihm kurz vor dem Flammeninferno angerufen wurde. Unter anderem wegen des Djerba-Anschlags sitzt Ganczarski derzeit in Paris in Haft. Klassische Qaida-Mitglieder gibt es nur wenige. Wer nicht einsitzt, steht unter Dauerbeobachtung;

* al-Qaida-Anhänger, die bislang nirgends aufgefallen sind. Die Analysten nennen sie nach einem Mitverschwörer des 11. September, Said Bahaji, den "Bahaji-Typus": junge Muslime mit einer bürgerlichen Vita, die aus intakten Zuwandererfamilien kommen und "zur Religion ihrer Väter zurückfinden" wollen, wie es ein Islam-Experte beschreibt. Es ist die Sorgenkategorie, über die man wenig weiß und deren Potenzial kaum abzuschätzen ist.

In dieser Palette waren die Hamburger Todespiloten Ausnahmefälle: untypisch für die heutige Qaida - und gerade deshalb für die Operation "Heiliger Dienstag" geeignet. Die Gruppe um Mohammed Atta, die 1999 nach Afghanistan gereist war, hatte jahrelang in aller Ruhe die Anschläge von New York und Washington geplant. Weil die strebsamen Studenten weder Kleinganoven noch Asylsucher mit einem wackligen Bleiberecht in Deutschland waren, konnten sie auch Visa für die USA bekommen.

Lediglich in einem Punkt ist die Geschichte der Hamburger Zelle ein Lehrbeispiel für das Funktionieren des Netzwerks: Es waren die Veteranen der ersten Generation, der schwerfällige Mohammed Haydar Zammar und der inzwischen in Guantanamo einsitzende ehemalige Elektrotechnikstudent Mohamadou Ould Slahi, die Atta und den anderen den Weg in die Ausbildungslager Bin Ladens wiesen.

Zammar, ein gelernter Kfz-Schlosser, der als Kind nach Deutschland kam, war eine Art Übervater in der Hamburger al-Kuds-Moschee. Er verteilte handkopierte Bin-Laden-Flugblätter, und wenn ein junger Heißsporn drängte, vermittelte Zammar schon mal Kontakte zu anderen Qaida-Veteranen. Der Mann aus Aleppo sitzt mittlerweile in Damaskus im Gefängnis.

Kämpfer der ersten Stunde wie einst Zammar und heute die vielen anderen, die vom Hindukusch nach Deutschland zurückkehrten, sind die Knoten im Netz. Weil sie für den Dschihad bereits ihr Leben riskierten, genießen sie hohes Ansehen, gelten beinahe als religiöse Autorität. Zammar nutzte diese, um den Hamburger Studenten immer wieder einzuhämmern: Redet nicht nur, kämpft.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz führt eine Art Zentralregister des militanten Islamismus - die so genannte Datei Arabische Mudschahidin. In ihr sind die Namen von rund 270 Personen gespeichert. An erster Stelle stehen die Heimkehrer aus den Ausbildungslagern, die wie die Hamburger Todespiloten in den Qaida-Camps in Afghanistan trainiert wurden.

Weil die Freiwilligen fast immer über Pakistan nach Afghanistan reisten, bat die Bundesregierung die pakistanischen Behörden nach dem 11. September 2001, ihre Archive nach Visumanträgen von Personen aus Deutschland durchforsten zu dürfen. Das Ergebnis wurde ergänzt mit aufgefundenen Namenslisten in Afghanistan und durch Aussagen Inhaftierter. Akribisch gingen die Beamten auch die Auflistung der Personen durch, die ihren Reisepass als verloren gemeldet hatten - ein gängiges Procedere für die Heimkehrer vom Hindukusch, die so ihre Visaeinträge tilgen wollten.

So ergab sich eine erste Schätzung: Etwa 150 bis 200 Islamisten aus Deutschland haben in den vergangenen Jahren eine Guerilla-Ausbildung durchlaufen. "Wie Helden" würden Heimkehrer verehrt, sagt ein Ermittler. "Wer zurückgekehrt ist, zu dem schaut die islamische Jugend auf."

Und damit potenziert sich auch die Zahl der heimlichen Jünger Osama Bin Ladens. Nicht immer enttarnen sie sich selbst wie der mutmaßliche Kopf der hiesigen Tawhid-Gruppe, Mohamed Abu Dhess alias Abu Ali, 40. Ein Jordanier, in seiner Heimat bekannt als Sänger und Basketballspieler, der 1992 nach Deutschland kam - und schnell ein Feind der Gesellschaft wurde, die ihn aufnahm. Am Telefon versicherte er seinem Gesprächspartner: "Ich schwöre es dir, Scheich, ich schwöre, wenn du mir den Tod befehlen würdest, das täte ich." Und wie zum Beweis erzählte er ihm, er habe schon seine Mutter aufgefordert, "mir in ihren Gebeten den Märtyrertod zu erflehen". Abu Ali steht jetzt in Düsseldorf vor Gericht, weil er Anschläge auf jüdische Ziele in Deutschland geplant haben soll. Er wurde "Opfer" einer "Sterilisierungsaktion", wie Islamisten Verhaftungen nennen.

Inzwischen wissen sie sehr wohl, dass vor allem die Telefonüberwachung zu einem wachsenden Druck führt. Wie sicher aber müssen sie sich fühlen, wenn sie sich dann noch über die Lauscher lustig machen - wohl wissend, dass die gerade in der Leitung sind? So protokollierten die Fahnder dieses Gespräch zwischen zwei bayerischen Islamisten:

"Schau mal, dieses Gespräch zum Beispiel wird abgehört! Was wir jetzt reden, wird von ihnen belauscht, sie hören alles mit."

"Sie können von mir aus hören, was reden wir denn schon hier?"

"Ich wollte dich nur ins Bild setzen und dir zeigen, wie gemein diese Hunde sind."

"Ja, dann sollen sie abhören, sie sind willkommen!"

"Hast du jetzt gerade gemerkt, wie der Ton schwankt? Einmal ist der Ton leise und auf einmal lauter."

"Ja. Warum wechselst du nicht dein Telefon?"

"Du bist gut, in Windeseile entdecken sie die neue Nummer."

"Wie sollen sie die finden?"

"Ich weiß es nicht. Schau mal, obwohl dieses Telefon nicht auf meinen Namen eingetragen ist, haben sie es herausgefunden und gleich in ihre Überwachung mit einbezogen. Noch was: Wir haben in Erfahrung gebracht, dass unsere Namen an der Grenze sind."

"An welcher Grenze?"

"An der Grenze deines Landes, das heißt, wenn ich am Flughafen ankomme, werden sie mir sagen: Willkommen bei uns! Das heißt, wir werden nicht nur von diesen Ungläubigen, sondern auch von den Heuchlern verfolgt."

Ein Gesamtbild der Bedrohung fehlt den deutschen Sicherheitsbehörden bisher noch. In welche der vielen Zellen sie auch hineinleuchten, überall bietet sich nur ein Teil des Puzzles. Zudem zeigen die Erfahrungen der letzten 30 Monate, dass beinahe jedes Teil des großen Netzwerks eine tödliche Gefahr bergen kann - nur weiß keiner, welches wann und wo.

Schon im Fall des Tunesiers Ihsan Garnaoui, 33, der Anfang 2003 nach fast zwei Jahren als Rekrut im Heiligen Krieg nach Deutschland zurückkehrte, bekam niemand den Wandel vom weltoffenen Muslim zum fanatischen Islamisten mit. Garnaoui, der seit dem vergangenen März in Haft sitzt, weil er einen Anschlag in der Bundesrepublik geplant haben soll, gilt als eine Art Grenzgänger zwischen der ersten und der zweiten Generation.

Sein persönlicher Dschihad begann in der Kleinstadt Velten im brandenburgischen Oberhavelland. Im heimischen Kühlschrank durfte nur noch Fleisch von Tieren liegen, die nach muslimischen Regeln geschlachtet worden waren. Nach dem Umzug nach Berlin musste auch die Kindernahrung für das Töchterchen streng nach der Lehre Allahs ausgewählt

werden. "Mein ganzes Leben, mein Tagesablauf war nach dem Islam ausgerichtet", erinnert sich Garnaouis damalige Ehefrau, die ihren Mann 1995 im tunesischen Sousse während eines Urlaubs kennen gelernt hatte.

Bin Laden hielt das erste Mal per TV Einzug in die Familie, in einer Fernsehreportage. "Ha, den kriegen sie nicht, der ist zu clever", frohlockte Garnaoui, der damals als Bäcker jobbte.

Später wirkte er als Reiseleiter für Pilgergruppen gen Mekka, schließlich erst als Auszubildender und am Ende sogar als Ausbilder in Bin Ladens Terrorlagern.

Als Garnaoui Anfang vergangenen Jahres zurückkam, per Zug aus Brüssel über Aachen, rasiert und möglichst unauffällig, war er ein anderer Mann. Schnell war er im Besitz einer Schusswaffe der Marke IM Metal HS 2000, zwei passende Magazine, 30 Patronen Kaliber 9 mm Luger. Der Reisepass Nr. T-009890 wies ihn als Moustafa Boujnah aus, geboren am 13. März 1968 in Casablanca. Das portugiesische Dokument stammt aus einer Serie von 644 Blankopässen, die in der Nacht vom 2. April 2000 aus dem portugiesischen Konsulat in Luxemburg gestohlen wurden. Dass eines der Papiere in Berlin auftaucht, beweist, wie gut die internationale Zusammenarbeit des Netzwerks funktioniert.

Für die Ermittler ist einer wie Garnaoui der schlimmste aller möglichen Fälle. Von seiner Art könnte es Dutzende im Land geben, womöglich sogar ausgestattet mit einem Terrorauftrag der Qaida-Spitze, wie die Bundesanwaltschaft glaubt. Nichts fürchten die Staatsschützer mehr, als dass sie eine Zelle, die sich um Männer wie Garnaoui bildet, übersehen könnten.

Und wie schnell es zu spät sein kann, zeigt dieser Fall auch. Die deutschen Sicherheitsexperten halten Bin Ladens Ex-Rekruten zumindest für technisch fähig, einen Anschlag wie in Madrid durchzuführen. Wie die Bombenleger von Spanien hat Garnaoui sich intensiv mit Mobiltelefonen beschäftigt. Auf seinem Toshiba-Laptop fand sich neben dem "Mudschahidin Explosives Handbook" auch eine weitere Datei, acht Seiten insgesamt, eine technisch anspruchsvolle Anleitung zum Bau einer Zündplatine, an die eine Funkuhr und ein Motorola-Handy T 190 als Auslöser angeschlossen werden können.

Ob es tatsächlich zu einem Big Bang gekommen wäre, wie weit die Gruppe gegangen wäre, ist offen: Die Ermittler schlugen so früh zu, dass mögliche Pläne schon im Keim erstickt wurden. Dabei war Garnaoui sogar ohne große Vertuschungsmanöver nach Afghanistan gereist.

Sein Glaubensbruder Aschraf al-Dagma, 34, hingegen operierte sehr viel professioneller. Der Palästinenser sitzt auf der Anklagebank im neuen Düsseldorfer Hochsicherheitssaal und hebt sich schon optisch ab vom Bild eines mittelalterlich wirkenden Terroristen: die lockige Mähne zurückgebürstet, den Bart modisch sauber gestutzt, Rollkragenpullover.

Fromm war Dagma nicht, als er 1994 nach Deutschland kam, angeblich verfolgt von Arafats PLO. Doch da er keinen Pass hatte, wurde er nicht abgeschoben. Er wurde auch dann noch geduldet, als er längst straffällig geworden war, seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Kokain und Heroin am Bahnhof Zoo in Berlin verdiente. Er wurde erwischt, gestand und sagte dann einen Satz, den damals niemand zu deuten vermochte: "Ich habe mich dazu entschieden, mit meinem bisherigen Tun Schluss zu machen."

Es war eine Läuterung der besonderen Art. In den Wochen der U-Haft und der zweijährigen Bewährungszeit entdeckte er offensichtlich seine islamischen Wurzeln. Als er von Berlin ins westfälische Beckum zog, wo er bald als Gebäudereiniger und Kellner jobbte, war das kein Grund für besondere Vorsichtsmaßnahmen.

Wer ahnte schon, dass der arabische Schrotthändler, der ihn hierher eingeladen hatte, in seinem abgedunkelten Bungalow regelmäßig mit radikalen Muslimen betete? Keiner würde hier, zwischen Bergen von Wrackteilen, entkernten Karossen und einem Verschlag mit Werkzeugen eine Privat-Moschee vermuten.

Arabische Sprüche zierten die Wand. Auf einem abgewetzten Küchentisch lag der Koran, auf das Dach hatte der Besitzer eine Satellitenschüssel zum Empfang arabischer Programme montiert. Beckum ist eine Kleinstadt mit 38 000 Einwohnern, die Muslime hier kennen sich. Unter jenen, die zum Beten kamen, waren auch die heute in Düsseldorf Angeklagten - Dagmas neue Freunde.

Als Dagma im April 2002, sechs Jahre nach seiner Verurteilung wegen Drogenhandels, wieder verhaftet wurde, hatte er sich zum Dschihadisten gemausert, der einen gefälschten portugiesischen Pass auf den Namen "Conti Sanchez" bei sich führte.

Diesmal gestand er nicht: Der Begriff "al-Tawhid", behauptete er gegenüber seinen Vernehmern, habe mit Terror nichts zu tun, er bedeute bloß "der einzige Gott". Und im derzeit laufenden Prozess schweigt er zu den Vorwürfen. Doch Dagma hatte, wie die Ermittler heute wissen, vor allem mit einem irdischen Mächtigen Kontakt - mit Abu Mussab al-Sarkawi, auf den die Amerikaner ein Kopfgeld von zehn Millionen US-Dollar ausgesetzt haben und der als Verantwortlicher für viele der tödlichen Attentate im Irak gilt.

Um mit der Klientel vom Schlag eines Dagma fertig zu werden, traf sich Ende Januar eine exquisite Runde im Berliner Bundesjustizministerium zu einer vertraulichen Sitzung. Vor den Staatssekretären von Bund und Ländern trug erst der BND den Neu-Ulmer Problemfall des Deutsch-Ägypters und mutmaßlichen Qaida-Anhängers Reda Seyam vor (siehe Seite 34), den die Behörden partout nicht hinter Gitter kriegen. Anschließend referierten BKA und Verfassungsschutz über die Mühen der alltäglichen Arbeit.

Die Runde war sich schnell einig: Den großen Wurf bei den Ermittlungen wird es nicht geben. Aber im Kleinen, mit den Niederungen des Strafgesetzbuchs - da kann so mancher Islamist in die Knie gezwungen werden. Penibel wollen die Behörden deshalb vermehrt auf Sozialhilfemissbrauch achten und auf Delikte der Kleinkriminalität, die ansonsten womöglich nicht verfolgt würden. Auch die Ausländerbehörden sollen in diese Form der Terrorismusbekämpfung durch die Hintertür einbezogen werden.

Die Diskussion ist logische Konsequenz eines anderen Ermittlungsergebnisses. Sind die Islamisten - ohne geistigen Beistand geht nichts in der Szene - erst einmal in die Welt der Gebetshäuser abgetaucht, können sie kaum noch gefasst werden.

Manche Moscheen sind Dreh- und Angelpunkte, sie sind für das Milieu Treffpunkte, Rückzugs- und Rekrutierungsräume zugleich. Sie sind das, was früher die Hamburger Hafenstraße oder der Berliner Mehringhof für die militante Linke war - die richtige Umgebung, in der sich auch Mudschahidin ungefährdet im Kreis vieler Sympathisanten bewegen können.

Systematisch fahnden die Verfassungsschützer deshalb seit einigen Monaten nach den "Zentren der Radikalisierung und Rekrutierung", wie der offizielle Titel des Projekts lautet. Von den laut Islam-Archiv mehr als 2000 Moscheen und Gebetsräumen bundesweit hat eine Arbeitsgruppe des Verfassungsschutzes rund 100 als "nachrichtendienstlich relevant" eingestuft.

Manchmal tritt in den Gebetshäusern ein Hass-Prediger auf, der regelmäßig freitags gegen die "Juden und Kreuzritter" hetzt. So brüllte einer etwa: "Der Dschihad ist hart für die Ungläubigen, weil unsere Religion uns befohlen hat, ihre Hälse durchzuschneiden." Manchmal ist es aber auch nur eine Gruppe verdächtiger Muslime, die sich dort trifft.

Nach dem 11. September registrierten die Überwacher einen klaren Trend. Öffentlich halten sich die Imame fast überall zurück. Sie haben die Botschaft des Staats verstanden: Wo gehetzt wird, droht die Schließung des Gotteshauses.

Doch die Männer mit der extremistischen Gesinnung haben einen modernen Ausweg gefunden. "Wenn die Beatles nicht mehr auf Tournee gehen, gehen ihre Platten auf Reisen", sagt ein Geheimer spöttisch. Soll heißen: Weil die Bundesregierung versucht, berüchtigten Wanderpredigern in so vielen Fällen wie möglich die Einreise zu verwehren, zirkulieren nun Kassetten und CDs mit den aufrührerischen Ansprachen.

Mit Tonträgern mussten in den vergangenen Monaten auch die Zuhörer des bulligen Berliner Imams Salim al-Rafei, 43, immer wieder vorlieb nehmen. Der Vorbeter der Berliner al-Nur-Moschee weilt häufig im Libanon, seit gegen ihn wegen Gründung einer terroristischen Vereinigung ermittelt wird. Er soll von der Gruppe um Ihsan Garnaoui gewusst haben. Rafei bestreitet die Vorwürfe und sagt, er lehne Terror ab; sein Anwalt hofft auf eine baldige Einstellung der Ermittlungen.

Die al-Nur-Moschee, ein zweistöckiger Flachbau im Berliner Süden, ist einer jener Hot Spots der Szene, die der Verfassungsschutz seit Jahren beobachtet. Rund 1,2 Millionen Euro hat das Grundstück gekostet, das Geld kam zu großen Teilen aus Saudi-Arabien.

Nachdem Rafei 1995 die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hatte, legte der Berliner Verfassungsschutz eine Sammlung angeblicher Zitate aus seinen Freitagsgebeten vor: So habe er Allah um Hilfe gebeten, damit die "ungläubigen Politiker" getötet werden. Als dem Gotteshaus eine Zwangsräumung drohte, habe der Imam proklamiert, für den Islam "werden wir in dieser Moschee sterben". Das Verwaltungsgericht Berlin entschied, wer Gewalt unterstütze, habe kein Anrecht darauf, Deutscher zu werden.

Die Einstellung von Vorbetern wie Rafei zu Terroranschlägen wie denen in Madrid, davon ist etwa der BND-Chef August Hanning überzeugt, entscheidet darüber, ob die Militanten isoliert werden können - oder ob sich die stille Zustimmung zum Dschihad ausbreitet wie einst die "klammheimliche Freude" über die RAF-Attentate in Teilen der Linken.

Rekrutiert wird in der Parallelgesellschaft unter jenen Muslimen, für die Integration keine Rolle spielt. "Nachdem das mit der Arbeit nicht funktionierte, habe ich mich entschlossen, intensiv den Koran zu studieren", hat ein Libanese seinen Weg erklärt. Aber als Nährboden für radikale Ideen dient den Scharfmachern auch das kulturelle Vakuum, das einige Jugendliche der zweiten und dritten Migranten-Generation mit neuem Sinn zu füllen suchen: Das Stückchen Wohlstand, das sich die Eltern als Gastarbeiter erschufteten, das unauffällige Integriertsein in einem Land, das Heimat ist und gleichzeitig fremd - all das taugt kaum als Identität für einen 17-Jährigen. Jugendliche Protestkulturen wie das mit zynischem Stolz zelebrierte "Kanake sein" junger Türken oder die kruden Ehren-Kodizes urbaner Jugend-Gangs bieten Halt.

Oder eben das krasse Gegenteil als Lebensentwurf.

Die strengen religiösen Regeln, die Kameradschaft der Glaubensbrüder, das Gefühl, Teil von etwas Bedeutendem zu sein.

Ein "Märtyrer" zu werden gilt mitunter als "cool" - und ist offenbar für die Ausbilder so wertvoll wie für eine Hochschule ein Nobelpreisträger.

Vermutlich auch für die Abu-Bakr-Moschee in der Nähe des Bremer Hauptbahnhofs. Hier wurde in Rekordzeit aus dem augenscheinlich bestens integrierten türkischen Schiffsbaulehrling Murat Kurnaz, 22, ein streng gläubiger Islamist, der am 3. Oktober 2001 ein Flugzeug nach Pakistan bestieg, um - wie er seinen Freunden erklärte - den "wahren Islam" zu studieren. Das letzte Lebenszeichen von Murat ist eine achtzeilige Postkarte, die er als Häftling Nummer "JJJFA" aus dem berüchtigten US-Camp Guantanamo Bay seinen Eltern nach Bremen schickte. Das war vor genau zwei Jahren. Murat war offenbar im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet als angeblicher Krieger Allahs festgenommen worden, mutmaßlich auf dem Weg in ein Ausbildungslager Bin Ladens.

Das Bremer Gotteshaus, untergebracht in einem weißen Flachdachbau an einer viel befahrenen Hochstraße, gilt dem Verfassungsschutz als Operationsbasis einer obskuren pakistanischen "Missionsbewegung" namens "Tabligh-i Jamaat", einer radikalreligiösen Truppe, die im mystischen Islam verhaftet ist und gegenüber Nicht-Muslimen eine Art "Apartheidspolitik" (Verfassungsschutz) betreibt. Die Ermittler glauben zudem, dass sie ihr Missionsgeschäft um einen höchst politischen Zweig erweitert hat - den der Rekrutierung junger Muslime.

Durch ganz Deutschland war voriges Jahr ein wahhabitischer Wanderprediger gereist, um für eine "Bildungsreise" nach Kairo zu werben. Wer vertrauenswürdig schien, erhielt ein Empfehlungsschreiben. Ende vergangenen Jahres wurden dann aus 50 Anwärtern rund ein Dutzend für den Trip zur Jahreswende in die ägyptische Hauptstadt ausgewählt.

Mit dabei war auch der Deutsche Marc S., 23. Vor einigen Jahren, erzählt S., sei er vom katholischen Glauben zum Islam konvertiert, da ihm die christliche Religion "zu viele Fragen" offen ließ - eine "Entscheidung des Herzens". Der junge Mann hat alte Augen und lässt auch nach außen hin keinen Zweifel an seiner neuen Religion. Mit brustlangem Bart, traditioneller Wollkappe und der Kleidung eines muslimischen Gläubigen wirkt er fremd in seiner Straße in Bremen-Gröpelingen, zwischen den pastellfarben verputzten Fünfziger-Jahre-Mietshäusern, in denen Mülltrennung und deutsche Gründlichkeit herrschen.

Der heilige Koran, erklärt Marc S., sei "viel unverfälschter, ursprünglicher" als die Bibel. Seine Reise habe dazu gedient, sein Arabisch, die Sprache des Propheten, aufzubessern. Von Ausbildungslagern für Gotteskrieger habe er gehört, ihm selbst sei darüber aber nichts bekannt.

Kann sein. Aber vielleicht ist eine Studienreise nach Kairo auch eine Art Lackmus-Test, um zu sehen, wer religiös gefestigt ist - und wer möglicherweise als Selbstmordattentäter für das Paradies zu sterben bereit ist. Anwerben in einer Moschee, ein späterer Studienaufenthalt im Ausland - das ist genau jenes Muster, das sich bei dem Duisburger Qaida-Anhänger Christian Ganczarski und vielen anderen Rekruten aus Deutschland wiederfindet. Als dritter Schritt folgt dann bei einigen handverlesenen Gläubigen das Ausbildungslager für den praktischen Dschihad.

Dass auch junge Menschen, die in einer westlichen Kultur groß geworden sind, dem kruden Reiz des Militanten erliegen, zeigt sich immer häufiger. So reiste der deutsche Konvertit Dennis J., aufgewachsen in einem gepflegten Mehrfamilienhaus in Rödermark-Urberach bei Frankfurt, im Jahr 2001 in ein afghanisches Camp.

Der mittelmäßige Schüler, erzählt ein früherer Lehrer, habe in der Pubertät plötzlich begonnen "wie nach einer Gehirnwäsche zu leben". Die Lehrer waren zunächst belustigt, dann geschockt, als J. nicht nur fünfmal am Tag betete, sondern auch muslimische Mitschüler anfuhr, sie sollten es ebenso halten. Sie mühten sich vergebens, den Jungen aus seiner neuen Welt zurückzuholen.

Als er wieder aus Afghanistan ausreisen wollte, wurde er festgenommen. Konsularische Hilfe nahm er nicht an, weil die deutsche Botschaft es gewagt hatte, ihm eine Frau als Beistand zu schicken.

Unbeeindruckt von allem fiel J. weiter als radikaler Islamist auf. Zuletzt wurde er in London gesichtet, an der Seite von Abu Hamsa, einem der berüchtigtsten Hass-Prediger, dessen Ansprachen auf Videos und Tonbändern in ganz Europa kursieren. Fahnder halten ihn für einen wichtigen Knotenpunkt des weltweiten Dschihadisten-Netzwerks. Wenn der junge deutsche Konvertit an Hamsas Seite auftaucht, hat sich aus Sicht von al-Qaida die Ausbildung gelohnt.

Auch Thomas Fischer aus der schwäbischen Idylle Blaubeuren war so ein "Sucher", wie sein Vater das nennt.

Die Antworten, so glauben süddeutsche Ermittler, fand der Konstruktionsmechaniker im so genannten Multikulturhaus des Neu-Ulmer Gewerbegebietes - mit tödlichen Folgen. An einem Sonntagabend des vergangenen November töteten russische Spezialkräfte 22 muslimische Mudschahidin südwestlich von Grosny und bei einem der Toten fanden sie einen deutschen Pass: Thomas Fischer, geboren am 6. Januar 1978.

Ein junger Araber mit Käppchen öffnet die Tür des Multikulturhauses in einem tristen Flachbau. Er bittet herein. Neben der Kühltruhe mit Fladenbrot ziehen Besucher ihre Schuhe aus. In neongelben Plastik-Adiletten geht es eine Treppe hoch in den zweiten Stock. Es zieht, und der Wind trägt die Rufe des Vorbeters durchs Haus. Junge Männer, keiner älter als Mitte 20, gestikulieren in einer Sofaecke.

Der Ägypter Yehaia Y. mit ergrautem Vollbart und Dreivierteljacke sagt, dass er "den Thomas" kaum gekannt habe. Ein anderer versichert, hier seien alle friedlich. "Gibt es noch Fragen?"

Als Arnfried Fischer einige Männer aus der Moschee gefragt hat, was sie mit seinem Sohn angestellt hätten, haben sie auch nichts gesagt - nur dem Vater einen Nachruf in arabischer Sprache vor die Nase gehalten: "Schau, dein Sohn ist Märtyrer." Sie haben nicht verstanden, dass ein Vater da keinen Stolz empfindet.

Die Entwicklung von Thomas Fischer verlief in Schüben. Der erste Schritt war noch harmlos: Ein junger Katholik trat zum Islam über, vielleicht auch deshalb, weil er mit dem Priester nicht zurechtkam, der seine Familie für die späte Taufe der jüngeren Tochter im Gottesdienst angeprangert hatte.

Dann aber ließ Thomas sein altes Leben nach und nach hinter sich. Er verzichtete auf Freunde, Beruf, Besitz, seinen Namen - er nannte sich jetzt Hamsa, Löwe. Erst rückblickend fällt auf, dass jeder Fortschritt im Glauben auch ein Schnitt war, der ihn von seiner Vergangenheit trennte.

Einmal hat ihn sein Vater in eine Moschee begleitet. Da hatte sein Sohn unvermittelt etwas Energisches in der Stimme, "als wäre er dort jemand Wichtiges. Das kannte ich von ihm nicht". Jetzt sucht der Vater nach Erklärungen, warum er seinen Sohn auf dem Weg in den Dschihad nicht aufhalten konnte.

Hinter ihm hängen sechs Familienfotos, das größte zeigt junge Wehrpflichtige vor einem Schild: "Gruppe 5". Sein Sohn, der Smarteste von allen, sitzt unten links. "Wir mussten ihn zum Bund überreden. Vom Schießen hielt er ja nichts. Ich hatte gehofft, dass die ihn wieder hinkriegen." Da war es nicht lange her, dass Thomas dem Vater von seiner Beschneidung erzählt hatte. "In einem Hinterzimmer in Blaubeuren hat er das machen lassen", empört er sich. Wochenlang hatte sein Bub Schmerzen.

Thomas Fischer war nicht der erste Legionär aus dem Schwäbischen, der im Kaukasus umkam, aber der erste gebürtige Deutsche. Ein Jahr zuvor, im Oktober 2002, hatten die Russen den Deutsch-Tunesier Tarek Boughdir, damals 40, erschossen und den türkisch-stämmigen Mevlüt Polat, 37. Mit ihnen war Thomas offenbar gemeinsam in den Heiligen Krieg gegen die Russen gezogen.

Boughdirs Frau schaltete in den "Schorndorfer Nachrichten" eine Todesanzeige mit einem Vierzeiler des Propheten: "Wenn Gott beschließt, dass ein Mensch an einem bestimmten Ort sterben soll, gibt er ihm einen Grund, dorthin zu gehen."

Polats Familie, heißt es, habe nicht lange getrauert. Sie sei stolz, einen der Ihren als Märtyrer feiern zu können.

Für Deutschland hätte es auch schlimmer kommen können: Drei gewaltbereite Muslime aus einer Gegend, unbemerkt von ihrem Umfeld, fanatisiert für den Krieg gegen Ungläubige - was und wer hätte sie gehindert, wenn sie sich als Schlachtfeld nicht Tschetschenien, sondern den Stuttgarter Hauptbahnhof gewählt hätten?

Erübrigt sich die Frage durch neue Gesetze, die erlauben, voll besetzte Passagiermaschinen bei drohenden Anschlägen vom Himmel schießen zu lassen? Oder durch den Einkauf von Pockenimpfstoff für 200 Millionen Euro? Oder durch die bizarre Debatte, welcher Atommeiler abzuschalten ist, weil er den Aufprall eines entführten Fliegers nicht überstehen würde?

Wohl kaum.

Die größtmögliche Sicherheit gegen die Bedrohung von innen ist nur zu finden, wenn jenseits allen politischen Populismus die Frage geklärt wird, ob dieser Staat und seine Gesellschaft bereit sind, tief greifende Einschnitte zu akzeptieren. Die Einführung biometrischer Systeme ist da noch weitgehend unumstritten (siehe Seite 39). Liberalität oder Rigidität aber heißen die Reizworte, konkret geht es um den Fortbestand von Unschuldsvermutung und Bürgerrechten.

Wie viel davon darf oder muss es in Zeiten des Terrorismus sein? Mehr als die Hälfte aller Deutschen fürchten sich nach einer SPIEGEL-Umfrage vor Anschlägen, fast zwei Drittel sind bereit, die Einschränkung von Freiheitsrechten in Kauf zu nehmen (siehe Grafik Seite 31).

In Europa hat diese Debatte längst begonnen.

Englands Innenminister David Blunkett forderte schon vor Madrid, Prozesse unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu führen, mit Richtern und Verteidigern, die zum Stillschweigen über die vorgelegten Beweise verpflichtet würden. Statt handfester Beweise solle schon die "Wahrscheinlichkeit" eines Verbrechens für eine Haftstrafe genügen - ein klarer Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention.

Würde Blunkett sich durchsetzen, bliebe vom Rechtsstaat nur noch ein Torso übrig. Doch das nimmt die Blair-Regierung als Kollateralschaden im Namen des Anti-Terror-Kampfs in Kauf. Und zumindest die Bundesländer Bayern, Hessen, Niedersachsen und Thüringen sehen es ähnlich. Einen Gesetzentwurf, mit dem der Haftgrund der so genannten Eskalationsgefahr eingeführt werden sollte - das Wegsperren in einer Art Sicherungshaft -, haben sie nur zurückgezogen, weil er nicht mehrheitsfähig war. Noch nicht?

Auch die Franzosen behelfen sich mit einem beinahe allmächtigen Untersuchungsrichter für Terrorismusfragen, der erst einmal einsperrt und dann Fragen stellt. Seit einem Dreivierteljahr schmort so der deutsche Qaida-Verdächtige Christian Ganczarski in einem Pariser Gefängnis. Ob Ganczarski jemals wegen einer möglichen Unterstützung des Attentats auf der Ferieninsel Djerba verurteilt wird, ist für die Franzosen genauso offen wie für den zuständigen Generalbundesanwalt in Karlsruhe, der keinen Haftgrund sah. Gleichwohl hat die Bundesregierung selbst dafür gesorgt, dass Ganczarski den französischen Behörden in die Hände fiel. Und die haben ihn dann erst einmal aus dem Verkehr gezogen, frei nach dem Motto: im Zweifel gegen den Angeklagten.

Wie viel Guantanamo steckt in der europäischen Justiz?, fragte schon vor fünf Wochen provozierend das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time".

Und ab welcher Dosis geht ein Rechtsstaat daran kaputt? Die amerikanische Praxis, Verdächtige kurzerhand ohne Prozess wegzusperren, kann jedenfalls keine Lösung sein.

Die Antwort der deutschen Justiz hat vor zwei Wochen der Vorsitzende Richter des 3. Strafsenats des Bundesgerichtshofs gegeben: Der Kampf gegen den Terrorismus dürfe nicht in einem "wilden, ungezügelten Krieg enden", begründete Klaus Tolksdorf die Aufhebung des windschiefen Urteils gegen den mutmaßlichen 11.-September-Mitverschwörer Mounir al-Motassadeq.

Mit einer ähnlichen Begründung war auch Motassadeqs Glaubensbruder Abdelghani Mzoudi von allen Vorwürfen freigesprochen worden. Die Aufgabe rechtsstaatlicher Prinzipien, so sehen es Juristen wie Tolksdorf, schaffe doch erst jene Gesellschaft, die die Islamisten vorgeben zu bekämpfen.

Aber gilt das auch für jene 150 bis 200 in Terrorcamps ausgebildeten potenziellen Krieger, die sich in Deutschland tummeln? Die Ausweisung dieses harten Kerns sollte das Prunkstück der eilig nach dem 11. September 2001 beschlossenen Sicherheitspakete sein. Doch sie funktioniert nicht. Zwar erlaubt das Ausländergesetz eine Ausweisung, wenn von einer Person Gefahr für die Sicherheit ausgeht. Aber in der Praxis ist dieser Nachweis fast nie zu führen. Viele der Informationen stammen von Geheimdiensten, die ihre Quellen den Gerichten nur ungern offenbaren.

Am vergangenen Donnerstag legten sich die CDU-regierten Länder deshalb noch einmal auf die harte Linie fest. Nur wenn der Rauswurf solcher Radikaler erheblich vereinfacht wird, wollen sie Schilys Zuwanderungsgesetz zustimmen. Schily weiß um die Wirkungslosigkeit mancher Vorschrift und würde mitmachen. "Wer in den Trainingslagern in Afghanistan war, hat kein Recht zu bleiben."

Doch schon seine SPD-Kollegin, die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, hat Bedenken: "Es braucht keine neuen Gesetze. Wenn man Beweise hat, ist die Ausweisung kein Problem." Ganz zu schweigen von den Grünen, die ohnehin finden, dass die Behörden bereits jetzt über so viele gesetzliche Möglichkeiten verfügen wie nie zuvor.

Und auch die Union weiß, dass die Aktion Rauswurf ihre Grenzen hat. Vielen der Islamisten würde in ihren Heimatländern wie Syrien, Ägypten oder Marokko Folter oder noch Schlimmeres drohen. Für die, die also ohnehin bleiben werden, denkt Bayern über rigide Auflagen nach, etwa strenge Meldepflichten. Wer zweimal am Tag bei der Polizei vorsprechen muss, werde hoffentlich keine Zeit für konspirative Pläne haben.

Noch hat die Politik der Versuchung widerstanden, die gewachsene Angst der Bürger offen für parteipolitisches Taktieren auszunutzen. Wie lange solcher Pragmatismus anhält, wird sich zeigen.

Über 30 Deutsche hat das Qaida-Netzwerk in den vergangenen zweieinhalb Jahren in den Tod gerissen, mehr als die RAF in zwei Jahrzehnten. Aber sie starben in New York, auf Djerba, in den Trümmern einer Discothek auf Bali oder auf den Straßen Riads. Nach dem ersten Anschlag in Deutschland wird diese Republik eine andere sein. DOMINIK CZIESCHE,

GEORG MASCOLO, SVEN RÖBEL,

HEINER SCHIMMÖLLER,

HOLGER STARK

Brennpunkt Berlin

In Umfeld des Gebetshauses soll sich eine Gruppe militanter Muslime gebildet haben, angeleitet von einem Afghanistan-Veteranen. Die Bundesanwaltschaft wirft den Männern vor, zu Beginn des Irak-Kriegs einen Anschlag geplant zu haben.

Brennpunkt Bremen

Die Abu-Bakr-Moschee soll der islamistischen Missionsbewegung "Tabligh-i Jamaat" als Operationsbasis dienen. Auch der inzwischen von den USA festgenommene Murat Kurnaz hat hier gebetet, bevor er im Oktober 2001 nach Pakistan aufbrach.

Brennpunkt Neu-Ulm

Das Multikulturhaus gilt als ein Magnet für Islamisten. Muslime aus dem Umfeld der Moschee zogen in den tschetschenischen Dschihad, drei von ihnen kamen dabei um. In Neu-Ulm hält sich auch der als Qaida-Mann verdächtigte Reda Seyam auf.

Brennpunkt Düsseldorf

Vor dem Oberlandesgericht der NRW-Landeshauptstadt müssen sich zurzeit vier mutmaßliche Mitglieder der Terrorgruppe al-Tawhid verantworten. Sie stehen im Verdacht, Anschläge auf jüdische Ziele in Deutschland geplant zu haben.

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UMFRAGE: Abschiebung auf Verdacht Wären Sie dafür, dass Ausländer, die von den Geheimdiensten für al-Qaida- Mitglieder gehalten werden, gegen die aber keine gerichtsverwertbaren Erkenntnisse vorliegen, auf Verdacht abgeschoben werden können?

* Am vergangenen Freitag in Hamburg.

DER SPIEGEL 13/2004
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