29.03.2004

DER ERSTE WELTKRIEG - DER KRIEGSAUSBRUCHDas Ende einer Lebenslüge

Vor 40 Jahren schreckte Fritz Fischer die Deutschen mit der These auf, sie seien auch am Ersten Weltkrieg schuld gewesen.
Es herrschte ein Andrang wie bei einem Popkonzert. 2000 Menschen strömten im Herbst 1964 in das Audimax der FU Berlin. Wer nicht dabei war, konnte die Veranstaltung am Radio oder vor dem Fernseher verfolgen. Zu beobachten war jedoch kein Popstar, sondern ein unscheinbarer deutscher Professor, der gekommen war, um auf dem Historikertag seine Forschungsergebnisse zu verteidigen.
Fritz Fischer hatte seine Kollegen mit der Behauptung geschockt, dass Deutschland nicht nur schuld am Zweiten Weltkrieg war, sondern auch die Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs trug.
Das war ein Tabubruch, der die Deutschen weit über die Historikerzunft hinaus erschütterte. Jahrzehntelang glaubten sie fest daran, dass es sich beim Ersten Weltkrieg um einen Verteidigungskrieg gehandelt hatte, in den das deutsche Kaiserreich unschuldig hineingeschlittert war.
Dass Fischer mit dieser Lebenslüge ein für alle Mal aufräumte, nahmen ihm damals viele übel. "An das gute Gewissen der Deutschen", schrieb der SPIEGEL, "ist eine Mine gelegt."
Ausgangspunkt für die schockierenden Thesen waren bisher unbekannte Akten, die 1956 von Moskau nach Potsdam in die DDR zurückgebracht worden waren, darunter Material über die Kriegszielpläne des damaligen Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg. Dieser hatte gut fünf Wochen nach Kriegsbeginn, am 9. September 1914, im so genannten Septemberprogramm gefordert, Frankreich als Großmacht auszuschalten, Belgien zu unterwerfen, Russland zurückzudrängen und, als Krönung, eine deutsche Hegemonialstellung über ganz Mitteleuropa zu sichern.
Fischer verarbeitete die Fakten in seinem 1961 erschienenen Buch "Griff nach der Weltmacht". 1969 folgte "Krieg der Illusionen", in dem er die imperialistische Politik des Kaiserreichs vor 1914 analysierte.
In der zweiten Publikation spitzte Fischer seine Thesen zu. War er 1961 noch davon ausgegangen, Deutschland trage einen "erheblichen Teil der historischen Verantwortung" daran, dass es zum Ersten Weltkrieg gekommen war, so gab er Deutschland später die Alleinschuld am Kriegsausbruch. Das Kaiserreich, argumentierte er nun, habe den Waffengang von Anfang an geplant, um seine Ziele durchzusetzen. Diese Schlussfolgerung gilt heute als überzogen.
Dennoch bleibt, dass Fischer mit seinen Forschungen, so der Historiker Konrad Jarausch, "wesentlich zur Entstehung eines selbstkritischen deutschen Geschichtsbildes" beigetragen hat. KAREN ANDRESEN
Von Karen Andresen

DER SPIEGEL 14/2004
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