29.03.2004

FUSSBALL

Die Ruhe des Kaisers

Von Kramer, Jörg

Intern gilt Dietmar Hamann als Chef der deutschen Nationalmannschaft. Sein hohes Ansehen beim FC Liverpool bestimmt die Akzeptanz bei den Kollegen in der Heimat. Dabei liegt der Mittelfeldstratege mit den Mechanismen des deutschen Fußballs im Clinch.

Wer in Liverpool mit Dietmar Hamann eines der angesagten Restaurants an der Mersey betritt, darf nicht damit rechnen, einen der besseren Tische zugewiesen zu bekommen. Selbst auf höfliches Bitten hin wird dem Fußballstar ohne Vorbestellung kein ruhiger Platz bewilligt. Den gibt es "nur ab vier Personen".

Nicht dass Hamann, 30, als Profi der ortsansässigen "Reds" einer der prominenteren Bürger der Stadt, an diesem frühlingshaften Montagmittag nicht erkannt worden wäre. Der deutsche Nationalspieler, den sie hier hochachtungsvoll "The Kaiser" nennen, hat im Nordwesten Englands vorgefunden, wonach er suchte: ein Umfeld, das ihn niemals hofiert, aber stets respektiert. Gérard Houllier, der französische Teammanager des ruhmreichen FC Liverpool, betont gelegentlich, der dürre "Didi", wie er seit Kindesbeinen in Deutschland gerufen wird, sei sein "wichtigster Mann".

Das verschafft dem jedoch noch lange keine Sonderbehandlung. Im Herbst fand er sich mitsamt Gästen aus der Heimat am Ende einer Schlange vor einem Liverpooler In-Lokal wieder. Auch Markus Babbel, sein inzwischen an die Blackburn Rovers ausgeliehener Teamkamerad, war dabei, der kannte den Manager des Ladens und erkundigte sich nach den Wartezeiten. Sieht schlecht aus, bekamen die Fußballpromis zur Antwort, "ihr müsst anstehen wie die anderen auch".

Das, gab Hamann seiner fassungslosen Entourage aus Germany zu verstehen, sei hier Teil des Deals: keine Sonderrechte für die Stars der Premier League; dafür müssten die aber auch keinen Sozialneid fürchten.

Das ist ziemlich exakt die Fußballwelt, in der sich der in der Oberpfalz geborene und in München aufgewachsene Stratege wohl fühlt. Der "widerstrebende Held", wie ihn das Blatt "The Express" charakterisierte, stellte gegenüber britischen Reportern klar: Er wolle "keinen Berühmtheitsstatus" - "nennt es bescheiden, wenn ihr wollt".

Glaubhaft definiert sich Hamann als "frei von jeder Eitelkeit". So lässt sich die fehlende Anerkennung aus seinem Heimatland leichter ertragen.

Denn in Deutschland wird der schmale Ballverteiler trotz überragender Auftritte wie bei der letzten Weltmeisterschaft sein Mitläufer-Image einfach nicht los. Experten, zu denen auch die Kollegen in der Nationalelf gehören, können Hamanns Bedeutung dagegen schon aus den Mannschaftsaufstellungen des Weltfußballs herauslesen: Nur ein einziger deutscher Feldspieler kommt in einer der drei europäischen Topligen in Spanien, Italien und England derzeit regelmäßig zum Einsatz - die vermeintliche Randfigur Hamann.

Auch dafür, dass das vergangene Länderspieljahr als eines der finstersten in die deutsche Fußballgeschichte einging, gibt es womöglich eine plausible Erklärung: Hamann konnte verletzungsbedingt nur eine Partie bestreiten. Rechtzeitig zur Europameisterschaft ist er, nach Knöchelblessur und Sehnenoperation, nun gewohnt geräuschlos zurückgekehrt in Rudi Völlers Team, das am Mittwoch gegen Belgien einen weiteren Test vor dem Turnier in Portugal absolviert. Der Wert des Spielers Hamann, erklärte der Teamchef, falle vor allem dann auf, wenn er fehle. Wer genau hinsieht, erkennt Hamanns Effizienz jedoch noch deutlicher, wenn er mitspielt.

Wegen seiner zentralen Position und der modernen Spielweise ist er auf dem Rasen der Chef. Völler-Assistent Michael Skibbe stellte eine "große Akzeptanz" im Spielerkreis fest. Umso erstaunlicher, dass Hamanns Meinung kaum gefragt ist.

Neulich etwa annoncierte Völler eine England-Reise und stellte Gespräche mit den auf der Insel beschäftigten deutschen Auswahlspielern in Aussicht. Später war nur von einer Unterredung mit Christian Ziege, Reservist bei Tottenham Hotspur, zu hören und einem Treffen mit Torwart Jens Lehmann von Arsenal London. Völler besuchte auch das Spiel des VfB Stuttgart beim FC Chelsea, bei Hamann indes meldete er sich nicht einmal telefonisch.

"Ich muss nicht hören, wie toll ich bin", sagt der Wahl-Engländer mit der Gefasstheit des Routiniers, der schon härtere Zeiten erlebt hat. Er muss auch nicht erster Ansprechpartner des Trainers sein, wäre aber in dieser Rolle keine schlechte Besetzung: "Ich würde sagen, was ich denke."

Im Fußballdeutschland der schrillen Aufgeregtheiten, die eine vom Personenkult dominierte Bundesliga allwöchentlich produziert, wirkt der stille Pragmatiker Hamann mit seiner Leichtigkeit wie ein Fremdkörper. Dass es Fernsehkanäle gibt, die etwa nach Oliver Kahns Fehler gegen Real Madrid eine Sondersendung ansetzen und den Bruder des Bayern-Torhüters sowie andere Experten in heiligem Ernst über Kahns Psyche diskutieren lassen, nimmt Hamann halb entsetzt, halb belustigt zur Kenntnis.

Ebenso befremdet ihn, wie zurzeit in München Management und Medien Doppelpass spielen und dem Bayern-Star Michael Ballack offenbar die Notwendigkeit eines Auslandswechsels einreden wollen. Als früherer Bayern-Spieler kennt Hamann die Allianzen. Als kühler Kopfmensch neigt er zu Formulierungen wie: "Das hilft keinem" oder "Da hat niemand was davon". Und als Legionär, der im Land der Fußballpuristen seinen Seelenfrieden gefunden hat, gelangte er zu der Erkenntnis: "Wenn du dich zu viel mit anderen Dingen beschäftigst, leidet die Leistung."

Er hat keine Millionen-Einnahmen aus Sponsorenverträgen wie Ballack und Kahn. Ein Bekannter, der einst ein Profil für die Werbeindustrie von ihm erstellte, hat den Job gewechselt, jetzt ist die Verbindung zu den Marketingabteilungen der Firmen gekappt. Dafür hat er aber auch nicht diesen Jahrmarkt der Ikonen zu ertragen.

Und er kennt seinen Wert. Dietmar Hamann hat im Fanshop am Williamson Square die "Collector Number" FF033 und kostet - in Gestalt einer sieben Zentimeter hohen Gummipuppe - drei britische Pfund. Ebenso viel wie der Reservekeeper Chris Kirkland oder Publikumsliebling Michael Owen. Nur die Figuren verdienstvoller Altstars wie Kenny Dalglish, Graeme Souness oder Kevin Keegan kosten je fünf Pfund. Hamann findet das "berechtigt".

In seiner Preisklasse sind im Stadion an der Anfield Road alle gleich, jeder hat seine Aufgabe. So funktioniert moderner Fußball. Hamanns Aufgabe besteht darin, vor der Abwehrkette die gegnerischen Angriffe abzufangen und den eroberten Ball - mit innerer Gemütsruhe und doch in gebührendem Tempo, wie es dem rasanten Stil der Premier League entspricht - in einen offensiven Spielzug umzuleiten. Sie nennen ihn den "Anchor man" ("Daily Mail"), Fans tauften ihn "Mister Reliable", Herr Zuverlässig. Der "Guardian" bezeichnete Hamann als "Metronom", weil er beim FC Liverpool "aus der Tiefe den Rhythmus diktiert".

Nichts kennzeichnet die Rückständigkeit des deutschen Fußballs so deutlich wie die Geringschätzung, die die Stellung Hamanns hier erfährt. Anklagend hielt kürzlich Bayern-Manager Uli Hoeneß dem schwächelnden Ballack vor, er sei ja gar kein "offensiver Mittelfeldspieler" - Inhaber jener Position also, von der man die "Rolle des absoluten Stars" beanspruche. Das galt vielleicht vor 30 Jahren, als die so genannten Regisseure mit der Nummer 10 majestätisch das Spielfeld durchschritten, meistens mit dem Ball am Fuß.

Heute spielt die Musik längst in der Hamann-Region. Dort, im Zentrum vor der Abwehr, walten in England kreative Koryphäen wie der Franzose Patrick Vieira von Arsenal London. In Deutschland, wo reine Abwehrkünstler wie Guido Buchwald oder Renner wie Dieter Eilts in dieser Zone lange stilbildend ackerten, werden die Männer auf der Schlüsselposition immer noch "Staubsauger" genannt. In England heißen sie Strategen.

Bereits legendär ist Hamanns Passgenauigkeit. Der Deutsche, übertrieb das Lokalblatt "Daily Echo", verliere den Ball "nur zweimal pro Saison". Der Trainer des FC Southampton reagierte im Dezember auf originelle Weise: Er beauftragte im Spiel gegen Liverpool einen seiner Stürmer, Hamann eine solche Sonderbewachung zuteil werden zu lassen, die sonst nur Angreifer in der Obhut eines "Manndeckers" erfahren. So wurde Hamann daran gehindert, Southamptons Kreise zu stören. Der "Daily Star" sieht Liverpools Nummer 16 "mit gelassener Autorität und eisernem Willen" im Mittelfeld herrschen.

Hamann hört das nicht gern. Es hat ja niemand was davon. Die Zurückhaltung liegt in der Familie. Als Hermann Gerland, der Späher des FC Bayern, seinerzeit auf dem Fußballplatz des FC Wacker München den Namen des zarten 15-Jährigen erfahren wollte, fragte er den dortigen Stadionsprecher, der gleichzeitig Trainer der B-Jugend war. "Hamann", sagte der Sprecher, "Dietmar Hamann." Anderntags wählte Gerland die rasch ermittelte Telefonnummer, und am Apparat war wieder der Stadionsprecher. "Sie hätten doch gleich sagen können, dass Sie der Vater sind", knurrte der Bayern-Beauftragte.

Sein Didi habe immer schon "mit Intelligenz gespielt", sagt Vater Wolfgang Hamann, als EDV-Experte Beamter im Polizeipräsidium Oberbayern. Im Gegensatz zum älteren Bruder Matthias, Profi unter anderem bei 1860 München und beim 1. FC Kaiserslautern, mied er das körperbetonte Spiel und vor allem überflüssige Laufwege.

Früh lernte er, sich vom Ballyhoo fern zu halten. Didi spielte im Meisterjahr 1994 schon im Team des Bayern-Interimstrainers Franz Beckenbauer, als er Tina, seine heutige Frau, kennen lernte. Er verschwieg ihr seinen Job und gab sich als Theologiestudent aus. In Wahrheit war er an der Uni nur immatrikuliert, um sich einer Einberufung zur Bundeswehr zu entziehen.

Dreieinhalb Jahre später folgte der Gestellungsbefehl zur Nationalmannschaft. Selbst ein schockierendes Erlebnis im März 1997 hatte die Karriere nicht stoppen können. Eines Abends, er hatte Besuch von einem Freund, konnte Hamann daheim unversehens keine Treppenstufe mehr bewältigen - mit Lähmungserscheinungen musste er ins Harlachinger Krankenhaus. Dort wurden Durchblutungsstörungen mit ungeklärter Ursache diagnostiziert; drei Wochen später spielte er wieder. Hamann will darüber "nicht mehr groß" reden.

Der Vater zweier Töchter, der Hundeliebhaber und Hobbygolfer scheint seine Balance gefunden zu haben. Jetzt, da er die Mechanismen des verbissenen deutschen Fußballs, der ihn beinahe verstieß, in seiner sechsten England-Saison mit amüsiertem Gleichmut betrachtet.

Vor vier Jahren, nach dem Reinfall bei der Europameisterschaft in Holland und Belgien, sah er sich zum vaterlandslosen "Rebellen" gestempelt. Die deutschen Fans pfiffen ihn im ersten Länderspiel der Völler-Ära aus. Hamann hatte nichts anderes getan, als - gemeinsam mit mutigen Mitstreitern wie Markus Babbel und Jens Jeremies - aus Pflichtgefühl nach der Notbremse zu greifen. Die Gruppe wandte sich an den alternden Libero Lothar Matthäus mit dem Plan, den als taktisch unbedarft enttarnten Teamchef Erich Ribbeck vor der EM zu entmachten.

Altmeister Matthäus schützte jedoch seinen Förderer Ribbeck und informierte seinen Mentor Beckenbauer. Später war in Beckenbauers Hauspostille "Bild" zu lesen, Babbel und Hamann hätten während des EM-Turniers in einer Kölner Bar "bis nachts um drei" getanzt - in Wahrheit waren die Spieler in Köln zum Abendessen. "Bild"-Protegé Matthäus beschimpfte Teile der Mannschaft als "charakterlos".

Hamann hat das alles nicht vergessen. Es war die Zeit, da er sich als "Eierkopf" gebrandmarkt fühlte, "nur auf die Mütze" bekam und sich fragte, ob er die jeweils "drei, vier Tage nicht anders verbringen" könnte, als zu Länderspielen der Nationalelf zu reisen. Anders als Babbel entschied er sich nicht für einen Rücktritt - aber für mehr Distanz zum deutschen Fußball.

Kopfschüttelnd betrachtet er "die Theatralik", mit der die Profis in der Bundesliga Elfmeter schinden oder unkollegial Platzverweise für Gegenspieler fordern. In einem Interview tadelte er jüngst sogar, er sehe in Deutschland "generell" einen "Qualitätsverlust im Gange" - vom Fernsehprogramm bis zur Bildung. Seine Älteste, die sechsjährige Tochter Chiara, lernt in England in der Schule bereits Spanisch.

Andererseits kann Chiara nicht deutsch schreiben - ein Grund mehr, nicht ewig auf der britischen Insel zu bleiben. Im österreichischen Kitzbühel, wo seine Ehefrau aufwuchs, haben die Hamanns ein Haus gekauft. 2005 endet der Vertrag beim FC Liverpool, und keiner weiß, was noch in diesem Jahr passiert. Sollten die Reds am Saisonende den vierten Tabellenplatz verpassen, der zur Teilnahme an der Champions League berechtigt, droht Hamanns Fürsprecher Houllier das Aus. Stürmer Owen hat für diesen Fall seinen Abschied angekündigt, Hamann könnte für eine festgeschriebene Ablöse von fünf Millionen Pfund gehen. Der Club steht womöglich zum Verkauf.

In jedem Fall will Hamann weiter für Deutschland spielen. Bei der WM 2006 wird er mit 32 "im besten Alter" und womöglich auf dem Karrierehöhepunkt angelangt sein - sofern die Gesundheit mitspielt. Muskelverletzungen, sagt der schlaksige Spieler selbstironisch, könnten ihn zumindest nicht stoppen. Denn Muskeln "hab ich ja keine". JÖRG KRAMER

* Im Duell mit Arunas Pukelevicius beim EM-Qualifikationsspiel gegen Litauen (1:1) am 29. März 2003 in Nürnberg.

DER SPIEGEL 14/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 14/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FUSSBALL:
Die Ruhe des Kaisers