DER SPIEGEL



KINO

Nie wieder Spaßbremse

Von Beier, Lars-Olav

Bisher galt die Autoverfolgungsjagd als sehr amerikanisches Genre. Nun entdecken auch deutsche Regisseure die Lust an der Raserei: in Filmen wie "Abgefahren".

In der Vorstadtsiedlung reihen sich die Garagen aneinander, eine sieht aus wie die andere; und der Käfer, der in einem offen stehenden Tor zu sehen ist, passt gut in die Tristesse - doch wenige Tage später rast das Gefährt mit neuem Motor, Rallyereifen und Heckspoiler über den Asphalt und lässt alle Verfolger im Rauch der Auspuffröhren hinter sich.

Diese Metamorphose von der Rostbeule zum Rennflitzer, die in Jakob Schäuffelens Film "Abgefahren" zu bestaunen ist, kommt verdammt spät: Im amerikanischen Kino entdeckte man die filmischen Qualitäten deutscher Automobile bereits Ende der sechziger Jahre und ließ in Filmen wie "Ein toller Käfer" ("The Love Bug") einen VW die Konkurrenz lässig abhängen. Heimische Regisseure dagegen ließ das liebste Spielzeug der Deutschen als Rennauto eher kalt.

Diesen Nach-, Auf- und Überholbedarf befriedigt Schäuffelen nun mit großer Begeisterung - und einer Hauptdarstellerin, die bisher kaum mit Autos zu tun hatte, aber beim jungen Publikum ungeheuer populär ist: Felicitas Woll, bekannt aus der TV-Serie "Berlin, Berlin".

Woll spielt die Motorsport-Enthusiastin Mia, die davon träumt, eines Tages als jüngste Frau an der Dakar-Rallye teilzunehmen. Zufällig gerät sie an drei PS-starke Frauen (gespielt von Nina Tenge, Rebecca Mosselmann und Teresa Weißbach), die auf abgelegenen Betonpisten illegale Rennen fahren und alles daran setzen, männlichen Konkurrenten wie dem schönen und schnellen Cosmo (Sebastian Ströbel) die Rücklichter zu zeigen.

Da wird dann zwar mal ein Tampon im Tank des Gegners versenkt, ansonsten aber können es die Heldinnen an fahrerischem Geschick locker mit den Männern aufnehmen. Auch in einem Stöckelschuh, so eine der Grundregeln dieses Films, steckt schon mal ein Bleifuß.

Gilt im deutschen Kino nun also: Freie Fahrt für freie Bürger? Es scheint so. Ermutigt durch die hohen Einschaltquoten von TV-Serien wie "Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei", durch den pädagogisch nicht ganz unbedenklichen Erfolg von Autorenn-Computerspielen und die Triumphe deutscher Rennsport-Asse entstand die im Februar angelaufene Computerspielverfilmung "Autobahnraser".

Von einem jungen Mann, der ein Leben auf der Überholspur führt und die Tachonadel immer bis zum Anschlag treibt, erzählt auch der neue Film des Regisseurs Sebastian Schipper ("Absolute Giganten"): Die Dreharbeiten zu "Ein Freund von mir" sollen im Herbst beginnen.

"Die Autobahn hat ihre eigene Natur. Hier gilt das Recht des Stärkeren, und alles ist möglich", schreibt der Autor Johannes W. Betz in seinem Ende vergangenen Jahres erschienenen Debütroman "Bundesautobahn". Mit anderen Worten: Die Autobahn ist für die Deutschen, was der Wilde Westen für die Amerikaner war. Warum also wird dieses hart umkämpfte Terrain erst jetzt vom Kino erschlossen?

"Für uns Deutsche ist das Auto ein Objekt der Begierde und nicht in erster Linie ein Fortbewegungsmittel wie für die Amerikaner", sagt die Rallyefahrerin Jutta Kleinschmidt, die 2001 beim Dakar-Klassiker siegte. Sie hat als Stunt-Fahrerin in Filmen wie "Taxi" (1998) mitgemacht und ist das Idol der Heldin in "Abgefahren". "Vielleicht erleben wir den Geschwindigkeitsrausch lieber auf der Straße als auf der Leinwand", sagt Kleinschmidt.

Im Gegensatz zu den USA ist das in Deutschland ohne Gesetzesverstoß möglich. Die Popularität der Verfolgungsjagd im amerikanischen Film hängt wohl auch mit den rigiden Geschwindigkeitsbegrenzungen und drakonischen Strafen für Verkehrssünder in den USA zusammen. Die amerikanischen Kinohelden drücken also stellvertretend für den Zuschauer aufs Pedal.

Deutsche Regisseure dagegen tun sich schon schwer, selbst die Geschwindigkeit visuell zu vermitteln, die jeder Zuschauer von seiner täglichen Fahrt zur Arbeit kennt. Auch in den Rennszenen in "Abgefahren" kommt das Kino mit der Wirklichkeit manchmal nicht ganz mit: Bei einer Verfolgungsjagd in einem Bergwerksstollen müssen Stakkato-Schnitte jenes Tempo simulieren, das den Bildern fehlt.

Zwar stilisiert der Film seine Darstellerinnen zu coolen Asphalt-Cowgirls, doch wenn's drauf ankommt, scheinen sie oft nicht ganz bei der Sache zu sein. Das Benzin, das sie im Blut haben, kann sich gegen die Hormone nicht durchsetzen. Wer bei voller Fahrt die Brüste aus dem Fenster hält, um den Ex-Freund zu schocken, kann beim besten Willen nicht gewinnen.

So erzählt "Abgefahren" mit charmanten Darstellern eine temporeiche und amüsante Geschichte über weibliche Selbstbehauptung. Die Leidenschaft fürs Auto aber wirkt im Film oft nur wie eine Behauptung. Wenn Felicitas Woll oder Nina Tenge den Fuß auf die Straße setzen, könnten sie den Asphalt unter sich zum Schmelzen bringen. Doch hinterm Steuer fehlt das Feuer. LARS-OLAV BEIER


DER SPIEGEL 14/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 14/2004

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

KINO:
Nie wieder Spaßbremse

TOP



TOP