29.03.2004

KARRIERENDer Einflüsterer

Der Kölner Professor Karl Lauterbach ist der wichtigste Berater von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Für den politischen Kampf setzt er schon mal seinen Ruf als Wissenschaftler aufs Spiel.
Das Programm lässt eine gepflegte akademische Debatte zwischen zwei Professoren erwarten. Auf der SPD-Veranstaltung im kleinen Kursaal von Stuttgart-Bad Cannstatt soll der Gesundheitsökonom Karl Wilhelm Lauterbach, 41, seine Argumente für die Bürgerversicherung vortragen und der Mannheimer Ökonom Eberhard Wille, 61, Argumente für die Kopfpauschale.
Doch Lauterbach verwandelt die Veranstaltung schnell in ein hitziges Wortduell: "Die Kopfpauschale wird niemals kommen!", ruft er ins Mikrofon. Später reckt er, wie ein Politiker im Wahlkampf, auf dem Podium siegesgewiss die Faust in die Höhe. Am Ende der Veranstaltung hat er die meisten Genossen auf seiner Seite.
Diese Doppelrolle ist typisch für den Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie an der Universität zu Köln. Offiziell ist Lauterbach nur ein Wissenschaftler, der die Politik berät, ein junger Professor, dessen kleines Institut über einem Supermarkt an einer Durchgangsstraße liegt. Tatsächlich jedoch hat er die Grenze zur Politik längst überschritten; mit allen Tricks will er seine Vorstellungen durchsetzen.
Lauterbach gilt als Einflüsterer der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, als jemand, der ganz nah dran ist an der Macht. Den Standesvertretern der Ärzteschaft ist er, der sich inzwischen als größter Kritiker des medizinisch-industriellen Komplexes gibt, wohl noch verhasster als die Gesundheitsministerin selbst.
Dabei war er vor wenigen Jahren noch dafür bekannt, dass er im Auftrag der Pharmaindustrie Medikamentenstudien durchführte. Über 800 000 Euro an Drittmitteln heimste er dafür allein im Jahr 2000 ein.
So war er auch an einer Studie über den Fettsenker Lipobay beteiligt - jenem Medikament, das die Herstellerfirma Bayer wegen tödlicher Zwischenfälle im Jahr 2001 vom Markt nahm. Die frühen Hinweise darauf, dass Lipobay möglicherweise gefährlich war, nahm Lauterbach damals ebenso wenig wahr, wie es seine Auftraggeber taten.
Das war gestern. Inzwischen tritt Lauterbach als Kämpfer gegen die übermächtige Pharmalobby auf. Er setzt sich für die Positivliste ein und für eine weitere Hürde bei der Zulassung von Arzneimitteln.
Vor allem aber will Lauterbach die Bürgerversicherung durchsetzen, eine Krankenversicherung, die nicht nur Lohn und Gehalt, sondern auch Miet-, Zins- und Kapitaleinkünfte miteinbezieht.
Als seine Idee vergangenen Sommer in der Rürup-Kommission zu scheitern drohte, weil die Unterstützer des Gegenmodells - der Kopfpauschale, eines einheitlichen Krankenkassenbeitrags für alle Versicherten - überwogen, scherte sich Lauterbach kein bisschen um seine offizielle Rolle als einfaches Mitglied der Kommission: Er brach das verabredete Schweigen, ging an die Presse und trieb die urlaubende Gesundheitsministerin fast zur Verzweiflung. Mit Erfolg: Die Bürgerversicherung ist heute so populär wie noch nie.
"Ja", sagt Lauterbach, "ja, ich bin ein Homo politicus!" Der normale deutsche Professor, sagt er, der sei ja so naiv. Der denke: "Irgendwann kommt die Politik und nimmt wahr, was ich geforscht und veröffentlicht habe." Die Wirklichkeit sei eine andere: "Wenn man als Wissenschaftler seine Ideen verwirklicht sehen will, dann muss man dafür ringen."
Lauterbach hat an der renommierten Harvard School of Public Health, der Fakultät für Gesundheitswissenschaften, studiert. Einer seiner Lehrer war ein Strategieexperte, der sogar ein Computerprogramm entwickelte, das Wissenschaftlern helfen soll, ihre Ideen politisch durchzusetzen.
Hat Lauterbach das Programm selbst benutzt? "Ach", sagt er und grinst verschwörerisch, "das ist was für Anfänger. Nicht die hohe Kunst."
Die hohe Kunst fängt für Lauterbach an der Basis an. Er tingelt von Parteiveranstaltung zu Parteiveranstaltung, um seine Ideen direkt in den Köpfen der kleinen Leute zu verankern.
Gleichzeitig nutzt er seine hervorragenden Kontakte zur Gesundheitsministerin: SPD-Mitglied Lauterbach, der aus Düren bei Aachen stammt, lernte die Aachenerin Ulla Schmidt bei einem Brustkrebs-Screening-Projekt in Aachen kennen, noch bevor die SPD an die Macht kam. Beide sprechen einen leicht quäkend klingenden rheinischen Singsang.
Lauterbach und seine Ministerin telefonieren oft mehrmals täglich und sehen sich regelmäßig.
Er liefert ihr Ideen und Zahlen aus seinem Institut, wo seine Arbeitsgruppen sich mit Themen wie Krankenhausfinanzierung, Disease-Management und auch mit der Bürgerversicherung beschäftigen. Sie gibt ihm politische Informationen und Unterstützung - alles, versichert Lauterbach, ohne Beratervertrag.
"Das würde mich nur behindern", sagt er. "Mit Ulla Schmidt pflege ich ein Vertrauensverhältnis. Ich würde es keine Beratung nennen, eher eine Art der Zusammenarbeit." Im Übrigen arbeite er nicht nur mit ihr zusammen, sondern mit einer ganzen Reihe von Gesundheitspolitikern - vor allem, aber nicht nur aus seiner eigenen Partei: "Ich sehe mich in einem Netzwerk von Menschen, die politisch ähnlich denken wie ich."
Wer nicht in einem solchen Netzwerk arbeite, sagt er, der habe keine Chance. "Der Bert Rürup zum Beispiel", amüsiert sich Lauterbach, "der denkt, es reicht, zum Kanzler zu gehen und den von seiner Idee mit der Kopfpauschale zu überzeugen. Ha, damit liegt er aber falsch!"
An Selbstbewusstsein fehlt es Lauterbach erkennbar nicht. Er ist C4-Professor, hat einen lukrativen Beratervertrag mit einem Krankenhauskonzern, und auch an anderen Aufträgen, mit denen er sich etwas hinzuverdienen kann, mangelt es nicht.
Ursprünglich kommt er aus einfachen Verhältnissen, ein Arbeiterkind, "natürlich AOK-versichert". Schon als Kind habe er die Ungerechtigkeiten des bestehenden Gesundheitssystems erlebt.
Als 13-Jähriger lag er mit einer Sportverletzung im Krankenhaus. Und da habe er deutlich gespürt, dass er für die Ärzte nicht so wichtig war wie die Privatpatienten. "Ich war nur ein Knirps, aber ich habe darauf bestanden, als AOK-Patient in die Privatsprechstunde des Chefarztes zu dürfen."
Als Lauterbach 1995 von Harvard nach Deutschland zurückkehrte, lehrte er zwei Jahre lang als Privatdozent an der Universität zu Köln. "Während dieser Zeit", sagt er, "habe ich der Universität den Gedanken an ein Institut für Gesundheitsökonomie nahe gebracht." 1997 wurde es gegründet, Lauterbach gewann die Ausschreibung der Direktorenstelle.
Doch einfach nur forschen, das reicht Lauterbach nicht. In der Politik hat er schon viel erreicht - als Wissenschaftler jedoch begibt er sich dadurch immer wieder aufs Glatteis.
Bei seinen Kollegen ist er eher unbeliebt. So war Lauterbach an der Nullrunde der Universitätskliniken beteiligt, ebenso wie an der Einführung der verhassten Fallpauschalen.
Auch mit der Art, wie er wissenschaftliche Erkenntnisse in Politik umsetzt, stößt er viele Kollegen vor den Kopf. So führte er zum Beispiel gemeinsam mit der Radiologischen Klinik der Kölner Universität eine Studie durch, in der es um die Qualität von Röntgenuntersuchungen in Nordrhein-Westfalen ging.
Unter anderem hatten die beteiligten Ärzte selbst angegeben, dass sich im Nachhinein etwa ein Drittel ihrer Untersuchungen als überflüssig erwiesen hatte. Allerdings gab es zahlreiche Probleme - sehr viele der angefragten Ärzte wollten zum Beispiel nicht mitmachen; und am Ende fehlte eine ganze Reihe von Daten. "Auf Grund der methodischen Mängel sind die quantitativen Aussagen der Studie wenig aussagekräftig", urteilte ein Gutachter.
Ulla Schmidt jedoch, von Lauterbach erkennbar gebrieft, empörte sich auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz: "Ein Drittel aller Röntgenuntersuchungen ist überflüssig!"
Was folgte, war ein Sturm der Entrüstung in der Ärzteschaft. Lauterbach musste sich vor der Senatskommission für wissenschaftliches Fehlverhalten der Kölner Universität verantworten.
Für ihn ist der Streit ein reiner Interessenkonflikt. Andererseits jedoch fällt schon auf, dass Lauterbach sich zu Studienergebnissen immer wieder weit weniger vorsichtig äußert, als es viele seiner Kollegen tun - eher wie ein tatendurstiger Politiker als ein skeptischer Wissenschaftler.
In einer Fernsehsendung zum Thema hoch dosierte Vitamine zur Verhütung von Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erklärte er zum Beispiel 1998: "Auf der Grundlage der Studien, die bislang vorliegen, schätzen Epidemiologen, dass ungefähr 25 Prozent der Infarkte sich vermeiden ließen durch diese Präparate. So könnte man von Einsparungen in der Größenordnung von ungefähr neun Milliarden D-Mark pro Jahr ausgehen."
Nichts von dem, was Lauterbach damals sagte, war nach dem damaligen Stand des Wissens eindeutig falsch. Aber es war voreilig; inzwischen gilt als sicher: Hoch dosierte Vitamine haben keinerlei positive Wirkung - im Gegenteil, in einigen Fällen können sie sogar gefährlich sein.
Doch wenn der Politiker in ihm durchbricht, nimmt er es in Kauf, seinen Ruf als Wissenschaftler zu riskieren.
Im kleinen Kursaal von Bad Cannstatt ist er ganz in seinem Element. Während sein geschlagener Gegenspieler Wille nach Hause fährt, trifft sich Lauterbach noch mit den anderen Genossen in der Kneipe nebenan. Es geht darum, die Schlachten von morgen vorzubereiten.
VERONIKA HACKENBROCH
Von Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL 14/2004
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