05.04.2004

ARBEITSPLÄTZE„Gift für den Standort“

GE-Deutschland-Chef Thomas Limberger über die Verlagerung deutscher Jobs in Billiglohnländer und Manager-Patriotismus
Thomas Limberger, 36, ist seit anderthalb Jahren Vorstandschef beim hiesigen Ableger des US-Konzerns General Electric (GE). Das Industrie-Konglomerat mit weltweit über 300 000 Mitarbeitern verkauft fast alles - Glühbirnen, Windkraftanlagen, Kleinkredite und Turbinen. 2003 erhöhte die deutsche Dependance ihren Umsatz von 4,4 auf knapp 6 Milliarden Dollar. Der Gewinn wuchs zweistellig. Durch aggressive Zukäufe stieg auch die Zahl der Mitarbeiter von 5400 auf rund 7000. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Deutsche Konzerne von Continental bis Siemens debattieren zurzeit lautstark über die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnregionen. Ihr US-Konzern General Electric weiht im Juni ein Europa-Forschungszentrum ein, das in Garching bei München Hunderte neuer Top-Jobs schafft. Haben Sie den allgemeinen Trend zur Republikflucht verpasst?
Limberger: Als Technologiekonzern entwickeln wir dort, wo die Ressourcen sind - in China wie in Indien, aber eben auch in Deutschland. Hier zu Lande ist die Grundlagenforschung noch immer herausragend im internationalen Vergleich. Mich nervt es auch mittlerweile, wie etliche Top-Manager dauernd den Standort schlechtreden. Er ist weit besser als sein Ruf.
SPIEGEL: Sie haben sich vorher Orte in ganz Europa angesehen ...
Limberger: ... inklusive Osteuropa ...
SPIEGEL: ... und sich am Ende für Deutschland entschieden. Was gab schließlich den Ausschlag?
Limberger: Uns ging es um Grundlagenforschung in den Bereichen Erneuerbare Energien, Medizin- und Sensorentechnik sowie Materialkunde speziell für die Automobilbranche. Deutschland war da schnell die beste Adresse, Garching mit seiner Technischen Universität vor der Haustür dann die erste Wahl.
SPIEGEL: Subventionen haben dabei keine Rolle gespielt?
Limberger: Bayern wird von der EU nur wenig gefördert. Das war kein Thema für uns. Wer nach Subventionen schielt, geht eher in neue Bundesländer wie Brandenburg oder Sachsen. Das kam für uns nicht in Frage.
SPIEGEL: Müssen Sie in Ihrer Konzernzentrale in New York für den Standort Deutschland werben?
Limberger: Klar, immer. Das ist Teil meines Jobs. Die Kollegen in der Zentrale kommen ja aus allen Teilen der Welt und bringen entsprechende Erfahrungen und Wünsche ein. Aber was die technologischen Vorteile Deutschlands angeht, musste ich in meinem Vorstand auch nicht gerade Wissenslücken stopfen.
SPIEGEL: Mit welchen Vorurteilen haben Sie in den USA vor allem zu kämpfen?
Limberger: Die Einstellung ist generell: Wir sind seit über 100 Jahren in Deutschland präsent, wir wollen und müssen hier arbeiten. Wenn es um Forschung geht, spielen die typisch deutschen Themen wie Reformstau oder hohe Lohnnebenkosten nur bedingt eine Rolle. Ich suche attraktive Standorte. Attraktiv sind Orte, wo die nötigen Fachkräfte sind. Top-Leute kriegen Sie nirgends auf der Welt für niedrige Löhne.
SPIEGEL: Selbst Manager wie SAP-Chef Henning Kagermann glauben mittlerweile, dass in Indien oder China längst ebenso qualifiziertes, aber deutlich billigeres Personal zu finden ist. Was bleibt der Bundesrepublik da künftig noch?
Limberger: Ich gebe Ihnen Recht, dass der Bereich Informationstechnologie etwa in Indien heute sehr stark ist. Deshalb ist GE dort auch mit einigen tausend Leuten vertreten. In unseren Sparten ist Deutschland dagegen ganz klar führend. Auch im weltweiten Vergleich muss sich die Bundesrepublik überhaupt nicht verstecken. Das, was wir jetzt in Garching erforschen lassen, wurde bislang in den USA betreut. Unsere Führung erkannte eben auch, dass es hier zu Lande noch eine Menge Potenzial zu entdecken gibt.
SPIEGEL: Welche Standortvorteile sehen Sie hier noch?
Limberger: Manche mögen es angesichts von Pisa-Studie und leidiger Elitendebatte kaum glauben, aber es gibt sehr gute Hochschulen. Zum Beispiel entwickeln wir mit der Universität Gießen zurzeit ein medizinisches Forschungsprojekt, das in seiner Art weltweit einzigartig ist. Dazu kommt - Stichwort EU-Erweiterung - die geografische und kulturelle Nähe zu den neuen Nachbarn im Osten. Zu denen hat Deutschland traditionell gute Beziehungen. Das sind auch interessante Märkte.
SPIEGEL: Klingt, als seien Sie mit den Rahmenbedingungen, die hier zu Lande seit Jahren ausdauernd beklagt werden, völlig zufrieden.
Limberger: Sicher nicht. Aber es wird auch vieles zu schnell zu schlecht geredet.
SPIEGEL: Ausgerechnet bei Ihrem urdeutschen Konkurrenten Siemens wird gerade debattiert, Tausende Jobs in billigere Länder Osteuropas zu verlagern. Steckt dahinter Notwendigkeit, Drohgebärde oder Denkfehler?
Limberger: Das muss der Siemens-Chef selbst wissen. Da braucht er meinen Rat nicht. Schadenfreude empfinde ich jedenfalls nicht, im Gegenteil: Solche Debatten sind Gift für den Standort ...
SPIEGEL: ... sagt ausgerechnet der Statthalter eines US-Konzerns ...
Limberger: ... der das ganz nüchtern ökonomisch sieht - und zwar als Deutscher, nicht als Konkurrent.
SPIEGEL: Die hiesige Debatte ist emotional aufgeladen. Die SPD beschimpfte abwandernde Unternehmer schon als "vaterlandslose Gesellen". Müssen Manager überhaupt patriotisch denken?
Limberger: Schwer zu sagen. Man sollte jedenfalls ein Gefühl für den Markt haben, in dem man sich bewegt - und ein gesundes Verhältnis zu dem Land, in dem man arbeitet. Mein Job ist es, für GE Wachstum in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu generieren.
SPIEGEL: Wenn Sie in Deutschland Jobs schaffen, die vorher auch in Amerika erledigt wurden, sind Sie doch in den USA fast selbst so etwas wie ein Verräter, oder?
Limberger: In der Regel verstehen die Amerikaner ganz gut, was Globalisierung wirklich bedeutet und dass es durchaus Sinn macht, bestimmte Jobs in andere Länder zu verlagern, auch wenn das Thema in den USA gerade zum Wahlkampfthema hochgejazzt wird. Wenn wir hier erfolgreich sind, nutzt das ja auch dem Mutterland unseres Konzerns.
SPIEGEL: Ihr Standortpostulat in allen Ehren, aber das GE-Wachstum in Deutschland scheint vor allem darauf zurückzuführen zu sein, dass Sie - salopp gesagt - mit dickem Geldbeutel auf Einkaufstour gehen. Viele Firmen sind momentan billig zu haben.
Limberger: Global gesehen, mag Ihre Beobachtung nicht einmal ganz falsch sein. Auf Deutschland bezogen stammt aber nur ein kleiner Teil unseres Umsatzwachstums aus den Akquisitionen. Der Rest entwickelte sich organisch.
SPIEGEL: Dass Ihr Umsatz im vergangenen Jahr so kräftig angeschwollen ist, verdanken Sie auch dem starken Euro. GE rechnet in Dollar.
Limberger: Klar. Aber in der Zukunft kann uns dieser Effekt auch mal negativ erwischen, wenn der Dollar wieder steigt. Die konzerninternen Wachstumsvorgaben rechnen solche Wechselkursprobleme ohnehin raus.
SPIEGEL: Bleiben die rund 1600 deutschen Arbeitsplätze, die Sie im vergangenen Jahr mit Zukäufen dem GE-Imperium einverleibt haben, alle erhalten?
Limberger: Firmen, die wir in Deutschland bisher kauften, ergänzen unser Portfolio. Unterm Strich dürften daher nicht viele Jobs wegfallen - allenfalls im administrativen Bereich, dem so genannten Backoffice ...
SPIEGEL: ... das GE bereits weitgehend nach Indien ausgelagert hat.
Limberger: Für einen solchen Schritt sehe ich keine Notwendigkeit.
INTERVIEW: THOMAS TUMA
Von Thomas Tuma

DER SPIEGEL 15/2004
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