05.04.2004

MUSIK

Ohrwurm im Pott

Von Umbach, Klaus

Zum Hundertjährigen des legendären Fußballclubs Schalke 04 wird in Gelsenkirchen ein abendfüllendes Kicker-Musical uraufgeführt. Der Komponist des Jubelwerks ist der Münchner Enjott Schneider.

Einer wie Händel möchte er sein, "so ein Megatyp": nichts anbrennen lassen, dauernd unter Druck, "jeden Tag eine neue Oper schreiben", gleichzeitig an der vorigen "noch mal rumfummeln" und schon "mit der nächsten im Kopf durch die Gegend rennen". Sein Lebenstraum: die Bücher voll Aufträge, das Hirn voll Noten, das Tagwerk voll Stress.

Was heißt hier Traum? Der lebt so. Der braucht die Maloche. Der genießt die Tretmühle. Längst hat er sich dem multimedialen Verbund der Verleger, Plattenmacher, Filmstudios, Fernsehstationen, Opernhäuser und Kommunikationskonzerne liebend gern ausgeliefert: Enjott Schneider, 53, Workaholic.

Seit zwölf Jahren kein Urlaub, in einem Jahr dreimal Intensivstation, Ehe ramponiert, Bauchspeicheldrüse weg, Diabetes. Trotzdem: "Ich bin relativ breitfellig", er macht das, er schafft das alles.

Die Zeit von 6 Uhr in der Frühe bis 11 Uhr mittags und abends von 9 bis 2 in der Nacht sind seine "besten Stunden", "da bin ich besonders gut drauf und kriege unheimlich was erledigt"; da karnickelt er bei Tafelwasser, Kräutertee und Salzstangen Opus auf Opus auf Opus - Enjott Schneider, Werkaholic.

An die tausend Film- und TV-Produktionen hat dieser Maniac bis heute klanglich aufgedonnert, untermalt oder ausgeziert: 370 Folgen "Jede Menge Leben", 300 Folgen "Marienhof", "Vater wider Willen", "Weißblaue Geschichten", "Wilder Kaiser", "Tatort: Waidmanns Heil", halt den ganzen Klingklang der deutschen Flimmerkiste. Fürs Heimkino schießt er die Knaller nur so aus der Hüfte, da ist er schlicht Macher - der Mann für U.

Aber lieber, so lässt er im Gespräch immer wieder durchblicken, ringt er doch ein bisschen mit der tönenden Materie, zergrübelt er sich beim Schaffensprozess, ist er richtiger, regelgerechter Schöpfer - der Mann für E, für ernst, edel, erhaben.

Lieber redet er auch - "Für was halten Sie mich eigentlich? Für Dieter Bohlen?" - über die dicken Brocken und die abendfüllenden Produktionen, die er "mit hohem musikalischen Anspruch" vertont hat: "Stalingrad" beispielsweise, "Schlafes Bruder", "Herbstmilch", "Rama dama", Eichingers "Mädchen Rosemarie" oder "Jahrestage" nach Uwe Johnson von Margarethe von Trotta. "Ich mache das Feinste vom Feinen", besingt sich Schneider, Sohn eines Schlossers, als erste Adresse.

Der Mann mit dem seltsamen Vornamen - Enjott ist das urkundlich genehmigte Initialen-Doppel aus Norbert und Jürgen - hat, so sagt er, "jede Menge Festplatten im Schädel" und speichert ab, was nach einer "geistigen Inkubationszeit" plötzlich aus ihm "herausbricht", manchmal - enjottbewahre! - der Stoff für zehn Projekte gleichzeitig.

Und weil es ihn, den studierten Organisten und Kontrapunktiker, "schon immer" in die Orchestergräben der Opernhäuser und auf wichtige philharmonische Spielplätze gezogen hat, durchlebt Schneider derzeit die heißeste Phase seines Lebens. Denn seit Jahresbeginn 2004 kommt er so groß raus, dass selbst ihm fast schwindlig wird im Sog des Wichtigen und beim Sieg des Wuchtigen - drei schöpferische Jumbos in zwölf Wochen, "das schlaucht sogar mich".

Ende Februar hatte im Theater Görlitz seine Gerhart-Hauptmann-Oper "Bahnwärter Thiel" Weltpremiere, reichlich beklatscht. Schneider habe mit dem Stück gezeigt, urteilte die "FAZ" anerkennend, "wie man Atmosphäre schafft und instrumentale Charakteristika effektvoll einsetzt", das Werk habe - bei Neutönern selten - durchaus "Chancen für weitere Inszenierungen".

Mitte Mai ist in Bautzen die Uraufführung seiner Ballettoper "Krabat oder Die Erschaffung der Welt" geplant, die auf ein Buch des Autors Jurij Brezan, 87, zurückgeht und für die Schneider einen Stilmix "aus Orff, Strawinski, Ethno und Techno" androht.

Und zwischen Literaturoper und klassischem Tanzstück dürfte dann endlich die ganz große Sause abgehen. Am diesjährigen Muttertag will Schneider eine Steilvorlage seines Gewerbes in einen Volltreffer verwandeln und mit dem Musical "nullvier - Keiner kommt an Gott vorbei!" die "ganze Fußballwelt aufhorchen lassen".

Ein "königsblaues Stück" wird da verheißen, das Vereinsmanager Rudi Assauer "allen, denen Schalke etwas bedeutet, zum Jubiläum schenken will" und das am 9. Mai im Gelsenkirchener "Musiktheater im Revier" uraufgeführt werden soll: Der legendäre Fußballclub wird 100, und Schneider schreibt den Jubel-Hype - sein Debüt im Reich der Balletristik.

Mit Kickern hat der Komponist normalhin nichts am Hut, er ist "keiner, der in Trainingsanzug und Adidas-Schuhen rumhockt und die 'Sportschau' guckt". Aber aus dankbarer Zuneigung zur Gelsenkirchener Bühne, wo er im März 2002 endlich seine 20 Jahre lang ungespielte Oper "Das Salome-Prinzip" hatte uraufführen können, ließ er sich vor einem Jahr von Assauer und Intendant Peter Theiler plattschlagen, für die Schalke-Fans den Zentenar-Hymnus anzustimmen.

Anfangs mit gemischten Gefühlen. Musical? In Deutschland meist "zu seicht, zu anspruchslos, zu billig". Kohlenpott? Kaum geistig rühriger Mutterboden. Fußball? Keine Ahnung. Aber alles kein Grund, sich zu drücken. Ein Schneider kneift nicht, er trifft stets den richtigen Ton.

Schneiders Klientel weiß, dass sie tatsächlich das an ihm hat, was er an sich rühmt: den sauberen Handwerker, den blühenden Phantasten und den pünktlichen Lieferanten.

Für die Fernsehdokumentation "Das Wunder von Bern - die wahre Geschichte", mit der der ZDF-Historiker Guido Knopp demnächst die Fußballweltmeisterschaft 1954 noch einmal aufrollen wird, hat er die 90-Minuten-Partitur am Jahresende 2003 "in ein paar Nächten runtergeschrieben" und wenige Tage später als Dirigent auch produziert.

Und weil es praktisch war und "Zeit und Geld sparte", wurde bei dieser Gelegenheit auch der an den letztjährigen Weihnachtstagen prestissimo erstellte Soundtrack für Jo Baiers "Stauffenberg"-Film - Schneider: "ein 69-Minuten-Schinken wie eine Schostakowitsch-Symphonie" - gleich mit eingespielt.

"Das alles klingt viel und riesengroß", räumt Schneider ein, und genau das soll es auch. Denn keiner guckt so fasziniert an Enjott Schneider hoch wie Enjott Schneider, der leicht untersetzte Tönemeister mit der großen "Spannweite", mit dem unglaublichen "Facettenreichtum", mit der "scharfzüngigen intellektuellen Vergangenheit".

Jedenfalls hat die Ich-AG Schneider, vermutlich Deutschlands produktivste Tonschmiede, ein riesiges Sortiment auf Lager, von der klingenden Miniatur bis zum philharmonischen Everest.

Schneider hat die dadaistisch skurrilen Abkürzungen aus schlüpfrigen Kontaktanzeigen mit demselben routinierten Geschick vertont wie den Wortlaut der heiligen Messe oder Texte aus dem Konzentrationslager Buchenwald.

Zur Wiedereröffnung des Münchner Prinzregententheaters collagierte er 1996 zahllose Motivkürzel aus Wagner-Opern zu einem launigen "Minuten-Tristan für 12 Pianisten", einem klitzekurzen Kabinettstück. Drei Jahre später, bei den Erfurter Domstufen-Festspielen, wuchtete er seine "Glocken-Sinfonie" zum, wie er behauptet, "ausladendsten je komponierten symphonischen Werk" auf. Da entstand ein Koloss von 92 Minuten Dauer mit 7 Chören, 2 Symphonieorchestern, fast 500 Mitwirkenden und dem Geläut der legendären Erfurter "Gloriosa"-Glocke, deren Einsatz sich der Komponist damals eigens vom Papst genehmigen lassen musste.

Gemessen an dem pathetischen Bimbam mit Häftlingslyrik und Goethe-Gedicht könnte die Schalker Kicker-Soap ein dribbliger Reißer werden. In Anspielung auf ein historisches Drama in den achtziger Jahren, als der legendäre FC auf der Kippe stand, wird der abgeschlaffte Verein in dem Musical von dem jungen Fußballstar Jojo vor dem Abstieg gerettet. Vorher, es geht nicht anders, verliebt sich Jojo in die schöne Cellistin Louisa aus gutem Hause und wird im Alltag immer wieder von einem miesen Gegenspieler namens Stefan gefoult. Die Story, klar doch, endet happy.

Kaum hatte Ruhrpott-Poet und Pen-Vize Michael Klaus den Plot zu Papier gebracht, war Schneider mit der Partitur "in nur drei Monaten" auch schon fertig: 39 Nummern für Solisten, Chor, Rockband, Bigband und Symphonieorchester - laut O-Ton des Machers "hochkarätig komponiert, virtuos, abwechslungsreich, überraschend komplex, viele Kleinode, für ein deutsches Musical absolute Oberklasse". Mehr noch, "eigentlich eine richtige Schalke-Oper".

Während "nullvier"-Regisseur Matthias Davids, 41, den Bühnenraum gemäß den Vereinsfarben "in vielfachem Blau-Weiß" ausstatten wird, wählte Schneider zur Farbgrundierung der Partitur vor allem Schwarz ("Das passt zum Kohlenpott") und dunkelte das Lokalkolorit mit "Soul-Jazz und Soul-Funk" deutlich ein. Glitzer und Schmus kredenzte er in eingestreuten "Charakterstücken": etwa in dem "zwischen Puccini und Pop" tändelnden Liebesduett "Dem Himmel so nah", in dem "waschechten" Ragtime für Trainer, Manager und Vereinspräsident oder in der Multikulti-Nummer des Türken Ümit ("Kumpel, enttäusch mich nicht"), bei der Schneider in Gelsenkirchen sogar "orientalisches Orchesterflair" versprühen will.

Kaum waren die Proben zu "nullvier" angelaufen, sei seine Musicalnummer 15 ("Seit 100 Jahren gehen wir auf die Reise") vor Ort bereits zum "Ohrwurm" geworden, behauptet der Komponist, der sich bei der Niederschrift auch mal "absolut ins Triviale gehen lassen konnte": Der "Prolo-Hit" aus dem großen Finale habe jedenfalls "das Zeug zur neuen Schalker Hymne". KLAUS UMBACH


DER SPIEGEL 15/2004
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