05.04.2004

POP„Mein Unterbewusstsein wollte den Skandal“

Der britische Sänger George Michael über private Tragödien und seine Schreibblockade, den Kampf um künstlerische Unabhängigkeit und sein aktuelles Album „Patience“
Michael, 40, hatte von 1982 an zahlreiche Hits wie "Club Tropicana" und "Last Christmas" mit dem Duo Wham! und begann schon bald eine Solokarriere. Nachdem er 1998 in einer öffentlichen Toilette in Los Angeles wegen "unsittlichen Verhaltens" verhaftet worden war, bekannte sich der Popstar zu seiner Homosexualität. Michael lebt in Los Angeles und London. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Mr. Michael, warum hat es acht Jahre gedauert, bis Sie ein Album mit neuen Songs herausgebracht haben?
Michael: Ganz einfach: Ich hatte eine Schreibblockade. Nach dem Tod meiner Mutter 1997 bekam ich schwere Depressionen. Dass ich so lange brauchen würde, um darüber hinwegzukommen, hätte ich selbst nicht gedacht. Ich hatte zuvor schon zweieinhalb Jahre um einen mir nahe stehenden Menschen getrauert ...
SPIEGEL: ... Ihren Lebenspartner Anselmo Feleppa, der 1993 an den Folgen von Aids starb.
Michael: Ich dachte, dass ich dadurch einen Schutzpanzer hätte. Aber einen Elternteil zu verlieren ist wieder etwas anderes.
SPIEGEL: Wie haben Sie die Depressionen und die Schreibblockade überwunden?
Michael: Ich weiß nicht, ob Sie an so etwas wie die Magie von Orten glauben, aber es war so: Meine ersten drei Soloalben schrieb ich alle in meinem kleinen Haus im Norden Londons. Das neue Album habe ich woanders begonnen, aber erst, als ich in mein altes Haus zurückkehrte, lief es wieder. Und wissen Sie, warum? Weil ich dort die Gegenwart meiner Mutter spürte. Früher habe ich nur meine Mutter in das Haus gelassen. Sie bestand darauf, wenigstens einmal in der Woche bei mir sauber zu machen.
SPIEGEL: Ihr Vater ist aus dem griechischen Teil Zyperns nach England eingewandert. Ihr bürgerlicher Name ist Georgios Kyriakos Panayiotou. Hatten Sie jemals andere Zukunftspläne, als Popstar zu werden?
Michael: Nein, nie.
SPIEGEL: Aber Ihr Vater hätte es gern gesehen, wenn Sie sein Restaurant übernommen hätten, oder?
Michael: Überhaupt nicht. Er wollte viel mehr für mich. Er war ein typischer Einwanderer der ersten Generation und wünschte sich für seinen Sohn, dass er nicht so hart arbeiten müsse. Ich sollte Anwalt oder Arzt oder so etwas werden. Aber er gab seine Pläne für mich auf, als ich ungefähr zwölf war. Damals habe ich mich strikt geweigert, auf eine Privatschule zu gehen. Ich hatte das Gefühl, dort würde ich nicht das Fundament bekommen, das ich als Popstar brauche. Ziemlich guter Durchblick für einen Zwölfjährigen, oder?
SPIEGEL: Als Sie Ihren ersten Hit mit Wham! hatten, waren Sie gerade 19 und wurden von kreischenden Mädchen angehimmelt. Wussten Sie da schon, dass Sie schwul sind?
Michael: Ich wusste, dass ich zumindest bisexuell bin. Kurz nach dem Beginn von Wham! habe ich sowohl homo- als auch heterosexuelle Erfahrungen gemacht. Ich hätte mich beinahe schon damals geoutet, aber es wurde mir buchstäblich ausgeredet. Ich war nicht davon überzeugt, dass ich schwul bin, bis ich mich zum ersten Mal in einen Mann verliebt habe. Von da an war es klar. Es geht nicht darum, ob du mit einem Mann oder einer Frau ins Bett gehst, sondern in wen du dich verliebst.
SPIEGEL: Haben Sie's Ihren Eltern erzählt?
Michael: Nein. Ich habe ihnen lange nichts gesagt, weil es in den Achtzigern keine Zukunft für Schwule zu geben schien. Aids war damals eine große schwarze Wolke, vor der jede Mutter und jeder Vater Panik gehabt hätte. Als ich's ihnen schließlich erzählt habe, hatte ich das Gefühl, dass sie es ohnehin längst wussten. In unserer Beziehung hat sich dadurch nichts geändert.
SPIEGEL: Einer der berührendsten Songs auf Ihrem neuen Album ist "My Mother Had a Brother". Sie erzählen darin die schier unglaubliche Geschichte, dass Ihr Onkel sich genau an dem Tag umgebracht hat, an dem Sie geboren wurden, und zwar, weil er schwul war. Ist das autobiografisch?
Michael: Ja, die Geschichte ist wahr, leider.
SPIEGEL: Wann hat Ihre Mutter Ihnen davon erzählt?
Michael: Als ich ungefähr 17 war.
SPIEGEL: Guter Stoff für einen Therapeuten.
Michael: Allerdings. Ich habe schon seit 1991 einen Therapeuten - seit ich wusste, dass mein Lebensgefährte Anselmo krank war. Durch die Therapie verstehe ich die Geschichte meines Onkels sicher besser. Und ich verstehe, wie sein Tod die Beziehung zu meiner Mutter beeinflusst hat. Ich sehe nämlich auch noch aus wie er, also muss ich sie ständig an ihren Bruder erinnert haben.
SPIEGEL: Hätten Sie sich den Rummel um Ihre Verhaftung in einer öffentlichen Toilette in Beverly Hills 1998 vielleicht erspart, wenn Sie sich früher geoutet hätten?
Michael: Natürlich habe ich das in der Therapie immer wieder besprochen. Das Bizarre aus heutiger Sicht ist, dass ich mir das damals vielleicht nur deshalb angetan habe, weil mein Unterbewusstsein genau so einen Skandal geplant hat. Ich war es leid, dass meine Sexualität eine Barriere bildete zwischen mir und den Medien. Aber ich habe es nicht fertig gebracht, einem Journalisten einfach zu sagen: "Ich bin schwul."
SPIEGEL: Und deswegen haben Sie den Journalisten die viel spektakulärere Story geliefert, dass Sie ausgerechnet vor einem Polizisten in Zivil die Hose runterließen?
Michael: Ich weiß, es klingt bizarr, aber mein Unterbewusstsein wollte es offenbar so. Und es wusste offenbar auch, dass ich die Sache überleben würde, karrieremäßig. SPIEGEL: Haben Sie seitdem jemals wieder eine öffentliche Toilette benutzt?
Michael: O nein. Schon wenn ich in einem Restaurant nach der Toilette frage, habe ich immer Angst, dass gleich jemand einen Herzinfarkt kriegt.
SPIEGEL: Wie belastend finden Sie es, als Star unter ständiger Beobachtung zu stehen?
Michael: Ich versuche, zu trennen zwischen dem Privaten und meiner davon losgelösten öffentlichen Existenz. Als George Michael war ich in den letzten Jahren nur in Videoclips präsent; daneben gibt es Yog, wie mich meine Freunde nennen. Diese Trennung schützt das Innenleben sehr. Ich habe das neulich bei Annie Lennox erlebt; sie hat sich auch so eine künstliche Persönlichkeit geschaffen. Wir haben zusammen einen Preis an Bruce Springsteen verliehen. Auf der Bühne strahlte sie vor Selbstbewusstsein - so, wie man sie kennt. Aber hinter den Kulissen schloss sich ihre vor Aufregung zitternde Hand um meine.
SPIEGEL: Ihr ehemaliger Wham!-Partner Andrew Ridgeley genießt seit Jahren sein Leben als Privatier. Beneiden Sie ihn manchmal?
Michael: Ich war schon immer neidisch darauf, wie Andrew es versteht, das Leben zu genießen und sich niemals Sorgen zu machen. Er war schon als Kind so. Als er mich vor einigen Tagen besucht hat, war er gerade auf dem Weg zu einem Surfurlaub. Ansonsten spielt er viel Golf.
SPIEGEL: Könnten Sie so Ihre Tage verbringen?
Michael: Eben nicht. Ich gelte zwar als fauler Hund, weil ich nur sehr sporadisch Platten veröffentliche. Aber in Wahrheit bin ich ein Workaholic. Im vergangenen Jahr habe ich bis auf eine Woche jeden Tag gearbeitet. Die fünf Jahre, die ich für "Patience" gebraucht habe, waren eine Tortur.
SPIEGEL: Sie und Madonna gehören zu den wenigen Popstars der achtziger Jahre, die heute noch Bedeutung haben. Aber während Madonna regelmäßig Image und Sound runderneuert, sind Sie Ihrem Stil auch mit dem neuen Album treu geblieben. Mögen Sie keine Risiken?
Michael: Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich eben nicht der innovative Typ bin. Ich variiere lieber Elemente aus R & B, Jazz und Folk zu Songs, mit denen ich ein Publikum bewegen kann. Statt herumzuexperimentieren, verfeinere ich lieber meinen eigenen Stil. Auf dem neuen Album habe ich fast alles selbst geschrieben, arrangiert und produziert. Obendrein habe ich auch den Großteil aller Instrumente gespielt. Das Resultat klingt wieder wie ein typisches George-Michael-Album, aber das war auch genau das Ziel.
SPIEGEL: In Deutschland haben Sie's damit gleich an die Spitze der Hitparade geschafft - und mussten dafür nicht mal öffentlich mit jungen Stars knutschen wie Madonna mit Britney Spears und Christina Aguilera.
Michael: Das würde ich auch gern, ich habe Justin Timberlake schon angerufen, aber leider ruft er nicht zurück. Im Ernst: Selbst wenn ich wirklich mit einem so talentierten Burschen wie Timberlake arbeiten wollte, könnte ich es nicht ertragen, dass die Leute sagen, da ist ein alter Mann, der sich an ein junges Talent hängt. Schließlich war ich früher selbst mal in der Rolle des jungen Talents. Nein, kommt nicht in Frage. Vielleicht mache ich mir auch weniger Sorgen als Madonna, dass mein Starruhm verblassen könnte.
SPIEGEL: Heißt das, dass Sie sich als nunmehr 40-Jähriger über das Älterwerden keine Sorgen machen?
Michael: Hätte ich ein Problem damit, würde ich mir meine Haare färben und mir meinen Bart abrasieren. Aber ich mag ein bisschen Grau an mir und fühle mich verdammt wohl in meiner Haut. Außerdem darf man eins nicht vergessen: Die beiden Dinge, aus denen wir die größten Probleme machen - das Dickwerden und das Altern - sind den meisten Menschen auf der Welt gar nicht vergönnt.
SPIEGEL: Ihr politisches Engagement für die Entrechteten dieser Welt hat Sie 2002 zu dem Hit "Shoot the Dog" animiert. In dem Song attackieren Sie Tony Blair und George W. Bush. Wie hat das Publikum in den USA reagiert?
Michael: Viele Amerikaner sehen in mir einen schwulen Terror-Sympathisanten. Derzeit lebe ich die allermeiste Zeit in London. Ich war erst ein paarmal für sehr kurze Zeit wieder drüben. Vor drei Wochen haben sie mich bei der Einreise am Flughafen zwei Stunden dabehalten, angeblich gab es ein Problem mit meinem Pass. Alle anderen wurden einfach so durchgewinkt, und ich fragte mich: Was glauben die, wen ich terrorisieren will?
SPIEGEL: Versöhnt haben Sie sich immerhin mit dem Sony-Konzern, den Sie 1993 wegen Ihres vermeintlichen Knebelvertrags verklagten. Sie verloren den Prozess und eine Menge Geld. Nun bringt Sony Ihr Album "Patience" heraus. Wie kommt's?
Michael: Dafür gibt es drei logische Gründe. Erstens hat der ehemalige Sony-Boss Tommy Mottola, mit dem ich damals den meisten Ärger hatte, den Konzern verlassen. Zweitens gibt es doch kaum noch große Plattenfirmen, bald werden es wohl nur noch zwei sein - und wenn man weltweit in die Läden kommen will, muss man sich mit einem dieser Unternehmen einigen. Drittens, und das ist der wichtigste Grund: Es ist einfach ein sensationell guter Vertrag für mich. Er bindet mich nur für dieses eine Projekt. Ich muss noch zwei Duette aufnehmen, dann läuft der Deal mit Sony aus.
SPIEGEL: Soll das heißen, "Patience" ist Ihr letztes Werk?
Michael: Das letzte in der gewohnten Form. Neue Musik wird es von mir in Zukunft nur noch auf meiner Internet-Website geben. Und wissen Sie was? Zum ersten Mal in meiner Karriere fühle ich mich absolut frei. INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH, ANKE DÜRR
Von Christoph Dallach und Anke Dürr

DER SPIEGEL 15/2004
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