10.04.2004

SOZIALDEMOKRATENEntdeckung der Langsamkeit

Der neue SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter will die müden Genossen motivieren - erweist sich aber selbst als Problemfall. Schon wächst in der Partei die Enttäuschung über den schwunglosen Spitzenmann.
Manchmal muss er sich noch sagen: "Du bist das jetzt wirklich!" Klaus Uwe Benneter ist sich ein Rätsel, aber ein wunderschönes Rätsel. Er ist seit drei Wochen Generalsekretär der ältesten Partei Deutschlands. Das ist großartig für Benneter. Für die SPD ist das nicht ganz so großartig.
Astrid Papp hat Benneter eine halbe Stunde lang auf dem Frankfurter Unterbezirksparteitag reden hören. Sie ist Schriftführerin im Ortsverein Praunheim/Westhausen. Sie hatte große Erwartungen an den Neuen, gerade jetzt, da die SPD eine Art Wunderheiler braucht. Und dann das. "Ich fand''s ganz schlimm", sagt Astrid Papp. "Ausgesprochen müde und lähmend." Wie könne man nur so langsam und ohne jede Überzeugung einen Text runterlesen. Der Generalsekretär beherrsche ja nicht mal die Grammatik.
Nun steht auch die Basis vor einem Rätsel: Wie hat dieser Mann Generalsekretär werden können?
Schon seine Bewerbungsrede auf dem Berliner Sonderparteitag im vergangenen Monat trug er vor wie ein Priester die Fürbitten. Aber es erhörte ihn keiner. Während Benneter versuchte, seine Sätze
abzulesen, murmelten die Delegierten immer lauter. Dann kam er auch noch mit seinen Manuskriptseiten durcheinander. Aber er hielt durch. Bis zur letzten Seite. Bis zur letzten Floskel.
"Wenn einer hinfällt, helfen wir ihm beim Aufstehen", sagte Benneter. Er betonte es aber so, als würde er sagen: "Der Postschalter öffnet um 9.30 Uhr."
Am nächsten Tag knabbert der gerade gewählte Generalsekretär an einem Lufthansa-Schinkenbrötchen. Unter ihm das Ruhrgebiet, im Kopf noch die Rede. "Ich habe da eine gute Rede geschrieben", sagt Benneter. Er nähert sich seiner Basis, Duisburg, SPD-Unterbezirksparteitag. Auf der Fahrt vom Flughafen zur Rheinhausenhalle holt er sein Manuskript vom Vortag wieder raus, fängt an, einzelne Wörter zu unterstreichen. In der gleichen Mappe steckt eine "Musterrede für sozialdemokratische Funktionäre, Stand: Januar 2004".
Mit seiner Rede zieht er nun durch das Land, Duisburg, Frankfurt am Main, Bonn, Chemnitz. Er lernt die Mehrzweckhallen und Bürgersäle der Republik kennen, ihre Wände sind holzvertäfelt, die Blumengebinde sehen aus, als wären sie aus den siebziger Jahren übrig geblieben. Benneters Zuhörer von der SPD-Basis tragen hellgrüne Leinensakkos oder schwarze Glattlederwesten. Die Damen schmücken sich mit Dauerwellen. Man trinkt Pils.
Als Benneter das Nord West Center am Frankfurter Stadtrand betritt, versucht ein einzelner Genosse, Applaus anzustimmen. Der Versuch misslingt. So ist es immer, wenn Benneter in einen Saal kommt. Man bemerkt ihn nicht.
In Frankfurt redet er ohne Manuskript, aber das macht es nicht besser. Er verzichtet auf jede Betonung, reiht Relativsatz an Relativsatz, verläuft sich im eigenen Sprachlabyrinth und sucht hilflos nach dem Punkt. Wenn er über die Modernisierung der Sozialsysteme sprechen will, sagt er: "Jeder, der sich diesem Thema stellt, muss doch feststellen, dass die Geburtenrate in unserem Land in den letzten 30 bis 40 Jahren in einem Maße zurückgegangen ist, dass sie, wenn sie so weiter anhält und wir auch - was ja schön ist - alt werden, im Alter dann entsprechend mehr medizinische Leistung in Anspruch nehmen, mehr Pflege in Anspruch nehmen, das braucht viel."
Für einen Satz wie "Also ich jedenfalls war immer schon Sozialdemokrat in meinem Leben" benötigt er schon mal zwölf Sekunden und etliche Ähs.
Die Genossen murmeln. Immer lauter. Eine Rentnerrunde erzählt sich Privatgeschichten, vorn schütteln ein paar Jusos den Kopf. Benneter springt tapfer von Thema zu Thema, kommt von der Eigenheimzulage über unpatriotische Unternehmer zu Hartz IV. Seine Stimme versagt. Er trinkt, dann fällt ihm das Wasserglas um. Auf dem Podium suchen sie nach einem Tuch.
Niemand hat von Klaus Uwe Benneter große Entwürfe erwartet, die Linie soll der neue Vorsitzende Franz Müntefering zeichnen. Er muss nicht mal die Parteizentrale managen. Das macht Münteferings Vertrauter, Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel. Benneter soll die Wahlkämpfe mitorganisieren und hin und wieder im Fernsehen auftreten. Vor allem aber soll er Münteferings Mann für die Basis sein. Seine Förderer hatten geglaubt, dass er dort ankommt. Er wirkt glaubwürdig.
Benneter soll dafür sorgen, dass die SPD nicht in zwei Welten zerfällt, hier die Regierenden in Berlin, dort die Menschen im Ortsverein, die nicht mehr verstehen, was in der anderen Welt geschieht. "Ich will dafür sorgen, aus euch wieder motivierte und stolze Sozialdemokraten zu machen", ruft Benneter den einfachen Mitgliedern gern zu. "Dem fehlt doch selbst der Pfeffer", sagt der Genosse Franz Stein am Rentnertisch in Frankfurt.
Im Berliner Willy-Brandt-Haus will Benneter auf der ersten Pressekonferenz mit Müntefering seine nächsten Arbeitsschritte vorstellen. Er liest sie vor wie die einzelnen Punkte einer Gebrauchsanweisung. Am Ende sagt er: "Ich wollte mal deutlich machen, dass es jetzt hier voll zur Sache geht." Er lacht. Er wirkt glücklich und zufrieden. Er ist Generalsekretär.
In den Vorstands- und Präsidiumssitzungen blieb Benneter bislang eher still. Aufsehen erregte er nur im SPD-Gewerkschaftsrat. Dort stritten Müntefering und IG-Bau-Chef Klaus Wiesehügel über die neuen Zumutbarkeitsregeln für Arbeitslose. Dann meldete sich der Generalsekretär zu Wort: "Das heißt doch Zumutbarkeitsregelung. Also ist es auch zumutbar." Verwirrt von dieser Logik schüttelte die Runde den Kopf. "Einfach nur peinlich", flüsterte eine Teilnehmerin. Es blieb Benneters einziger Beitrag des Abends.
Immerhin finden sie in der SPD, dass er viel aufgeschlossener sei als sein Vorgänger Olaf Scholz, ein Zuhörer, frei von Arroganz. In Telefonkonferenzen mit den Landesgeschäftsführern hielt Scholz am liebsten erst selbst ein Grundsatzreferat und beendete die Schalte dann rasch wieder. Benneter sagt nur das Nötigste.
Er kann sehr einnehmend sein, im kleinen Kreis, unter Leuten, die er kennt. "Am meisten Spaß macht mir die unmittelbare Kommunikation", sagt Benneter. Er sitzt im Restaurant des Reichstags und zerlegt einen Fisch. Genossen, die an seinem Tisch vorbeilaufen, geben ihm einen Klaps. Benneter ist ein Mann zum Rückenklopfen. Man würde jederzeit mit ihm Kegeln gehen. Er will keinem weh tun. Selbst wenn er sagt, die Opposition sei "ratlos, planlos, hilflos", klingt das lieb.
Auch in kleiner Runde nimmt er manchmal drei Anläufe für einen Satz. Er hebt dann die Hand und bewegt die Finger in der Luft. Es sieht aus, als wolle er die Worte herauskitzeln.
Er spürt, dass sich sein Leben verändert hat. Seit er Generalsekretär wurde, fühlt er sich ständig beobachtet.
Benneter ist jetzt fleißig. Seine Reisen in die Partei dauern oft bis tief in die Nacht. Am nächsten Tag kommt er früh ins Büro. Er möchte alles gut machen. Er tut, was er kann. Aber es reicht noch nicht.
Die führenden Sozialdemokraten in Partei und Fraktion mögen ihn. Sie wussten nur von Anfang an nicht, warum er Generalsekretär werden sollte. Nach seinen ersten drei Wochen im Amt wissen sie es noch weniger.
Längst hat in der Partei- und Fraktionsspitze das Lästern begonnen. Die wichtigen Genossen lästern über Benneters Rhetorik. Sie spotten über seine blassen Fernsehauftritte und darüber, dass ihm die Ideen fehlen. "Wenn die SPD jetzt keine neuen Impulse mehr haben will, dann ist er genau der richtige", ätzt ein Präsidiumsmitglied. Offen traut sich noch keiner, über ihn herzuziehen. Denn der General steht unter dem persönlichem Schutz des Kanzlers. Gerhard Schröder geht mit Benneter regelmäßig beim Italiener oder Chinesen essen.
Der alte Freund Klaus Uwe war irgendwie übrig geblieben. Von Schröders Juso-Kumpeln war Benneter der einzige, aus dem noch etwas werden musste. Er ist jetzt 57. Er hat den längsten Umweg zur Macht genommen. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er vor 27 Jahren als Juso-Chef nicht den Eindruck erweckt hätte, echte Kommunisten seien irgendwie besser als echte Sozialdemokraten. Die Partei warf ihn raus. Benneter "hatte eigentlich die Nase voll". Mit Schröders Hilfe kehrte er 1983 dennoch heim in die SPD. Dann verschwand sein Name im Lokalteil.
Der Jurist arbeitete als Anwalt in Berlin-Steglitz und kaufte sich eine Brille mit Goldrand. In der Berliner SPD kam er lange nicht über den Posten des Gesundheitsstadtrats in Zehlendorf hinaus. Er wollte so gern Senator werden, aber man ließ ihn nicht. Eine Kandidatur für den Bundestag gewährten die Parteifreunde ihm erst im zweiten Anlauf, den Benneter im Herbst 2002 unter großer Wahlkampfhilfe der Familie Schröder nutzte. Die SPD selbst hätte einen Aufstieg des Genossen Klaus Uwe wohl nie zugelassen. Erst im vergangenen November versuchte Benneter, in den Bundesvorstand gewählt zu werden. Er scheiterte mit dem zweitschlechtesten Ergebnis aller Kandidaten.
Für Franz Müntefering war Benneter jahrzehntelang ein Mann aus einer fremden Welt. Müntefering hatte es schon als junger Genosse gern geordnet. Benneter mochte es rebellisch. Erst im Bundestag lernte der Chef der Fraktion seinen Abgeordneten schätzen. Politisch wandelten sich die beiden fast zeitgleich. Anfangs wehrten sie sich noch gegen Schröders Agenda 2010, um sie bald vehement zu verteidigen.
Als die Linksaußen der Fraktion drohten, den wichtigsten Reformgesetzen nicht zuzustimmen, redete ihnen der frühere Linke Benneter gut zu. Den Untersu-
chungsausschuss zu angeblichen rot-grünen "Wahllügen" leitete er ganz in Schröders und Münteferings Sinn. Seitdem gilt er auch beim Fraktionsvorsitzenden als geordnet und zuverlässig.
Aber das genügt nicht, wenn es darum geht, den einfachen Genossen zu erklären, warum die politische Realität sich so schnell von der Welt ihrer Träume entfernt.
Auf der Parteikonferenz der Sachsen-SPD in Chemnitz hat die Generalaussprache begonnen. Benneter notiert jede Wortmeldung. Auch die Namen der Genossen schreibt er sich auf, damit er sie später mit "Genosse Leuschner" oder "Lieber Dieter" anreden kann. Der liebe Dieter sagt allerdings, dass er "erschüttert" sei, "wenn ich Dinge höre, die vor Unkenntnis über den Osten nur so triefen" - und meint damit den Generalsekretär. Im Rednervergleich mit den Regionalgrößen Thomas Jurk und Constanze Krehl sichert Benneter sich frühzeitig den dritten Platz.
Solche Niederlagen scheinen ihn nicht weiter zu beschäftigen. Klaus Uwe Benneter glaubt an sich. Ganz fest. Bevor er einmal an sich selbst zweifelt, wachsen wahrscheinlich Zitronenbäume in Lappland.
Zugetraut hat er sich immer fast alles. In der Abiturzeitung seines Schuljahrgangs, der "Bollenzeitung", schrieben die Mitschüler des Helmholtz-Gymnasiums in Karlsruhe über ihn: "Ärgert gerne seine Lehrer... Kettenraucher, will Bundeskanzler werden." Das Rauchen hat er aufgegeben, das Ego blieb.
Als Franz Müntefering ihn im Februar anrief und fragte, ob er Generalsekretär werden wolle, war Benneter gleich klar: Es geht um Erfolg oder Niedergang einer stolzen Volkspartei. Und deshalb war ihm ebenso klar: Ehe andere einspringen, macht er den Job besser selbst.
Nach den ersten Wochen im neuen Amt zieht er zögernd eine Bilanz. Er überlegt. Es dauert. Dann sagt er: "Ich glaube, dass ich das bisher ganz gut hingekriegt habe."
Klaus Uwe Benneter hat ein Buch gelesen, das ihn tief beeindruckt und sein Leben verändert hat. Es heißt "Die Glücksformel". Darin erklärt der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein, dass man mit etwas Übung sein Gehirn auf positive Gefühle programmieren kann.
Benneter glaubt seitdem, dass Glück machbar ist. Er wisse jetzt, sagt er, wie man sich selbst dazu bringen kann, eine positive Ausstrahlung zu haben. Es funktioniert, er lächelt. MARKUS FELDENKIRCHEN
* Auf dem außerordentlichen SPD-Parteitag in Berlin am 21. März. * Mit Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 16/2004
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