DER SPIEGEL



EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Niere zu verkaufen

Von Buse, Uwe

Warum ein Brite ein menschliches Ersatzteillager sein will

Anfangs schien allein schon der Gedanke ein Frevel zu sein. Ein Stück des eigenen Körpers zu versteigern, um der Tochter die Kontrolle über ihren Leib zu schenken.

Es war unmoralisch.

Es war illegal.

Es war machbar.

Ein paar Stunden auf einem Operationstisch, ein Schnitt, ein wenig postoperativer Schmerz, und alles würde sich ändern für Peter Randall aus Sevenoaks in Kent, Großbritannien, und seine Tochter Alice.

Sechs Jahre ist Alice heute. Ihre Mutter gebar sie viel zu früh, Alice war unfertig und voller Mängel, so der Befund der Ärzte. Ihr Hirn war beschädigt. Die Arme und Beine funktionierten nicht. Alice würde nie gehen können, sie würde nie sprechen. Sie würde sabbern.

Dies sagten die Ärzte voraus, die Peter Randall konsultierte. Sie arbeiteten in staatlichen Krankenhäusern.

Randall glaubte ihnen nicht, er ist ein eigensinniger Mensch. Er weigerte sich, das angeblich Unabänderliche zu akzeptieren. Es musste ein besseres Leben für Alice geben. Randall suchte es im Internet.

Er suchte lange, und schließlich fand er einen Hinweis auf das Institut für Konduktive Förderung in Birmingham, wo Kinder wie Alice lernen, ihren Körper zu gebrauchen. Die staatlichen Kassen zahlen die Therapie allerdings nicht.

Die Ärzte des Instituts untersuchten Alice, und sie stellten als Erstes fest, dass ihre Zunge angewachsen war. Deshalb sabberte sie. Deshalb konnte sie nicht schlucken. Die staatlichen Ärzte hatten die verwachsene Zunge übersehen.

4000 Pfund kostete es, die Zunge zu lösen. Randall zahlte, Ärzte schnitten, Alice lernte zu schlucken, und sie begann zu sprechen, wenige Worte zunächst. Für Randall klang jedes wie eine Symphonie.

Es sei möglich, sagten die Ärzte dann, Alice mit Hilfe der "conductive education" vom Rollstuhl zu befreien. Man könne sie den Gebrauch der Arme und Beine lehren. Das werde voraussichtlich drei Jahre in Anspruch nehmen und etwa 85 000 Pfund kosten. 35 000 für die Arme, 50 000 für die Beine.

Randall besorgte das Geld für die Therapie der Arme, er mag nicht sagen, wie, er ist ein stolzer Mann.

Das ist jetzt ein gutes Jahr her. Mittlerweile kann Alice ihre Arme bewegen. Auf einem Foto liegt ihr linker Arm auf der Schulter ihres Vaters. "Das hat sie allein geschafft", sagt Randall, der damals vor Freude kaum Schlaf fand. Und vor Verzweiflung. Woher sollte er die 50 000 Pfund für die Therapie der Beine nehmen? Er wollte das Geld vom Staat, er führte einen Prozess, den er verlor.

Peter Randall, von Beruf Ingenieur, lag wach, nächtelang. Der menschliche Körper ist eine Maschine, unendlich kompliziert zwar, aber trotzdem nur die Summe ihrer Teile. So dachte er. Und eines dieser Teile gibt es zweimal.

Randall begann zu planen.

Er braucht ein geeignetes Forum, um seine Niere anzubieten. Nichts nationales, international müsste es sein. Besser noch global. EBay.

Er brauchte ein paar Sätze, die sein Vorhaben beschrieben, kurz, knapp und sachlich: Niere zu versteigern. Besitzer ist 49 Jahre alt, männlich, Nichtraucher, trinkt nur gelegentlich in Gesellschaft. Lieferung des Organs nur möglich, wenn gute medizinische und hygienische Standards eingehalten werden. Mindestgebot 50 000 Pfund. Es folgte seine E-Mail-Adresse.

Randall musste eine Rubrik wählen.

"Verschiedenes".

Er platzierte das Inserat bei EBay in London. Nach einer Woche entdeckten Mitarbeiter des Online-Auktionshauses die Anzeige und löschten sie. Angebote erhielt Randall keine. Das Gesundheitsministerium meldete sich bei ihm, man teilte ihm mit, dass er sich strafbar mache. Randall platzierte die Anzeige bei EBay-USA.

Auch hier wurde sie entdeckt und gelöscht, aber nicht schnell genug. Randall erhielt drei Angebote. Eine Frau bot 80 000 Pfund, ein Mann 87 000 Pfund, ein dritter Bieter erhöhte auf 92 000 Pfund. In allen drei Fällen behaupteten die Bieter, dass sie selbst oder ihnen sehr nahe stehende Personen die Empfänger seien. Die Niere würde nicht weiterverkauft werden.

Dies war der Zeitpunkt, an dem die "Sun", Großbritanniens größte Boulevardzeitung, in Randalls Leben eingriff. Die "Sun" forderte ihre Leser zu Spenden auf, das Blatt selbst überwies 5000 Pfund, nannte das eine Spende und kaufte sich so die Exklusivrechte an Randalls Geschichte. Die Leser der "Sun" gaben 19 000 Pfund unter der Bedingung, dass Randall seine Niere nicht verkauft. Die "Sun" verkündete den Sieg: "Kidney-for-Sale-Dad spared by gift". Das klang, als wäre Randalls Problem gelöst. Die Spenden versiegten.

"Ich konnte das Angebot nicht annehmen", erklärt Randall heute. Das Geld hätte nur für ein Jahr Therapie gereicht, er braucht aber Geld für zwei Jahre.

Die Verhandlungen mit den potenziellen Käufern sind inzwischen ins Stocken geraten. Vor kurzem wurde Randall eine neue Spende angekündigt, die sein Problem lösen soll. Überwiesen wurde das Geld noch nicht.

Nach mehr als einem Vierteljahr ist Randall wieder an dem Punkt angelangt, an dem er begonnen hat.

Die Auktion ist offen, Angebote werden angenommen. UWE BUSE


DER SPIEGEL 16/2004
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