10.04.2004

STERBEDIENSTEBis zum letzten Atemzug

850 000 Menschen sterben jährlich in Deutschland, immer mehr wollen zu Hause einschlafen und können es sich leisten. Professionelle Sterbebegleiter wie die Ostdeutsche Ursula Peter werden engagiert, um vermögenden Todkranken an ihrem Lebensende zur Seite zu stehen. Von Mathias Irle
Ganz vorsichtig legt Ursula Peter an diesem Vormittag eine dünne Decke über ihre Klientin Gisela Beck. Sie tunkt einen Waschlappen in eine rosa Plastikwanne, beugt sich über das Geländer des Betts, hebt die Decke leicht an und beginnt Gisela Beck an den Beinen zu waschen. Mit einer ölhaltigen Waschlotion, damit die alte Haut gleich wieder fettig ist. Kurz hebt sich der Kopf von Gisela Beck aus ihrem schweren Kopfkissen, ihre Haut spannt sich über das glänzende, eingefallene Gesicht, ihr Mund öffnet sich, es wirkt, als wolle sie etwas sagen, dann schnappt sie nach Luft und lässt ihren Kopf mit einem Stöhnen wieder in das Kissen sinken. Es klingt so, als habe sie alle Kräfte gesammelt, um sich der Welt mitzuteilen, und sei kurz vor dem Ziel gescheitert.
Der Tod, weiß Ursula Peter, kündigt sich an. Er kommt von innen, macht den Menschen unruhig, dann verspürt der Sterbende einen großen Durst. Er möchte noch jemanden sehen, vielleicht eine offene Schuld klären oder etwas sagen, das wichtig ist. Dann fällt der Blutdruck ab, es bilden sich dunkle Flecken auf der Haut, die Nase wird spitzer, das "magische Dreieck" zwischen Mundwinkeln und Nase wird auffallend weiß, die Augenhöhlen tiefer, schließlich setzt der Atem aus und der Körper wird ruhig, ganz ruhig.
Ursula Peter hat einige Menschen in diesen Momenten kurz vor dem Tod erlebt. In Essen einen 76-jährigen Krebs-Patienten, dem hat sie die Haare gebürstet und den heißen Kopf mit Wasser gekühlt. In Bayreuth eine 94-jährige Schlaganfall-Patientin. Und in Würzburg einen 78-jährigen Arzt - der hat gelächelt, als sie ihm in seinen letzten Stunden von seinem schönen Garten erzählt hat.
Ursula Peter reist dem Tod voraus. Wenn sie am Bett eines Menschen erscheint, ist der Tod nicht mehr weit. Sie wird gerufen, um Menschen in ihren letzten Wochen beizustehen. Drei Wochen verbringt sie meist bei ihren Klienten, wohnt mit ihnen in deren Wohnung, betreut sie, begleitet sie, 24 Stunden am Tag. Dann fährt die 59-Jährige für eine Woche zurück nach Wasungen in Thüringen, erholt sich, pflegt sich und macht sich dann auf den Weg zum nächsten Kandidaten.
Schnell läuft Ursula Peter in die Küche von Gisela Beck, sie kommt wieder mit einer Kanne, mit knapp zwei Litern Kamillentee. Sie muss sich auf ihre Zehenspitzen stellen, um den Tee in einen Plastikbeutel zu gießen, der an einem Ständer neben dem Bett hängt. Lichter an der Apparatur unterhalb des Beutels fangen an zu blinken, Ursula Peter stellt an einem Rad die Dosierung ein, es piepst, dann fließt der Tee langsam durch einen Schlauch über einen Anschluss in der Bauchdecke in den Magen von Gisela Beck. Seit gut zwei Jahren wird die 90-Jährige künstlich ernährt, und ihre Tochter wird sich am Nachmittag mal wieder fragen, ob es nicht besser für ihre Mutter wäre, wenn man das Essen einstellen würde. Doch wer konnte diese Entwicklung, damals im Dezember 2001, ahnen, als man mit der künstlichen Ernährung begann?
Nach einem Herzinfarkt war Gisela Beck die Treppe hinuntergestürzt; als sie in einem Hamburger Krankenhaus zu sich kam, war sie halbseitig gelähmt, die Ärzte gaben ihr noch maximal zwei Monate zu leben. Schnell musste die Tochter über den nächsten Schritt entscheiden, sie wusste nur, ihre Mutter wollte niemals in ein Heim. Die Chefärztin des Krankenhauses gab ihr die Telefonnummer des "Pflegeverbunds Deutschlands", einer Gemeinschaft von privaten Pflegediensten, und der Koordinator für Norddeutschland prüfte die Bedingungen für eine Sterbebegleitung daheim.
Als Gisela Beck drei Tage später wieder in ihr eigenes Bett durfte, lächelte sie zum ersten Mal wieder. Seit diesem Zeitpunkt wohnt bei Gisela Beck eine Sterbebegleiterin, die sie wäscht, putzt, die Sonden wechselt, und die da sein soll, wenn es so weit ist. Wenn die innere Unruhe kommt, wenn sie durstig wird und der Tod sie holt.
Ursula Peter kam im August 2003 zum ersten Mal zu Gisela Beck. Als sie in das Zimmer im zweiten Stock einzog, lag Gisela Beck schon im Wohnzimmer in einem Bett - unfähig, sich selbständig zu bewegen, fast blind und taub, auf künstliche Ernährung ständig angewiesen. Auch sprechen konnte sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, an manchen Tagen hörte man höchstens noch ganz leise ein "Guten Tag".
Rund 850 000 Menschen starben 2003 in Deutschland, davon 80 Prozent im Krankenhaus oder im Altersheim. Nur 2,1 Prozent starben auf einer Palliativstation oder in einem Hospiz. Zwar kümmern sich mittlerweile in 1001 ambulanten Hospizdiensten ehrenamtliche Helfer um die Sterbenden, doch die kommen nur wenige Stunden am Tag. Dass Sterbebegleiter rund um die Uhr da sind, deutschlandweit, und das auch noch über mehrere Wochen, ist ein neuer Service, wenn auch mit 6000 Euro ein teurer. So viel kostet eine Sterbebegleitung im Monat, die Pflegeversicherung beteiligt sich im Falle von Gisela Beck daran mit 410 Euro. Den Rest zahlt der Schwiegersohn.
Da es in Deutschland immer mehr alte Menschen gibt, von denen viele vermögend sind, und immer weniger junge, die es sich zutrauen, ihre Eltern bis in den Tod zu pflegen und zu betreuen, wächst die Nachfrage nach einer professionellen Sterbebegleitung.
Über 250 mobile Sterbebegleiter sind für den Pflegeverbund in Deutschland aktiv, teils als Angestellte, teils, wie Ursula Peter, als Selbständige. Gute 90 Prozent von ihnen kommen aus der ehemaligen DDR, sie sind meist über 40 Jahre alt und waren in den unterschiedlichsten Berufen tätig. Die einzige Bedingung zur Einstellung: Sie sollten irgendwann in ihrem Leben schon einmal mit dem Thema Pflege oder Sterbebegleitung konfrontiert gewesen sein.
Mit einem Wischmopp putzt Ursula Peter an diesem Morgen den Laminatboden unter dem Bett. Dann greift sie mit einem Putztuch um die Stangen des Bettgestells und fährt das Tuch gedankenverloren auf und ab. Immer wieder blickt sie dabei in das Gesicht von Gisela Beck, mal legt sie ihr eine Haarsträhne wieder in die richtige Position, dann streicht sie ihr mit dem Rücken des angewinkelten Zeigefingers über die eingefallene Wange. "Man wird geboren, man hat seine Aufgabe, dann muss man wieder gehen", sagt sie dabei und: "Die Welt ist eine große Bühne, und wir müssen jeden Tag eine Vorstellung geben." Dann lacht sie laut. Ihre Wangen, rötlich schimmernd, glänzen, ihre Augen werden zu kleinen Schlitzen. Den Lappen hält sie dabei in der Hand, und ihr Lachen klingt nicht verbittert, nicht zynisch, sondern vergnügt. "Nein, die Möbelunternehmerin Peter hätte bestimmt nicht so gedacht", sagt sie und lacht noch mal, noch lauter. Es klingt erleichtert, froh darüber, dass sie es geschafft hat, sich ein neues Leben erkämpft zu haben.
Gut sechs Jahre hat es gedauert, von 1997 bis jetzt. Denn damals, da wollte sie nicht mehr leben, da war sie dem Tod so nah wie heute ihre Klienten. Alles, wofür sie gekämpft hatte, war verloren. Der Garten, das Haus, die Firma. Die hatte die gelernte Laborantin 30 Jahre lang geführt. Sie leitete das Möbelgeschäft, auf Provisionsbasis, als so genannten Kommissionshandel - eine Besonderheit in der damaligen DDR. Sie gehörte zu den Wohlhabenden, guter Mittelstand, sie hatte ein großes Haus mit 5000 Quadratmeter Garten.
Als die Wende kam, machte ihr das neue Wirtschaftssystem keine Angst, im Gegenteil, ihr war die Marktwirtschaft schon vertraut. In ihr Möbelhaus in Erfurt kamen damals häufig Vertreter aus dem Westen. Die erzählten ihr, Möbelgeschäfte im Westen würden auch Särge anbieten, "Holz gehöre schließlich zu Holz". Ursula Peter erschienen die Vorschläge der Westler logisch, also expandierte sie: Ein Beerdigungsinstitut und ein Blumenladen für Gestecke kamen zum Möbelhaus hinzu. Dann tauchten plötzlich "die Großen" - "Möbel Unger" und "Roller" - auf den Wiesen vor den Städten auf, langsam brach ihr Geschäft ein. Bis 1997 dachte sie, sie würde es schon packen, dann wurden ihre Konten gesperrt, das Haus gepfändet, der Garten verkauft - aus der ehrgeizigen Unternehmerin war ein Sozialfall geworden.
Ursula Peter versteckte sich in ihrer Wohnung, sie fühlte sich als Versagerin und stand morgens nicht mehr auf. Eine Ohnmacht hatte sie überfallen, sie wartete auf den Tod und versuchte, ihr Leben zu beenden. Schließlich war es der Hausarzt, der sie in eine Nervenklinik im Thüringer Wald überwies. Die Diagnose lautete: schwere Depression. Fast anderthalb Jahre verbrachte Ursula Peter in der Klinik, mit Gesprächen und Beschäftigungstherapie baute das Klinikpersonal langsam ihren Willen zum Leben wieder auf.
Laut klingelt das Telefon neben dem Bett von Gisela Beck. Es ist die Tochter. Die Pflegerin hält den Hörer an Gisela Becks Ohr. Die Tochter brüllt laut in den Hörer, die Worte schallen im ganzen Raum. Gisela Beck öffnet die Augen, starrt zur Decke, dann schnappt sie wieder nach Luft. Am Nachmittag will die Tochter kommen.
Damals, nach ihrer Entlassung aus der Klinik, traute sich Ursula Peter nicht wieder zurück nach Erfurt, sie suchte weder Kontakt zu alten Bekannten noch zu ihrer Tochter. Durch die Diakonie in Wasungen fand sie in einem Pflegeheim einen neuen Job. Sie half in der Küche und war Mädchen für alles. Die alten Menschen liebten sie für ihre freundliche Art. Eine Annonce des Pflegeverbunds - "Suchen Frauen ab 40 Jahre für die häusliche Pflege" - ließ sie kündigen. Zu reizvoll war für sie die Aussicht, wieder selbständig arbeiten zu können, zu interessant die Perspektive, bei ihrer Arbeit Deutschland kennen zu lernen. "Ich war ja 40 Jahre eingesperrt und höchstens mal in Eisenach oder Berlin." Seither hat sie in Bayreuth das Opernhaus von außen betrachtet. Die Bremer Innenstadt hat sie gesehen, weil sie dort eine Klientin zum HNO-Arzt bringen musste. Und in Würzburg war es ihre Aufgabe, einkaufen zu gehen - da hat sie öfter mal auf die Mainbrücke geschaut. Ansonsten sieht sie von den Städten nur die Strecke zwischen dem Bahnhof und der jeweiligen Wohnung - denn dort verbringt sie 24 Stunden vom Tag.
Früher, als sie noch in dem Pflegeheim in Wasungen arbeitete, habe sie nur die Hälfte von ihrem jetzigen Gehalt verdient, sagt Ursula Peter. Für eine 24-Stunden-Schicht bezahlt ihr heute der Pflegeverbund zwischen 80 und 120 Euro, abhängig von der Pflegestufe ihres Klienten, ob eins, zwei oder drei.
Mit beiden Händen greift sie einen großen Plastikkorb mit Wäsche, an der Haustür klingelt die Krankenschwester Marita. Um die Verbände von Gisela Beck zu wechseln. Und um ihr einen Blutverdünner zu verabreichen. Alle anderen Mittel hat sie nach Konsultation der Ärzte abgesetzt. Gisela Beck hält die Augen geschlossen. "Sie arbeitet ihr Leben ab", vermutet Ursula Peter, viel weiß sie nicht über das Leben ihrer Patientin: Gisela Becks Mann war Besitzer einer Kaffeegroßrösterei, sie hat mit 18 Jahren in Hamburg geheiratet, sie ist in Westpreußen geboren, sie hat fast ihr ganzes Leben in Hamburg gelebt, sie ist evangelisch, sie hatte einen starken Willen.
Im Keller befüllt Ursula Peter die Trommel "unserer" Waschmaschine mit der schmutzigen Kleidung, aus einer Ecke holt sie das Waschpulver hervor, die Sauna im Nebenraum benutzen "wir" nie. Morgen wird Ursula Peter für eine Woche nach Hause, nach Wasungen fahren. Und oft schreckt sie dort nachts aus dem Schlaf auf. "Wo bist du überhaupt?", fragt sie sich dann in den ersten Sekunden und: "Was musst du noch machen?" Die Tage zu Hause gehen immer schnell vorbei: den Kühlschrank auffüllen, die Wohnung sauber machen und den Papierkram erledigen - noch immer beschäftigen sie die Folgen ihres Konkurses.
Im Wohnzimmer piepst der Apparat an der Magensonde und signalisiert, dass der Tee durchgelaufen ist. Ursula Peter wäscht den Beutel aus und ruft aus der Küche: "Jetzt gibt es ein Fläschchen, Frau Beck." 500 Milliliter Biosorb Sondenkost bekommt die Klientin - "gebrauchsfertig, ballaststoffreich und hochkalorisch" steht auf der Flasche. Die sämige Flüssigkeit bahnt sich ihren Weg durch den Schlauch, erreicht den Eingang an der Bauchdecke. Gisela Becks Körper fängt an sich zu winden. "Die spürt die Gase, die von der Nahrung aus dem Magen hochkommen", deutet Ursula Peter ihre Aktivitäten, "doch welche Nahrung sie bekommt, ist ihr egal."
Schon wenige Minuten später schließen sich Gisela Becks Augen. Ihr Atem geht jetzt ganz ruhig, die Nahrung, die Sattheit macht sie müde. Ursula Peter bleibt noch einen Moment am Bett stehen. Sie streichelt der alten Frau die Haare und drückt ihr die knochige Hand, an der ein goldener Ehering noch auf andere Zeiten verweist. Zeiten, in denen Gisela Beck gern mit ihrem Mann in einem offenen Porsche an die Nordsee fuhr. In denen sie es geliebt hat, sich modisch zu kleiden. In denen sie stundenlang in Parfümerien verweilte.
"Egal, welche Krankheit jemand hat, ob Aids, Krebs oder eine Demenz, im Tod, beim Sterben sind alle Menschen gleich", sagt Ursula Peter. Schmerzen habe heute dank guter Medikamente fast niemand mehr, und im entscheidenden Moment könne man nicht viel falsch machen, wenn man nur den Menschen genau zuhört. Will jemand allein sein, oder sucht jemand noch einmal nach menschlicher Wärme? Möchte man im dunklen Zimmer sterben oder in einem hellen? Ist einer Person kalt oder warm? "Es ist wichtig, in den letzten Stunden zu verstehen, was einen Menschen bewegt." Wer das kann, muss die nötigen Schritte nur noch in Ruhe abarbeiten, das Bett nach dem Tod zurechtmachen, die Augen des Verstorbenen schließen, den Mund stützen, damit er geschlossen bleibt, vielleicht die Hände falten und eine Kerze anzünden.
Manchmal hat Ursula Peter den Eindruck, den Angehörigen falle das Begreifen des Todes schwerer als dem Sterbenden, die flehen dann ihre Angehörigen an: "Mutti, geh noch nicht." Ursula Peter redet in solchen Momenten den Angehörigen gut zu, sagt: "Sie müssen loslassen, sonst machen Sie es dem Sterbenden nur noch schwerer." Anschließend spendet sie den Hinterbliebenen Trost. "Sie hat es endlich geschafft" oder "Sie hat jetzt ihren Weg gefunden", sagt sie dann. Und die Verwandten hören es mit Dank. Sie weiß es, sie hat unzählige Trauerbesuche gemacht, damals, als sie noch das Beerdigungsinstitut neben ihrem Möbelladen hatte. "Viele möchten dann noch einmal über das Leben der Verstorbenen erzählen."
Im zweiten Stock des Hauses ist ihr kleines Zimmer. Auf einem getöpferten Schild ist zu lesen "Alle Wünsche werden klein gegen den gesund zu sein", ein Schrank steht im Zimmer, ein Bett mit rosa Bettzeug und einem eingeschlagenen Kissen, ein kleiner Nachttisch und ein Tisch mit zwei Stühlen. Es liegt kein Buch herum, kein Foto, kein Kleidungsstück. Nur ein kleiner Koffer steht in der Ecke, das einzige Zeichen, dass in diesem Zimmer ein Mensch lebt. Aus dem Koffer zieht Ursula Peter eine schwarze Mappe, in ihr befindet sich ein Formular. Konzentriert und mit ordentlicher Schrift trägt sie dort die Vorkommnisse des Tages ein, den Zustand der Klientin, ob sie gegessen hat, ob Besuch da war oder ob sie gelächelt hat - "vielleicht über einen Schmetterling oder den Sonnenschein". Ihre Kollegin, die morgen den Dienst übernimmt, wird sich so über die Klientin informieren können. Und natürlich auch der Koordinator des Pflegeverbunds Deutschland - manchmal kommt er unangemeldet vorbei, "zur Qualitätssicherung".
Am späten Nachmittag kommen die Tochter, Uwa Röhl, und ihr Mann. Ursula Peter wäscht der Mutter gerade das kinnlange Haar. Statt des großen Kissens liegt unter dem Kopf von Gisela Beck eine weiße aufblasbare Wanne, mit einem Becher gießt sie ihr lauwarmes Wasser über den Kopf. "So, jetzt machen wir uns chic, Frau Beck", sagt Ursula Peter und fängt an mit den Fingern die Kopfhaut zu massieren. "Das mag Mutti", freut sich die Tochter, und Gisela Beck hustet, gluckst und schmatzt. Mit einem Handtuch trocknet Ursula Peter ganz vorsichtig ihr Haar, dann tauscht sie die Wanne wieder gegen das Kissen aus, bevor sie mit einer Bürste ihr Haar von einem Mittelscheitel aus glatt auf das Kissen kämmt. Kreisrund liegt das Haar nun um Gisela Becks Kopf, fast wie ein Heiligenschein, die Augen hat sie schon längst wieder geschlossen. "Ich weiß auch nicht, ob das richtig ist, wie wir es hier machen", sagt beim Anblick der Schwiegermutter der Schwiegersohn.
Noch in diesem Jahr will Ursula Peter ein Seminar zum Thema Sterbebegleitung an der Akademie des Pflegeverbunds in Bad Kösen belegen. Für 540 Euro wird sie dort unter dem Motto "Sterbebegleitung - Abschied nehmen von zu Hause" drei Tage lang mit rund 15 anderen Teilnehmern geschult. Es wird um die genauen Unterschiede zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe gehen. Es wird um die Rechte gehen, die ein Sterbender hat. Wann redet man mit einem Sterbenden darüber, wie er beerdigt werden will? Welche Kleidung er im Sarg tragen will? Wie erkenne ich, dass der Sterbeprozess beginnt? Nach welchen Traditionen wird ein Toter in den verschiedenen Regionen Deutschlands aufgebahrt? Und welche Rolle spielt eine Ölung beim Sterben eines tiefgläubigen katholischen Bayern?
Mittlerweile ist es draußen dunkel geworden. Ursula Peter schaltet den Fernseher im Wohnzimmer an und macht den Ton extra laut - damit Gisela Beck, die gleich neben ihr im Bett liegt, etwas vom Leben hört.
Als Nächstes möchte Ursula Peter unbedingt einmal zu einer Sterbenden in die Schweiz, um die Berge zu sehen. Sie wartet nur noch auf einen passenden Einsatz. Der Pflegeverbund will in den nächsten Jahren weiter expandieren. Bereits jetzt sind Pflegekräfte in Österreich, der Schweiz, den Benelux-Ländern und Frankreich im Einsatz, die nächsten Einsatzziele sind Mallorca und Kuba - dort leben einige alte Deutsche aus der ehemaligen DDR, vermögend. Der Tod kennt keine Grenzen.
Ein letztes Mal für diesen Tag piepst die Magensonde von Gisela Beck - auch ein zweiter Beutel mit Tee hat sich in ihren Magen entleert. Sie atmet gleichmäßig, den Kopf im schweren Kissen, wirkt sie nicht unruhig, sondern entspannt. Ursula Peter streichelt ihr über das Haar, rückt die Decke zurecht, dann nimmt sie in dem großen Sessel vor dem Fernseher Platz. Und wartet, wie an jedem Abend, auf den Tod.
Am 13. Februar ist Gisela Beck gestorben, um 4.15 Uhr. Schon am Tag war Ursula Peter aufgefallen, dass das "magische Dreieck" zwischen Mundwinkel und Nase auffallend weiß war und "ihre Augen nach oben geschaut haben". Die Nacht hat Ursula Peter am Bett ihrer Klientin verbracht, ihr regelmäßig mit einem feuchten Tuch den Schweiß vom Gesicht gewischt - bis sie ohne letzte Worte am frühen Morgen einschlief und nicht mehr aufwachte.
Ursula Peter hat die Tote hergerichtet und gegen 8 Uhr den Hausarzt und die Angehörigen gerufen. Um 11.30 Uhr kam der Bestatter.
Von Mathias Irle

DER SPIEGEL 16/2004
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