10.04.2004

GROSSBRITANNIENSankt Georg hinter der Zeche

Nicht nur der Kampf gegen den Terror macht Tony Blairs Labour-Regierung zu schaffen. Der Frust über marode öffentliche Dienste wächst, die globalen Führungsansprüche sind gepaart mit bizarren Europa-Ängsten im Volk. Von Matthias Matussek
Wahrscheinlich hätte man für einen Abend mit Alastair Campbell, Tony Blairs ehedem wichtigstem Frontoffizier, keinen passenderen Ort finden können als den hier, im Schatten des Riesenrads an der Themse.
Das Rad ist so etwas wie das Emblem von New Labour: ein viel versprechendes Aufsteigen über Westminster und Buckingham Palace, eine heitere Himmelfahrt über den Bastionen des Konservativismus am Flussufer, glänzend und siegreich, nicht mehr Empire, aber immerhin Cool Britannia, für eine Saison oder zwei.
Noch immer sieht man von dort oben mit angehaltenem Atem hinab auf eine der schönsten und glamourösesten und anregendsten Metropolen der Welt.
Doch sieben Jahre nach dem ersten großen Wahlsieg sind die meisten New-Labour-Passagiere über den Zenit hinaus. Das Rad hat sich weitergedreht, und im August vergangenen Jahres ist Campbell ausgestiegen und verdient seither richtig viel Geld.
Bei ihm, Campbell, waren die Drähte zusammengelaufen. Minister hatten ihre Interviews bei ihm anzumelden, er frisierte um, er legte seine Füße überall auf den Tisch. Er war der mächtigste Medienberater, den es je gab in 10 Downing Street. Und, erstaunlicherweise, der lausigste.
Seit geraumer Zeit nämlich glaubt das Publikum der Regierung noch nicht mal mehr die Wahrheit. Auf die Drachentöterauftritte Tony Blairs zum Terror - und stets neu nachgeschobenen Erklärungen zum Irak-Krieg - reagiert es von Mal zu Mal gereizter.
Mit Neuverschuldungen und möglichen Steuererhöhungen wird auch der schnöde Regierungsalltag noch unangenehmer. Die Party für New Labour ist längst aus. Für Campbell dagegen hat sie offenbar gerade erst angefangen.
2500 Besucher in der Royal Festival Hall nahe dem Riesenrad haben Eintritt gezahlt, um ihn zu sehen. Er ist groß und drahtig, hat kurz geschorene Haare und eine heisere Stimme, die alles zu Staub zerfallen lässt.
Ein merkwürdiges weißes Rauschen, zwei Stunden lang. Was hat er gesagt? Irgendwas über Fußball, egal, nichts, was auch nur entfernt mit einer politischen Vision zu tun hätte. Man hat den Konservativen damals vor sieben Jahren das Land abgejagt, das muss genügen.
Für gelungene Fragen verteilt Alastair Campbell T-Shirts, die er beim Marathon getragen hat. Zum Beispiel dafür: "Was raten Sie einem aufstrebenden Porno-Schriftsteller?" Campbell lacht. Er hat mit Pornos einst sein Geld verdient.
Über dem Abend liegt ein großes Grinsen, bis eine Frau, die ganz hinten sitzt, irgendwann aufspringt und ruft: "Du verlogener Drecksack, du sitzt da und ..." Weiter kommt sie nicht. Sie bleibt stecken. Ihr fehlen buchstäblich die Worte. Sie wirft kapitulierend die Hände in die Luft und verlässt den Saal.
Die Show dort auf der Bühne ist nicht mehr penetrierbar durch Provokationen oder Argumente. Sie ist etwas Neues. Sie führt die von allen Überzeugungen gereinigte, komplett entkernte Politik vor, die leeren Drehungen eines Rades, die vulgäre Technologie der Macht.
DER ENGLISCHE PATIENT
Für Paris, meint Dr. Daniels, spreche zum Beispiel, dass dort der Mob in die Satellitengürtel abgedrängt sei und dass ein paar quer gestellte Panzer genügten, um die Einfallstraßen abzuriegeln.
"Im Ernstfall", sagt er. Er ist entschlossen, Haltung zu bewahren. Er trägt auch im Wohnzimmer Blazer und Krawatte. "Natürlich wird der Ernstfall bald eintreten." Er gießt Earl Grey Tea nach. Die ganze Welt ist bedroht. Nicht vom Terror, sondern vom Trash.
In Birmingham sind sie überall. Kein Entrinnen vor diesen "brutalen und brutalisierten Visagen". Vor den Trinkern und Pitbull-Besitzern, den Arbeitsverweigerern und Junk-Food vertilgenden Wohlfahrtsmüttern, die auf dem Cover-Cartoon des Magazins "Spectator" abgebildet sind, in dem Daniels begründet, warum er nach Frankreich auswandern wird.
"Flucht aus der Barbarei" heißt sein Essay, den er unter seinem übellaunigen Nom de Guerre Theodore Dalrymple veröffentlicht hat.
Anthony Daniels, Sohn einer deutsch-jüdischen Immigrantin, der Vater Kommunist. "Aber einer, der wusste, wie wichtig Bildung ist", setzt er strafmildernd nach: "Er hat sich aus dem East End nach oben gearbeitet."
Daniels ist die Generation Campbells, aber er gehört zur anderen Seite, zur besiegten. Er hört klassische Musik. Er hat keinen Fernseher. Er verachtet Fußball.
In seinem viktorianischen Häuschen stehen Bücherstapel auf dem Boden herum, wie stämmige Beine, wie herabgestiegen aus den Regalen, als hätten sie sich bereits auf den Weg gemacht nach Frankreich.
New Labour ist für Daniels nichts als Nivellierung nach unten, Matsch der Mitte, das gleichgültige "große soziale Zelt", überwacht von einer zynischen Intelligenzija und einer ständig wachsenden Big-Brother-Bürokratie: "Unsere Idole sind betrunkene Fußballer."
Daniels weiß genau, worüber er schreibt. Er verbringt seine Tage im Bodensatz der britischen Gesellschaft, als Psychiater im städtischen Hospital und im Knast von Birmingham.
Wenn Alastair Campbell der Prolet ist, der es in die Salons geschafft hat, dann ist Daniels der Bourgeois, der mit beiden Beinen in der Hölle steht. Er kennt die Nachtseite der New-Labour-Slogans, und die sieht so aus: Das Krankenhaus ist unterbesetzt und der Knast übervölkert. Trotz aller Milliardenspritzen in das morsche Gesundheitssystem mangelt es an Ärzten. Suffprügeleien, besonders an den Wochenenden, sind zur Epidemie geworden. Die Insel hat heute mehr Delinquenten, mehr länger wartende Patienten, mehr schuleschwänzende Schüler als je zuvor in der Geschichte.
Das Land erlebt den kräftigsten Wirtschaftsboom seit den fünfziger Jahren, doch das Unbehagen in der Kultur wächst. Knapp eine Million Briten sind wegen Stress oder Depression arbeitsunfähig gemeldet. Die Produktivität ist niedriger als die in Frankreich oder Deutschland.
England, sagt Daniels, ist an der Seele erkrankt. Und: "Es muss doch noch mehr geben als Wirtschaftswachstum."
An diesem Abend hält er vor der Psychiatrischen Gesellschaft einen Vortrag, einen seiner letzten. Das Thema: "Moral und Depression". Rund 50 Besucher haben sich eingefunden.
Die Veranstaltung wurde von einem Pharmakonzern gesponsert, der Antidepressiva herstellt. Zur Verdutztheit der netten Pharmahostess mit ihren Broschüren begründet er, warum er ihre Pillen für Schwindel hält.
Die Leute, sagt er, sollen sich einfach mehr zusammenreißen.
Beispiel aus seiner Praxis: die Frau, die fünf Kinder von zwei Männern hat und nun mit dem dritten zusammenlebt, der sie schlägt. Sie fühle sich depressiv, sagte sie, und wolle Pillen dagegen.
Daniels riet ihr, ihre Promiskuität zu überdenken und sich zunächst einmal von ihrem gewalttätigen Freund zu trennen.
Zum Zweiten: "Sie sind nicht depressiv, sondern unglücklich." Zum Dritten: "Sie haben es gar nicht verdient, glücklich zu sein, wenn Sie mit einem Mann zusammenleben, der Sie würgt." Auf die Idee war sie gar nicht gekommen.
Daniels beklagt Unmoral und grassierende emotionale Inkontinenz. Jeden Tag werden Gefühle erbrochen, in den Groschenblättern, im Fernsehen, abstoßend. Das Symbolereignis war für ihn die hysterische Verneigung vor Diana, "dieser absolut wertlosen und trivialen Person".
Tony Blair hatte nach ihrem Tod mit zitternder Stimme von der "Prinzessin des Volkes" gesprochen, während die Queen für ihre Zurückhaltung kritisiert worden war. Die Queen, sagt Daniels, habe ein besseres Volk verdient.
Er ist Psychiater, der seinen englischen Patienten nicht ermuntert, Gefühle zu zeigen, sondern ihn auffordert, sie gefälligst für sich zu behalten und sich zu beherrschen.
Beim anschließenden Abendessen lobt er seine indischen Studenten. "Sie sind zurückhaltend, lernbegierig, fleißig." Die britischen Tugenden, das ist die Pointe, kehren über die ehemaligen Kolonien zurück.
Um Mitternacht führt der Doktor noch einmal Ramses, den Yorkshire-Terrier, aus.
Ramses trippelt nervös übers dunkle Pflaster hinüber zur Augustinus-Kirche und bleibt dort, im Schatten eines Denkmals, das die Helden der beiden großen Kriege ehrt, stehen und schnüffelt.
Ein Kondom! Daniels zieht hektisch an der Leine. Verwahrlosung ist überall, selbst hier im feinen Edgbaston-Viertel. "Sie sehen, was ich meine?!"
Der Feind rückt näher. Wird Zeit, sich davonzumachen.
DURCHSAGE
Auf dem Bahnsteig der Station Hammersmith. Geduldig Gestrandete in dunklen Mänteln, reglos wie auf einem Magritte-Bild, die Köpfe zu einem Lautsprecher hinaufgewandt, der Ansage lauschend: "Wir entschuldigen die Verspätungen auf der District Line ... der nächste Zug fährt nicht nach Ealing, sondern nach Richmond ... achten Sie nicht auf die elektronische Anzeige ... schauen Sie auf den Zug ... es kann sein, dass Richmond draufsteht ... ich weiß offen gestanden selbst nicht, wo er hinfährt ... schauen Sie selbst nach ..."
Und dann ein Knacken, das sehr verzweifelt und sehr endgültig klingt.
Londoner Alltagspoesie. In den Gesichtern liegt Schicksalsergebenheit, enttäuschte Liebe, Wut: Wir haben die verdammte Eisenbahn erfunden, warum klappt das nicht mehr? Klappt überhaupt irgendetwas bei uns?
Nur in England kann ein Problemstück über Züge Tränen provozieren und Kritiken, die geschrieben sind wie mit geballten Fäusten. Der erste Satz in David Hares "Permanent Way" im Cottesloe-Theater ein Seufzer: "Ahh, Britannien ...!" Die Züge sind für die hingerissenen Kritiker nur "ein Paradigma für den moralisch schäbigen, materiell heruntergewirtschafteten Zustand der Nation".
Aber was für eine Theaterlandschaft!
DER GROSSE STREIK
Über der Cortonwood-Grube in Yorkshire ist Gras gewachsen. Die Leichtmetallhallen und Baumärkte über dem Schacht sehen aus, als wären sie gerade von einem Helikopter abgeworfen worden.
Selbst urige Naturstein-Pubs wie "Sankt Georg und der Drache" sind nicht älter als drei Jahre. Immerhin, allmählich erholt sich die Gegend.
"Hier haben wir gestanden", sagt Jim Graham. Eine Öltonne, ein durchgesessenes Sofa, das war der Streikposten, "unser 1984".
Vor 20 Jahren. Der letzte große Klassenkampf weltweit. Im Ergebnis erledigte er das Industriezeitalter des 19. Jahrhunderts ein für alle Mal und klärte das Spielfeld für den Service-Kapitalismus des 21. Jahrhunderts.
Großbritannien hatte die erste straff organisierte Arbeiterbewegung der Welt, und nun schaffte es sie wieder ab.
Während der Ostblock noch im kommunistischen Winterschlaf lag und die alte Bundesrepublik unter der Beharrungskatastrophe Helmut Kohl Subventionen ausgab wie Freibier, ließ Maggie Thatcher die Minen schließen und erklärte die Zukunft für eröffnet.
Ein Jahr lang streikten die Kumpel auf insgesamt 153 Zechen. Dann waren sie niedergerungen, und nichts war mehr wie zuvor.
Die Thatcher-Revolution hat das Land entkernt und aus Arbeitern disponible, leicht kündbare Jobber gemacht.
"Wir waren einmal wer", sagt Graham auf der Rückfahrt zu seinem Lebensmittelladen, den er sich mit seinen Invaliditäts- und Pensionsgeldern gekauft hat.
"Wir waren eine Gemeinschaft."
Die meisten sind weggezogen. Viele sind gestorben. Und er schlägt nun seine Zeit tot in diesem Laden mit Hundefutter, Kreuzworträtseln, Nescafé, Lottoscheinen, Süßkram. Das vor allem, der Laden lebt von Kids, die Nuckelzeug wollen. "Ich bin nicht stolz darauf, Bonbons zu verkaufen, statt den Hammer zu schwingen", sagt Jim, dessen muskelbepackte Keltenstatur kaum Platz hat hinter dem Tresen. Aber worauf kann man schon stolz sein heutzutage. Wofür soll man heute noch einstehen, noch streiken?
Kürzlich kam einer der "scabs" rein, ein Streikbrecher. Jims Augen leuchten kurz auf. "Ich hab ihn sofort wiedererkannt, noch nach 20 Jahren." Jim rief dem Typen zu: "Hau ab, sonst breche ich dir die Knochen." Man hat seine Ehre. Wahrscheinlich war es ihm auch peinlich, so gesehen zu werden, mit diesem abgegriffenen Liebesroman auf dem Tresen.
Taufen, Familienfeiern, Beerdigungen, alles fand unter dem Banner der Gewerkschaft, der Zeche statt. Konservative kleine Welt. Wenn Teenager randalierten in Barnsley, sprach man den Kumpel drauf an, und der regelte das.
Heute sind die Kids haltlos, und keiner kümmert sich. Zehn Jahre lang gab es keine Jobs, und man gewöhnte sich dran, von der Stütze zu leben. "Eine ganze Generation, futsch."
Vielleicht muss man sie sich nun vorstellen wie diejenigen, die auf dem Cover des "Spectator" abgebildet sind, mit Pitbulls und Bierdosen?
Dann hätte die Tory-Revolution der Maggie Thatcher das traditionelle England erledigt und die Enthemmung befördert, was eine teuflische historische Pointe wäre.
TEURE PFLASTER
Die Wohnung liegt günstig, im Zentrum, schräg gegenüber von "Harrods" mit seinen prächtigen Konsumgrotten, auch wenn man es nicht sieht, weil sie in den Hinterhof hinausgeht.
Sie ist ziemlich schnell besichtigt. Sie hat 5,8 Quadratmeter und kostet umgerechnet 186 000 Euro.
An der Wand ist was Aufklappbares, und darin steht eine ganze Batterie von Putzmitteln. "Die sind inbegriffen", sagt Edward, der Makler.
Es gibt eine Dusche! In den Kühlschrank, ein lila Neonbehälter, passt eine Flasche Schampus. Eine kleine. Das Gestell mit dem Fernseher ist "Platzverschwendung", findet Edward, und er spricht das Wort aus wie die schlimmste Beleidigung, die er zu vergeben hat.
Würde er austauschen. "Gegen einen Flachbildschirm."
Man könnte eine Matratze von Wand zu Wand rollen und schlafen. Mehr geht nicht. "Aber man hat eine eigene Wohnung in der Stadt."
Über 70 Prozent der Briten wohnen in den eigenen vier Wänden. Da Zins und Tilgung von Krediten billiger sind als die Mieten, kauft man und tauscht kleinere Wohnungen gegen größere und nimmt höhere Kredite und steigt Sprosse um Sprosse die "property ladder", die Immobilienleiter, empor.
Die Krönung ist dann wohl das Häuschen in Frankreich - fast 40 Prozent aller Ausländerimmobilien in Frankreich sind mittlerweile in britischer Hand.
Da auf der Insel selbst nicht sehr viel Neues gebaut wird, steigen die Preise ständig, allein im vergangenen Jahr um 15 Prozent.
Da der Papierwert ihrer Wohnungen nun beträchtlich ist, nehmen Briten mehr Geld auf, in der Annahme, reich zu sein. Heute sitzen sie im Schnitt mit 130 Prozent ihres Jahreseinkommens in der Kreide.
Doch im Hintergrund steigt das Unbehagen, weil jeder damit rechnet, dass die Blase im Immobilienmarkt irgendwann platzt.
Für Edward ist es längst zu teuer geworden, auch nur die erste Sprosse der Immobilienleiter zu nehmen. Er wohnt außerhalb, bei der Familie seiner Frau. Seine neunjährige Tochter schickt er für knappe 10 000 Euro auf eine Privatschule, wenigstens das will er sich leisten.
"Man sollte das von der Steuer absetzen können." Kann man aber nicht. Stattdessen setzen sie die Steuern hinauf. Allein die Gemeindesteuer, die für öffentliche Dienste wie Müllabfuhr, Schulen oder Sozialeinrichtungen gezahlt wird, ist unter New Labour um über 50 Prozent gestiegen.
Mit New Labour sei er durch, sagt Edward bitter, und er drückt es auf seine Weise aus: "New Labour ist Platzverschwendung."
DIE SCHLACHT UM EUROPA
Glücklich das Land, das die Kultur des Widerspruchs hervorgebracht hat, das Speakers Corner genauso wie 20 verschiedene Tageszeitungen oder den polemisierenden Psychiater, der politisch unkorrekt auf seine Klienten eindrischt.
Man hält sich in dieser Kultur nicht damit auf, beleidigt zu sein, man sucht nach dem besseren Argument und schlägt zurück.
Der Tempel der Debatte in London ist die "Royal Geographical Society", die antreten lässt zu Thesen wie: "Lasst uns Schottland loswerden" oder "Gen-Lebensmittel sind gut für uns".
An diesem Abend heißt es: "Eine europäische Verfassung - Rückschlag für die Demokratie". Es ist vorher probeabgestimmt worden. Die überwiegende Mehrheit des Publikums geht mit der These.
Die Kombattanten des Abends treffen sich vorher bei Häppchen und Wein in einem getäfelten Seitenraum, unter einer alten chinesischen Karte. Der Diplomat und die Labour-Abgeordnete, der linke Verfassungsrechtler und der rechte Kolumnist.
Umkleidekabinen-Stimmung. Man lockert sich, man nickt sich zu und verspricht sich lächelnd, keine Gefangenen zu machen.
Und dann fließt Blut. Dann wird überzeugend dargelegt, dass Europa wechselweise ein lächerlicher bürokratischer Alptraum und England die Insel der Seligen ist.
Und umgekehrt, dass England ein borniertes kleines Völkchen mit unverdauten Empire-Reflexen ist und nur Europa ein moderner schwergewichtiger Partner für die transatlantische Supermacht sein kann.
Das Publikum feuert an, durch Applaus, mit Zwischenfragen.
In der Endabstimmung hat Europa mächtig aufgeholt. Verlieren tut es dennoch. Mit Europa, das weiß Blair mittlerweile, lässt sich auf der Insel keine Wahl gewinnen.
Die Europa-Gegner indes hatten an diesem Abend eine Art Schlachtruf. Der hieß "Morecambe Bay".
TOD IN DER MUSCHELBUCHT
Am Strand der Morecambe Bay steht die Labour-Abgeordnete Geraldine Smith und sagt: "Ich kann das nicht sehen."
Sie zieht ihren Mantel enger um die Schultern und wirft einen letzten Blick auf die Blumengebinde und Räucherstäbchen, die Opferschalen mit Reis und Fisch. Geraldine hat Tränen in ihren schönen, meergrünen Augen.
Am Vortag haben hier buddhistische Priester zu den Seelen der 20 chinesischen Muschelsammler gesprochen, die dort draußen in der grauen Bucht ertrunken waren.
Nachts waren sie von ihrem Sklavenhändler rausgefahren worden auf die tückischen Sandbänke, gegen alle Warnungen, um Muscheln zu stechen. Dann war das Flutwasser durch die quer laufenden Kanäle geschossen und hatte sie eingeschlossen.
Einer der Unglücklichen hatte ein Handy dabei. Er telefonierte in der mondlosen kalten Nacht der Irischen See noch einmal mit seiner Familie in der chinesischen Provinz Fujian. "Das Wasser steigt", sagte er. "Ich werde ertrinken."
Das Muschelbett dort draußen wurde auf zehn Millionen Pfund geschätzt, als es im vergangenen Jahr freigegeben worden war. Eine ganze Menge Geld also war da zu holen, und prompt setzten die Karawanen ein, aus der Gegend, aus Blackpool, aus Liverpool, selbst aus Manchester.
Und dann kamen die Trupps mit den illegalen Chinesen, gegen die sofort Vertreibungskämpfe geführt wurden. Da ihre Muschelsäcke immer wieder mit Öl übergossen wurden, beschlossen die Kolonnenführer, sie nachts graben zu lassen, für ein Pfund pro Sack.
Den ersten Hinweis auf die chinesischen Illegalen erhielt Geraldine Smith bereits vor ein paar Monaten. Sie bat um Amtshilfe. Nichts geschah. Und jetzt spricht das Land über nichts anderes mehr, mit einer bizarren Verschiebung.
Morecambe ist nämlich immer weniger der Ort einer menschlichen Katastrophe als vielmehr der verwundbare Punkt der Insel, das Einfallstor für Illegale, das Angst weckt vor Immigranten und Asylanten und schließlich vor den geöffneten Schleusen einer erweiterten Europäischen Union.
Die Massenblätter riefen den nationalen Notstand aus.
Morecambe Bay hat bessere Tage gesehen. Von den Bingo- und Fish-and-Chips-Buden an der Promenade sind die meisten geschlossen. Die Häuschen dahinter waren noch vor 15 Jahren an Touristen vermietet. Dann brach der Fremdenverkehr ein. Nun sind dort Wohlfahrtsempfänger untergebracht. Und Chinesen. Und Junkies. In Morecambe wohnen die verlorenen Seelen des britischen Wirtschaftswunders.
Geraldine ist ein "Blair Babe", eine der jungen Frauen, die 1997 für New Labour die Provinz gewannen. Ihr konservativer Gegenkandidat stammte aus der vermögenden Guinness-Familie.
Früher, sagt sie, wollte sie die Welt verändern. Jetzt nur noch Morecambe Bay. Selbst an Wochenenden steht sie noch in ihrem Büro oder im Supermarkt und hält Sprechstunde.
Sie lebt allein, im Westend, neben einem chinesischen Restaurant. Sie ist befreundet mit den Wirtsleuten. Hier isst sie zu Abend. Und später geht sie nach Hause und legt David Bowies "Heroes" auf.
"We could be heroes, just for one day."
Über ihrem schwarzen Pullover trägt sie ein kleines goldenes Kreuz. Ihre Familie, erzählt sie, ist in den Siebzigern aus Belfast herübergekommen, weil es dort zu gefährlich für Katholiken wurde. Sie weiß durchaus, warum man weggeht und woanders anfängt, und dieses Bild wird sie nie vergessen: wie aus dem Haus ihrer Nachbarn ein brennendes Bett flog.
Das, sagt sie, ist wohl einer der bleibenden Erfolge Blairs - das Karfreitags-Friedensabkommen von 1998, das die Kriegsparteien von Nordirland an einen Tisch brachte.
Beim Rest der Bilanz ist sie sich nicht mehr so sicher. Keiner in der Partei sei sich zurzeit sicher. Sie hat für den Irak-Krieg gestimmt, auch aus Loyalität zu Blair und voller Vertrauen auf sein Urteil. "Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß ..." Sie lässt den Satz unbeendet flattern.
Es ist schwerer geworden, New-Labour-Politik in der Provinz zu verkaufen.
Sie wird sich weiter mit den Bürokraten in London anlegen und für ein Gesetz gegen die Ganglords kämpfen. Und dann wird sie versuchen, den Leuten die Angst vor Immigranten zu nehmen, und vor der Ost-Erweiterung der EU sowieso. Sie wird die Nazis von der BNP bekämpfen, die drüben in Burnley bereits im Rathaus sitzen.
Geraldine Smith, die kleine Hinterbänklerin der Labour-Partei, ist eine Heldin.
Sie steht dort am Strand, fröstelnd, und hat der BBC ein weiteres Interview gegeben. Nirgendwo ist England so sehr Insel wie hier, in diesem Moment, so romantisch und schön, stark und gefährdet.
Vor zwei Jahren, erzählt Geraldine, war in den Nebelschlieren dort draußen ein geheimnisvolles spanisches Schiff aufgetaucht, das ein ganzes Muschelbett allein abgeräumt hatte.
"Die Armada", sagt sie und lacht.
Dann bricht die Sonne durch die Wolken, und jenseits der Bucht hinter den Sandbänken glänzen die Häuser von Grange-over-Sands auf. Wie eine goldene Festung, die aus dem Meer gestiegen ist. Britannia.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 16/2004
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