10.04.2004

DOPING„Laborratten des Sports“

Der Dopingfahnder Bengt Saltin über die Renaissance der Eigenblut-Transfusion, die Betrugsmentalität vieler Radprofis und neue Testverfahren bei den Olympischen Spielen in Athen
Saltin, 68, leitet den dänischen Anti-Doping-Verband und das renommierte Muskelforschungszentrum in Kopenhagen. Der Professor für Physiologie arbeitet seit Oktober 2000 für die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada).
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SPIEGEL: Herr Saltin, der spanische Radprofi Jesús Manzano hat kürzlich gestanden, in seiner Zeit beim Rennstall Kelme gedopt zu haben, indem er sich Eigenblut spritzte. Auch der Franzose Philippe Gaumont, bis Februar Fahrer im Team Cofidis, berichtet von Eigenblut-Transfusionen. Ist diese Methode der neueste Dopingtrend?
Saltin: Ja, obwohl das Verfahren gar nicht neu ist. Es erlebt eher eine Renaissance. Da wir inzwischen verlässliche Tests auf das Hormondoping mit den Wirkstoffen Epo und Nesp durchführen, besinnen sich die Athleten auf eine altmodische Technik, die wir derzeit nur mit sehr großem Aufwand nachweisen können.
SPIEGEL: Wann war die Eigenblut-Transfusion denn das erste Mal in Mode?
Saltin: Beschrieben wurde sie bereits Ende der sechziger Jahre, und in den Siebzigern wurde sie zum Renner unter den Ausdauersportlern. Die Leichtathleten haben sie zuerst angewandt, später die Radfahrer, dann die Skilangläufer. Aber mit dem Aufkommen von Epo Ende der Achtziger geriet die Eigenblut-Gabe nahezu in Vergessenheit.
SPIEGEL: Wie funktioniert das Doping mit Eigenblut?
Saltin: Ein Athlet zapft sich einen Liter Blut ab und zentrifugiert es - so trennt er die roten Blutkörperchen vom Blutplasma. Das Plasma kippt er in den Ausguss, die roten Blutkörperchen friert er ein, mit Trockeneis bei minus 78 Grad. Irgendwann taut er sie wieder auf und spritzt sie sich einen Tag vor dem Wettkampf zurück. Das ist alles. Einfach, sauber, sicher. Im Grunde ist es wie bei einer Blutspende, nur dass da dem Patienten das Blut unbehandelt verabreicht wird.
SPIEGEL: Welchen Effekt hat das Verfahren?
Saltin: Exakt denselben wie Epo. Epo ist ein Mittel, das rote Blutkörperchen bildet, es verbessert also den Sauerstofftransport im Blut. Und je mehr Sauerstoff in den Adern unterwegs ist, desto größer ist die Leistungsfähigkeit des Menschen. So ist es auch bei der Eigenblut-Transfusion. Ein durchtrainierter Ruderer hat rund dreieinhalb Liter rote Blutkörperchen. Wenn er sich nun zusätzlich einen halben Liter davon injiziert, steigert er seine Ausdauerfähigkeit um gut zehn Prozent. Die Wirkung hält eine Woche bis zehn Tage.
SPIEGEL: Bei einem Sportler, der mit Epo dopt, verschlammt das Blut, es können sich Thrombosen bilden, es kann zum Herzstillstand kommen. Wie gefährlich ist das Injizieren von Eigenblut?
Saltin: Man kann sich eine Infektion holen, aber das ist unwahrscheinlich. Wer weiß, wie man die Kanülen und Schläuche steril hält, bekommt keine Probleme.
SPIEGEL: Wenn das alles so einfach ist, warum war die Eigenblut-Transfusion als Dopingmethode zwischenzeitlich verschwunden?
Saltin: Weil Epo effizienter ist. Sich eine Spritze mit Epo zu setzen dauert ein paar Sekunden - das Blut abzuzapfen und wieder zurückzuführen erfordert wesentlich mehr Zeit. Außerdem: Wenn ein Sportler einen Liter Blut abgibt, muss er den erst einmal nachbilden, und dafür braucht er etwa einen Monat. Und mehr als einen Liter Blut kann er nicht abgeben, weil er sonst zu schwach wäre, um noch vernünftig zu trainieren. Daher kann er auch nicht mit Eigenblut nachhelfen, wenn der Dopingeffekt abklingt.
SPIEGEL: Wieso nicht? Er könnte sich doch ein Depot mit Eigenblut anlegen.
Saltin: Nein, könnte er nicht, denn selbst gefroren kann man rote Blutkörperchen maximal fünf Wochen lagern. Ein Marathonläufer kommt wunderbar mit seinem eigenen Blut aus. Nicht aber Athleten, die am Anfang und am Ende der Olympischen Spiele einen Wettkampf haben, oder Radfahrer bei der Tour de France. Diese Sportler müssen von Kollegen oder Freunden versorgt werden.
SPIEGEL: Wie hat man sich das vorzustellen?
Saltin: Die Athleten spritzen sich das Blut eines anderen Menschen, der die gleiche Blutgruppe hat. So ein Gemisch aus Eigen- und Fremdblut ist auch kaum nachweisbar. Ich bin mir sicher, dass es Radteams gibt, die Blutspender für ihre Fahrer haben.
SPIEGEL: Wie bereitet sich die Wada in Anbetracht dieser Kaltschnäuzigkeit auf die Olympischen Spiele vor?
Saltin: Wir arbeiten an einem Test für die Eigenblut-Transfusion. Ich hoffe, wir werden rechtzeitig fertig.
SPIEGEL: Sollte das der Wada gelingen, werden die Spiele dann sauber sein?
Saltin: Nein. Die Wahrscheinlichkeit, dass in Athen nicht gedopt wird, liegt bei null Prozent. Erstens bin ich fest davon überzeugt, dass nach dem im vorigen Herbst in den USA entdeckten Steroid THG längst eine neue Designerdroge auf dem Markt ist. Zweitens bezweifle ich, dass wir den Missbrauch mit Wachstumshormon gerichtsfest nachweisen können. Und drittens haben die Athleten einen Weg gefunden, während der Olympischen Spiele auch mit Epo zu betrügen, ohne dafür bestraft werden zu können.
SPIEGEL: Wie soll das gehen?
Saltin: Die Athleten verstecken sich im Mai oder Juni für zehn Tage und machen eine Spritzenkur mit hohen Epo-Dosen. Danach nehmen sie Epo statt alle zwei Tage nur ein- bis zweimal pro Woche in minimaler Dosierung. Der Körper wird also kontinuierlich stimuliert, rote Blutkörperchen zu produzieren.
SPIEGEL: Aber wenn ich einen Bluttest durchführe, erkenne ich im Blut des Sportlers doch Veränderungen, die auf einen Epo-Missbrauch schließen lassen.
Saltin: Schon, aber der Urin-Test, mit dem körpereigenes von künstlichem Epo unterschieden werden kann, wird immer negativ ausfallen - weil der Anteil des gentechnisch hergestellten Epos wegen der geringen Dosierung so klein ist. Und nur bei einem positiven Urin-Test darf ein Athlet belangt werden - die Sportler schlüpfen durch die Lücke im Kontrollsystem.
SPIEGEL: Sind Sie sicher, dass bereits auf diese Weise gedopt wird?
Saltin: Bei der letzten Tour de France ganz bestimmt. Radfahrer sind die Laborratten des Sports, sie probieren fast alles als Erste aus. Es gibt darüber hinaus zahlreiche Hinweise, dass die Methode inzwischen auch in der Leichtathletik angekommen ist.
SPIEGEL: Wie will die Wada dagegen vorgehen?
Saltin: Es wird immer wichtiger für uns, genau zu wissen, wo sich ein Athlet auch Monate vor Olympia aufhält. Es gibt Sportler, die gewinnen eine Medaille bei den Spielen, und dann sind sie wie vom Erdboden verschwunden. Und bei den nächsten Olympischen Spielen tauchen sie wieder auf und gewinnen die nächste Medaille. Dagegen müssen wir verstärkt vorgehen.
SPIEGEL: Muss die Wada nicht auch die präventive Forschung fördern, anstatt immer nur zu reagieren, wenn Dopingfälle bekannt wurden?
Saltin: Was wir unbedingt brauchen, sind umfangreiche Datenbänke auf nationaler Ebene. Die Sportverbände müssen bestimmte Blutwerte ihrer Athleten, vor allem der Nachwuchssportler, erfassen: Hämoglobin, Epo, Wachstumshormon. Dann hätten wir ein detailliertes Blutprofil, mit dem spätere Testergebnisse verglichen werden können.
SPIEGEL: Sie warnen seit Jahren vor Doping durch künstliche Genveränderung. Wann rechnen Sie mit dem ersten Fall von Gen-Doping?
Saltin: Nicht in Athen, vielleicht 2006 bei den Winterspielen in Turin, höchstwahrscheinlich 2008 in Peking. Und wieder wird Epo eine Rolle spielen. Es ist Wissenschaftlern bereits gelungen, ein Epo-Gen in Affen und Mäuse einzuschleusen - transportiert wurde es von einem harmlosen Schnupfenvirus. Die Ergebnisse waren beeindruckend. Injizierte man einem Menschen ein Epo-Gen, würde er körpereigenes Epo produzieren, das nicht als Fremdprodukt erkennbar wäre.
INTERVIEW: MAIK GROßEKATHÖFER
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 16/2004
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