10.04.2004

AIDSStunde der Scharlatane

Gangster und Kurpfuscher haben die 28 Millionen HIV-Infizierten in Afrika als Kunden entdeckt: Überall blüht der Schwarzmarkt mit angeblichen Wundermitteln.
Wer sich abends in Nairobis Bahnhofsviertel wagt, braucht eiserne Nerven. Syphilitische Huren, Taschendiebe und Totschläger streunen durchs Viertel. Ein warmer Wind treibt Fäulnisgeruch durch die Gassen. An den Straßenecken lungern Hehler mit ihrer Ware. "Nairobbery" nennen die Einheimischen diesen Ort: die Heimat der Ganoven.
Neuerdings strömt eine neue Kundschaft in das Elendsviertel. Es schleichen nun auch jene durch die unbeleuchteten Gassen rund um die Tsavo-Road, die im Sozialgefüge der afrikanischen Metropolen auf der untersten Stufe stehen: Kranke mit dem HI-Virus im Körper.
Getrieben von der Angst vor dem langsamen Verfall, suchen sie bei den Gangstern nach Rettung. Denn die kenianische Unterwelt hat eine neue Geldquelle erschlossen: das Geschäft mit Aids-Medikamenten.
Für einen Bruchteil dessen, was die Pillen offiziell kosten, wechseln die Medikamente in den finsteren Ecken der Stadt ihren Besitzer - ohne Rezept, ohne Wartezeiten, ohne Registrierung. Der Schwarzmarkt bietet inzwischen mehr als fast alle Apotheken: Medikamentencocktails wie "Triomune 40" oder "Combivir" sind ebenso erhältlich wie die antiretroviralen Präparate "Videx", "Okamune" oder "Zerit" - nur ob auch in der Packung steckt, was darauf steht, ist ungewiss. Und auch über die richtige Dosierung wird kein Käufer aufgeklärt. In Nairobis Schattenwelt werden keine Fragen gestellt.
Die Mediziner sind verbittert. Denn klar ist: Feilgeboten werden sowohl Medikamente, die aus Krankenhäusern oder bei Herstellern gestohlen wurden, als auch dubiose Importe, hauptsächlich aus Asien, aber auch Mittel, die schlicht aus den Hinterzimmer eines Quacksalbers stammen. Einige sind wirkungslos, andere sogar toxisch. Für viele Kranke, die bisher schon behandelt wurden, kann die zusätzliche Selbstmedikation tödlich enden.
Der verzweifelte Griff nach Wundermitteln ist mitnichten ein kenianisches Problem. Mehr als 25 Millionen Menschen leben südlich der Sahara mit dem Virus. Horrormeldungen über Medizinmänner mit grotesken Heilversprechen dringen aus allen von der Seuche betroffenen Staaten.
"Das Problem ist die Verzweiflung", sagt der Aids-Arzt Ashraf Grimwood aus dem südafrikanischen Kapstadt. Unüberschaubar sei die Zahl Heilung versprechender Medizinmänner und Krimineller. Eingegriffen werde nur in den seltensten Fällen.
Etwa bei dem "Wunderdoktor" Siphiwe Hadebe, der im vergangenen Jahr von der südafrikanischen Polizei verhaftet wurde. Jahrelang hatte er Büros in ganz Südafrika unterhalten und unverblümt in Zeitun-
gen seine Aids-Therapie angepriesen. Seine Patienten schloss er zur Kurierung ihrer Leiden in einen lichtdurchfluteten Glassarg. Doch statt der Krankheit verloren die Menschen lediglich rund 4000 Euro, ein Vermögen in dem afrikanischen Staat.
"Die Zeitungen sind voll mit diesen Geschichten", klagt Grimwood. "Einer verspricht Schlangenöl als Rettung, der Nächste die ,Afrikanische Kartoffel'', zubereitet mit Olivenöl und Knoblauch." Auf den Märkten von Kapstadt und Johannesburg wird für 40 Rand (rund 5 Euro) sogar Reinigungsflüssigkeit als Anti-Aids-Medikament verkauft.
In weiten Teilen Afrikas hat sich zudem der fürchterliche Aberglaube verbreitet, Geschlechtsverkehr mit Jungfrauen heile die Krankheit. "Mittlerweile", so Grimwood, "gibt es Gegenden, in denen jede zweite vergewaltigte Frau jünger als 15 ist." In Sambia stieg innerhalb eines Jahres die Zahl vergewaltigter Kinder um 68 Prozent.
Nicht viel anders sieht es in Swasiland aus, der letzten absoluten Monarchie Afrikas. "Wir dachten, Aids zöge an uns vorüber", berichtet die Sozialarbeiterin Zodwa Dlamini. Dann aber wurde bekannt, dass 38,6 Prozent aller Schwangeren des Landes mit dem todbringenden Virus infiziert sind. Hysterie machte sich breit. Nun werden auf den Straßen der Hauptstadt Mbabane "Oxycel"-Tropfen verabreicht, die Aids heilen sollen. "V1-Immunitor" heißt eine andere Pille, deren Händler schnelle Linderung aller Krankheitssymptome versprechen.
Jetzt meldete gar die Uno-Nachrichtenagentur Irin, ein thailändischer Pillenproduzent versorge die Soldaten des Landes mit einem Aids-Impfstoff - obwohl eine wirksame Vakzine gegen das Virus bisher überhaupt nicht existiert. Die Armee des Zwergstaats mag die Meldung nicht kommentieren.
Gleichwohl ist der Werbeeffekt der Geschichte verheerend: Für 77 Dollar, mehr als den Monatslohn eines Arbeiters, ist eine Packung mit angeblich vor HIV schützenden Impftabletten auf dem Markt erhältlich: ein Verkaufsschlager im Staate König Mswatis - und eine Katastrophe für sein Gefolge. THILO THIELKE
* Naturheilmittel einer Medizinfrau im ländlichen Zulu-Land.
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 16/2004
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