10.04.2004

SEXUALITÄTKlappern unterm Schädeldach

Was verbindet den Menschen, der sich selbst befriedigt, mit dem Börsenspekulanten, der Optionsscheine verjuxt? Erstaunlich viel, wie eine neue Geschichte der Masturbation zeigt.
Um das Jahr 1712 erschien in London ein anonymes Traktat mit dem Titel "Onania; oder Die abscheuliche Sünde der Selbstbefleckung". So etwas hatte es noch nicht gegeben. Die Welt, so behauptete der Verfasser, sei voller Masturbanten; unbeschreiblich das Elend. Im Schutz der Heimlichkeit rubbelten diese Leute sich um die Gesundheit, den Verstand und am Ende gar das Leben.
Das Werk wurde ein gewaltiger Erfolg. Es verbreitete sich rasch über ganz Europa, und die zehnte Auflage schaffte auch den Sprung in die amerikanischen Kolonien. Bald war das Publikum überzeugt von der Schädlichkeit des "einsamen Lasters" - und erfinderische Fabrikanten erkannten die Gunst der Stunde. Sie warfen Penisbehälter auf den Markt, rubbelsichere Schlaffäustlinge und für Mädchen Schenkelgeschirre, die das Spreizen der Beine unterbanden.
Woher die Aufregung? Konnte es sein, dass ein lachhaftes Buch die halbe Menschheit in Wallung brachte, und das auch noch mitten im aufgeklärten 18. Jahrhundert? Thomas Laqueur, Historiker an der Universität von Kalifornien in Berkeley, ging jahrelang diesen Fragen nach. In seinem jüngsten Buch, "Solitary Sex", ist das Ergebnis versammelt: eine Kulturgeschichte der Selbstbefriedigung*.
Die Antwort beginnt damit, dass das Traktat "Onania" in wahrhaft aufregende
Zeiten platzte. Kaum zwei Jahrzehnte lag die Gründung der Bank von England zurück. Und der Kapitalismus, noch ganz jugendfrisch, hatte schon seine ersten Spekulationsblasen hinter sich - angefangen mit dem großen Tulpenwahn, der zahllose Hasardeure um Verstand und Vermögen brachte; manch einer verschleuderte damals für eine einzige Zwiebel den Gegenwert einer Stadtvilla in Amsterdam.
Hier das kaum begreifliche Kreditwesen und die unerhörten, ja schwindelhaften Exzesse der Gewinnsucht - dort der Lüstling, der sich einsame Orgasmen stiehlt. Den Zeitgenossen muss wohl geschwant haben, sagt Laqueur, wie nah der Spekulant dem Masturbanten ist: beide maßlos in ihrer fiktionsgetriebenen Gier, beide dem Gemeinwesen und der Kontrolle so gut wie entronnen.
Vor 1712 kannte man den Begriff der Onanie überhaupt nicht. Und der zugehörige Vorgang hatte wenig Aufsehen gemacht. Zwar erschlug der Gott der Schöpfungsgeschichte im Zorn den Onan, aber in Wahrheit nur wegen eines Coitus interruptus - der Trotzkopf hatte sich geweigert, das Weib seines verstorbenen Bruders zu begatten. Im Allgemeinen galt die Selbstbefriedigung als mäßig aufregendes Laster erwachsener Männer, welche, dem Herrn sei''s geklagt, zuweilen wie Onan ihren Samen vergeuden.
Manche wurden sogar eigens frühzeitig in der rechten Technik geschult. In Frankreich etwa pflegten bis ins 17. Jahrhundert die Kindermädchen kleinen Knaben den Penis zu kitzeln, um sie ruhig zu halten. Selbst König Ludwig XIII. hatte als Knirps noch die bewährte Behandlung genossen, und sein Leibarzt ließ sich darüber ungescheut in der Öffentlichkeit aus.
Mit dem Traktat von 1712 war nun auf einen Schlag der Frieden vorbei. Der Autor blieb dennoch fast drei Jahrhunderte lang unbekannt; erst Laqueur konnte ihn ausfindig machen. Er stieß auf einen Quacksalber namens John Marten, der seine Einkünfte mit selbst verfassten Schriften etwa über Geschlechtskrankheiten aufbesserte - nicht ohne dabei weidlich auszumalen, wie man sich diese zuziehen kann.
Auch in seinem folgenreichsten Werk hielt der Publizist gekonnt die Mitte zwischen Medizinporno und Volksgesundheit. In der Sache trumpfte er sogar auf wie nie: Von einem ausgezehrten Jüngling war da zum Beispiel zu lesen, der sich achtmal in einer Stunde befriedigte und dennoch keine Ruhe mehr fand.
Schauerliche Folgen, so Marten, drohten dem widernatürlichen Tun: Blindheit, Irresein, früher Tod. Mit jeder Auflage steigerte er die Zahl der Belegfälle, meist eingerückt in Gestalt fingierter Bekennerschreiben. Da traf es sich, dass der Verfasser zusammen mit dem Buch gleich auch teure Pülverchen und Tinkturen anbieten konnte.
"Eine erstaunliche Erfindung", schreibt der Historiker Laqueur. Kein Mensch zuvor war auf den Einfall gekommen, dass Masturbieren krank machen könne - nicht einmal die katholische Kirche. Für John Marten aber war es, wie sich zeigte, die Idee seines Lebens. Selbst gelehrten Zeitgenossen nämlich leuchtete sie auf der Stelle ein.
Das Gedankengut des Quacksalbers wurde rasch in die höchsten Zirkel der Aufklärung promoviert. Bald nahmen sich die ersten Enzyklopädien der Sache an. Und 1760 meldete sich der berühmte Arzt Samuel Tissot aus Lausanne zu Wort: In einem Werk mit dem Titel "L''Onanisme", einem dicken Band von rund 400 Seiten, stempelte er den armen Onan endgültig zum Schutzpatron der Wichser ab. Vor allem aber versah er die abstruse Idee des Quacksalbers Marten mit den Weihen strenger Wissenschaftlichkeit.
Es gehe hier keineswegs um Sünde, erklärte Tissot, ein Pionier der Pockenbekämpfung. Die Sünde bleibe dem Klerus überlassen. Es gehe allein um die Belange der Medizin. Der Befund allerdings konnte deutlicher nicht ausfallen: Nichts wirke so verheerend auf den Körper wie die Masturbation - nicht einmal die Pocken.
Vor allem das Hirn leide unter dem übermäßigen Abfluss von Körperflüssigkeiten; letztlich müsse es ausdörren. Ein Mann, berichtet Tissot, habe sich dem sexuellen Exzess dermaßen hingegeben, dass man sein Denkorgan in der Schale klappern hörte.
Dieses Buch wurde, mehr noch als das Machwerk des Pfuschers Marten, in ganz Europa als Sensation erlebt. Deutsche Übersetzungen erschienen in Frankfurt, Leipzig, Augsburg, Hamburg, Eisenach und Wien. Im Gefolge des Wälzers kamen Bücher über Urologie, Gynäkologie, Psychiatrie heraus, die genüsslich zeigten, wie man sich die Übeltäter vorzustellen hatte: verschrumpelt die Glieder, erloschen der Blick, und auf dem Handteller sprießen die Haare.
Selbst der Aufklärer Immanuel Kant fühlte sich berufen, die "wohllüstige Selbstschändung" zu verdammen. Nicht einmal der Selbstmord, der ja wenigstens "Mut erfordert", sei so verwerflich wie die "weichliche Hingebung an tierische Reize".
Wie konnte ein unschuldiges Vergnügen derart in Verruf kommen? Die Aufklärer waren ja nicht prüde; sie durften sich sogar rühmen, die Sexualität vom Ruch der Erbsünde und der Verdammnis befreit zu haben. Doch hier ging es um etwas anderes: Wer masturbiere, so hieß es, der betreibe Raubbau am Gemeinwohl.
Aus drei Gründen, sagt Laqueur, witterte das Bürgertum höchste Gefahr für die öffentliche Moral: Das "einsame Laster" war radikal privat, fern aller mäßigenden Kontrolle durch andere Menschen. Es erschöpfte sich, zweitens, in der Begegnung mit einem Phantasma; der Masturbant verkehrt quasi mit seiner eigenen Einbildungskraft. Und drittens findet der Spaß nirgendwo eine Grenze. Mit immer neuen Gaukelbildern kann der Lüstling herauskitzeln, was immer sein Körper hergibt - unerschöpflich das Angebot, grenzenlos der Konsum. Selbst Frauen und Kinder konnten sich frei bedienen, wie den Zeitgenossen langsam dämmerte - ehedem hatten sie immer nur an Männer gedacht.
Verborgenheit, Phantasterei, Maßlosigkeit: Was hört der geübte Kulturforscher da heraus? Die Antwort bildet das Zentrum von Laqueurs Buch. Es genügt, diese drei Anklagepunkte etwas freundlicher zu benennen, schreibt er - und schon hat man drei Grundpfeiler der neuen Bürgergesellschaft: das Privatleben, das weder Obrigkeit noch Gemeinwesen etwas angeht. Sodann die Phantasie, nämlich den Erfindungsreichtum, der den neuen Menschen über alle Schranken hinausträgt. Und schließlich den Glauben an das grenzenlose Wachstum der Bedürfnisse, das den Güterkreislauf von Herstellung und Verbrauch in immer neue Gewinnzonen treibt.
Mit einem Wort: Das Bürgertum erkannte im Masturbanten eine Art Modellathleten der Marktwirtschaft - allerdings schon herabgekommen zu einer Spottgestalt. Er sah aus wie das Inbild aller Zweifel, die einem angesichts des aufblühenden Kapitalismus bereits kommen mochten. Seine Existenz zeigte, dass die Sache auch schief gehen konnte.
Der Moralphilosoph Adam Smith hatte das so erklärt: Der Kapitalismus funktioniert, solange all die individuellen Akte von Gewinnstreben und Eigennutz am Ende doch zum allgemeinen Wohl ausfallen. Der Ort dieses Ausgleichs ist der Markt, denn dort müssen alle hin und ihre Güter tauschen.
Schon der Spekulant aber schien sich der Segenswirkung des Tauschens zu entziehen. Denn was hatte die Kreditökonomie mit ihren spukhaften Transaktionen noch zu tun mit der Welt der realen Gebrauchsgüter?
Noch weit augenfälliger entzieht sich der einsame Wichser, der auf seine Weise sogar noch den Gütertausch des Geschlechtsverkehrs untergräbt. Er bildet eine gesetzlose, windige Einmannökonomie, die sich der Selbstverzehrung ergeben hat.
So wurde der Masturbant zum Angstgespenst der Epoche, zum "bösen Doppelgänger der Aufklärung", wie Laqueur es ausdrückt. Und er verblieb in der Rolle fast zwei Jahrhunderte lang.
Unterdessen ist die Aufregung weitgehend ausgestanden, wenigstens was den Sex mit sich selbst betrifft; die moderne Medizin hat der Sache allen Schrecken genommen. Rehabilitiert ist sie damit nicht. Seit Sigmund Freud und seinen Nachfolgern gilt das autogene Lustspiel irgendwie als Durchgangsstadium zur sexuellen Reife - eines Vollmenschen also nicht ganz würdig.
Bis heute wirkt in der Öffentlichkeit ein gewisser Peinlichkeitsvorbehalt. Filmschauspieler, die vor der Kamera Onanieren spielen (Sharon Stone in "Sliver", Harvey Keitel in "Bad Lieutenant") gelten als mutige Selbstentblößer. Ähnlich halten es die Jungens im Film "Crazy", die das gemeinsame "Rudelwichsen" gerade wegen seiner doch nicht ganz verblichenen Anstößigkeit als Mutprobe schätzen.
Im Alltagsleben aber gelten einfachere Regeln: Wer sich zur Kunst des Rubbelns bekennt, zeigt mindestens, dass er sie nötig hat. Das ist wenig vorteilhaft in Zeiten, da vielfältige Sexualkontakte aus dem Portfolio des Erfolgsmenschen kaum mehr wegzudenken sind.
Ein gewisses Unheil wird also wohl weiterhin um die selbst verfertigte Wollust wittern. Am besten wissen das die Menschen, die beruflich das Volk befragen.
Laqueur hat sich erkundigt. Nur zwei Themen, sagt er, sind selbst abgebrühten Bewohnern des dritten Jahrtausends bei Umfragen wirklich noch peinlich: das Einkommen und die Selbstbefriedigung.
MANFRED DWORSCHAK
* Szene aus "Crazy" (Deutschland, 2000); Sharon Stone in "Sliver" (USA, 1993). ** Thomas W. Laqueur: "Solitary Sex. A Cultural History of Masturbation". Zone Books, New York; 501 Seiten; 34 Dollar.
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 16/2004
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