19.04.2004

ITALIENKnebelung des Abendlandes

Auch in ihrem neuen Buch „Die Kraft der Vernunft“ propagiert die Italienerin Oriana Fallaci den Kampf gegen den Islam und warnt vor dessen Eroberungsfeldzug gegen Europa.
Gleich am Erscheinungstag gingen 50 000 Exemplare über die Ladentische. 500 000 will der Rizzoli-Verlag in den ersten beiden Wochen absetzen, allein in Italien. Und, kein Zweifel, so wie ihr Buch nach den Twin-Tower-Attacken vom 11. September 2001 ("Die Wut und der Stolz") wird auch das jüngste Werk von Oriana Fallaci, sobald es in übersetzter Form erhältlich ist, weltweit ein Millionenpublikum erreichen - und begeistern oder empören.
"La Forza della Ragione" ("Die Kraft der Vernunft") ist eine neue polemische Warnung an den Westen vor dem Würgegriff des Islam. Die Fallaci schreibe, jubeln ihre Anhänger, was die Gutmenschen und Intellektuellen, die Kirche und die linken wie bürgerlichen Parteien nicht wahrhaben wollten: Europa sei in tödlicher Gefahr, es werde islamistisch unterwandert, von den fanatischen Anhängern Allahs jeden Tag mehr in den Griff genommen.
Von Gibraltar bis zum Nordkap, von den Hügeln der Toskana bis zu den Steppen vor Wolgograd, so beginnt die Autorin ihr Buch, in jeder europäischen Stadt gebe es längst "eine zweite Stadt. Eine, die sich der anderen überlagert. Eine muslimische, eine vom Koran beherrschte Stadt".
Diese Stadt in der Stadt habe nichts zu tun mit den traditionellen Diasporagemeinden, dem "Little Italy" oder "Chinatown", wo sich Emigranten nach ihrer Ankunft in einer neuen, fremden Welt zusammenballen. Sie sei vielmehr "eine Etappe der islamischen Expansionspolitik, die keiner je zu übertreffen vermochte". Nicht Alexander der Große, nicht Julius Cäsar oder Napoleon. "Denn diese ist die einzige Kunst, in der die Söhne Allahs stets unübertrefflich waren - die Kunst einzudringen, zu erobern, zu unterwerfen." Und: "Ihre heiß begehrte Beute war stets Europa, die christliche Welt."
Bei diesem Beutezug setzten die Muslime, so Frau Fallaci, nicht nur auf die Gewehre ihrer Terroristen und die fanatisierenden Glaubensbotschaften ihrer Mullahs, sondern vor allem auf den fruchtbaren Leib ihrer Frauen.
"Im unterjochten Europa" aber sei das Thema der islamischen Fruchtbarkeit zum Tabu erklärt worden, das keiner zu brechen wage, klagt die Buchautorin. "Versuchst du es, bringt man dich vor die Richter wegen Rassismus - Fremdenhass - Gotteslästerung." So wie es ihr geschehen sei, als sie in Paris wegen Anstiftung zur Volksverhetzung unter Anklage kam, weil sie - "ein bestimmt brutaler, ich gebe es zu, jedoch richtiger Satz" - in ihrem vorherigen Buch über die gebärfreudigen Musliminnen bemerkt hatte: "Sie vermehren sich wie die Ratten." Fallaci schreibt jetzt:
Kein die Freiheit abwürgendes Gesetz wird jemals bestreiten können ... dass in der Europäischen Union die muslimischen Neugeborenen jährlich zehn Prozent ausmachen, in Brüssel dreißig Prozent, in Marseille sogar sechzig Prozent. Es genügt, an die Worte Boumediennes (des ehemaligen Staatschefs Algeriens) vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen 1974 zu erinnern: "Eines Tages werden Millionen von Menschen die südliche Halbkugel verlassen, um in die nördliche einzudringen. Sicherlich nicht als Freunde. Denn sie werden kommen, um sie zu erobern. Und sie werden sie erobern, indem sie die nördliche Halbkugel mit ihren Kindern bevölkern. Der Leib unserer Frauen wird uns den Sieg bescheren."
Über den Vietnam-Krieg hat die frühere Star-Reporterin (unter anderem "Corriere della Sera", "The New York Times") und Schriftstellerin ("Brief an ein nie geborenes Kind") einst geschrieben und über die Lage im Libanon. Sie hat Irans Ajatollah Chomeini interviewt und Chinas Diktator Deng Xiaoping. Ende der Siebziger zog sie sich weitgehend zurück ins Private. Bis sie sich, nach dem 11. September 2001, aufgerufen sah, die Welt vor dem Islam zu warnen.
Als einen geradezu natürlichen, quasi biologischen Vorgang schildert Frau Fallaci das Entstehen ihres zweiten OEuvres zu dem Thema. "Die Wut und der Stolz", schreibt sie in der Einleitung, "haben ein Kind gezeugt: die Entrüstung." Diese Entrüstung habe ihr Nachdenken verschärft und ihrer Vernunft ermöglicht, "Wahrheiten ins rechte Licht zu rücken, die ich heute offen auszudrücken vermag".
Sie entrüstet sich gegen eine Demokratie, "die, anstatt auf die eigenen Bürger zu hören, sie zum Schweigen bringt, dem Feind ausliefert, sie dem Unrecht und den Anmaßungen preisgibt, in der die Minderheit mehr zählt als die Mehrheit und - da sie mehr zählt als die Mehrheit - sich als Herr aufspielt und diese erpresst". Eine Nicht-Demokratie sei das, Betrug und Lüge.
Auch von Freiheit könne keine Rede sein, wenn die Gesellschaft jene, die wie sie erkannt hätten, was der nichtmuslimischen Menschheit drohe, "daran hindert, sich denen zu widersetzen, die bei uns eindringen oder uns knebeln". Nicht nur die Gedanken, selbst die Gefühle der Menschen würden zensiert und fremdbestimmt von jenen, die anordnen wollten, "wen ich lieben, wen ich hassen soll, so dass ich, wenn ich die Amerikaner und die Israelis hasse, in den Himmel, und wenn ich die Muslime nicht liebe, in die Hölle komme".
"Eurabia" heißt das Codewort des 278-Seiten-Aufschreis. So nennt die Fallaci das
ihrer Meinung nach bereits weitgehend islamisierte, zur Provinz Arabiens verkommene Europa. Die Menschen des Westens, so der Kern ihrer Botschaft, müssten sich endlich wehren und wehren dürfen, sonst seien sie allesamt verloren.
Eine "Illusion" ist es für die Autorin, zwischen einem "guten und einem schlechten Islam unterscheiden" zu wollen. Muslim sei Muslim, erklärt sie dem Leser, denn er marschiere im Vernichtungskrieg mit Siebenmeilenstiefeln west- wie nordwärts. Europa aber, die Beute, verkaufe sich "wie eine Hure an die Sultane". Oder schaue, bestenfalls, der feindlichen Übernahme rat- und tatenlos zu.
Die zornige Schreiberin macht es besonders deutlich am Beispiel Deutschlands, "das mit seinen zweitausend Moscheen und seinen drei Millionen muslimischen Türken wie ein Ableger des vergangenen Osmanischen Reichs wirkt". Zitat Fallaci:
Das Pan-Am-Flugzeug, das 1988 im Flug über der schottischen Ortschaft Lockerbie explodierte und abstürzte, wobei 270 Menschen ums Leben kamen, war von Frankfurt aus gestartet: ja oder nein? Die Bombe im Frachtraum des Flugzeugs war in Frankfurt von Söhnen Allahs, die in Frankfurt wohnten, gelegt worden: ja oder nein? Mohammed Atta, der Kopf der Selbstmordattentäter vom 11. September, hatte an der Technischen Universität in Hamburg Architektur studiert: ja oder nein? Das Geld, um den Flugunterricht in Florida zu zahlen, war von einer Bank in Düsseldorf abgehoben worden, und die logistische Zentrale von al-Qaida befindet sich in Deutschland: ja oder nein? Der Großteil ägyptischer oder maghrebinischer oder palästinensischer Terroristen befindet sich in Deutschland: ja oder nein?
In den Niederlanden, in Italien und Dänemark, in Schweden und Spanien, überall biete sich dasselbe Bild, schreibt Fallaci: Der Islam marschiere, und der Westen merke es nicht. Mit Pathos und Polemik attackiert sie Politiker, die nichts vom Irak-Krieg halten, wie EU-Kommissionspräsident Romano Prodi - der den muslimischen Invasoren auch noch das Wahlrecht zuspreche und ihnen so ihr Handwerk zusätzlich erleichtere.
Aber auch Männer wie Italiens Premier Silvio Berlusconi, die nicht laut genug gegen die Weichlinge protestieren würden, werden nicht verschont. Das betrifft auch die katholische Kirche, die ein "nachgiebiges, fügsames Stillehalten" der Europäer gegen die Eindringlinge aus der Wüste predige. Dabei stünden die Christen und ihr Glaube ganz oben auf der Agenda der Islamisten:
Bevor er in unser Gebiet eindringt und unsere Kultur zerstört, unsere Identität annulliert, zielt der Islam (...) auf einen ideologischen Raub ab: Er bemächtigt sich des Christentums, indem er Jesus Christus als "einen Propheten Allahs" bezeichnet. Als einen Propheten zweiten Ranges allerdings. So sehr Mohammed unterlegen, dass dieser, fast sechshundert Jahre später, wieder von vorne beginnen musste. Um uns Jesus von Nazareth noch besser wegnehmen zu können, streiten die muslimischen Theologen ab, dass er gekreuzigt worden sei. Sie stecken ihn in ihr Dschanna, wo er wie ein Trimalchio isst, wie ein Trinker säuft, wie ein Lüstling nur Sex hat. Dann verkünden sie: Armer Kerl, auf seine Art predigte er das Wort Allahs, aber seine verworfenen Jünger nannten Christentum, was in Wirklichkeit bereits Islam war, sie verdrehten einfach das, was er sagte.
Nicht zur Erbauung und nicht für Geld, sagt Oriana Fallaci, schreibe sie, sondern aus Pflicht. Denn kein Sturm und kein göttliches Wunder werde das Feuer des Islam ersticken - es gehe für alle, die nicht Allah huldigen wollten, "ums Überleben".
HANS-JÜRGEN SCHLAMP
* Oben: gegen das geplante Kopftuchverbot am 17. Januar; unten: im traditionellen Tschador am 26. September 1979 im iranischen Ghom.
Von Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 17/2004
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