19.04.2004

BOXENHalbiertes Lottchen

Faustkämpfer im Doppelpack - das war bislang das Erfolgsrezept der Marke Klitschko. Der jüngere Bruder hat nun erneut verloren: ein Niederschlag fürs PR-Konzept.
Als älterer Bruder ist er natürlich gewöhnt, auf den kleineren aufzupassen. Früher, als sie noch Kinder waren, gab Witalij Klitschko, 32, darauf Acht, dass Wladimir, 28, nicht mit den Fingern in die Steckdose griff oder mit Rasierklingen spielte.
Aber wie sollte er ihn jetzt noch schützen?
Wieder mal hatte "Wowa" seine Karriere als Faustkämpfer leichtfertig aufs Spiel gesetzt, diesmal durch eine Niederlage gegen den boxerisch eher limitierten Amerikaner Lamon Brewster. Der technische K.o. in der fünften Runde vorvergangenes Wochenende in Las Vegas, schon die dritte Niederlage in Wowas Laufbahn, kam unerwartet, der Spott danach war ätzend. "Weichei", so höhnten Medien wie Zuschauer.
Also trat Witalij mit eisiger Miene vor die Presse. Es sei nun an ihm, am kommenden Wochenende im WM-Kampf gegen den Südafrikaner Corrie Sanders, auch einer von denen, die schon gegen Wladimir gewannen, die "Familienehre zu retten". Doch überzeugend klang er nicht.
Denn die Frage ist ja, ob da überhaupt noch was zu retten ist. Sicherlich: Es gibt Boxgeschichten, die müssen immer weitergehen, weil es einfach keine besseren gibt. Und die der beiden Kampfkolosse aus der Ukraine, die nicht nur mit einem harten Bums, sondern auch mit Manieren und einem Doktortitel ausgestattet sind, war eigentlich so eine.
Doch nun hat der Boom um die beliebten Hauer einen herben Dämpfer erlitten. Der ehrgeizige Versuch, in Amerika innerhalb von zwei Wochen zwei Weltmeistertitel zu ergattern, ist vorzeitig gescheitert - unvermittelt ist nun die Marke Klitschko beschädigt.
Denn das Erfolgskonzept der Klitschkos war ja immer, dass es zwei von ihnen gibt. Ob bei "Wetten, dass ...?" oder in Werbefilmen für Papiertaschentücher, stets wurden sie als launiges Duo präsentiert, das im Gleichschritt an seinem Aufstieg feilt. Auch bei den Managern des US-Senders HBO, der zuletzt Millionen investierte, um die Klitschkos in Amerika zu positionieren, galt als Gesetz: "Entweder beide oder keiner."
Doch nun ist das "doppelte Lottchen im XXL-Format" (das Marketing-Fachmagazin "Horizont") gesprengt. Immer deutlicher zeigt sich nämlich, dass die vermeintlich gleichen Brüder gar nicht so gleich sind. Auch wenn die Fachwelt Wladimir mehr Talent und Eleganz attestierte, er in den USA gar schon als "weißer Ali" angekündigt wurde, vermochte der Gerühmte sein Potenzial nie auszuschöpfen - was auch daran lag, dass ihm die Zielstrebigkeit des großen Bruders fehlt.
Boxen war für den schönen Wladimir "eher ein Hobby", wie er nach der Niederlage gegen Sanders im März 2003 reumütig bekannte. Während Witalij, verheirateter Vater zweier Kinder, den Mangel an Begabung durch Eifer und ein stabiles Umfeld kompensierte, erlag Wladimir den Verlockungen des Ruhms. In Edel-Clubs und auf Galas war er zeitweise genauso oft anzutreffen wie beim Training. "Er hat zu viele Sachen im Kopf, die nichts mit Sport zu tun haben", sagt sein Hamburger Promoter Klaus-Peter Kohl und rüffelt die Arbeitsmoral seines Klienten: "Er versteht sich als Sonnyboy und Hollywood-Star."
Dass Wladimir mit der Schlappe nun auch das erfolgreiche PR-Konzept der Klitschkos ins Wanken gebracht hat, betrübt Kohl vor allem deshalb, weil er es hat kommen sehen. Die Brüder wollten die Versilberung ihres Erfolgs in die eigenen Hände nehmen, taten sich mit Beratern zusammen, die ihnen "die Welt versprachen" (Kohl). Mit Vehemenz drängten sie auf den amerikanischen Markt, weil dort dank Pay-TV noch höhere Millionenbörsen winken. Um Promotergagen einzusparen, gründeten sie in Los Angeles die Agentur K2, über die sie ihre Auftritte künftig selbst organisieren wollen. Parallel dazu zogen sie vor Gericht, um aus dem Vertrag mit Kohl herauszukommen.
Doch auch dort haben sie vergangene Woche verloren. Wobei sich der einstweilige Verbleib beim hanseatischen Impresario am Ende als Glücksfall entpuppen könnte. In einem nach dem Rücktritt von Sven Ottke weitgehend abgebrannten Boxland Deutschland scheint der Markt auch für Verlierer offen.
Wegen ihrer hohen Präsenz abseits des Rings, zum Beispiel als Unesco-Botschafter oder als heitere Talkshow-Gäste, seien die Klitschkos hier zu Lande nämlich "resistent" gegen sportlichen Misserfolg, wie Robert Müller von Vultejus von Klitschko-Vermarkter Sportfive glaubt: "Die werden hier doch schon lange nicht mehr als Boxer wahrgenommen." GERHARD PFEIL
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 17/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 17/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BOXEN:
Halbiertes Lottchen

Video 01:07

Donald Trumps Amtseinführung Sechs Lehren für die nächste Party

  • Video "Donald Trumps Amtseinführung: Sechs Lehren für die nächste Party" Video 01:07
    Donald Trumps Amtseinführung: Sechs Lehren für die nächste Party
  • Video "Party nach Amtseinführung: Daddy, mach den Trumpeltanz" Video 00:58
    Party nach Amtseinführung: Daddy, mach den Trumpeltanz
  • Video "Reaktion auf Trumps Antrittsrede: Hoffen auf respektvollen Austausch" Video 01:18
    Reaktion auf Trumps Antrittsrede: Hoffen auf "respektvollen Austausch"
  • Video "Donald Trump ist 45. US-Präsident: Die Rede im Video" Video 16:45
    Donald Trump ist 45. US-Präsident: Die Rede im Video
  • Video "Krawalle in Washington: Tränengas gegen Trump-Gegner" Video 01:14
    Krawalle in Washington: Tränengas gegen Trump-Gegner
  • Video "Amtseid: Donald Trump ist der 45. Präsident der USA" Video 01:12
    Amtseid: Donald Trump ist der 45. Präsident der USA
  • Video "Vor Amtseinführung: Donald Trump zwingt seine Frau zum Rednerpult" Video 00:31
    Vor Amtseinführung: Donald Trump zwingt seine Frau zum Rednerpult
  • Video "Das Weiße Haus: 1600 Pennsylvania Avenue" Video 03:29
    Das Weiße Haus: 1600 Pennsylvania Avenue
  • Video "Schlepplift-Slapstick: Es zieht sich etwas" Video 00:30
    Schlepplift-Slapstick: Es zieht sich etwas
  • Video "Melbourne: Mann rast mit Auto in Fußgängerzone - drei Tote" Video 00:57
    Melbourne: Mann rast mit Auto in Fußgängerzone - drei Tote
  • Video "Haie am Heck: Nur nicht ausrutschen" Video 00:45
    Haie am Heck: Nur nicht ausrutschen
  • Video "Teheran: Dutzende Tote bei Hochhauseinsturz" Video 01:10
    Teheran: Dutzende Tote bei Hochhauseinsturz
  • Video "Lawinenunglück in Italien: Polizeivideo aus zerstörtem Hotel" Video 01:02
    Lawinenunglück in Italien: Polizeivideo aus zerstörtem Hotel
  • Video "Obama überrascht seinen Pressesprecher: Er ist ein wirklich guter Mann" Video 01:25
    Obama überrascht seinen Pressesprecher: "Er ist ein wirklich guter Mann"
  • Video "Finne baut Eiskarussell: Dreh- und Angelpunkt" Video 01:46
    Finne baut Eiskarussell: Dreh- und Angelpunkt