19.04.2004

DENKER Den Schmerz ausloten

Über das gelingende Leben nachdenken - damit hat die akademische Philosophie wenig im Sinn. Wilhelm Schmid, Professor in Erfurt, versucht es trotzdem.
Frau Burger hat Krebs. Operation und Chemotherapie, Haarausfall und Perückenkauf, die Hoffnung im Paarlauf mit der Verzweiflung - sie hat alles hinter sich und steckt noch mittendrin, denn die Krankheit wird sie nicht mehr verlassen. "Jetzt fahre ich trotzdem nach Griechenland, ich brauche Urlaub, auch vom Krebs. Ich werde versuchen, ihn in Meerwasser, Retsina und Rotwein zu ertränken, und wenn es gelingt, melde ich die Erfindung beim Patentamt an." Regina Burger ist ansteckend amüsiert von ihrer Phantasie der Erleichterung. Der Mann ihr gegenüber fügt hinzu: "Wenn Selbstdistanz völlig fehlt, geht man unter. Erst aus dem Humor kann Abstand entstehen, und den brauchst du jetzt dringender denn je."
Frau Burgers Krebs ist normal. Ungewöhnlich ist, dass sie nicht nur mit ihren Ärzten spricht, mit ihren Kindern und Freunden, sondern regelmäßig auch mit dem Mann, der ihr gerade gegenübersitzt. Der Mann ist Philosoph. Was er eben gesagt hat, liest sich in einem seiner Bücher so: "Mögen die Dinge sein, wie sie sind, und stupide sich weigern, anders zu sein: Mit dem Blick von Außen relativieren sich die engen, unbeweglichen Verhältnisse, über die der Ernst des Faktischen tyrannisch herrscht ... In der Ironie begegnen sich Wissen und Lebenskunst, denn sie ist die ,Vereinigung von Lebenskunstsinn und wissenschaftlichem Geist', und ihre ,eigentliche Heimat', zeigt Friedrich Schlegel sich überzeugt, ist die Philosophie."
Frau Burger kennt diese Bücher nicht. Sie hat den einen oder anderen Vortrag besucht, aber bald festgestellt, dass ihr die Theorie nicht liegt. Sie ist ein Mensch des Gesprächs. Und so hat es auch begonnen.
Wilhelm Schmid, Professor für Philosophie in Erfurt, Gastdozent in der georgischen Hauptstadt Tiflis seit 1997 (aber auch acht Jahre im lettischen Riga), Autor von Büchern zu Michel Foucault, vor allem aber zur Philosophie der Lebenskunst, ist zudem "philosophischer Seelsorger" im Schweizer Spital Affoltern am Albis bei Zürich. Den Kontakt verschaffte ihm ein Zeitungsartikel über Schmerz, fußend auf der ebenso schlichten wie provozierenden Behauptung: Schmerzen haben Sinn. Wenn wir sie unbedingt dämpfen und annullieren, geht uns ihre Besonderheit verloren; und das ist deshalb ein Verlust, weil Schmerzen für eine geradezu aufdringliche Intimität mit sich selbst sorgen, weil sie uns in eine Unruhe zwingen, aus der ein Nachdenken werden kann - über die Leiblichkeit, den Tod, über die Angst und die Sorge als Grundstruktur unseres Daseins. All das vermeidet eine Kultur, für die "das Leiden allgemein absolut inakzeptabel" geworden ist und die nach der Maxime verfährt: wenn Schmerz, dann Intervention.
Die Ärzte im Spital Affoltern luden den Autor ein; entstanden ist eine Beziehung, von der beide Seiten profitieren. Zwei Wochen im Jahr besucht Schmid das Krankenhaus, spricht mit Patienten und dem Personal, hält Vorträge zu Themen wie "Berührung" oder "Macht", lehrt und lernt - er hat sich zuvor nicht vorstellen können, wie eine Operation vor sich geht, wie es klingt, wenn der Körper mit einem Schnitt geöffnet wird, und welche Nähe entsteht, wenn man buchstäblich in einen Menschen hineinsieht. Er war bei Regina Burgers Operation dabei. Am Vorabend hat er sie erstmals besucht, und sie sind in ein Gespräch geraten, das seitdem nicht aufgehört hat.
Sehr viele Beziehungen dieses Typs kann sich Schmid naturgemäß nicht leisten. Er handelt als "freier Philosoph", "philosophischer Berater" oder "Praktiker" einerseits wie viele Ex-Studenten der Philosophie, die auf die Stellennot an deutschen Universitäten mit Selbständigkeit reagieren und das lange Alter der Menschen, eine gewisse Bildungsbeflissenheit im Wohlstand und das Bedürfnis nach Wetterschutz in "transzendentaler Obdachlosigkeit" (Georg Lukács) mit diversen Angeboten beantworten: Reiseleitungen in Griechenland (Ursprung des abendländischen Denkens) und Italien (Humanismus, Ästhetik, Renaissance), "Philosophische Cafés" und "Salons" sowie persönliche Beratung - häufig angelehnt an das therapeutische Setting, was heißt: Orts- wie Zeitbeschränkung und feste Honorarsätze.
Andererseits versteht sich Schmid eben nicht als Berater, der auf Probleme anderer mit Bildung reagiert, sondern als Gesprächspartner in Lebensfragen, die in der Expertenkultur allzu schematisch zerschnitten werden: Eine Depression gehört zum Psychologen, ein gebrochener Arm zum Orthopäden, aber wohin mit der Melancholie, die vielleicht eine natürliche Reaktion, wenn nicht eine anthropologische Konstante ist, folgend aus der Kürze des Lebens, den Zumutungen der Gesellschaft, der Qual der Wahl, dem Selbstbewusstsein des denkenden Menschen? Wie kann Grübelei zur Reflexion werden, wie ein tragisches Bewusstsein Selbsthilfe in der Ironie finden, was unterscheidet Ziele von Werten, und wodurch kann ein modernes Leben sinnvoll sein, das Traditionen verloren hat und auch die Religion für einen überwundenen Standpunkt hält? Fragen dieser Art führen zum philosophischen Gespräch; Schmid leistet sich den Luxus, es honorarfrei zu führen, weil er von seinen Büchern leben kann.
Damit ist er eine Ausnahme in dieser Zunft, deren Anfänge erst gut 20 Jahre zurückliegen. Ihr Pionier ist der Philosoph Gerd Achenbach, der 1981 in Bergisch-Gladbach die erste philosophische Praxis Deutschlands gründete. Sein Lehrer, der Gießener Emeritus Odo Marquard, widmet sich als Autor auch erwähnten Lebensfragen, fühlt sich jedoch vor allem der akademischen Auseinandersetzung mit der Philosophiegeschichte verpflichtet. Schmid hält sich an das moderne Individuum, das auf der Suche ist, leise verzweifelt und dennoch von der Philosophie das erhofft, was sie in ihren Anfängen einmal war: ein produktives Nachdenken über das Leben und die Kunst, es gelingen zu lassen.
Die Verwechslung heutiger Philosophie mit dieser ursprünglichen, von ihr in der Regel missachteten Bedeutung verhilft den Universitäten stetig zu hohen Immatrikulationsraten in diesem Fach. Zum Studienabschluss hin schrumpft die Zahl der Interessenten dann auf ein Zehntel oder weniger zusammen - und wer sich durch die Leibnizsche Monadenlehre, die Kategorientafel Kants, die Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas und schließlich die erlesenen Rätsel der Dekonstruktion Jacques Derridas hindurchgewurstelt hat, findet selten den Weg zu seinen ersten Impulsen zurück. Der erfolgreiche Akademiker hat sich dem ergeben, was Philosophie - wie jede Wissenschaft - auch ist: eine selbstbezügliche Reflexionsgeschichte, eine Mitschrift der laufenden Irrtümer und, wenn es gut geht, eine Einübung in die gelehrte Skepsis. Es wäre ihm ein bisschen peinlich, die Philosophie zur Lebenskunst zu nutzen. Man schämt sich ja auch nicht wenig, wenn man seine ersten Liebesbriefe liest.
Natürlich gibt es weiße Elefanten auch in der modernen Philosophiegeschichte - doch erfreuen sie eher das Publikum als die Zoologen. In den achtziger Jahren gab der Journalist Mathias Greffrath eine Auswahl von Michel de Montaignes "Versuchen" mit so lebendigen wie geistesgegenwärtigen Kommentaren heraus und beflügelte zumal in der linken Szene das Interesse an dem Ratsherrn des 16. Jahrhunderts, der sich an seinem 38. Geburtstag in seinen Turm bei Bordeaux zurückzieht, die Alten liest (Aristoteles, Plutarch, Cicero, Seneca) und versucht, sich selbst - und was er denkt - zu verstehen.
Ob Montaigne über die Schüchternheit spricht oder den Zorn, die Religion oder die guten Sitten - immer gibt es die Überraschungen der Erfahrung und des Vergleichs, und die Verwirrung macht misstrauisch und schlau, "weil jeder das Barbarei nennt, was bei ihm nicht gebräuchlich ist", und weil wir am Ende nicht wissen, ob es vielleicht die Katze ist, die mit uns spielt, um uns eine Freude zu machen. Oder es braucht Autoren wie Seneca, Epiktet, Epikur und Aristoteles: Systematiker des Gemüts und der Leidenschaften, aufmerksame Beobachter der menschlichen Natur.
Eher von diesen hat Schmid gelernt. Seine Lebenserfahrung ist Material seiner Bücher, insofern sie unpersönlich ist: Wie alle ist er mit Tod und Hinfälligkeit konfrontiert, mit den Versuchungen der Leidenschaften, dem Kontrollbedürfnis des Ich, den Beleidigungen oder der Gnade des Zufalls. Zu seiner enzyklopädischen Betrachtung der modernen Existenz gehören aber auch der Rausch des Konsums wie der Tabletten, die Verheißungen der Medizin und die Schrecken der ökologischen Verwahrlosung, die Unerbittlichkeit privater Glückssuche wie die politische Ernüchterung nach den erschöpften Utopien.
Schmid meidet den hohen Ton und scheut vor trivialen Details nicht zurück - so behandelt seine "Philosophie der Lebenskunst" (Suhrkamp Verlag) neben der "Technik des Umgangs mit Affekten" und der "Widerspruchsstruktur der Freiheit" auch die Abfallvermeidung und das Wasserstoffauto. Diese Hingabe an die Alltagsphänomene und sein immer klarer, meist nüchterner Stil der Argumentation sorgen - neben einer ausgedehnten Reise- und Vortragstätigkeit, Seminaren mit Lehrern, Psychologen und Unternehmern - für ein dankbar wachsendes Publikum: Die Auflage seiner Bücher nähert sich den Hunderttausend; im August soll, über die Lebenskunst im Umgang mit sich selbst, eine Anleitung zum "Mit sich selbst befreundet sein" erscheinen.
Das Verhältnis der akademischen Philosophie zu Schmid und seinen eher unauffällig wirkenden Kollegen ist nicht durchweg freundlich zu nennen. Wie in jeder Gruppe wirken die internen Status- und Machtmechanismen stärker als Ansprüche von außen, und wie jedes System im Wohlstand reagieren dessen Träger unwirsch auf laienhafte Einwände. Mit Schmid haben sie allerdings einen Agent provocateur in den eigenen Reihen, den sie umso weniger abweisen können, als es ihm nicht um Vernichtung, sondern um Ergänzung der Universitätsphilosophie zu tun ist. Er hält sich nicht mit der Frage auf, ob beispielsweise die streng analytische Philosophie - jenseits der Tatsache, dass alles unblutige Tun seinen Lohn in sich haben darf - einen Zuwachs wenigstens des produktiven Zweifels erbringt; er polemisiert keineswegs gegen Abhandlungen zur "differance", die vielleicht nicht einmal deren Autoren verstehen. Er geht wie seine Vorbilder mit dem, was er denkt, auf den Markt.
Wahrhaftig nicht alles davon ist neu. Doch auch nackte Frauen werden immer wieder gemalt, die Liebeslyrik hat wenig neue Themen, und die Probleme der Sterblichkeit, der Selbstregulierung und der Gewohnheit jucken noch immer die menschliche Haut. Auch Wilhelm Schmid wird sie nicht lösen - indes trägt seine Arbeit, im weiten Raum zwischen dem baldriandurchtränkten Kalender-Ratgeber und der unheilbaren Verzweiflung Kierkegaards, zu deren bewusster Behandlung bei. Nicht wenige von ihnen, so sagte es Ludwig Wittgenstein, verschwinden im Übrigen von selbst. ELKE SCHMITTER
Von Schmitter, Elke

DER SPIEGEL 17/2004
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