19.04.2004

ABENTEUER Absturz in den Erfolg

Darf ein Bergsteiger den Seilpartner opfern, um selbst zu überleben? Natürlich, finden zwei Briten, die genau diese Situation erlebt haben. Nun kommt ihre haarsträubende Geschichte in deutsche Kinos.
Die Wand sieht drohend aus, ein fast senkrechtes Labyrinth aus Fels und Eis. Unmöglich, dieses Ungetüm voller Überhänge und Schneewehen zu durchsteigen. Genau deshalb sind sie hier.
Joe Simpson, 25, und Simon Yates, 21, hatten Großes vor im Mai 1985: die Besteigung des 6344 Meter hohen Eisriesen Siula Grande in Peru - und zwar erstmals über die berüchtigte Westwand, fast 1400 Meter hoch, riesig wie 60 Hochhäuser.
So beginnt ein Abenteuer voller Mut, Angst und Verzweiflung - eine Expedition an die Grenzen der Leidensfähigkeit.
"Sturz ins Leere" heißt ein neuer Film, der fast 20 Jahre später diese wahre Geschichte nacherzählt. In Großbritannien gilt er bereits als der erfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten. Obwohl von Anfang an klar ist, dass die Beteiligten überleben, weil sie schließlich immer wieder von ihren Erlebnissen berichten, bleibt das Doku-Drama spannend bis zur letzten Sekunde. Denn die eigentlich spröde Form des Augenzeugeninterviews zeigt schonungslose Einblicke in das Seelenleben von Menschen in Extremsituationen.
"Viel besser als die Alpen", notiert Simpson in seinem Tagebuch*, das dem Film als Vorlage diente, "keine Horden von Kletterern, keine Helikopter, keine Rettungsmöglichkeiten - nur wir und die Berge."
Doch die Westwand erweist sich als tückisch. Je höher sie steigen, desto gefährlicher wird der für die Anden typische Pulverschnee - der Pickel findet kaum Halt, die Standplätze sind kaum zu sichern.
Dreimal biwakieren die beiden in Schneehöhlen, dann stehen sie auf dem Gipfel - abgekämpft, durstig, viel zu müde für Triumphgefühle. Von nun an geht es steil bergab. Der strapaziöse Aufstieg war bloßes Vorgeplänkel.
Ein Sturm braut sich zusammen, doch sie können ihn nicht aussitzen, denn sie drohen zu verdursten. Durch die trockene Eisluft dehydrieren Höhenbergsteiger wie Dörrobst, wenn sie nicht vier bis fünf Liter Flüssigkeit pro Tag trinken. Doch die leichtsinnigen Gipfelstürmer haben am falschen Ende gespart und zu wenig Gas für ihren Kocher eingepackt.
So bleibt ihnen nur eines: der rasche Abstieg durch ein dichtes Schneetreiben, stets auf dem schmalen Grat zwischen Verdursten, Unterkühlen, Verlaufen.
Dann passiert Simpson der entscheidende Fehler: Er rutscht an einem Eishang ein paar Meter ab, sein rechtes Steigeisen verbeißt sich im Eis. Er jault auf, windet sich vor Schmerz und Übelkeit. Sein Unterschenkel hat das Kniegelenk zertrümmert und sich in Richtung Oberschenkel gebohrt. Bei Belastung knickt das Bein einfach weg, der Schmerz ist bestialisch.
Die Verletzung kommt einem Todesurteil gleich: "Keine Horden von Kletterern, kein Helikopter, keine Rettungsmöglichkeit", so hatte er selbst geschrieben. Fest rechnet er damit, dass sein Seilpartner ihn hier oben zurücklässt. Dem geht es zunächst ähnlich: "Du bist futsch, Mann!", denkt er bei sich, "du bist mausetot."
Doch dann entschließt er sich, das Unmögliche zu versuchen: Er seilt den Verletzten in Richtung Tal ab, ohne sich selbst im Pulverschnee richtig sichern zu können - eine endlose Rutschpartie.
Die Dunkelheit bricht herein, und mit ihr die große Krise: Der Verletzte ist über einen Überhang geschlittert. Das Seil ist zu Ende, er baumelt hilflos in der Luft, unter ihm gähnt eine Gletscherspalte.
Durch sein Gewicht hebelt er Yates langsam aus seinem behelfsmäßigen Standplatz, es droht ein Seilschaftssturz. Yates steht vor einer grausamen Wahl. Entweder er lässt sich vom Seilpartner in den sicheren Tod ziehen, oder er kappt das Seil und opfert den Gefährten - das vielleicht größte bergsteigerische Tabu.
Ein Schnitt - Simpson stürzt ins Leere.
"Ich dachte, er sei tot, aber es war mir egal", erzählt Yates. Zu müde für Emotionen, steigt er mit letzter Kraft ins Basislager ab. Nun quälen ihn Gewissensbisse. Er ver-
arztet seine Wunden und versucht, im Bergbach die erlebten Schrecken von sich abzuwaschen. Die Verdrängungsstrategie scheint zu wirken, er fühlt sich erfrischt. Am nächsten Tag übergießt er die Kleidung des Abgestürzten mit Benzin und verbrennt sie.
Doch Simpson hat den über 20 Meter tiefen Sturz überlebt - zu seiner eigenen Überraschung. Inmitten der Gletscherspalte bleibt er auf einer abschüssigen Eiskante liegen. Die Wände sind zu glatt und steil zum Hochklettern. Er ruft um Hilfe, vergebens.
Simpson beschließt, sich so lange am Seil herabzulassen, bis es zu Ende ist und er in den Tod stürzt. Da sieht er einen Sonnenstrahl: Eine seitliche Spalte führt zur Gletscheroberfläche. Einbeinig robbt er empor. Dann kriecht, schlurft, hüpft er auf einem Bein hinter den Schneespuren seines Partners her. Immer wieder schlägt er der Länge nach hin, das Gesicht ist blutig und verquollen.
Selten zuvor wurde so humorvoll und respektlos über Nahtod-Erlebnisse berichtet. Eine rettende Bewusstseinsspaltung hilft Simpson, den unfassbaren Schmerz zu ertragen: Eine innere Stimme erzählt ihm von einer gemütlichen Kneipe mit Strohdach daheim in England und lockt zur Rast. Eine andere Stimme dagegen peitscht ihn gnadenlos vorwärts. Simpson gehorcht.
Die Halluzinationen werden heftiger - Eisblöcke sehen aus wie nackte Körper, die wild kopulieren. Unentrinnbar dröhnt ihm ein Schlager von Boney M. durch den Kopf: "Brown Girl in the Ring, tra la la la la". Er versucht, der Musik zu entkommen und legt dabei weite Strecken im Delirium zurück. "Ich glaube, es war ein verzweifelter Trick meines Gehirns, um mich bei der Stange zu halten", so Simpson.
Zweieinhalb Tage nach dem Sturz in die Spalte, fast sieben Tage seit dem gemeinsamen Aufbruch hat er über zehn Kilogramm abgenommen und ist völlig entkräftet. Das Basislager ist immer noch nicht in Sicht - vielleicht, weil sein Partner die Zelte abgebrochen hat?
Die Stimmen verstummen. Entmutigt lehnt er sich an einen Felsblock - und schreckt jäh hoch durch beißenden Fäkaliengestank. "Scheiße? Wieso sitze ich in der Scheiße?" Dafür gibt es nur eine Erklärung: Er muss durch Zufall aufs Lager gestoßen sein. Er wimmert um Hilfe und hört eine Stimme, diesmal von außerhalb des eigenen Kopfes. Das Erste, was er dem Partner sagt, der das Seil gekappt hatte: "Danke, Simon, es war schon richtig so."
Der Film endet abrupt: Ohne Hollywood-Pathos, tränenreiche Verbrüderungsszenen, religiösen Schwulst. Das Doku-Drama, gedreht vom britischen Oscar-Preisträger Kevin Macdonald, 36, setzt ganz auf die sprichwörtliche britische "Stiff Upper Lip". Diese unsentimentale Distanz zum Erlebten ist die große Stärke des Films - und gleichzeitig seine größte Schwäche.
Denn auch das Publikum baumelt in einer emotionalen Leere: Wie gehen die Bergsteiger mit ihren körperlichen und seelischen Verletzungen um? Wie stehen sie heute zueinander? Zu diesen grundlegenden Fragen verweigert der Film die Antwort - vielleicht, weil die beiden Abenteurer, heute Anfang vierzig, ihre Erlebnisse noch immer nicht recht verarbeitet haben.
Als Simpson und Yates 1985 wieder in Großbritannien ankamen, entwickelte ihr Abenteuer eine neue Eigendynamik. Ihre Berichte entfachten eine bittere ethische Kontroverse: Darf man einen Seilpartner opfern, um selbst zu überleben?
Yates wird von einem Kritiker in den französischen Alpen handgreiflich attackiert, der britische Alpine Club erwägt seinen Rauswurf. Seitdem ist er berüchtigt als "the guy who cut the rope" - der Typ, der das Seil abgeschnitten hat.
Simpson dagegen veröffentlicht, um Yates zu verteidigen, 1988 seine Rekonstruktion der Ereignisse, "Gewidmet Simon Yates, für eine Schuld, die ich nie zurückzahlen kann". Das Buch wurde über eine halbe Million Mal verkauft und in 14 Sprachen übersetzt. Beflügelt vom Film, erobert es nun erneut die Bestsellerlisten.
"Es ist ironisch, wie viel ich dem Unfall verdanke", sagt Simpson heute, "sonst hätte ich nie entdeckt, dass ich schreiben kann." Der Horrortrip in den Anden erwies sich für die beiden Alpinisten als Absturz in den Erfolg. Die Filmfirma von Tom Cruise kaufte zwischenzeitlich die Filmrechte. Simpson veröffentlichte fünf weitere Bücher und schreibt derzeit an seinem zweiten Roman. Nach sechs Operationen unternahm er neue Expeditionen. Im Lauf der Jahre erlitt er drei weitere schwere Unfälle. Zwischen Krankenhaus und Basislager hält er hoch dotierte Motivationsseminare bei Firmen wie Vodafone und GlaxoSmithKline. Das Geheimnis seines Überlebens? "Ich kann sehr, sehr dickköpfig sein", erwidert er trocken.
"Simpson überhöht sich als existenzialistischen Helden, ein einfacher Selfmademan mit einem Schuss Nietzsche", urteilt der Berliner Sportsoziologe Gunter Gebauer. "Er zeigt, wie man auch die auswegloseste Lage in einen Sieg verwandelt. Das macht ihn beliebt in einer Leistungsgesellschaft, in der die Angst vor dem sozialen Abstieg umgeht."
Auch Yates profitierte von seiner Rolle als Überlebenskünstler und veröffentlichte Bücher über seine Bergabenteuer - im Klappentext beworben mit dem Hinweis: "The one who cut the rope".
Doch als Lehrbeispiel für Krisenbewältigung taugt der Bestsellerstoff kaum, denn er übergeht ein zentrales Detail: Nicht das abgeschnittene Seil ist der moralische Knackpunkt, sondern die Frage, warum Yates nicht nach den Überresten des Vermissten suchte, aber statt dessen fast sofort zur Verdrängung überging und überhastet die Kleidung seines Partners verbrannte.
Wie unverdaut die Erlebnisse immer noch sind, zeigte sich im Juni 2002: Als die Bergsteiger für die Dreharbeiten nach Peru zurückkehren, schlittern sie erneut in die emotionalen Abgründe von damals. Und zwar so sehr, dass der Regisseur schwankt, ob er das Psychodrama von damals verfilmen soll oder das aktuelle. Yates überwirft sich durch ständige Wutausbrüche mit dem Team und bricht bis heute den Kontakt ab. Simpson leidet an Panikattacken und muss ärztlich behandelt werden: "Es kam mir so vor, als wäre das alles erst fünf Minuten her", so Simpson. "Ich dachte, dass das Filmteam weg sein könnte, wenn ich mich wieder umdrehe. Und dass die letzten Jahre nur eine Halluzination waren." HILMAR SCHMUNDT
* Joe Simpson: "Sturz ins Leere". Heyne, München; 270 Seiten; 7,95 Euro.
Von Schmundt, Hilmar

DER SPIEGEL 17/2004
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