Von Schulz, Thomas
Überraschend ist eigentlich nur, dass es so lange gedauert hat. David Beckham, Popstar, Werbe-Ikone und Fußballgott, Auflagenheld von Boulevard- wie Sportpresse, hat eine Affäre angehängt bekommen. Eigentlich sogar zwei oder drei, so genau weiß man das noch nicht. Sicher ist nur, dass die Freude nicht größer sein könnte.
Die "Bunte" konnte ihre Erregung kaum beherrschen: "Die Luderjagd ist eröffnet", dichtete sie vergangene Woche. Weltweit erschauderten die Blatt- bis Plattmacher vor Erleichterung und Vorfreude auf kommende Titel. Viel zu lange mussten sie schon von Schlagzeilen wie "Holte sich Beckham eine Hure ins Bett?" ("Bild") oder "Beckham Sex-Sensation: Ich will dich stöhnen und grunzen hören" ("Mirror") träumen.
Dabei gelten Fußball und Sex schon lange als beinahe unschlagbares Doppel. Was bebte der Boulevard allein in den letzten zwei Jahren dank all der enthüllten Kicker-Kapriolen: Oliver Kahn und das Münchner Disco-Luder, Ottmar Hitzfeld und die heiße Brasilianerin, Stefan Effenberg und die Frau seines Kollegen Strunz. Sogar Franz Beckenbauer hatte allerhand laufen, wenn auch nur mit einer FC-Bayern-Sekretärin.
Was könnte da noch besser sein? Ganz einfach: ein bedeutenderer Fußballer, mehr Sex und internationaler Glamour. Da ist Beckham eine Liga für sich. Schließlich ist der Mittelfeldstar von Real Madrid sogar mit einem Popstar verheiratet. Zumindest einem ehemaligen: Victoria Adams, Ex-Spice-Girl, genannt "Posh".
Ein Traumpaar: Ihre Millionenvilla nennen sie "Beckingham Palace". Zum Fernsehinterview schmusen sie im Partnerlook in Burberry-Pyjamas auf dem cremefarbenen Sofa. Der "Playboy" hätte am liebsten, dass sie sich gemeinsam ausziehen. Die Beckhams sind ganz sicher die größte täglich wiederkehrende Real-Seifenoper seit Lady Di und Prinz Charles.
Nur so lassen sich pompöse Ankündigungsfanfaren anstimmen, wie sie das Boulevardblatt "News of the World" vor rund zwei Wochen zum Auftakt des Beckham-Brüllers in die Welt blies: "Eine Story, die Millionen erschüttern wird - wir erzählen im Detail, wie der ehemalige Manchester-Star mit Rebecca Liebe machte." Natürlich wurde die vermeintliche Affäre von der britischen Presse "enthüllt". Publizistische Treibjagden auf Prominente gehören auf der Insel zum Tagesgeschäft. Selbst "Bild" wirkt dagegen freundlich und unvoreingenommen.
Elf Tages- und neun Sonntagszeitungen kämpfen auf dem Londoner Zeitungsmarkt mit allen Mitteln um Auflage. Bis auf die wenigen seriösen Blätter wie "Times" oder "Guardian" arbeiten sie nach der gleichen Faustformel: "Shock and amaze", schockiere und verblüffe. Auch mit den Fakten wird es da nicht immer so genau genommen. Vorverurteilung? Hörensagen? Gerüchte? Egal, Hauptsache es liest sich gut.
Und so wird auch der angebliche Beckham-Seitensprung bei "News of the World" präsentiert, als habe der Reporter in der Bettritze gelegen: "Er dimmte das Licht und zog sich aus. Auch Rebecca strippte, und sie standen nackt in der Mitte des Raums, sich leidenschaftlich küssend. Sie liebten sich über Stunden." Schöner kann ein Groschenroman nicht klingen.
Seit zwei Wochen schon überschlagen sich die britischen Blätter mit immer neuen Titelgeschichten, Geliebten und Schweinereien. Denn zum Glück wurde die Affäre sogar mit angeblich authentischem Liebesgeflüster geliefert - verfängliche SMS-Botschaften, die nun stark zensiert, weil "zu versaut", in der Zeitung landeten.
Die Beckham-Saga entwickelte sich dabei keineswegs zufällig, sondern wie jede Seifenoper nach Drehbuch: ein sorgfältig orchestriertes mediales Lustspiel, bei dem ein vorgeschriebener Akt nach dem anderen aus der Schublade gezogen wird.
Schon die erste Enthüllung der vermeintlichen Geliebten Rebecca Loos, Beckhams ehemalige Assistentin in Madrid, hatte "News of the World" nicht selbst recherchiert. Die Dame war dem Blatt von einem englischen PR-Berater angeboten worden, der schon seit Januar mit ihr verhandelt hatte, wie der "Guardian" herausfand. Sie soll schließlich rund 300 000 Pfund für ihre Exklusiv-Geschichte kassiert haben, der PR-Mann angeblich 60 000 Pfund.
Aber wen kümmert ein dubioser Deal, wenn auf die dramatische Enthüllung bereits Akt zwei folgt: Die Beckhams lassen sich von Promi-Fotografen beim Turteln im Schnee ablichten und dementieren fleißig alle Anwürfe.
Seitdem wogt es täglich hin und her: Erst der obligatorische Ex-Lover, der das Luder auch wirklich als Luder outet ("bisexuell und pornosüchtig"). Dann wieder Victoria Beckham, die die vermeintliche Nebenbuhlerin als "verlogene Kuh" beschimpfen darf. Bevor die Sympathien umschlagen, wird eine zweite Geliebte namens Sarah Marbeck aus dem Hut gezaubert, vermittelt von einem australischen Anwalt.
Es folgt? Natürlich die Beckham-Reaktion ("absurd") und wieder ein Bekannter, der das Luder als Luder darstellt, diesmal sogar ein noch schlimmeres: Die Dame soll als "Edelnutte" operiert haben - sagt ihr Ex-Chef im Interview, woraufhin es höchste Zeit wird, das bereits aufgezeichnete Fernsehinterview mit der ersten Geliebten auszustrahlen, wo sie den Kicker als "erstaunlichen und großzügigen Liebhaber" lobt, damit die Beckhams am nächsten Tag ... es könnte ewig so weitergehen.
Exklusive Sex- und Promi-Geschichten haben sich als bewährtes Mittel erwiesen, die Auflage kurzfristig um bis zu 15 Prozent in die Höhe zu treiben. Einer der größten Auflagenerfolge war bereits früher David Beckham zu verdanken: 1999 sicherte sich das Glamourblatt "OK!" die Exklusiv-Berichterstattung über seine Hochzeit und katapultierte damit die Auflage von 600 000 auf knapp 2 Millionen Exemplare, erzählt ein ehemaliger Redakteur.
Solch exorbitante Verkaufserfolge scheint der Fußballstar dieses Mal jedoch nicht herzugeben. Erste Zahlen zeigen, dass die wichtigsten Massenblätter "Sun" und "Mirror" anfangs um knapp drei Prozent zulegen konnten. "News of the World" verkaufte mit der ersten Exklusiv-Geschichte offenbar fast 3,9 Millionen Exemplare, immerhin über 100 000 mehr als die entsprechende Vorjahresausgabe. Doch schon mit der nächsten Beckham-Story und der zweiten angeblichen Geliebten am Ostersonntag rutschte das Wochenblatt sogar unter seinen Monatsschnitt.
Wirtschaftlich hat sich das Drama um den englischen Kicker und die "schäbige Senorita" ("Sun") für "News of the World" wohl nicht gelohnt: Die Auflagensteigerung, so rechnete die Konkurrenz hämisch vor, brachte höchstens 77 000 Pfund mehr ein, während für die Geschichte der beiden Geliebten angeblich 450 000 Pfund auf den Tisch gelegt worden sein sollen.
Und so ist noch keineswegs entschieden, ob all die schön-schmierigen Details, die "News of the World" nach eigenen Beteuerungen noch in der Schublade hat, auch wirklich veröffentlicht werden. Dazu, teilte das Blatt vergangene Woche mit, werde man den öffentlichen Appetit in den nächsten Tagen abwarten müssen.
Beckhams Hauptsponsor Adidas bleibt jedenfalls vorsichtig: Zur seit langem geplanten Präsentation des neuen Beckham-Fußballschuhs nächste Woche in London verzichtet der Sportartikelriese lieber auf eine Pressekonferenz. THOMAS SCHULZ
DER SPIEGEL 17/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.