26.04.2004

FUSSBALLNachhilfe für Hollywood

Es dauerte eine Weile, bis die Profis des FC Bayern begriffen hatten, wie man einen Stürmer wie Roy Makaay einsetzt. Inzwischen wird der Torjäger wegen seiner Effizienz bewundert. Sein nächstes Ziel: mit der holländischen Nationalelf die Deutschen aus dem EM-Turnier schießen.
Aufreizend gemächlich trabt der Mann mit dem dunklen Teint über den Rasen. "Schneller, bitte, du schläfst sonst noch ein", ermahnt Trainer Ottmar Hitzfeld seinen Stürmer Roy Makaay. Aber es hilft nichts. Auch beim anschließenden Übungsspiel des FC Bayern wirkt der Torjäger, als gehöre er gar nicht dazu. Stehen, traben, wieder stehen.
Ist es der Föhn in Bayern? Irgendwas kann nicht stimmen. Dieser schwarzhaarige Lethargiker soll fähig sein, dem brasilianischen Wirbelwind Ailton noch die Krone des Torschützenkönigs abzujagen? Die Zuschauer hinter dem Absperrzaun sind irritiert.
Fußball, darauf wird von den Gelehrten immer wieder hingewiesen, ist ein Laufsport. Doch wer Roy Makaay, 29, trainieren und spielen sieht, könnte meinen, für ihn gelte diese Grundregel nicht. Etwas "seltsam Apathisches" präge bisweilen die Darbietungen seines Schützlings, räumt auch Hitzfeld ein. Ernstlich beunruhigt gibt sich der Übungsleiter deshalb aber nicht: "Er macht die Dinger ja rein."
Im Prinzip ist damit das Geheimnis eines Fußballers beschrieben, der die Fachwelt seit Monaten in Staunen versetzt. Als "Tormaschine" oder "Wunderstürmer" feiern die Medien den Holländer, weil der eine Treffsicherheit an den Tag legt, wie man sie in der Bundesliga lange nicht erlebt hat.
Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten die Jubelarien, als dem "Knipser aus Gelderland" ("Frankfurter Rundschau") im Heimspiel vor gut zwei Wochen gegen Schalke 04 die Saisontreffer 21 und 22 gelangen. Ernsthaft wurde die Frage erörtert, ob Makaay vielleicht sogar besser sei als einst Gerd Müller.
Sicher ist, dass der Siegeszug des Niederländers auch für die Rückständigkeit der hiesigen Branche steht. Als er im Sommer vorigen Jahres in München seinen Dienst antrat, musste er sich jedenfalls fühlen, als sei er in einem Fußball-Entwicklungsland gestrandet.
Es begann damit, dass sie ihm, kaum angekommen, schon vorhielten, ein Fehleinkauf zu sein. "Rheuma-Kay", so höhnten die Bayern-Fans, weil der mit 18,75 Millionen Euro bislang teuerste Einkauf der Münchner nicht auf Anhieb ins Tor traf. Es hieß, er sei ein Fremdkörper, er passe nicht in das System.
Die Wahrheit war, dass dem Neuzugang wegen des späten Ortswechsels anfangs Training und Spielpraxis fehlten und zweitens seine Mitspieler erst mal begreifen mussten, wie man so einen Hochbegabten Gewinn bringend einsetzt.
Dabei ist es gar nicht so schwer, mit Makaay zu spielen. Meist lauert er auf Höhe der gegnerischen Abwehrreihe auf einen Pass in die Tiefe. International gilt diese Spielweise als en vogue, weil sich so die bei Spitzenclubs beliebte Defensivtaktik der Viererkette am besten aushebeln lässt.
Auch dass Makaay manchmal minutenlang nur spazieren geht, ohne den Ball zu berühren, zeuge eher von "großer Klasse", wie Thomas Linke, der als Innenverteidiger bei Bayern und in der deutschen Nationalmannschaft schon gegen die besten Stürmer der Welt angetreten ist, betont: "Es gibt Stürmer, die rennen und rennen, und als Verteidiger denkt man sich, Mamma mia, bleib doch mal stehen. Aber denen fehlt dann im entscheidenden Moment die Konzentration vor dem Tor, weil sie sich vorher verausgabt haben. Das passiert Roy sicherlich nicht."
Makaays Effizienz erstrahlt umso mehr in einer Liga, deren deutsche Spitzenkräfte Miroslav Klose, Kevin Kurányi und Oliver Neuville zwar emsig jedem Ball hinterherhetzen, in der Chancenauswertung jedoch weit entfernt von internationaler Klasse sind. Der Holländer rettete den FC Bayern mit seinen Toren vor dem Aus in der Champions-League-Vorrunde und sorgte dafür, dass der Club in der Liga nicht ins Mittelmaß abrutschte.
Zu seinen Spezialitäten zählt, nicht den einfachen, sicheren Schuss aufs Tor zu setzen, der eine leichte Beute für den Torhüter sein könnte, sondern den schwierigen, gewagten, der den Torhüter überfordert. Thomas Linke vergleicht seinen Kollegen auch deshalb mit Topstars wie Thierry Henry (Arsenal London), Ruud van Nistelrooy (Manchester United) oder Ronaldo (Real Madrid). Wegen der maschinenhaften Präzision und Kühle, mit der Makaay ins Ziel trifft, hat es ihn in der Bayern-Hierarchie ganz nach oben gespült.
Kam es anfangs noch vor, dass ihn Torhüter Oliver Kahn von der Liste jener Spieler strich, die bei der Pressekonferenz nach dem Abschlusstraining auftreten sollen, hört der Torwart-Titan nun gern den ebenso höflichen wie sachlichen Meinungsäußerungen des Stürmers zu.
Aber ist er wirklich so gut wie Gerd Müller?
Am Dienstag voriger Woche kamen die ersten Landsleute Makaays nach München, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. Es waren zwei Reporter vom Fußball-Magazin "Johan". Sie warteten zwei Stunden in der Hoffnung, der Holländer würde sich mit Gerd Müller ablichten lassen.
Früher hätten sich die Journalisten den Weg sparen können. Makaay war der Rummel um seine Person eher unangenehm.
Er kommt aus einer Fußballerfamilie. Sein Bruder spielte in Holland als Torwart in der dritten Liga, sein Vater ist Talentscout bei Vitesse Arnheim. Als Roy als Teenager zum NEC Nijmegen wechseln wollte, wurde er zunächst abgelehnt. Seine Eltern bekamen einen Brief, in dem es hieß, als Kicker habe der Sohn keine Zukunft. "Wir empfehlen ihm, sich einen neuen Sport zu suchen."
Erst später, bei Vitesse Arnheim, erkannte man Roys besondere Torjäger-Gabe. Er schaffte den Sprung zu den Profis. Und er traf auf einen Trainer, der ihm erklärte, dass es auch wichtig sei, schnell erwachsen zu werden, wenn man mit Fußball Geld verdienen will.
Der Rheinländer Herbert Neumann, der vier Jahre in Arnheim tätig war, wird gern als Entdecker von Makaay geführt. Aber das will der Ex-Profi des 1. FC Köln
so nicht stehen lassen. "Ich habe ihm nur den richtigen Weg aufgezeigt."
Neumann fiel bei Makaay die zu große Nähe zu seinem Vater auf, der dem Sohn sogar die Trainingstasche trug. Eine Weile schaute sich der deutsche Coach das an. Dann ging er auf den Jungprofi Makaay zu und sagte: "Ich denke, du bist in einem Alter, in dem du deine Tasche selbst tragen kannst." Makaay verstand den Rat und dass es um mehr ging als eine Sporttasche. Er erkannte, dass es an der Zeit war, die "Dinge selbst in die Hand zu nehmen".
Bis heute ist das die große Stärke von Makaay. Er versteht sich nicht als vollendeten Kicker, sondern als "ewig unvollendet". Er habe nicht das Genie eines Raúl, die Eleganz und Geschmeidigkeit von Henry. Er rennt, er schießt, er trifft. Das ist sein Job, und er macht ihn gründlich. "Wenn ich aufhöre, an mir zu arbeiten, dann wird es schnell andere geben, die das besser machen als ich", sagt Makaay, "also arbeite ich weiter."
Passend zu dieser kargen Selbsteinschätzung ist es um Makaays Charakter bestellt. Der Münchner Boulevard trauerte lange dem Vorgänger Giovane Elber nach, weil der auch mal Witze mit den Journalisten machte oder für Fotos in knapper Lederkluft auf einem Motorrad posierte.
So was ist von Makaay nicht zu erwarten. "Abnormal normal", so beschreibt Ted van Leeuwen, Manager des holländischen Zweitligisten AGOVV Apeldoorn, den spröden Angreifer. Van Leeuwen begleitete Makaay früher als Journalist des Fachmagazins "Voetbal International". Mehrfach startete er mit Makaay den Versuch, auch mal über was anderes zu reden als über Fußball, "aber es klappte nicht".
Es gibt nichts Ungewöhnliches in der Vita Makaays. Selbst dass er im vierten Profi-Jahr seine Heimat verließ und von Arnheim zu CD Teneriffa wechselte, zeugte nur vordergründig von Abenteuerlust. Auf der kanarischen Insel galt er als Eigenbrötler, der sich von seinen Gepflogenheiten partout nicht verabschieden mochte. Jeden Tag Punkt 18 Uhr ging Makaay zum Essen beim Italiener seiner Wahl. Wenn die Kollegen, wie in Spanien üblich, weit nach 20 Uhr zum Abendmahl ausschwärmten, lag er schon im Bett.
Auch als es einmal einen handfesten Grund gab, sich selbst zu feiern, verweigerte er die Selbstdarstellung. Letztes Jahr wurde Makaay, nachdem er für Deportivo La Coruña in der spanischen Liga 29 Tore erzielt hatte, mit dem "Goldenen Schuh" für den besten europäischen Schützen ausgezeichnet. Das Kompliment für diese Leistung reichte er allerdings gleich weiter. Er ließ Imitate der Trophäe anfertigen und verschenkte diese als Dank an seine Teamkollegen. "Ein Mann allein", sagt Makaay, "schießt keine Tore."
Die einzige Extravaganz, die sich Makaay im bisherigen Verlauf seiner Karriere leistete, war somit der Entschluss, wissentlich zu einem Verein zu gehen, der sich wie kaum ein anderer zu seiner Rolle als Unterhaltungsbetrieb bekennt.
Denn natürlich ist der "FC Hollywood", wie der FC Bayern auch genannt wird, nicht seine Welt. Es gibt hier Spieler, deren Privatleben in Magazinen detailgenau Niederschlag findet. Da hat er nichts zu bieten. Makaay ist Vater zweier Kinder und seit Jahren mit seiner Jugendliebe Joyce verheiratet.
Auch mit der Neigung des Clubs, die eigene Großartigkeit zur Schau zu stellen, kann Makaay vom Wesen her nichts anfangen. In München erhielt er einen Dienstwagen mit dem Kennzeichen M-DM, für "Deutscher Meister". Weil es dieses Jahr mit dem Titel wohl nicht klappt, werden die Schilder einfach ausgewechselt in M-RM wie "Rekordmeister".
Doch glücklicherweise erwarten die Bayern von Makaay nicht, im Showgewerbe tätig zu sein. Im Gegenteil: Die Club-Strategen haben erkannt, dass die
echten Superspieler des europäischen Fußballs ausschließlich auf dem Platz glänzen. Ob Zinedine Zidane, Henry oder van Nistelrooy - sie zeigen jedes Wochenende, dass das Beste an der Entertainment-Ware Fußball das Spiel ist und nicht das tosende Beiwerk. Der zurückgezogene Makaay ist somit ein Volltreffer für den FC Bayern.
Nur: Ist der deutsche Vorzeigeclub auch ein Volltreffer für Makaay? Denn irgendwie klafft da ja doch eine ziemliche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
"Ich hatte erwartet, dass in Deutschland alle in Ehrfurcht vor dem FC Bayern erstarren. Ich dachte, die anderen Teams würden immer nur auf ein Unentschieden hoffen und mauern." Doch dann musste Makaay erkennen, dass die Mannschaft nicht die erhoffte Qualität besitzt: Raus im DFB-Pokal gegen Zweitligist Alemannia Aachen, die Meisterschaft, na ja, schwierig, und in der Champions League spielt man ja schon lange nicht mehr. Fast schien es zwischenzeitlich so, als gehe sein Masterplan nicht auf. Denn zu der lange Zeit im Verborgenen blühenden Karriere Makaays gehörte auch, dass er ausgerechnet in Holland nie wirklich wahrgenommen wurde.
Als er 1997 ein Angebot von Ajax Amsterdam ablehnte - aus Angst, beim Spitzenclub unterzugehen - und stattdessen nach Spanien wechselte, wurde ihm das als Feigheit ausgelegt. Seine Tore für Teneriffa und La Coruña wiederum hinterließen zu Hause kaum Wirkung, weil es prominentere Landsleute bei prominenteren Clubs gab. In der Nationalmannschaft bilden van Nistelrooy sowie Patrick Kluivert vom FC Barcelona die Sturmformation. "Die Öffentlichkeit war immer für die beiden", sagt Makaay, für ihn war nie Platz.
Dieses Gesetz will er jetzt mit seinem Schaffen beim schillernden FC Bayern brechen. Holland soll wissen, dass es ihn gibt. Bei der Europameisterschaft in Portugal, wo es im ersten Match gegen Deutschland geht, will er Stammspieler sein. Für seine Verhältnisse hat sich der stille Profi allein mit diesem Vorsatz weit nach vorn gewagt.
Neulich spielte Makaay von Anfang an für Holland gegen Frankreich. Es lief nicht gut. Aber Nationalcoach Dick Advocaat nahm ihn hinterher auffällig energisch in Schutz. Er werde Makaay nicht nur an "einem Auftritt messen". Insider deuten dies als Beleg dafür, dass Makaay bei der EM gute Aussichten hat.
Und so lässt er sich nach Trainingsschluss am vergangenen Dienstag doch noch mit den Reportern von "Johan" ein. Es kommt zum großen Zusammentreffen: Auf einem Nebenplatz posieren Makaay und Gerd Müller für ein Foto. Der Tor-Roboter der Moderne mit dem "Bomber der Nation" aus Deutschlands großer Fußball-Vergangenheit. Das Bild wird ein Knüller in Holland werden.
Makaay lächelt gequält. Es ist ihm schon jetzt eigentlich peinlich. Doch wenn es seiner Sache dient, dann wird er nun eben auch noch in der Heimat berühmt. GERHARD PFEIL
* Oben: mit Ehefrau Joyce, Tochter Milou und Sohn Dani auf dem Oktoberfest 2003; unten: bei der Überreichung des "Goldenen Schuhs" durch den portugiesischen Altstar Eusebio am 28. August 2003 in Monte Carlo. * Mit Ruud van Nistelrooy und Pierre van Hooijdonk.
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 18/2004
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