26.04.2004

FUSSBALLEwiger Knaben Wunderhorn

50 Jahre WM-Sieg in Bern - das Fernsehen feiert, der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit ("Männerphantasien") adelt Kicken als hohe Schule der Welterkenntnis.
Im Radio tobt der Hunnensturm. "Die Pusztasöhne", so tönt Reporter Herbert Zimmermann, "drehen jetzt den siebten oder zwölften Gang auf." Bern, 4. Juli 1954, Wankdorf-Stadion, noch wenige Minuten zu spielen, Deutschland führt dank Helmut Rahn mit 3:2 gegen Ungarn. Da schießt der Major Ferenc Puskás den Ball ins Netz. Kein Tor. Abseits. Wirklich Abseits?
Wenn am Dienstag dieser Woche um 20.15 Uhr im ZDF die historische Dokumentation "Das Wunder von Bern - Die wahre Geschichte" läuft, stockt dem Fan das Herz. Erst die Vorwürfe über angebliches Doping ("Diese Drecksstory", wie der "Bild"-Postbote Franz Josef Wagner die Berichte über die Spritzerei in der deutschen Mannschaft nannte) und nun das: Bescherte Schiedsrichterbetrug den Deutschen den Titel? Gibt es Kamerabeweise, dass Puskás nicht im Abseits stand?
Vaterland, magst ruhig sein. So sehr die ZDF-Autoren Guido Knopp, Sebastian Dehnhardt und Manfred Oldenburg nach Bildbeweisen, sogar in Südamerika, gefahndet und in alten, zum Teil farbigen Schmalfilmaufnahmen von Zuschauern - aufgespürt im Archiv einer Schweizer Sportschule und über eine Suchanzeige im "Kicker" - nachgesehen haben, es fand sich nichts, was die Abseitsentscheidung des Linienrichters fotografisch widerlegte. Nur der deutsche Ersatzspieler Alfred Pfaff schwört vor der Kamera: "Es war ein einwandfreies Tor."
Es darf also gefeiert werden, ewiger Knaben ewiges Wunderhorn, schuldiger deutscher Nachkriegsmenschen unschuldige Wiedergeburt, Auferstehung Germanias durchs runde Leder. Sie werden im Fernsehen noch einmal hochleben: der Geist von Spiez, der listige Trainerfuchs Sepp Herberger, die elf Freunde, Rahn, der Boss der Bosse, der sensible Fritz, der "Fußballgott" Toni Turek, der tapfere und so unglücklich geendete Werner Kohlmeyer und die armen Ungarn, von denen einige selbst in der Todesstunde die Schmach der Niederlage nicht vergessen konnten.
Der ZDF-Film ist nach dem Erfolg des Sönke-Wortmann-Kinofilms "Das Wunder von Bern" (3,6 Millionen Besucher) nicht der einzige Lobpreis. Am 20. Mai (20.05 Uhr) sendet das ZDF zwischen einem Frauenländerspiel und der Übertragung des Freundschaftsspiels Frankreich - Brasilien die knapp 40 erhaltenen Filmminuten des Berner Finales zu Zimmermanns Reportage ("Halten Sie mich für übergeschnappt", "Aus, aus, aus - aus").
Anders als beim 20.-Juli-Gedenk-Movie "Stauffenberg" hat die Konkurrenz des Ersten diesmal das Nachsehen: Ihr Film, der "Die Helden von Bern" (Autoren: Stefan Keber, Oliver Merz) heißt, läuft am Pfingstmontag und ist mit 60 Minuten ein Drittel kürzer als die ZDF-Dokumentation.
Die Zeitzeugen, die beide Anstalten aufbieten, sind zum Teil identisch. Ottmar Walter, 80, nach dem Tod seines Bruders Fritz so etwas wie der Helden-Doyen, präsentiert sich als ein schlichter, einfacher Mann, der sachlich und geradeaus redet, aber die Tränen nicht scheut. Horst Eckel, 72, steht ihm an Bescheidenheit in nichts nach. Hans Schäfer, 75, dritter der elf Berner Recken, die noch am Leben sind - er war es, der den entscheidenden hohen Ball in den ungarischen Strafraum bugsierte, den Rahn zum Siegtreffer nutzte -, wollte nicht vor die Kamera.
Nicht nur, was Fans von damals, Spielerfrauen, prominente Politiker und Journalisten in beiden Filmen zu sagen haben, auch die Bilder machen klar, wie deutlich die Schatten des Krieges über dem eigentlich freudigen Ereignis immer noch lagen.
So traurig ist in Deutschland nie gesiegt worden. Wenn Fritz Walter als Kapitän der WM-Sieger den Cup entgegennimmt, dann wirkt das, als werde dort jemand zur Schlachtbank geführt. Wie brave Soldaten, stumm und Hand in Hand, lassen die Helden von Bern das damals gesungene "Deutschland, Deutschland, über alles" über sich ergehen. Und Sepp Herberger, im durchweichten Kleppermantel auf die Schultern seiner Spieler gehoben, scheint die Ehrung eher abzuwehren, als sich wie ein Triumphator durch die Menge tragen zu lassen.
Es will manchmal nicht zusammenpassen, all das Geschwalle über die eigentliche Geburt der Bundesrepublik und das, was man sieht. Gewiss, der Jubel war groß, jeder, der damals bewusst lebte, kann erzählen von überfüllten Fernsehzimmern und dem Zittern vor dem Radioapparat. Aber dass sich mit Rahns Schuss ein Mentalitätswandel vollzog und aus fleißig-engstirnigen Deutschen plötzlich entspannte Weltbürger wurden, scheint übertrieben.
Einer, der das auch nicht glaubt, ist der in Freiburg lebende Soziologe Klaus Theweleit, 62. In seinem neuen Buch "Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell" schreibt der Autor der "Männerphantasien", dass zumindest die Älteren in ihrem neu erwachten wirtschaftlichen Wir-sind-wieder-wer-Gefühl die Unterstützung des Fußballs nicht brauchten*. "König Fußball lief 1954 dem König Fleiß bei diesen Leuten nicht den Rang ab. Das Wunder von Bern toppte ihr Wirtschafts-Wunder nicht."
Anders sei das für die damals Jüngeren, die heute die Gedenkfeiern so enthusiastisch ausrichten. Ihnen, den "Sandplatz-, Straßen- und Vordeichbolzern" (Theweleit), eröffnete der Sieg über Ungarn den Weg zur Fußballkultur, zu der Erkenntnis, dass es großartige Gegner gibt und das Spiel eigene Gesetze hat. Theweleits Buch ist eine einzige Feier der Intelligenz des Soccertums: Den Heranwachsenden Klaus lehrt Fußball, die Grenzen seiner Körperkräfte zu erfahren - sein von rauen Bauernlümmeln lädiertes Knie bewahrt ihn zuerst vor der Bundeswehr, später verhilft es ihm zu richtigen Lebensentscheidungen.
Theweleit baut die mehr theoretische Beschäftigung mit dem Ball zum Instrument der Welterkenntnis aus: Was eine "Digitalisierung des Raumes" bedeutet, lehrte den Kulturwissenschaftler der niederländische Fußball, der sich von hierarchischen Mustern, von lange Bälle verteilenden Spielmachern verabschiedet und lieber Kurzpassnetzwerke über den Platz schiebt.
Aber nicht nur zu abstrakten Spielereien verhilft der Lebenslehrer Fußball, sondern auch zur Kennzeichnung von Führungsstilen, zum Ausmachen von arroganten Einstellungen (Günter Netzer) und zum Entlarven von Stammtischgeblöke ("Scheiß-Millionäre") - Geld sei schließlich nicht alles, wie der Fall Sebastian Deisler lehrt.
Die Erweckung der Nachkriegsjugend aus der Enge von strengen Vätern ("Sitz gerade") und kuschenden Müttern ("Tu, was der Vater sagt") hat in Bern stattgefunden - zumindest als Fluchtmöglichkeit in das Reich der Phantasie. Danke, Boss, danke, Fritz. Sorry, Puskás, aber der Schiedsrichter entscheidet.
NIKOLAUS VON FESTENBERG
* Klaus Theweleit: "Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 240 Seiten; 8,90 Euro.
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 18/2004
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