26.04.2004

GUTACHTENPraktikantin contra Benjamin

Die Behörde der Integrationsbeauftragten Marieluise Beck urteilt jetzt auch über Literatur. Erstes Opfer ist ein deutscher Philosoph, der vor 64 Jahren Selbstmord beging.
Erst dachte Rainer Moritz, Chef des Hamburger Verlags Hoffmann und Campe, an den Scherz eines Konkurrenten. Oder an eine Aktion des Satire-Magazins "Titanic", das ihn auf den Arm nehmen wollte.
In seiner Post war ein Brief, abgeschickt im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Eine Referentin der Bundesbeauftragten, Dr. Claudia Martini, klärte den Verleger über die Aufgaben ihrer Behörde auf. Eines der Ziele sei es, "zu einem spannungsfreien Zusammenleben zwischen Zuwanderern und Einheimischen, zwischen Minderheiten und Mehrheiten beizutragen".
Nach dieser Einleitung kam sie rasch zur Sache. Bei Hoffmann und Campe sei voriges Jahr unter dem Titel "Aufklärung für Kinder" eine Doppel-CD (Co-Produzent: Radio Bremen) mit Arbeiten von Walter Benjamin erschienen, mit einem Beitrag über "Die Zigeuner", den man als "problematisch" einstufen müsse. Der Text enthalte eine "quasi mythische Darstellung der Situation von so genannten 'Zigeunern' in der Zeit Benjamins" und sei geeignet, "Stereotype und Vorurteile ... eher zu betonen als zu hinterfragen".
Deswegen müsse "empfohlen" werden, von einer weiteren Veröffentlichung der Benjamin-CD "abzusehen". Man erwarte Vollzugsmeldung. "Bitte informieren Sie die Beauftragte über Ihre Entscheidung."
Hätte Rainer Moritz einen Brief bekommen, in dem ihm mitgeteilt worden wäre, er solle fortan seine Lese- und Hörbücher einer neu gegründeten "Bundesschrifttumskammer" zur Genehmigung vorlegen, er wäre kaum überraschter gewesen. Schließlich ging es um Texte des jüdischen Schriftstellers und Philosophen Walter Benjamin (1892 bis 1940), die dieser Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre für "Die Stunde der Jugend" des Südwestdeutschen Rundfunks geschrieben hatte und die erst 1985 vom Herausgeber der gesammelten Schriften Benjamins, Rolf Tiedemann, neu publiziert wurden.
Benjamin, der auf der Flucht vor den Nazis Selbstmord begangen hatte, Ressentiments gegenüber "Zigeunern" zu unterstellen, das erschien dem Verleger so absurd wie die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration mit literaturkritischen Aufgaben zu betrauen. Aber genau dies hatte die Beauftragte geleistet, und zwar gründlich: Dem Brief lag eine dreiseitige "Expertise" bei, in der Benjamin regelrecht seziert wurde.
Er sei "nicht konsequent und widerlegt einige Vorurteile, indem er gleichzeitig andere bestätigt", der "soziale und ökonomische Kontext" bleibe "weitestgehend ausgeblendet", an keiner Stelle seines Textes gehe Benjamin "darauf ein, dass durch Kriege, Krankheiten und zunehmende Verarmung im Mittelalter auch zuvor sesshafte Bevölkerungsteile zu wandern begannen"; statt "den Begriff 'Zigeuner' als Gesamtkonzept zu hinterfragen", suggeriere er falsche Zusammenhänge und lasse unberücksichtigt, dass "Sinti und Roma heute in Deutschland weitestgehend sesshaft geworden" seien und sich "in Bezug auf Sprache oder Berufstätigkeit in die Gesellschaft 'integriert' haben". Kurzum, Benjamin habe bei der Darstellung der Geschichte und der Lebensumstände der "Zigeuner" vollkommen versagt, sein Text sei untauglich, vor allem als "Aufklärung für Kinder".
So viel literarische Kompetenz bei einer Behörde, deren Wirken sich weitgehend im Symbolischen erschöpft, kann kaum noch als Grenzüberschreitung gesehen werden - es ist schlichte Anmaßung.
Doch Claudia Martini, eine Ethnologin, die mit einer Arbeit über Transnationalität italienischer Migranten promoviert hat, meint es gut: "Kein Mensch kann sich freisprechen, Vorurteile zu haben. Auch Benjamin ist nicht über den Verdacht erhaben."
Die Sache sei ins Rollen gekommen, als "ein Onkel, der seinem Neffen die CD schenken wollte", sich entsetzt an die Beauftragte gewandt habe. Daraufhin habe "eine sehr kompetente Praktikantin" die CD abgehört und die "Expertise" verfasst.
"Jeder Bürger kann sich an uns wenden, wenn es im Rahmen unseres Auftrages ist, für ein spannungsfreies Zusammenleben zu sorgen", sagt Frau Martini, "dann sind wir aufgefordert, Stellung zu beziehen", auch wenn es dafür "keine Rechtsgrundlage" gebe. Es gehe darum, "die Sensibilität zu schärfen für kommende Fälle".
Das meint auch Verlagschef Moritz, er hat deswegen eine ganze Liste von Objekten für Stellungnahmen zusammengestellt. "Aber am Abend, da spielt der Zigeuner" mit Cindy & Bert, "Zigeunerjunge" mit der legendären Alexandra, "Du schwarzer Zigeuner" mit Vico Torriani. "Auch bei Wilhelm Raabe und Theodor Fontane gäbe es einiges zu streichen."
Und er hat die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration brieflich ermuntert, beim Frankfurter Suhrkamp Verlag, der Benjamins "Aufklärung für Kinder" verlegt hat, vorstellig zu werden, um die "Ausgabe zu makulieren". HENRYK M. BRODER
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 18/2004
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