03.05.2004

UNTERHALTUNGJukebox in der Hosentasche

In der Krise der Musikindustrie ist der Siegeszug des iPod eine staunenswerte Erfolgsgeschichte: Das kleine Speicher- und Abspielgerät der Firma Apple ersetzt für viele Musikfans die eigene CD-Sammlung - und begründet einen Kult, der die Popwelt verändert.
David Bowie, wie immer Pionier, hat seinen schon seit zwei Jahren - damals beschenkte ihn Gattin Iman zum 55. Geburtstag mit einem so genannten iPod: "Oh, happy day. Ich habe schon eine Liste von mehr als 700 Liedern, die da rauf müssen", notierte der Künstler aufgekratzt in seinem Internet-Tagebuch.
Die Viva-Moderatorin und erklärte Musiknärrin Charlotte Roche, 26, empfindet CDs und Schallplatten neuerdings nur noch als Ballast. Denn sie besitzt einen iPod, und auf den, sagt sie, müsse alles rauf: "Wenn man was digitalisieren kann - super." Ihre CDs hat sie bereits entsorgt, die Schallplatten sollen folgen.
Der britische Musikkritiker Paul Morley hat bereits einigermaßen endgültig dekretiert: Das Zeitalter der "physischen Präsenz eines Songs" sei "vorüber".
Das kleine, nur 158 Gramm schwere Gerät namens iPod (sprich "Eipod"), das derzeit im Begriff ist, die Welt von Musikfans und Musikproduzenten in aller Welt zu verändern, ist ein Produkt des kalifornischen Computer-Fabrikanten Apple - und nur der schickste der digitalen Musik-Player, die es natürlich auch von anderen Herstellern gibt.
Ausgestattet mit einer Miniatur-Computer-Festplatte, speichern die Geräte je nach Modell und Kapazität bis zu 10 000 Songs, die als komprimierte Musikdateien entweder vom Heimcomputer oder direkt aus dem Internet heruntergeladen werden können.
Das kleine Spielzeug funktioniert wie eine Miniatur-Jukebox: Benutzt wird der iPod wie andere Player in der Regel als Walkman, kann aber auch im Auto angeschlossen werden oder in einem Club die Musikanlage ersetzen. "Es ist wie Radiohören, nur dass sie die ganze Zeit dein Lieblingslied spielen", sagt der britische Sänger und Liederschreiber Stephen Duffy, 43, der neuerdings als Haupt-Songlieferant für den Superstar Robbie Williams arbeitet.
Seit Medienhelden wie Williams, der US-Rapper 50 Cent, Thomas Gottschalk und das Ehepaar Beckham öffentlich zeigten, dass sie einen iPod besitzen - leicht zu erkennen an den strahlend weißen Plastikkopfhörern -, gelte der Kasten als "erste große Ikone des 21. Jahrhunderts", behauptet die Londoner Zeitung "The Guardian". Narrensicher zu bedienen ist das zwischen 350 und 550 Euro teure Gerät offenbar selbst für Menschen, die etwa ihren Videorecorder nicht ohne fremde Hilfe in Gang setzen können: "Wenn es Victoria und David Beckham hinkriegen, schafft es jeder", so das britische Revolverblatt "The Sun".
Für Apple ist der iPod, im Herbst 2001 auf den Markt gebracht, der bislang wohl größte Coup der Firmengeschichte. Der Nettogewinn der Firma hat sich dank der Wunderkiste im letzten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum
verdreifacht, der iPod-Absatz auf 807 000 verzehnfacht. Damit wurden sogar erstmals mehr tragbare Musik-Player als Computer verkauft. Und aus der hippen Außenseiter-Firma Apple, deren Produkte traditionell eher Journalisten und Werber als die breite Masse begeisterten, wurde erstmals ein Marktführer.
Noch erstaunlicher ist, dass es Apple gelungen ist, im Internet einen Laden namens iTunes Music Store zu etablieren, dessen Nutzer tatsächlich Geld für heruntergeladene Songs bezahlen: Zum Stückpreis von 99 US-Cent hat Apple angeblich innerhalb eines Jahres über 70 Millionen Lieder verkauft. Die etablierten Musikkonzerne konnten trotz allerlei eifriger Bemühungen bisher nichts annähernd Erfolgreiches auf die Beine stellen.
Die meisten Käufer eines Musik-Players bedienen sich aber erst mal in der eigenen Plattensammlung - und entwickeln dabei oft ungeahnte Archivier- und Sammel-Ambitionen. Gerade ältere Popfans, so hat der Schriftsteller Nick Hornby in seinem Roman "High Fidelity" beschrieben, ordnen mit Leidenschaft immer wieder ihren Plattenschrank - und das macht mittlerweile auch der bekennende iPod-Fan Hornby digital.
Sortiert wird nach Genre, Titel, Interpret, Jahr und allen möglichen anderen Kriterien. Spaßvögel denken sich Listen aus für die 111 besten Lieder fürs Zahnarzt-Wartezimmer oder 20 für den Sonnenuntergang am Wannsee.
Der HipHop-Star P. Diddy hat eine Beischlaf-Hitparade auf seinem iPod einsatzbereit, "für den Fall, dass es zum Sex kommt"; der Liedermacher Duffy legt sich für einen Spaziergang schon mal eine Liste an "mit Liedern, die eine Klammer im Titel haben" - von "(I Can''t Get No) Satisfaction" von den Rolling Stones bis "(I''ve Got a Gal in) Kalamazoo" von Glenn Miller. "Das Tolle an diesem Spielzeug ist, dass es dich dazu bringt, Musik wieder so zu lieben, wie du sie als Teenager mal geliebt hast", so Duffy.
Der Song-Import aus der eigenen Sammlung ist aber wohl nur ein Zwischenschritt, für den auf dem heimischen Computer jeder Song in eine digitale Musikdatei verwandelt werden muss. "Plötzlich hört man wieder alte Platten, um zu überprüfen, welche Stücke man auf den iPod übernehmen könnte", berichtet ein euphorischer Nutzer, "wenn das geschehen ist, hat man allerdings den Eindruck, man könne die Platte genauso gut verkaufen. Wie ein Staubsauger geht man über die eigene Sammlung und saugt auf, was die Zeit überdauert hat - der Rest wird überflüssig."
So könnte sich auf Dauer der Absatz von CDs noch weiter verringern, fürchten Branchenkenner. Denn anders als früher gelten Pop-Alben im Internet nicht unbedingt als Gesamtkunstwerke. Statt ein komplettes Album mit zehn oder zwölf Liedern zu kaufen, ziehen sich einige Kunden nur die Stücke aus dem Netz, die sie wirklich interessieren; der Rest bleibt bloßer Datenmüll. Doch trotz dieser unbegrenzten technischen Möglichkeiten werden zum Beispiel via iTunes Music Store auch im Netz viele komplette Alben verkauft.
Für die seit einigen Jahren dauerkriselnde Musikindustrie bietet die Begeisterung für Musik-Player wie den iPod durchaus auch Chancen. Nicht wenige Besitzer der Geräte verwenden mehr Zeit aufs Hören von Musik als je zuvor. Zudem scheinen iPod-Nutzer Genregrenzen zwischen verschiedenen Musikstilen häufig zu ignorieren: "Mozart und Miles Davis und Metallica verstehen sich sehr gut auf meiner
Festplatte", sagt ein stolzer amerikanischer Besitzer des Geräts, der sich mit Ende dreißig schon zu alt fühlte für die Popwelt: "Früher war ich für die Musikindustrie verloren, weil ich im Chaos der Plattenläden keine Übersicht mehr hatte - durch die Internet-Musikläden habe ich mehr Songs gekauft als zu meinen Teenie-Zeiten."
In den USA ist bereits die nächste iPod-Generation auf dem Markt - der iPod mini, der in Deutschland im Juli in die Läden kommen soll. Angeblich wurde der Starttermin verschoben, weil die Nachfrage in den USA so überwältigend war, dass Apple mit dem Fabrizieren nicht hinterherkam.
Allerdings melden sich auf einschlägigen Internet-Foren auch unzufriedene Käufer zu Wort: Der alte Player habe fehlerhafte Akkus, der neue nerve durch mäßige Klangqualität und kleine Aussetzer; zudem koste der iPod mini mit 249 Dollar einfach zu viel.
Weil der iPod ein teures Statussymbol ist, kursieren auch schon allerlei bizarre Legenden um das Gerät. Hübsch, wenngleich unbelegt, ist beispielsweise die im Internet kolportierte Story, eine Amerikanerin habe aus Wut ihren Freund erschlagen, als sie entdeckte, dass der Kerl die Daten auf ihrem iPod gelöscht hatte - und das auch noch versehentlich.
In Großbritannien rät die Polizei iPod-Eigentümern prinzipiell zur Vorsicht, weil sich in jüngster Zeit Überfälle auf Besitzer häuften. Deshalb sollten die auffälligen weißen Kopfhörer lieber durch neutrale ersetzt werden, heißt es. Der Herstel-
ler Apple aber will die Farbe der Ohrstöpsel nicht ändern, ein Sprecher der Firma sagt: "Viele Benutzer genießen doch die Coolness, mit diesem Gerät gesehen zu werden."
Längst sieht man auch in Deutschland in Flughafen-Lobbys und auf Parkbänken iPod-Besitzer versonnen an ihrem Spielzeug herumnesteln - und doch soll eine Werbekampagne, so heißt es bei Apple, letzte Bedenken der "hiesigen Geiz-istgeil-Kultur" beseitigen. "Natürlich kann man für sehr viel weniger Geld in jedem Heimwerkermarkt einen tragbaren Musik-Player kaufen", sagt der Apple-Sprecher, "der speichert auch Musik, aber es ist eben kein iPod."
Die meisten der Musik-Player sind wie der iPod mit einer Zufallsfunktion ausgerüstet, die den Besitzern lästige Entscheidungen abnimmt. Der Zufallsgenerator wählt irgendeinen Song, von dem der Nutzer nur so viel sicher weiß: dass er ihn irgendwann mal gut genug fand, um ihn zu überspielen.
Der Kult um die Apple-Wunderkiste treibt derweil bizarre Blüten. In einer "iPod Lounge" im Internet etwa ist eine Fotogalerie von über 2000 Porträts zu bewundern, auf der stolze Besitzer ihr Gerät vor dem Mount Everest, dem Opernhaus von Sydney oder Mount Rushmore postiert haben.
In einem Artikel der "New York Times" tauchte Ende April auch der reichlich unbekannte Erfinder des iPod auf. Er heißt Tony Fadell, ist Mitte dreißig und darf auf Geheiß der Firma Apple keine Interviews geben - offenbar möchte Apple-Chef Steve Jobs sich ganz allein im Glanz der jüngsten Erfolge sonnen. CHRISTOPH DALLACH

* Im Musikvideo "Pimp" des Rappers 50 Cent.
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 19/2004
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