DER SPIEGEL



AUTOREN

Vater der Popliteraten

Von Hage, Volker

Walter Kempowski, oft als kauziger Chronist und Erzähler idyllischer Familienromane missverstanden, wird jetzt von den Jungen entdeckt.

Spielte er wieder einmal nur die zweite Geige? Es war die Woche der literarischen Jubilare. Doch während am vergangenen Dienstag der einstigen Ikone der DDR-Literatur, Christa Wolf, im Berliner Schloss Bellevue aus Anlass ihres 75. Geburtstags nachträglich vom Bundespräsidenten ein feierliches Abendessen ausgerichtet wurde, durfte zwei Tage später, genau an seinem 75. Geburtstag, Walter Kempowski in seiner Heimatstadt Rostock zwar eine Ehrendoktorwürde entgegennehmen - freilich: ausgestellt war die Urkunde von einer US-Universität in Pennsylvania. Und weder der Ministerpräsident des Landes Mecklenburg-Vorpommern noch der Kultusminister ließen sich blicken.

Kempowski, 1948 junges Opfer der Sowjet- und DDR-Justiz (acht Jahre saß er in Bautzen ein), hatte zwar in der alten Bundesrepublik nicht nur mit seinem Roman "Tadellöser & Wolff" (1971, später auch für das Fernsehen verfilmt) einen beachtlichen Publikumserfolg; aber im intellektuellen Justemilieu galt er wenig, er, der Mann, der dem SED-Sozialismus - anders als viele West-Linke bis hin zur SPD - kritisch begegnete und zudem lange Zeit als überzeugter Dorfschullehrer Dienst tat: Man verharmloste ihn zum spröden Außenseiter, spleenigen Freund des Bürgerlichen, zum allenfalls liebenswerten Sammler von Briefen und Tagebüchern vergangener Zeiten.

Der immer noch angesehenste Literaturpreis der Republik, der Georg-Büchner-Preis, den Christa Wolf schon 1980 zugesprochen bekam, wurde ihm bis heute vorenthalten - im vergangenen Jahr bekam ihn Alexander Kluge, dessen intelligente Verwirrspiel-Bücher viel Verwandtschaft mit Kempowskis Methoden haben, ohne doch eine vergleichbar intensive zeitgeschichtliche Originalität erkennen zu lassen.

Gewissermaßen als Ersatz dafür zeichnet sich schon seit längerem eine Anerkennung ganz anderer Art ab: Junge Autoren beginnen Kempowski und sein Werk zu entdecken, sie sind frei von ideologischen Scheuklappen, beeindruckt und angeregt von Umfang, Informationswert und Vielfalt seiner Arbeiten. Und plötzlich wird gerade "sein Außenseitertum" - wie von Malin Schwerdtfeger, 31 - als sympathisch betrachtet.

Erstaunt wird zur Kenntnis genommen, dass ein einzelner unbeirrbarer Kopf hinter diesem ganzen literarischen Kosmos steht, der sich vom Debüt "Im Block" vor 35 Jahren (dem immer noch faszinierenden "Haftbericht", soeben neu aufgelegt) bis zu den im nächsten Frühjahr abgeschlossenen "Echolot"-Collagen erstreckt - die "Neue Zürcher Zeitung" feierte diese Collagen im Vorfeld des 75. Geburtstags als die "vielleicht ... ungewöhnlichste, ja kühnste schriftstellerische Tat des 20. Jahrhunderts".

Nicht zu vergessen auch: "Die deutsche Chronik", der autobiografisch fundierte Romanzyklus, sowie "Hundstage" und "Letzte Grüße" (1988 und 2003), federleichte und selbstironische Romane aus dem Leben des fiktiven Schriftstellers Alexander Sowtschik, schließlich "Alkor" und "Sirius" (1990 und 2001), Proben aus Kempowskis umfangreichen Tagebüchern, zwei Bände, die ihn schon als großen Könner auch dieser literarischen Form ausweisen.

Der erste junge Autor, der sich zu dem Alten vom Dorf bekannte, war ausgerechnet die Ikone der gern als "Popliteratur" bezeichneten neueren deutschen Erzählweise: Benjamin von Stuckrad-Barre, 29, besuchte heimlich eines der Literaturseminare in Kempowskis Haus. So beschreibt es Dirk Hempel, 39, in seiner gerade erschienenen und höchst lesenswerten Kempowski-Biografie**. Stuckrad-Barre lud den

Meister 2001 sogar mehrmals als Bücher

empfehlenden Gast in seine Sendung

"Lesezirkel" beim Musiksender MTV ein: Kempowski ist Kult.

Da wird Rainald Goetz, 49, als "Kempowski des Pop" ("Zeit") bezeichnet, Tanja Dückers, 35, fühlt sich "beeinflusst und beeindruckt", und Karen Duve, 42, erklärte in einem Interview unumwunden ihre Bewunderung für den Meister (SPIEGEL 41/1999). Auch im Internet ist Kempowski zur festen Bezugsgröße der literarischen Debatten geworden. Die "Tageszeitung" sieht ihn gar in der "Position eines heimlichen Klassikers und Gründungsvaters".

Auch die Würdigungen der vergangenen Woche zeigten einen neuen Ton der Verehrung und Anerkennung, fern feuilletonistischer Geburtstagsroutine, wie sie sich bei Jubilaren wie Grass, Lenz oder Walser, selbst bei dem jüngst 60 gewordenen Christoph Hein längst eingestellt haben. Und kaum einer wollte den Besuch im eigenwilligen Dichterhaus mit Turm und Archivanbau in Nartum auslassen.

So hatte Kempowski wieder jede Menge Gelegenheiten, sich von seiner besten, also sonderbaren Seite zu zeigen. Denn auch mündlich trifft er nicht selten jenen traumwandlerisch naiv-schelmischen Ton, der sein Markenzeichen ist. Seine Erklärung, er könne keine Partei wählen, deren Bundeskanzler zum vierten Mal verheiratet sei, wurde landauf, landab zitiert, vor allem der Satz: "Das beweist doch, dass er mit seinem eigenen Leben nicht zurechtkommt. Wie soll so einer das Land regieren?"

In seinem hinreißenden Roman "Letzte Grüße", der im vergangenen Herbst erschienen ist, hat Kempowski in der Figur des empfindlichen, leicht zu kränkenden Autors Sowtschik ein bemerkenswert kritisches Selbstporträt gezeichnet, aber zugleich - man unterschätze seinen bösen und genauen Blick nicht - eben auch die Ignoranz derer glossiert, die ihm skeptisch gegenüberstehen.

So begrüßt ihn etwa ein Deutschlehrer höchst selbstbewusst, doch: "Gelesen hatte er nichts von ihm. Nur gehört! Und zwar, dass er ein verkalkter Konservativer sei, und das genügte ihm vollauf." Oder Sowtschik wird, auf Reisen in den USA (der Roman spielt 1989), mit der Einschätzung konfrontiert: "Das andere Deutschland, die DDR? Irgendwie doch ganz imponierend, wie die da zurechtkämen, ohne Hilfe. Marshallplan abgelehnt. Manchmal habe man den Eindruck, als ob es sich bei der DDR um das bessere Deutschland handle."

So stand Kempowski nun stolz und stoisch am Donnerstag im lichtdurchfluteten gelb-goldenen Festsaal des Rostocker Rathauses, den Doktorhut auf dem Kopf, im Talar des Juniata-College, und zitierte seinen Vater: "Je kleiner die Statur, desto wichtiger die Montur." Immerhin ist es schon die zweite Verleihung eines Ehrendoktors ("dieses Mal sogar mit einem Hut"), und Rostocker Honorarprofessor ist er auch schon seit vorigem Jahr.

"Man hält mich merkwürdigerweise für schwierig", sagte Kempowski in seiner Dankrede und freute sich über die Ehrungen an diesem Tag, "wo man noch einigermaßen bei Groschen ist". Und für Juni ist daheim in Nartum noch ein hoher Gast angesagt: Bundespräsident Rau wird eigens anreisen zu einem Besuch. VOLKER HAGE


* Links: mit Bundespräsident Johannes Rau anlässlich ihres 75. Geburtstags; rechts: mit Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz. ** Dirk Hempel: "Walter Kempowski. Eine bürgerliche Biographie". Verlag BTB, München; 304 Seiten; 9,50 Euro.

DER SPIEGEL 19/2004
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