10.05.2004

Ein Leben für Deutschland

Auszüge aus der Willy-Brandt-Biografie von Brigitte Seebacher (Teil 1)
LIEBE ZU FRANKREICH: Ein 200 Jahre altes Steinhaus bietet dem Ex-Kanzler von 1983 an regelmäßig Zuflucht.
Wenn wir bei Montélimar die Autoroute du Soleil verlassen und die Rhône überquert haben, liegen die Cévennen vor uns. Das Ziel der Reise und der Sehnsucht. Er beginnt sich heimisch zu fühlen und zieht Zettel und Stift aus der Tasche, sagt, was vielleicht gekocht werden könne, und will wissen, was einzukaufen sei.
Die Berge und die Wälder rücken näher. Er lächelt und fragt: Was, glaubst du, hat Monsieur Richard alles geschafft? Vor jeder Abfahrt bittet er den Rentner, der zehn Fußminuten entfernt wohnt und in Haus und Hof so ziemlich alles zu verrichten weiß, auf einen Rundgang. Angeregt durch einen oder auch zwei Pastis, mit verwechselbaren Franzosenmützen auf dem Kopf, lachend und mehr gestikulierend als redend, wird beratschlagt, was in den nächsten acht bis zehn Wochen - länger blieben wir nie fort - zu tun sein würde.
Auf diese Weise nahm Le Mézy alt-neue Gestalt an. Das Haus war 200 Jahre zuvor aus dickem Stein gehauen und geschichtet worden, wie aus der Erde gewachsen, verwunschen, verwinkelt, Mensch und Tier Herberge gebend. Als wir es 1983 kauften, war es dabei, zu verfallen und im Grün zu versinken. Es liegt am Nordzipfel des Departements Gard, an der Grenze zur Ardèche und zum Lozère, mitten im Wald, allein.
Frankreich, eine Flucht? Eher eine zwischenzeitliche Zuflucht. Ein Refuge, aus dem nach Deutschland und in die rheinische Wahlheimat zurückzukehren er sich immer wieder freute.
W. spottete über meine Art, Sprachen zu lernen, bewaffnet mit Grammatik und Wörterbuch. In ihm steckte ein Papagei, Papier lehnte er ab, das Ohr reichte. Er verstand und las alle romanischen Sprachen.
Wenn er wollte, sprach er ein einfaches Französisch mit nördlichem Akzent. Sein Stolz blieb, dass Präsident Charles de Gaulle im Gespräch mit ihm, dem Berliner Bürgermeister und deutschen Außenminister, keinen Dolmetscher gerufen und ihm, wenn er es denn wolle, die Anrede der Résistance erlaubt hatte: "Mon Général".
EXTREMES GLÜCK: Nach zwei zunächst nicht behandelten Herzinfarkten erholt sich der SPD-Vorsitzende am Mittelmeer.
Man hatte den Herzinfarkt erst nicht erkannt und W. B. dann unsinnig lange im Krankenhaus liegen lassen. Schließlich stellte sich die Frage nach der Erholung. Entgegen den Regeln seines fremdbestimmten Lebens, mit der Unbekümmertheit der jungen Jahre, ohne Furcht vor welchem Funktionär auch immer, erbat ich Rat bei einem Freund. Hans-Georg Wolters, nun Staatssekretär im Gesundheitsministerium, versprach, seine Kontakte zu Simone Veil, Ministerin in Paris, zu nutzen.
Binnen kurzem empfahl er einen Arzt in Hyères. Mittelmeer.
Am 29. Dezember 1978 standen auf dem Bahnhof in Toulon Messieurs les Docteurs, Maurice Roux und sein junger Kollege Jean-Luc Garrec. Sie waren erschrocken über den Zustand des Patienten. Eine erste Untersuchung ergab, dass er zwei Infarkte und extremes Glück gehabt hatte.
W. B. mochte das Leben in Frankreich nicht nur wegen der Lebensart. Er war dem Land zugewandt. Er kannte seine Geschichte und wusste um seine Empfindlichkeiten. Übertriebene Rücksicht wollte er allerdings nicht nehmen. Gerade weil er das Land verstand, kannte er keine Ehrfurcht und ließ sich auch nicht vereinnahmen. Wer introvertiert ist, verschlossen, jederzeit zum Rückzug bereit, lässt sich ohnehin nicht vereinnahmen, von nichts und niemandem.
MITTERRAND: Brandt debattiert mit dem französischen Präsidenten, einem Fatalisten und Zyniker, über die Zukunft Europas.
Nachdem W. B. 1976 Präsident der Sozialistischen Internationale geworden war, traf er den französischen Sozialistenchef François Mitterrand regelmäßig. Der Ärger war gewaltig. Mitterrand ritt wüste Attacken gegen die reaktionäre Politik in Europa, vor allem gegen deutsche Berufsverbote, und erhob ebenso wüste Forderungen nach einem Aktionsprogramm der vereinigten europäischen Linken.
Im Mai 1981 wurde er zum Präsidenten gewählt. Derselbe Mann, der noch 1964 de Gaulle und dessen Fünfter Republik den Fehdehandschuh hingeworfen und in einer flammenden Streitschrift das Regime als "permanenten Staatsstreich" gegeißelt hatte. Skrupel, dass er nun gerade dieses Regime fortsetzen, gewiss auch vervollkommnen, auf sich zuschneiden würde, kannte er nicht.
Noch im Sommer 1981 bat uns der Präsident nach Nogaro, einem kleinen Dorf im Gers, in das Haus der Schwiegereltern seines Sohnes Jean-Christophe. Mitterrand, Jongleur und Machiavellist, der die Menschen in Abhängigkeit zu halten wusste, Fatalist und Zyniker, der die Zügel der Macht nie losließ. W. B., Mystiker und Melancholiker, der geliebt sein wollte und den Menschen eigene Urteilskraft zusprach, Charismatiker und Künder eines Ziels, für das er sich verausgaben würde.
Während jenes Mittagessens, das sich über vier bis fünf Stunden erstreckte, zogen sich beide unter einen Nussbaum zurück und redeten über die Nachrüstung. W. B. sah zu dieser Zeit nicht die Notwendigkeit, sich festzulegen. Vielmehr suchte er nach Mitteln und Wegen, die Sowjets zur Räson und die Amerikaner, die gerade erst Geschmack an der neuen Rüstung gefunden hatten, zur Einsicht zu bringen.
Mitterrand hatte noch Ende 1979 den sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew einen Mann des Friedens genannt, im Wahlkampf aber schon ganz andere Töne angeschlagen. Jetzt sorgte er sich plötzlich um Amerika und seinen Verbleib in Europa. In Europa? Er meinte Deutschland, wenn er Europa sagte. W. B. fand, auch wenn er sich vor jeder Andeutung hütete, eine amerikanische Nachrüstung auf deutschem Boden gehe die Franzosen ebenso wenig etwas an wie die Erfüllung deutscher Bündnispflichten. Mitterrand beeilte sich denn auch hinzuzufügen, dass er ja verstehe, wenn W. B. aus Deutschland kein Pulverfass gemacht wissen wolle.
HAUSKAUF UND HEIRAT: Eine Schlagzeile der "Bild"-Zeitung, ein fröhlicher Entschluss: Der 70-Jährige ordnet sein Leben neu.
Während der Jahre des Herumziehens in Frankreich waren wir immer häufiger am Wegesrand stehen geblieben, hatten Häuser betrachtet und kleine Gärten und vor uns hin geträumt.
Es hatte des Anstoßes bedurft. Eines Abends im Mai 1983 kam W. B. besonders aufgekratzt nach Hause. Wie immer hatte er sich telefonisch angekündigt, jetzt aber gleich hinzugesetzt, es gebe eine Überraschung zu berichten. Eine Überraschung? Und was für eine! Vater Kuppe hatte ein Haus gekauft. In den Cévennen! Vater Kuppe, dick, gutmütig, lustig, gesellig, treu, war seit Berliner Tagen sein "Vorreiter", soll heißen: einer, der Wahlkampfauftritte vor Ort plante und prüfte. Die Cévennen klangen verlockend.
Binnen kurzem kam Günter Kuppe auf Besuch, schwärmte von seinem Häuschen hoch oben und erhielt den Auftrag, ein weiteres zu suchen. Im
Juni meldete er, 30 Häuser besichtigt und 2 ausgewählt zu haben. Am nächsten Wochenende fuhren wir tausend Kilometer gen Süden und kauften Le Mézy.
Ungefähr vier Monate nach dem Kauf titelte die "Bild"-Zeitung, dass W. B. der Freundin ein Haus geschenkt habe. Als Freundin hatte ich mich nie gefühlt, und wir lebten nun auch schon einige glückliche Jahre unter einem Dach.
Nach Rückkehr aus der französischen Kur 1979, die einer Kur an Leib und Seele gleichgekommen war, hatte W. sein Leben neu geordnet. Die Scheidung von Rut, der Norwegerin, die er 1948 geheiratet hatte, zog sich lange hin, weil die materiellen Wünsche nicht den Möglichkeiten ihrer Erfüllung entsprachen. Danach war ich zu bescheiden oder zu stolz, um von mir aus nach der Heirat zu fragen. Als W. mich jetzt, wegen der "Bild"-Zeitung, in Tränen fand, sagte er: Wegen des großen Altersunterschiedes habe er nicht fragen mögen. Er frage mich jetzt. Dann wurde sein Ton fröhlich und entschieden: Gehe morgen früh aufs Amt.
Am 9. Dezember 1983, einem Freitag, abends 19 Uhr, bummelten W. und mein Bruder Wendelin durch Unkel und verschwanden im Hintereingang des Rathauses. Meine Schwägerin Doris und ich folgten in einigem Abstand. Hans Hafener, der Amtsbürgermeister, nahm die Trauung vor. Neun Tage später feierte W. B. seinen 70. Geburtstag.
HERKUNFT: Der unehelich geborene Brandt erfährt den Namen seines Vaters, spricht aber jahrzehntelang nicht darüber.
Am 7. Februar 1947 schreibt Martha Kuhlmann, geb. Frahm, ihrem Sohn Herbert in Berlin einen Brief. Sie freut sich, dass ihm die neue Arbeit als Presseattaché bei der norwegischen Militärmission gefällt, und bedankt sich für zwei Päckchen. "Papa", sie meint ihren Mann, den Stiefvater des Sohnes, sei schon "hungrig" auf die Rauchwaren gewesen, und Günter, der eheliche Sohn und Halbbruder, werde gleich darüber herfallen.
Im unteren Drittel der Seite setzt Martha neu an und schreibt wie in einem Atemzug: "Lieber Herbert der Name deines Vaters ist John Möller er wohnte immer in Hamburg, sein Beruf war Buchhalter in der Produktion, so viel ich weiß von F. Jaeckstat war er bis dahin Leiter einer Kohlen-Abteilung, ob er noch lebt weiß ich nicht, kannst dir ja vielleicht mal erkundigen in der Produktion, arbeiten muss er ja noch, er ist ungefähr 60 Jahre."
Um den Namen des Vaters hatte W. B. seine Mutter gebeten, dabei die briefliche Distanz wahrend. Er meinte, in Kiel, wo er die Einbürgerung betrieb, und in Berlin, wo er sich niederließ, danach gefragt zu werden.
Seit dem Brief der Mutter im Februar 1947 kannte W. B. den Namen seines Vaters. Er machte nicht nur keinen Gebrauch davon, er gab zu verstehen, dass er nichts wisse und auch nichts wissen wolle. Eine immer gleiche Frage beantwortete er, wenn überhaupt, mit einer immer gleichen Formel: Der Vater habe nicht nach ihm gefragt, also frage er nicht nach dem Vater. Noch 1989, während der Vorarbeiten zu den "Erinnerungen", notierte er auf einem Zettel: "Kannte V., aber wollte nicht."
Den Gerüchten um Vater und Großvater hätte er jederzeit den Boden entziehen können. Er brachte es nicht über sich.
W. B. war kein Spieler. Er spielte auch und gerade nicht mit seinem Vater. Er wollte Bundeskanzler werden, und dennoch ließ er sich eher politischen Schaden zufügen, als dass er redete und sich wehrte. Die Kampagne - unehelich, unehrlich, national unzuverlässig - war auch insoweit wohl kalkuliert. Je übler die Verleumdung, desto tiefer das Schweigen.
Dabei wäre es 1961 so leicht gewesen, den Spieß umzudrehen und eine anrührende Geschichte zu erzählen; Konrad Adenauer hätte es nicht mehr gewagt, seinen Herausforderer "Brandt alias Frahm" zu nennen. Nur wenige Tage nach dem ersten Pressewirbel Ende Mai ging in W. B.s Berliner Privathaus ein zweieinhalbseitiger Brief ein; Fotos waren beigefügt. Unter dem Datum des 7. Juni 1961 stellte sich der Hamburger Absender, Gerd-André Rank, als "leibhaftiger Vetter" vor.
Nach der "öffentlichen Diskussion über Ihre Herkunft" habe er immer noch gezweifelt, dass W. B. als Herbert Frahm 1913 in Lübeck geboren wurde. Wie Gewissheit erlangen, dass Maria Möller beider gemeinsame Großmutter war? "Inzwischen,
und zwar am vergangenen Montag, besuchte meine Tante Frieda Dreyer, geb. Möller, aus Hamburg-Volksdorf zusammen mit meiner Mutter, Martha Rank, ebenfalls geb. Möller, Ihre Frau Mutter in Lübeck, wo sich alle Vermutungen bestätigten. Ich nehme an, dass Ihre Frau Mutter Sie inzwischen über diesen Besuch informiert hat." Der Vetter konnte nicht ahnen, dass sich Mutter und Sohn insoweit Sprachlosigkeit auferlegt hatten. Martha Rank und Frieda Dreyer waren Schwestern von John Möller, W. B.s Vater.
Als ich eines Nachmittags, Oktober 1988, im französischen Haus saß und über W. B.s Jugend las, hatte mich plötzlich und ohne, dass je darüber gesprochen worden wäre, diese eine Frage nach dem Vater beschäftigt. Ich dachte nicht mehr weiter nach, stand auf, ging die zwei Schritte nach nebenan und sagte unvermittelt: Du weißt doch, wer dein Vater war, du musst ihn jetzt endlich nennen.
Nachdem der Vater 1989 in W. B.s "Erinnerungen" benannt worden war, machte ein Illustriertenreporter Elisabeth Armbrust ausfindig, eine Nichte von Vater John Möllers Ehefrau Helene. Sie hatte er 1919 geheiratet, sechs Jahre nach seinem folgenreichen Lübecker Ausflug; der gemeinsame Sohn Heinz fiel im Russlandkrieg.
Die Nichte beschreibt den Vater, einen bekennenden Sozialdemokraten, als still und immer lesend, der Wohnzimmerschrank habe voller Bücher gestanden: "Alle in der Familie waren voller Ehrfurcht." Die Frage, ob er je von seinem unehelichen Sohn gesprochen habe, verneinte sie: "Erst nach seinem Tode hat Tante Helene erzählt, dass John Möller früher Alimente nach Lübeck geschickt hat."
Nach der Geburt am 18. Dezember 1913 hatte Martha ihren Sohn Herbert zu einer Bekannten gegeben, die ihn sechs Tage in der Woche mehr aufbewahrte denn hütete; der Junge war mit sich allein und nur allein. Martha arbeitete im Konsum, als Verkäuferin. Am Sonntag holte sie ihren Sohn zu sich, putzte ihn heraus, vorzugsweise im schmucken Matrosenanzug, und nahm ihn mit zu den Naturfreunden.
1919 kehrte Ludwig Frahm, der Großvater, aus dem Krieg heim, und der Kleine, der Papa zu ihm sagte, landete in seiner Obhut, sieben Tage die Woche. Mütterliche Nähe, und sei es stellvertretend, lernte er auch hier nicht kennen. Die erste Frau Ludwig Frahms, W. B.s leibliche Großmutter, war früh verstorben, die zweite Frau, die er Tante nannte und der er aus dem Wege ging, mochte er so wenig wie sie ihn. Aufgewachsen ist er in und mit der Arbeiterbewegung.
Als sich W. B. 1934, nun zwanzig Jahre alt, mit Onkel Ernst, dem Bruder seiner Mutter, in Kopenhagen traf, erfuhr er, dass sich Ludwig Frahm, die einzige Bezugsperson seiner jungen Jahre, das Leben genommen hatte und sein leiblicher Großvater gar nicht gewesen war. Diese Nachricht, in der Fremde aufgenommen, förderte den Prozess der Selbstverschließung. Wenn einer, dann war es Ludwig Frahm, zu dem der junge W. B. ein Band geknüpft hatte. Nun erfuhr er, dass es kein Blutsband gewesen war.
JUGENDJAHRE: Herbert Frahms Heldenepos über Bebel, der Wechsel zur SAP und ein neuer Name, "der nur mir gehört".
Die Welt, der Ludwig Frahm entstammte und deren unzeitgemäße Prägungen schon in Weimar verhängnisvoll wirkten, war versunken; sie würde nicht wiederkommen. Die letzten Gewissheiten hatte August Bebel im August 1913 mit ins Grab genommen. W. B., nur vier Monate später geboren, wuchs in die Organisation hinein, die Bebels Partei errichtet hatte.
Er hatte die Bewegung groß gemacht, kampfesmutig und kompromisslos, und ihr diesen wunderbaren Weg gewiesen. Weil er gestorben war, bevor über die Kriegskredite zu entscheiden war und die kommunistische Spaltung ein klares Bekenntnis verlangte, strahlte der Name Bebel so hell, mythisch. Der junge W. B. musste in seinen Bann geraten und ihm all das zurechnen, was das Heute vermissen ließ. Um nachzuweisen, dass er die Eins in Geschichte verdiente, durfte er im Abitur über
Bebel schreiben. Abgeliefert wurde ein wahres Heldenepos.
In diesem Februar 1932 war es gerade fünf Monate her, dass sich die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), und W. B. mit ihr, von der sozialdemokratischen Mutterpartei abgespalten hatte; W. B. sah den Grund für die Abspaltung schon damals in dem Ausschluss zweier Reichstagsabgeordneter. Ein Sakrileg, das Bebel, der Repräsentant der einen und einheitlichen Bewegung, nie zugelassen hätte.
Die SPD, der W. B. seit 1930 angehörte, hatte ihm eine rosige und, gemessen an den unsicheren Zeiten, sichere Zukunft versprochen. Das Johanneum, ein Reformgymnasium, hatte ihm das Schulgeld wenn nicht erlassen, so doch ermäßigt und jedenfalls die Voraussetzung für den Aufstieg gelegt.
Ihm wurde viel Wohlwollen entgegengebracht und viel Freiraum gelassen. Aber Dank mochte er nicht zeigen. Als er im Herbst 1931 die Abspaltung von der SPD mittrug und mitmachte, wusste er, dass er nicht würde studieren können; das Stipendium, das die Partei ihm für ein Deutsch- und Geschichtsstudium zugesichert hatte, war ebenso hinfällig geworden wie sein Berufswunsch.
Journalist wollte er werden, Zeitungsschreiber, wie er sagte. Nach dem Abitur im Februar 1932 trat er klaglos eine Schiffsmaklerlehre an. Auf seinen Vorteil war er damals nicht bedacht und später auch nicht. W. B. war nicht berechnend. Im Gegenteil, er wollte sich, jung wie er war, sein Leben selbst erschaffen und niemandem verantwortlich sein. Der anarchische Zug hatte sich früh ausgeprägt.
Die SAP hielt er für eine große Tat und ein großes linkes Sammelbecken. Der Kampf gegen die braune Flut, der den Kampf für den Sozialismus längst überlagerte, würde nun endlich geführt werden. Doch wie mager war der Zuspruch. In Lübeck, von dessen 100 000 Einwohnern fast zehn Prozent in der SPD waren, fanden sich kaum 200 Leute zusammen.
Sechs Tage nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 fährt W. B. über Berlin nach Dresden. Auf dem Kopf die Pennälermütze, die Großvater und Mutter mit so viel Stolz erfüllt hat. Jetzt soll das auffällige Stück der Tarnung dienen. Wie der Name, den er zu führen beginnt - Willy Brandt.
Die Identität von Herbert Frahm und Willy Brandt bleibt der Polizei tatsächlich verborgen; die späte Ausbürgerung ist auch auf den doppelten Namen zurückzuführen. Dennoch ist die Tarnung der Anlass, nicht die Ursache der Namensänderung. In einem Gespräch mit Oriana Fallaci, deren einfühlsame journalistische Kunst er schätzt, gesteht er 1973: Die Tatsache, den Vater nicht zu kennen, habe ihn berührt, aber dann nicht weiter beschäftigt.
Übergangslos schlägt er den Bogen zum Namen: "Ich habe so früh begonnen, mir mein Leben selbst aufzubauen. Ich habe so früh begonnen, einen eigenen Namen zu haben. Einen, der nur mir gehört. Es ist kein Zufall, dass ich den Namen, den ich trage, als meinen wirklichen Namen ansehe. Im wortwörtlichen Sinn."
Er kultiviert das Gefühl, von niemandem abzustammen und zu niemandem zu gehören, auch zur eigenen Mutter nicht, denn es ist ihr Name, den er dauerhaft ablegt. Er will sich selbst erschaffen und nur sich selbst gehören.
AUFSTIEG: Brandt wird Parteichef, scheitert zweimal als Kanzlerkandidat und führt schließlich eine sozial-liberale Regierung.
Den 100. Geburtstag der SPD im Mai 1963 feierte der Vorsitzende Erich Ollenhauer im Gefühl, die Partei stehe an der Schwelle zur Regierungsverantwortung. Bald darauf wurde er krank und starb am 14. Dezember 1963. Auf einem außerordentlichen Parteitag zwei Monate später wurde W. B. zum Vorsitzenden gewählt. Seine einzige Bedingung war, das Amt des Regierenden Bürgermeisters in Berlin, das einer nationalen Aufgabe gleichkam, beizubehalten.
Der Parteiapparat, den Herbert Wehner längst fest im Griff hatte, war ihm ohnehin kein Selbstzweck und kein Herrschaftsinstrument. Und dass die Organisation ihn hindern könnte, der Partei das Gesicht zu geben, das er ihr geben wollte, fürchtete er nicht. W. B. wollte die Partei prägen und mit ihr das Land.
Seine Art, um die innere Aussöhnung zu werben, half ihm wenig. Die Kübel, die im Wahlkampf 1965 über W. B., den Antinazi, ausgeschüttet wurden, waren so schmutzig wie vier Jahre zuvor. Damals hatte Franz Josef Strauß gefragt, wo W. B. zwölf Jahre lang gewesen sei. Jetzt arbeiteten NPD und CSU an einem Bild, das sich längst verselbständigt hatte: antideutsch, weil Norweger in Uniform; kommunistisch, weil Rotfrontkämpfer in Spanien; unseriös, weil den Namen gewechselt.
Die Bildung der Großen Koalition im Dezember 1966 hatte in der Logik einer Partei gelegen, die sich und dem Volk beweisen wollte, dass sie dazugehört. W. B. war nicht die treibende Kraft gewesen. Doch Vorbehalte, wenn es sie denn gab, überwand er rasch. Die Verlockung zu regieren war zu groß, als dass ihr zu widerstehen gewesen wäre.
Die Wahl des Sozialdemokraten Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten, März 1969, war ein großes Ereignis und ein Signal. Dennoch wäre die Bildung einer sozial-liberalen Koalition nicht zwingend gewesen, hätte sich nicht zwischen SPD und FDP eine deutschland- und ostpolitische Übereinstimmung herausgebildet.
Die SPD gewann wieder hinzu und landete bei 42,7 Prozent; in drei Bundestagswahlen war ihr Anteil insgesamt um über zehn Prozentpunkte gestiegen. Die FDP
sackte ab. Die Koalition würde fünf Stimmen über der Kanzlermehrheit liegen. Schon bei der Kanzlerwahl aber verbuchte W. B. nur ein Plus von zwei Stimmen.
Alles war möglich. Und alles nicht wichtig angesichts der Möglichkeit, eine neue deutsche Politik zu machen. Ihretwegen wäre W. B. fast jedes Wagnis eingegangen. Herbert Wehners Polemik gegen die Pendlerpartei und den Rettungsversuch für die Große Koalition ignorierte er.
Mit Egon Bahr, dem Pressechef des Senats in Berlin und Planungschef des Auswärtigen Amtes in Bonn, war das Programm für die "praktische Politik" erdacht und erarbeitet worden. In die Freundschaft, die sich seit Mitte der sechziger Jahre entwickelt hatte, brachte Bahr, Jahrgang 1922, einen Verstand ein, dem analytische Kraft innezuwohnen schien.
Er war W. B. zugetan und während der zweijährigen operativen Arbeit der ideale Gehilfe, gerade weil er eigenes Gewicht besaß. W. B. zweifelte nicht an seiner Loyalität, unterstellte aber, dass Egon Bahr auch auf eigene Rechnung agierte und ihn in Anspruch nahm, wo er nicht in Anspruch zu nehmen war. Einen Architekten seiner Politik sah W. B. nicht in ihm. Er suchte den Rat, oft und gern. Ob und wann und in welcher Form er ihn befolgte, stand auf einem anderen Blatt.
W. B., Realist, der er war, wollte die Nachkriegsverhältnisse hinnehmen, um Frieden zu schaffen und Bewegung möglich zu machen. Wollte Egon Bahr Gleiches?
W. B., der sich anders als Bahr in Amerika wohl fühlte, war ein Mann des Westens. Als ihn das Nachrichtenmagazin "Time", Januar 1971, zum "Man of the Year" kürte, nahm W. B. die Ehre als Zeichen, gerade in Amerika verstanden zu werden.
Die Weigerung, sich in Washington unterzuordnen, beantwortete Henry Kissinger, der im Wesentlichen die amerikanische Politik seit Kennedy fortführte, mit einem klaren Verweis: "Wenn schon Entspannung, dann machen wir sie." Die amerikanische Vormacht kehrte der Sicherheitsberater und spätere Außenminister von Präsident Richard Nixon deutlich heraus Er wollte gerade diesen Deutschen deckeln, der ihm ein wenig zu stolz erschien und in sein Deutschenbild nicht passte.
Doch das war''s nicht allein, was beide trennte. Jenseits der deutschen Frage war Kissinger jede auf Bewegung, zumal auf Bewegung von unten angelegte Politik verdächtig. Darin traf er sich mit Egon Bahr. W. B. nannte mal den einen und mal den anderen einen Metternich. Wenn sie nicht gerade einen aktuellen Status quo verteidigten, dann arbeiteten sie daran, eine neue stabile Ordnung herzustellen. Er sprach beiden die "Nase" ab und hielt sie für unfähig, neue Entwicklungen beizeiten zu erkennen. W. B. war der Anti-Metternich.
VERSUCHTER KANZLERSTURZ: Dass beim gescheiterten Misstrauensvotum der Union Geld floss, scheint Brandt nicht zu stören.
Gemeinsame Interessen mit der Sowjetunion auch nur zu suchen, setzte die Anerkennung der DDR voraus. Aber erst als zu Jahresbeginn 1970 die Aussicht auf einen Gewaltverzichtsvertrag mit der Sowjetunion eröffnet war, konnte der Bundeskanzler den Ministerpräsidenten der DDR treffen. In Erfurt forderte er Willi Stoph auf, die Gräben zuzuschütten, und erklärte, dass er "von der fortdauernden und lebendigen Wirklichkeit einer deutschen Nation" ausgehe.
Der Wille, die Kette des Unrechts zu durchbrechen, hatte W. B. im Dezember 1970 nach Warschau geführt. Was sollte einer wie er, der sich mit seinem Volk eins fühlte, anderes tun, als vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos die Knie beugen und einen Augenblick lang in der Geste der Demut verharren? W. B. mochte es nicht, wenn er gefragt wurde, warum diese Geste und was er sich dabei gedacht habe. Diese Geste sprach aus sich selbst oder gar nicht.
Während das Bild vom Kniefall um die Welt ging, reiste W. B. nach Bremen und machte den Jusos seine Aufwartung. Die Parteijugend nutzte jede Gelegenheit, der Politik der Bundesregierung entgegenzutreten, die Überwindung des Systems zu propagieren und gegen den Leistungscharakter der Gesellschaft zu wettern. Dass er die Jusos härter hätte anfassen müssen, gab er später gern zu.
Kein Mensch kann an mehreren Fronten zugleich höchsten Einsatz leisten. Als die Jusos einen Kongress nach dem anderen abhielten und den Klassenkampf probten, als Ende 1971 sogar zweimal zum außerordentlichen Parteitag gerufen wurde und die Parteiführung - W. B. hatte gerade den Friedensnobelpreis entgegengenommen - sich nur mit Mühe behauptete, war die Ostpolitik längst nicht unter Dach und Fach.
Die Union kompensierte ihre Verdrängung von der Macht mit einer beispiellosen Hetze. Sie versuchte erfolgreich, "Brandt als Kanzler des Ausverkaufs" die parlamentarische Mehrheit abzukaufen.
Am 23. April 1972 gewinnt die CDU die Wahl in Baden-Württemberg hoch. Tags darauf bringt die Bundestagsfraktion ein konstruktives Misstrauensvotum ein und begründet es mit der Gefährdung der Sicherheit durch die Ostpolitik, zerrütteten Staatsfinanzen, Inflation und dem Ruin der sozialen Marktwirtschaft. Am 27. April scheitert der Herausforderer Rainer Barzel. Er hat 249 Stimmen gebraucht, mit 250 gerechnet, aber nur 247 erhalten. Wie viele seiner eigenen Kollegen ihm die Gefolgschaft versagt haben und wie viele Abgeordnete tatsächlich zwischen den Welten hin- und hergewandert sind, weiß niemand.
Im Jahr darauf behauptete der CDU-Mann Julius Steiner, zu W. B.s Verblüffung, von Karl Wienand, dem Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion und Vertrauten Herbert Wehners, 50 000 Mark bekommen zu haben. Ein Untersuchungsausschuss förderte 1973 Erkenntnisse
nicht zu Tage. Doch die Aufregung war groß.
Ob im April 1972 vom SPD-Schatzmeister Alfred Nau Geld locker gemacht worden ist, hat W. B. nicht gewusst und nicht wissen wollen. Er ist aber wohl davon ausgegangen und hat nichts dabei gefunden; mit zu vielen unrechtmäßigen Mitteln, Geld und Geheimnisverrat, war seiner rechtmäßigen Regierung die Mehrheit entzogen worden.
Zu Beginn der neunziger Jahre entnahm W. B. den Fernsehnachrichten, dass anlässlich des Misstrauensvotums 1972 der CDU-Mann Steiner 50 000 Mark von der Staatssicherheit der DDR erhalten habe. Er kam senkrecht aus seinem Sessel hoch, blieb mit offenem Mund vor dem Fernseher stehen, setzte sich wieder hin und sagte: Dann hat er doppelt kassiert.
MOSKAUER QUELLEN: Im KGB-Archiv lagern massenhaft Dokumente in Sachen Brandt. Belege für eine Verschwörung Wehners?
Er holte tief Luft. So tief, dass in einem Atemzug ein ganzer Satz herausgepresst werden konnte. Der Satz enthielt zwei Mitteilungen. Die erste galt dem Zustand seiner Ehe, die zweite seinem Rücktritt als
Bundeskanzler mehr als vier Jahre zuvor: Es waren Wehner und Honecker. Als der Satz heraus war an jenem Abend des 14. Juli 1978, im elsässischen Colroy-la-Roche, hellten sich seine Züge auf: Nun bin ich es los.
In den "Notizen zum Fall G", die W. B. im Sommer 1974, bald nach dem Rücktritt verfasste, hatte er Verbindungen zwischen Wehner und Honecker schriftlich festgehalten. Ihm waren Hinweise zugegangen, keine Beweise. Die suchte er nicht einmal. Zeit seines Lebens nicht. W. B. war ein Angler, kein Jäger. Es streikte auch die Phantasie. Die Annahme eines solches Komplotts war ungeheuerlich, man malte es sich besser nicht aus.
Außerdem hatte das Stück, das im Zeichen des DDR-Agenten Günter Guillaume ein Jahr lang, von Mai 1973 bis Mai 1974, gespielt worden war, mehr als zwei Akteure. Schon im Untersuchungsausschuss des Bundestages hatte W. B. dem Innenminister Hans-Dietrich Genscher, ohne ihn beim Namen zu nennen, eine tragende Rolle zugewiesen.
Und was galt Honecker ohne Moskau? In W. B.s Sicht der DDR war die existenzielle Abhängigkeit von der Sowjetunion immer eingeschlossen. Da sollte ohne Wissen Moskaus der Generalsekretär der SED mit dem Vorsitzenden der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion konspirieren? Überdies stand Wehner im Geruch des Verräters, und Verräter wurden eher umgebracht als in Ehren empfangen.
Und wie konnte umgekehrt ein Mann, der von sich sagte, mit dem Kommunismus gebrochen zu haben, ein solches Komplott schmieden? W. B. verweigerte sich dem eigenen Gedanken. Er ließ den Verdacht im Raum stehen und die Fragen nicht an sich heran, auch am Ende nicht, als es manchen Fingerzeig gab. Dass Wehner vielleicht auf zwei Schultern getragen habe, war das Äußerste, was er für möglich hielt.
Heute, 30 Jahre nach dem Rücktritt W. B.s vom Amt des Bundeskanzlers und bald 15 Jahre nach dem Ende von DDR und Sowjetunion, ist immer noch nicht die Zeit schlüssiger Erklärung gekommen. Die politischen Fragen aber können nun gestellt und die archivalischen Aufträge adressiert werden.
Der Nachlass Wehners ist weiterhin nicht zugänglich, in Teilen nicht einmal lokalisierbar. Mehrere Dokumente, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Rücktritt des Kanzlers stehen, bleiben unauffindbar und werden der Forschung wie der Öffentlichkeit vorenthalten.
Schließlich gilt es, wenn W. B.s Hinweis ernst genommen werden soll, den Blick nach Moskau zu wenden. Und vielleicht auch nach Washington. KGB-Archivalien sind beizeiten in den Besitz der Vereinigten Staaten übergegangen. Die Amerikaner aber sind noch weniger auskunftsfreudig als die Russen. Befragt nach dem Rücktritt von Außenminister Genscher im Frühjahr 1992 und dem Grund dafür, sagte George Bush, damals Präsident, erst zögernd, dann lächelnd: That''s a very good question.
Im November 2001 habe ich in Moskau den Föderalen Sicherheitsdienst, das vormalige KGB, ersucht, mir aus dem eigenen Zentralen Archiv sowie aus benachbarten Archiven Dokumente zugänglich zu machen, die Willy Brandt in seiner Zeit als Bundeskanzler betreffen. Ich habe keinen Antrag gestellt, der sich auf dritte Personen bezieht, etwa Genscher oder Wehner. In mehreren Gesprächen ist mir bedeutet worden, dass drei Personen im engeren Umfeld des Kanzlers für die andere Seite gearbeitet haben.
Im siebten Kellergeschoss der Lubjanka und sonstwo in Moskau lagern, W. B. betreffend, 185 Tonbänder und Kisten, jede mit 1000 Seiten gefüllt. Im Sommer 2003 habe ich eine Liste mit 500 Dokumenten erhalten, die sich auf die Jahre 1969 bis 1974 beziehen und 8000 Seiten umfassen. Sie entstammen den Archiven des Politbüros, des Sekretariats des Zentralkomitees der KPdSU und des KGB. Der überwiegende Teil scheint Alltägliches zu enthalten. Den Titeln nach versprechen nur 20 Dokumente aufschlussreich, vier wichtig und eines sehr wichtig zu sein.
Eine "Kommission zum Schutz des Staatsgeheimnisses" ist tätig geworden und
hat prinzipiell alle Dokumente freigegeben - bis auf die fünf wichtigen Stücke. Von dem einen Papier, das bisher unbekannte Gespräche Wehners mit Honecker im Beisein eines Russen bezeugt, heißt es sehr bestimmt: Njet. Immerhin deuten schon die Titel der ausgewählten Dokumente auf Verwicklungen, die oft erahnt, ab er nie bewiesen und auch als Hirngespinste W. B.s abgetan worden sind.
Ist denkbar, dass W. B. seinem sicheren Gefühl nicht auf den Grund gehen mochte, weil er fürchtete, sich hineinzusteigern? Wollte er ablenken von eigenem Unvermögen? Seinem ganzen Wesen nach war W. B. unfähig, einer fixen Idee zu huldigen oder Verfolgungswahn zu pflegen.
KANZLERDÄMMERUNG: Nach dem grandiosen Wahlsieg treten Neider auf den Plan - und Wehner pflegt eigene DDR-Kontakte.
Für die Koalitionsverhandlungen nach dem Wahlsieg im November 1972 sieht er, was den sachlichen Teil anlangt, keine Schwierigkeiten voraus. Am 5. Dezember aber notiert er, dass sein Vermerk vom 28. November "in der Aktentasche" von Wehner verschwunden sei und Helmut Schmidt, den anderen Stellvertreter im Parteivorsit z, überhaupt nicht erreicht habe. W. B. war wegen einer Operation an den Stimmbändern ein striktes Sprechverbot auferlegt worden, deshalb konnte er nicht anders, als Hinweise zur Regierungsbildung schriftlich zu geben.
Aber in der Mediendemokratie, die erste Blüten trieb, war eine auch noch so kurze Schonzeit nicht vorgesehen; sie ließ sich leicht umdeuten. Der Sieg wurde "schal" und zur Last erklärt, noch bevor ihn jemand hatte auskosten können. Das Gerede von der Psychokrise und Dauerdepression verselbständigte sich. Der Eindruck schlechten und lustlosen Regierens setzte sich fest, bevor auch nur die Regierungserklärung abgegeben war. Wenn aber der Eindruck richtig gewesen und durch die Regierungstätigkeit bestätigt worden wäre, hätte Wehner dann Recht getan, den Bundeskanzler, unter Einsatz welcher Mittel auch immer, vom Thron zu stoßen?
Groß war der Sieg. Und groß war der Neid, den der Sieg gebar. Schon früh hatte W. B. in seiner Partei, auch in deren intellektuellem Umfeld, die Neigung ausgemacht, den Misserfolg moralisch zu finden und dem Erfolg einen anrüchigen Beigeschmack zu geben. Keine Macht ohne Missgunst. Es war zu viel der Sonne, die auf den Vorsitzenden schien.
W. B. hielt fest: "Ich geriet nach dem Sieg unter Druck, nicht als wir verloren, sondern als und weil wir gewonnen hatten." Es mag sein, dass der Druck gar nicht erst versucht worden wäre, hätte der Sieger nach Siegermanier agiert und seine
neue Amtszeit durch Befehl und Gehorsam zementiert. Aber dieser Sieger war dazu nicht gemacht.
Helmut Schmidt, der noch im August 1972 eine deutliche Niederlage vorhergesagt hatte, beschäftigte sich, als es anders kam als gedacht, mit der Stärkung der eigenen Position als Nebenkanzler und ließ kaum eine Gelegenheit aus, dem Kanzler und Parteivorsitzenden die Führung schwer zu machen.
Während W. B. in der Bundesrepublik ins Meinungstief rutschte, strahlte sein Stern jenseits des Eisernen Vorhangs umso heller. Der Argwohn hatte die DDR früh erfasst. Nach den Treffen von Erfurt und Kassel 1970 wurde W. B. unterstellt, dass er nach "innerdeutschen Sonderbeziehungen" strebe; die aber stünden dem Ziel der Anerkennung der DDR entgegen.
Schon im Sommer 1972 hatte die Staats- und Parteiführung das Volk fragen lassen und die Ergebnisse streng unter Verschluss genommen: 80 Prozent der DDR-Bürger sympathisierten mit W. B. und seiner Politik. Den Grundlagenvertrag musste man noch unter Dach und Fach bringen, um zu erreichen, was man erreichen wollte - die Anerkennung. Danach würde man sich gegen die unangenehmen Folgen zu wehren wissen.
Am 10. April 1973 schickte die sowjetische Botschaft in Bonn einen "Politischen Brief" an das KGB, Titel: "Über die Beziehungen der BRD mit der DDR in der gegenwärtigen Etappe". Vier Tage zuvor hatte sich KGB-Chef Jurij Andropow persönlich an das ZK gewandt und Angaben zur Person zweier enger Wehner-Vertrauter übermittelt - Karl Wienand und Eugen Selbmann. Auch diese beiden Dokumente, die auf der Liste stehen, werden nicht freigegeben.
Der Bundestag ratifizierte den Grundlagenvertrag am 11. Mai 1973. Einen Tag später erschien Leonid Breschnew zu einem Freundschaftsbesuch in Ost-Berlin. Die Vertragsgespräche der Bundesregierung
mit der Tschechoslowakei waren unterdessen festgefahren. Wegen Berlin. Die Sowjetunion wollte es so. W. B. beharrte auf der Bundespräsenz, wehrte sich gegen Umdeutungen des Viermächteabkommens und blieb stur: dann eben keine Reise nach Prag.
Berlin sollte ab sofort dem Fraktionsvorsitzenden der SPD als Aufhänger dienen, um die Deutschland- und Ostpolitik der sozialdemokratisch geführten Regierung zu attackieren. Je mehr die DDR mauerte, desto munterer wurde Wehner. Er hatte sich die Ostpolitik, die W. B. verfolgte, nie zu Eigen gemacht. Sie ging ihm in Form und Inhalt gegen den Strich.
Wehner hatte Brandt schon zu Berliner Zeiten Krisenfestigkeit und Führungsfähigkeit abgesprochen und neben einer proamerikanischen Haltung einen schlechten Charakter angehängt. Im Juli 1964 meldete ein Redakteur des Parteiblatts "Vorwärts" an die DDR-Staatssicherheit: Wehner habe W. B. in der Hand, weil er den Parteiapparat beherrscht und der neue Vorsitzende es nicht versteht, "Kader um sich zu sammeln". Außerdem treibe "der hinterhältigste Gegner" W. B.s - Name geschwärzt - ihm Weiber zu, um "Wehners Dossiers" zu füllen.
Was Wehner selbst bezweckte, welches Bild von Deutschland er in sich trug und welches von der Sozialdemokratie, ließ er im Dunkeln. Keine Rede und keine Schrift geben Antwort. Nur mit viel Phantasie lässt sich das Ziel einer einheitlichen Arbeiterbewegung und eines sozialistischen Deutschland festmachen. Brauchte er dazu eine absolute SPD-Mehrheit? Wer sollte sie erringen?
Das Büßertum, das Wehner zelebriert, wirkt in Verbindung mit der Furcht, die er verbreitet. Kaum dass er seinen Fuß in die SPD gesetzt hat, schreibt er alles mit, alles, was um ihn herum gesprochen wird. Binnen weniger Jahre gelingt ihm die Stilisierung zum Zuchtmeister der deutschen Sozialdemokratie. Und warum lassen sich so viele Sozialdemokraten, so viele frei gewählte Abgeordnete die Behandlung gefallen? W. B. antwortet einmal: Wehner befriedigt die menschliche Neigung zum Masochismus.
Wehners Ministerium für gesamtdeutsche Fragen, das er während der Großen Koalition 1966 bis 1969 führt, bietet Motiv und Vorwand für heimliche Treffen aller Art. Der Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel erscheint auf dem Plan und wird der bevorzugte Kontaktmann. Er ist der Vertraute Honeckers, der de facto schon 1970, unmittelbar nach W. B.s Besuch in Erfurt, zum ersten Mann in Partei und Staat aufsteigt. Wehner wird persona gratissima. Den Sturz Walter Ulbrichts hat Erich Honecker, der Mann von der Saar, in Moskau eingefädelt und besiegelt.
Und da soll man im Kreml und in der Lubjanka nicht gewusst haben, dass der neue starke Mann der DDR lebhaft mit Wehner korrespondiert? Briefe und Botschaften, offenbar in herzlichem Ton gehalten, befördert Wolfgang Vogel. Der damalige DDR-Spionagechef Markus Wolf meint, aus den konspirativen politischen Kontakten seien zu Beginn der siebziger Jahre "geheime persönliche Beziehungen" geworden. Ein Weggefährte wird später sagen, dass man gegenüber Wehner etwas habe gutmachen wollen. Aber was?
DER FALL GUILLAUME: Was wusste Wehner wann über den Spion im Kanzleramt? Und warum wurde Brandt nicht informiert?
Seit der Wahl von 1972 betreibt Wehner, Vorsitzender der Bundestagsfraktion der SPD, offene Obstruktion gegen den Bundeskanzler und Parteivorsitzenden. Gegen die Person und die Politik.
Er fühlt sich stark. So stark, dass er am 29. Mai 1973 eine Einladung der SED-Fraktion der Volkskammer aktiviert und in die DDR aufbricht.
W. B., den er an diesem Tag telefonisch informiert, kann nicht erkennen, ob Wehner schon unterwegs ist. Er kann auch nicht erkennen, warum ein Fraktionsvorsitzender, noch dazu einer mit KPD-Vergangenheit, eine solche Reise macht. Ohne Auftrag, ohne Zugehörigkeit zur Exekutive, damit auch ohne Verantwortung gegenüber dem Parlament.
In den geheimen Niederschriften der Gespräche werden humanitäre Fragen nicht einmal erwähnt. Aber was sind Niederschriften wert, wenn die beiden Akteure im Garten spazieren gehen und niemand auch nur mithören kann? Wer fragte nach dem Grund der Reise? Warum überhaupt und warum so plötzlich?
Mutmaßlich am 23., spätestens am 25. Mai 1973 ist der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Günther Nollau, von seinen Beamten informiert worden, dass Günter Guillaume und Frau Christel
im Verdacht der Agententätigkeit stehen. Darüber hat Nollau am 29. Mai Innenminister Genscher in Anwesenheit von dessen Büroleiter Klaus Kinkel unterrichtet, sehr unvollständig, wie sich im Untersuchungsausschuss herausstellen wird, und ohne irgendwelche Akten zu übergeben. Genscher fragt auch nicht danach. Kinkel hält nur fest, dass niemand ins Bild gesetzt werden solle, auch der Bundeskanzler nicht.
Nollau, Jahrgang 1911, in Dresden aufgewachsen, 1950 nach West-Berlin geflüchtet, gilt als das Geschöpf Herbert Wehners. Unter dessen Druck ist er am 1. Mai 1972 zum obersten Herrn des Verfassungsschutzes aufgestiegen; sein Vorgesetzter Genscher weiß um das besondere Verhältnis.
Im Bundestag wird der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, der CDU-Abgeordnete Walter Wallmann, nachweisen, dass sich Nollau vor dem Gang zum Innenminister "mit einem Dritten" abgesprochen hat und dass dieser Dritte - Herbert Wehner - "vor seiner Reise zu Honecker" über die Entwicklung im Fall Guillaume Bescheid gewusst hat.
"Warum", fragte Wallmann, "wurde Herbert Wehner unterrichtet, während der Bundeskanzler nach der Empfehlung Dr. Nollaus von der Kenntnis über den Agenten ausgeschlossen bleiben sollte?"
Diese Empfehlung war selbst Genscher zu viel. Am späten Abend des 29. Mai suchte er den Bundeskanzler auf. Später hat W. B. dem Untersuchungsausschuss darüber ausführlich Rede und Antwort gestanden. Er sei mit den Empfehlungen, Guillaume zu beobachten, aber Zuständigkeiten
und Verhaltensweisen nicht zu ändern, einverstanden gewesen.
Den Verdacht habe er "nicht auf die leichte Schulter genommen" und deshalb auf die vorgesehene Reisebegleitung in die norwegischen Sommerferien hingewiesen.
Anfang August kehrte W. B. aus Norwegen zurück. Wie hätte er davon ausgehen sollen, dass Guillaume nicht observiert worden war? Schließlich hatte ihn der Innenminister in aller Form um seine Einwilligung gebeten. Er hörte nichts. Und so ließ er im September durch Kanzleramtschef Horst Grabert nachfragen. Die Antwort, die Grabert erhielt: Es liegt nichts vor, "nichts Neues".
So werden zwei Reisen vorbereitet. Wehner will nach Moskau und W. B. nach New York. Beide deutsche Staaten werden in die Vereinten Nationen aufgenommen. Der Bundeskanzler zieht in New York die Summe seiner Politik und wählt Worte, wie er sie in der Regierungserklärung 1969 verwandt hat: "Ich spreche zu Ihnen als Deutscher und als Europäer. Genauer: Mein Volk lebt in zwei Staaten und hört doch nicht auf, sich als eine Nation zu verstehen."
Gleichzeitig hat Wehner während einer Reise nach Moskau in Rufweite von Kreml und Lubjanka über die eigene Regierung gesagt, dass sie in der Berlin- und Deutschlandpolitik überziehe und draufsattle.
Zum ersten Mal macht er öffentlich, in der Sowjetunion, was er, sinngemäß und hinter den Kulissen, über "die Nummer Eins" schon viele Jahre geäußert hat. Es ist die Rede vom lauen Baden, vom Schaumbad, vom Abschlaffen und dem Kopf, der der Regierung fehle.
Wehner reist als Mitglied einer Delegation des Bundestages. Aber das Sekretariat des ZK der KPdSU fasst zwei Beschlüsse - am 29. September "Über den Empfang H. Wehners" und am 5. Oktober "Über die Information an E. Honecker und die Führung der Deutschen Kommunistischen Partei über das Gespräch des Genossen B. N. Ponomarjow mit H. Wehner". In den dreißiger Jahren war Boris Ponomarjow Wehners Kollege in der Komintern gewesen. Jetzt zeichnete er als Leiter der Internationalen Abteilung der KPdSU, in der die Komintern aufgegangen war.
Das Treffen der beiden Veteranen war bekannt. Nicht bekannt war, was über offizielle Mitteilungen hinaus beredet wurde und wen Wehner in Moskau sonst noch traf. Wjatscheslaw Keworkow, der mit Egon Bahr einen in der Diplomatie üblichen back channel, einen inoffiziellen Kanal, betrieb, zitiert später aus einem Papier jener Internationalen Abteilung. KGB-Chef Andropow hat es ihm selbst überreicht und hinzugefügt, dass der begeisterte Empfang in Erfurt Brandt niemals verziehen werde.
Dem Papier zufolge hatte Wehner in Moskau über die Trunksucht und die Schürzenjägerei des Bundeskanzlers Willy Brandt Klage geführt, der als Politiker "am Ende" sei. Diese Meinung teile auch Honecker, zu dem er "ständig vertrauliche Kontakte" unterhalte. Keworkow, der selbst im Rang des Generalmajors des KGB stand, vermerkt, dass Wehner "ein ganz reales Komplott" mit Honecker geschmiedet und Andropow die Folgen für den Kanzler vorausberechnet habe.
Heute, bei der Aktensuche in Moskau, wird einem von Leuten, die es wissen müssen, aber sich so wenig bekennen mögen wie die Archivare, gesagt: Keworkow, der Partner Egon Bahrs, habe von Guillaume gewusst und davon, dass der als "eine Zeitbombe" platziert gewesen sei. Wie auch hätte er sonst von dem "ganz realen Komplott" zwischen Wehner und Honecker schreiben können!
Am Abend des 1. März 1974 erschien Innenminister Genscher bei W. B., dieses Mal in Begleitung des obersten Verfassungsschützers Nollau. Die Botschaft lautete: Es liegen konkrete Anhaltspunkte gegen Guillaume vor, der Fall kann an die Bundesanwaltschaft abgegeben werden, die Verhaftung erfolgt in zwei bis drei Wochen.
In den unendlich langen Monaten, die seit dem 30. Mai 1973 vergangen waren, hatte der Bundeskanzler - außer den Mitteilungen, es liege nichts Neues vor - über den Fall "null Komma null" gehört. Warum war jetzt Bewegung in die Sache gekommen?
Genscher hatte am 30. Januar Nollau ein Ultimatum gestellt: Entweder würden binnen vier Wochen konkrete Anhaltspunkte geliefert oder die Verdachtsmomente zu den Akten gelegt. Welche neuen Erkenntnisse man seither gewonnen hatte, behielten beide Herren für sich.
Als in Bonn beraten wurde, saß Minister Bahr in Moskau und diktierte einen Vermerk, der dem Gespräch im Kreml zwei Tage zuvor galt. Zu Beginn hatte Breschnew ihn gefragt, wie es dem Bundeskanzler gehe und ob der etwa zurücktreten wolle.
Der Fall Guillaume wird in diesen Tagen noch an einem dritten Ort beraten. Den eigenen Angaben zufolge hat Nollau am 18. Februar 1974 ein "drittes" Gespräch mit Wehner geführt und ihn ins Bild gesetzt: "Wir arbeiten jetzt am Abschlussbericht, um die Sache zu Ende zu bringen."
Vier Tage später, am 22. Februar, beschreibt der sowjetische Botschafter in Ost-Berlin, Michail Jefremow, viel Papier. Adressat ist der Generalsekretär des ZK der KPdSU, Leonid Breschnew. Derselbe Breschnew, der am 27. Februar Egon Bahr fragt, ob Brandt vielleicht zurücktreten wolle.
Worüber geht das viele Papier? "Über die Kontakte E. Honeckers mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, H. Wehner, zu Fragen der Normalisierung der zwischenstaatlichen Beziehungen zwischen der DDR und der BRD". In der Anlage, insgesamt 44 Seiten, werden Materialien "zu den vertraulichen Kontakten Honeckers mit Wehner (Gesprächs- und Protokollnotizen, Briefe u. ä. m.)" aufgeführt. Von ebendiesem Dokument heißt es heute in Moskau: Jetzt nicht und vorerst überhaupt nicht kann mit seiner Freigabe gerechnet werden.
FRAUENGESCHICHTEN: Die Sicherheitsbehörden sammeln Aussagen, der Agent habe dem Kanzler "Mädchen zugeführt".
Am frühen Morgen des 24. April wird Guillaume festgenommen; der Beschluss ist zwei Tage zuvor gefasst worden. Der Bundeskanzler wird erst bei seiner Rückkehr am Mittag des 24. ins Bild gesetzt; er widmet dem Vorgang nicht mehr Aufmerksamkeit, als er einer gewöhnlichen Regierungspanne gewidmet hätte.
Bevor W. B. am Dienstag, dem 30. April, zu einer Kundgebung nach Saarbrücken fliegt, erscheint der Justizminister. Gerhard
Jahn ist ein Vertrauter Wehners. Er gebraucht zum ersten Mal die Worte, die nun leitmotivisch werden und dem Fall Guillaume erst Flügel verleihen: Der Agent könne ihm "Mädchen zugeführt" haben.
Mit Guillaume als politischem Agenten wäre W. B. fertig geworden. Aber ein Ostagent, der "Mädchen zuführt"? Er denkt und sagt: wie lächerlich.
Am Morgen des 1. Mai teilt Innenminister Genscher dem Bundeskanzler mit, sein Referent Klaus Kinkel überbringe ein Schriftstück. W. B. liest es nach der Kundgebung, in einem Zimmer des Hamburger Gewerkschaftshauses. Er traut seinen Augen noch weniger als tags zuvor seinen Ohren.
An jenem 30. April, während Jahn über den Agenten und die Mädchen spricht, hat der Chef des Bundeskriminalamtes, Horst Herold, auf Anforderung des Innenministers die Zuführung der Mädchen durch Guillaume festgehalten und an drei Fällen illustriert - einer "Stern"-Redakteurin, einer Jugoslawin, einer Schwedin; dieses Werk muss nun zur Kenntnis genommen werden.
Den slawischen Namen, ausdrücklich nur "phonetisch" als Vukic wiedergegeben, hat W. B. noch nie gehört. Mit der schwedischen Fernsehjournalistin ist während der jüngsten Wahlkampfreise in Niedersachsen ein Gespräch geführt worden. Es diente der Vorbereitung eines Interviews, das acht Tage später, am 17. April, 17.15 bis 17.45 Uhr im Kanzleramt stattfindet. Dem Terminkalender kann der Name entnommen werden: Frau Larsson.
Richtig unangenehm wird die Sache erst durch die Erwähnung der "Stern"-Redakteurin. Sie kennt W. B. seit vielen Jahren; aus der Verbindung hat er, wie es seine Art ist, keinen besonders großen Hehl gemacht. Zu Genscher wird er nach der Lektüre sagen, neben viel Quatsch stehe auch Wichtiges darin.
Heli Ihlefeld kennt und mag er seit Mitte der sechziger Jahre. Sie ist gemeint, wenn W. B. von der "lieben Freundin" schreibt oder spricht. Beide sehen sich selten und verlieren sich doch nie aus den Augen. Ungefähr ein Jahr nachdem W. und ich uns zusammengetan haben, vielleicht 1980, treffen wir sie, zufällig, auf einer Veranstaltung in Bonn. W. stellt sie mir vor. Später zu Hause sagt er: Sie ist die Frau, die ich lange Jahre sehr gern gehabt habe.
Als ich ihr jetzt diese Begebenheit erzähle, findet sie, aus der Anonymität heraustreten zu sollen: Ich möchte helfen, dem Bild eines so geradlinigen und wunderbaren Menschen etwas von der Beschädigung zu nehmen, die es durch die Ereignisse und deren Deutung bekommen hat.
W. B. hat in seinen Erinnerungen 1989 einige Dinge deutlich benannt und bewertet, vor allem die fast komplottartige Aushebelung eines Verfassungsorgans, "wenn Sicherheitsintriganten mit dem Blick durchs Schlüsselloch spielten und hysterische Reaktionen auslösten". BKA-Mann Herold fühlt sich gekränkt und verlangt eine Ehrenerklärung.
Herold übersendet Aufzeichnungen über "die angefallenen Tatsachen" und liefert Einblick in die Produktion ebendieser Tatsachen, nicht nur jener drei, die er mit dem Namen Guillaume in unmittelbare Verbindung gebracht hat, sondern auch unzähliger anderer "Intimverhältnisse". Herold bezieht sich auf "informatorische Befragungen", Befragungen außerhalb des Protokolls. Sie basieren auf "Vorhaltungen", deren Herkunft im Dunkeln bleibt.
Am Freitag, dem 3. Mai, nachmittags, sitzt Herold bei Nollau im Büro und sagt: "Auf Weisung des Ministers", also Genschers, hätte er sich "um Klärung außerhalb der Akten bemüht". Er liest ihm sodann seinen ausführlichen Vermerk vor.
Nollau gerät "außer Fassung" und findet, wie von Herold erwartet, dass er nun zu Wehner gehen solle. Als Nollau die Botschaft überbracht hat und das Haus auf dem Heiderhof wieder verlässt, eröffnet ihm Wehner, beim Hinausgehen, dass in der Bibliothek Anwalt Wolfgang Vogel sitze. Der Vertraute Honeckers. Der Kreis schließt sich.
Nach der Lektüre des Schriftstückes am 1. Mai hat W. B. einige Telefonate und Verabredungen getätigt. Tatsächlich sagt ihm in diesem Augenblick noch nicht sein Verstand, wohl aber seine innere Stimme, dass er sich nicht zur Wehr setzen wird. Gegen wen und was hätte er kämpfen sollen?
* Oben links: mit Ehefrau Brigitte Seebacher-Brandt Ostern 1984 in Gagnières. * In Nogaro, August 1981. * Bei einer Bootsfahrt auf dem Schwarzen Meer, 1971. * Links: mit Wehner-Stieftochter und späterer Ehefrau Greta Burmester sowie dem Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion, Wolfgang Mischnick, am 31. Mai 1973 in der Schorfheide; rechts: Verzeichnis zu einem Bericht des sowjetischen DDR-Botschafters Michail Jefremow über die Kontakte Honeckers und Wehners.

DER SPIEGEL 20/2004
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