10.05.2004

BANKENNationale Verschwörung

Machtkampf in der Deutschen Bank: Unterstützt und gedrängt von Regierungsvertretern und Wirtschaftsführern, will der Aufsichtsrat das Inlandsgeschäft stärken und eine Abwanderung ins Ausland verhindern. Doch Bankchef Ackermann hat andere Pläne.
Die beiden mögen sich nicht, der Banker und der Kanzler. Klaus-Peter Müller lässt keine Gelegenheit aus, die Regierung zu kritisieren und härtere Reformen anzumahnen.
Das nervt Gerhard Schröder erstens sowieso und zweitens ganz besonders, weil es immerhin seine Regierung war, die der Commerzbank im Oktober 2002 aus der Klemme geholfen hatte. Als die damals durch haltlose Gerüchte in Liquiditätsschwierigkeiten geriet, sprang ihr die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau mit einem Darlehen bei.
Doch als die beiden Mitte April im Büro des Kanzlers zusammensaßen, mussten solche Animositäten zurückstehen. Immerhin ging es um das große Ganze: um die Interessen der Industrie, die Nöte der Banken - und um die Zukunft der Deutschen Bank.
Was denn das größte deutsche Geldhaus vorhabe, wollte der Kanzler wissen. Und Müller gab bereitwillig Auskunft.
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann habe vor etwa einem Jahr mit ihm über einen Kauf der Commerzbank verhandelt - dann aber plötzlich einen Rückzieher gemacht und ihm lapidar mitgeteilt, dass er an einer nationalen Lösung nicht mehr interessiert sei. Für Müller doppelt ärgerlich, denn der hatte in der Zwischenzeit seine Fusionsgespräche mit der HypoVereinsbank öffentlich abgesagt.
Ackermann strebe nun einen europäischen Zusammenschluss an, mutmaßte Müller - möglicherweise mit der Schweizer Credit Suisse und der niederländischen ABN Amro. Bezüglich des Firmensitzes sei dabei nur eines klar: Frankfurt werde es nicht sein.
Müller sagte dem Kanzler nichts Neues. Seit Monaten wird Schröder von der deutschen Industrie- und Finanzelite bedrängt, einen Verkauf der Deutschen Bank zu verhindern.
Die Botschaft ist angekommen. In der vergangenen Woche wurde Schröder aktiv. Am Dienstag ließen Regierungskreise streuen, die Postbank sei zu verkaufen - gern auch an die Deutsche Bank. Und am Mittwoch verkündete der Kanzler öffentlich, es müsse in Deutschland und aus Deutschland heraus ein ernst zu nehmendes Kreditinstitut geben.
Doch ist das auch das Ziel von Ackermann? Er gilt als der führende Vertreter der Investmentbanker, die seit Jahren in der Bank das Sagen und die Traditionalisten immer mehr in die Ecke gedrängt haben. Sie träumen vom großen Deal, von der grenzüberschreitenden Fusion - nicht zuletzt im eigenen Interesse: Ihre Aktien würden in die Höhe schießen, zudem winken hohe Abfindungen.
Im deutschen Interesse ist eine solche Übernahme nicht. "Kann es uns bei allem Liberalismus wirklich egal sein, ob die heimische Industrie auf deutsche Banken zurückgreifen kann oder ob die Unternehmen im eigenen Land auf ausländische Institute angewiesen sind?", fragte - fast Hilfe suchend - Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Rolf Breuer vor wenigen Wochen.
Den deutschen Industrieführern ist es jedenfalls alles andere als egal. Schockiert mussten sie mit ansehen, wie Ackermann die Deutsche Bank im vergangenen Herbst der amerikanischen Citigroup anbot - und der Kanzler offenbar sein Einverständnis gab.
Seitdem formiert sich der Widerstand, Beobachter sprechen von einer "nationalen Verschwörung". Ihr Ziel: die Heimatbasis der Deutschen Bank zu stärken und ihren Verkauf zu verhindern.
"Wir brauchen in Deutschland mindestens eine internationale Großbank", so versicherte der Aufsichtsratschef eines großen Dax-Konzerns dem Regierungschef stellvertretend für viele andere Manager, "damit wir bei Kreditvergaben oder anderen Finanzierungen nicht von Interessen anderer Industrienationen ausgebremst werden."
An der Spitze der Bewegung stehen Gerhard Cromme, Aufsichtsratschef der ThyssenKrupp AG, Infineon-Interimschef Max Dietrich Kley und der ehemalige Deutschland-Chef der Beraterfirma McKinsey, Herbert Henzler. Aber auch Allianz-Aufsichtsratschef Henning Schulte-Noelle, August Oetker, der Chef des gleichnamigen Lebensmittelproduzenten, und der Unternehmer Jürgen Großmann führten einfühlsame Gespräche.
Sie trafen sich mit Vertretern der Regierung, aber auch mit einflussreichen Aufsichtsräten der Deutschen Bank, darunter Breuer und Ulrich Cartellieri sowie Ex-E.on-Chef Ulrich Hartmann. Es ist das letzte Aufgebot der alten Deutschland AG, die Fragmente jener inoffiziellen Zirkel, die einst unter sich ausmachten, was ging in der deutschen Wirtschaft - und was nicht. Sie eint das Misstrauen gegen die Übermacht der Investmentbanker. Und gegen den Chef der Deutschen Bank.
Fühlt sich Ackermann Deutschland verpflichtet? Dann müsste er eigentlich eine Übernahme in Deutschland anstreben - um seine schwache Position im Heimatmarkt zu stärken. Oder will er den Firmensitz der Deutschen Bank wirklich aus Frankfurt abziehen?
Vergangene Woche machten Schröder und seine Berater die Probe aufs Exempel, als sie die Gerüchte streuten, wonach der Börsengang der Postbank abgesagt werden könnte - zu Gunsten einer Auktion, an der sich die Privatbanken beteiligen sollten. Vor allem für die Deutsche Bank wären die 11,5 Millionen Kunden des mehrheitlich bundeseigenen Instituts interessant, um das Heimatgeschäft zu stärken.
Ackermann reagierte wie befürchtet: gar nicht. "Es gibt keine Gespräche mit der Deutschen Bank", versicherte Postchef Klaus Zumwinkel, ein Schröder-Vertrauter, am vergangenen Donnerstag.
Regierungsvertreter fühlen sich deshalb in ihrem Misstrauen bestätigt. Denn ein Einstieg bei der Postbank wäre die wohl sinnvollste Art, das Inlandsgeschäft der
Deutschen Bank auszubauen. Alle anderen Lösungen bringen weniger, bergen aber erhebliche Risiken: Sowohl die Commerzbank als auch die HypoVereinsbank sind angeschlagen, ihre Marktanteile sind noch geringer als die des Branchenprimus.
Selbst eine Fusion der Deutschen Bank mit der Allianz wird deshalb, laut einem streng vertraulichen, internen Positionspapier aus dem Kanzleramt, diskutiert. Sie gilt jedoch als wenig wahrscheinlich.
Ackermann dagegen strebt für die Deutsche Bank eine "europäische Lösung" an, von einem Zukauf im scheinbar wenig profitablen deutschen Filialgeschäft will er nichts wissen. Die Welt sei enger zusammengerückt, argumentiert er, nationale Grenzen existierten in globalisierten Märkten faktisch nicht mehr.
"Nirgendwo auf der Welt gibt es eine vaterlandslose Bank", hält sein Aufsichtsratschef Breuer dagegen. "Ein Zukauf in Deutschland ist deshalb der richtige Schritt." Erst wenn der Heimatmarkt gestärkt sei, könne die Bank "auch wieder im Ausland expandieren".
Die Fronten sind klar, sie gehen quer durch die Deutsche Bank. Bleibt der Aufsichtsrat hart, gibt es für Ackermann nur zwei Alternativen: klein beigeben - oder gehen.
Oder schreckt der Aufsichtsrat vor der letzten Konsequenz zurück? Sind die Investmentbanker nicht längst viel zu mächtig? Schließlich erwirtschaften sie immer wieder bis zu 80 Prozent des Gewinns, den sie dann allerdings zu großen Teilen unter sich selbst aufteilen.
Bevor Ackermann im Mai 2002 sein Amt antrat, verlieh ihm der Aufsichtsrat der Deutschen Bank die nahezu uneingeschränkte Macht über das Institut. Damals
hatte die Bank auf Drängen Ackermanns
das amerikanische Modell des Chief Executive Officers adaptiert - und die Macht des übrigen Vorstands damit massiv beschränkt.
"Wir dachten immer, wir könnten ihn kontrollieren", klagte Cartellieri bei einem der informellen Treffen gegenüber Cromme und anderen Managern, doch hinterher sei man eben immer schlauer.
Cartellieri, 66, Spitzname "die Sphinx", ist die graue Eminenz der Bank. Lange Zeit hielt er sich bedeckt - jetzt bezieht er in internen Gesprächen mit Regierungs- und Industrievertretern ungewohnt deutlich Stellung. Schon aus geschäftspolitischen Interessen müsse sich die Deutsche Bank im Inland vergrößern, sagte Cartellieri zu Vertrauten. Das Filialgeschäft sei, im Gegensatz zu dem bislang dominierenden Investmentbanking, eindeutig zu schwach. Doch auch die Investmentbanker würden profitieren: Sie hätten eine viel breitere Basis für den Vertrieb ihrer Produkte. Zudem bekomme die Deutsche Bank wieder ein Stück dessen zurück, was sie am meisten benötige: nämlich Identität.
Die Postbank käme da gerade recht. Nicht umsonst ist das gelbe Institut von vielen anderen, vor allem ausländischen Banken heiß umworben: Die französische Crédit Agricole und auch die italienische Generali haben im Finanzministerium vor einigen Wochen starkes Interesse an einem 25-prozentigen Anteil angemeldet.
An einen vorzeitigen Abbruch des Börsengangs glaubt in der Finanzwelt kaum jemand. Dennoch kann die Regierung mit ihrem Trick, Gerüchte über einen Verkauf an eine Großbank zu streuen, nicht verlieren: Denn einerseits wird ihr die Reaktion der deutschen Banken zeigen, wie ernst die es mit dem Standort meinen. Andererseits werden die Spekulationen um die vor allem im Ausland heiß begehrte Bank für höhere Preise beim Börsengang sorgen, mutmaßen Investmentbanker in Frankfurt.
Das Timing ist perfekt, denn bislang fehlte der Postbankaktie das, was Börsianer eine Story nennen - eine kurstreibende Zukunftsstrategie.
Ein Selbstläufer ist dieser Börsengang bisher nicht. Kritiker bemängeln den hohen Personalbestand des Instituts und manche Lücke im Geschäftsmodell. So brachte der Kauf des Finanzberaters Entrium City von der Direktbank Diba nicht die gewünschte Verstärkung im Vermögensgeschäft: Von den 78 freischaffenden Beratern haben nur 17 das Angebot des gelben Riesen angenommen.
Auch in ihrem heftig beworbenen Kerngeschäft, dem Zahlungsverkehr, gleicht die Postbank einer Baustelle. Die Verträge zur Übernahme dieser Abteilungen von Dresdner Bank und Deutscher Bank sind bereits unterschrieben, obwohl die nötigen neuen EDV-Systeme nicht installiert sind. Im beleglosen Zahlungsverkehr gibt es zur Auswahl der Software "noch gar keine Entscheidung", bestätigt ein Sprecher. Das bereits in Teilen installierte SAP-Paket sieht kein Zahlungsverkehrsmodul vor.
Trotz solcher Mängel würde die Postbank ideal zur Deutschen Bank passen: Für die gibt es keine bessere Möglichkeit, ihre Kundenzahl mehr als zu verdoppeln, und das mit vielen Chancen, aber ohne größere Risiken. Denn die Postbank ist kaum im Firmenkundengeschäft tätig. Das Kreditportfolio, der heikelste Teil bei jeder Bankübernahme, gilt deshalb als "völlig unproblematisch, da gibt es keine Leichen im Keller", so ein Investmentbanker in Frankfurt.
Stattdessen schlummert in der Postbank erhebliches Potenzial. "Jedem Kunden werden gerade mal 1,8 Produkte verkauft", weiß Deutsche-Bank-Chefaufseher Breuer, "das könnte man leicht verdoppeln."
Doch Breuer kann die Deutsche Bank nur kontrollieren - über einen Kauf muss zunächst der Vorstand entscheiden. Und der sperrt sich.
Ackermann, so ein Mitglied des Gremiums, fühle sich von Deutschland und den Deutschen regelrecht verfolgt. Vor allem der Prozess gegen ihn und andere wegen Untreue oder Beihilfe dazu - Ackermann hatte vor vier Jahren im Rahmen der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone die Millionenprämien für Vorstände und Ex-Manager mit abgesegnet - habe ihn verbittert. Auch deshalb ziehe es ihn, samt der Bank, weg aus Deutschland.
Doch die Kontrolleure haben den Stab über ihrem obersten Angestellten noch nicht gebrochen. "Wir hoffen", sagt einer von ihnen, "dass Ackermann nach einem Freispruch im Mannesmann-Prozess wieder Freude an der Arbeit gewinnt - und an dem Land, in dem er arbeitet."
Und wenn nicht? Erste Gespräche mit möglichen Nachfolgern hat Cartellieri bereits geführt. Er selbst, betonte er gegenüber Politikern und Wirtschaftsführern, stehe jedoch nicht zur Verfügung.
BEAT BALZLI, WOLFGANG REUTER
* Mit Postbank-Chef Wulf von Schimmelmann am Donnerstag vergangener Woche am Rande der Post-Hauptversammlung in Köln.
Von Beat Balzli und Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 20/2004
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