10.05.2004

AUFBAU OSTTotentanz im Festspielhaus

Das Leipziger Zentralstadion, mit 51 Millionen Euro vom Bund finanziert, droht eine Investitionsruine zu werden: Die Stadt hat keinen Verein, der es mit Leben füllt.
Kurz vor dem Anpfiff brüllen die aus Bochum-Wattenscheid angereisten Schlachtenbummler in Sektor D, Block 57, "Auswärtssieg! Auswärtssieg!", und im Leipziger Zentralstadion ertönt ein Echo wie in den Schweizer Alpen. Fast 45 000 Menschen passen in das hochmoderne Bauwerk, gerade mal 3565 sind gekommen. Der Oberrang wurde vorsorglich gar nicht erst aufgesperrt, im Gästeblock stehen mehr Polizisten als Fans, 72 Videokameras überwachen jeden Winkel der Sportarena, sie filmen das gepflegte Nichts.
Eine Viertelstunde später gerät die Partie der Regionalliga Nord endgültig zum Trauerspiel. Wattenscheid führt 1:0, und die Leipziger bolzen den Ball durch die Arena, als wäre es das Ziel, ihn aufs Dach zu befördern. Das Zentralstadion, im März eingeweiht, ist das Festspielhaus des ostdeutschen Fußballs, aber der FC Sachsen Leipzig im Zentralstadion, das ist wie Wolfgang Petry in der Royal Albert Hall.
Gewünscht hat sich die Spielstätte der Deutsche Fußball-Bund für die Weltmeisterschaft 2006, gekostet hat sie rund 100 Millionen Euro. Vier Vorrundenspiele und ein Achtelfinale werden in Leipzig ausgetragen - davor ist die Immobilie überflüssig und danach wahrscheinlich auch.
Die Stadt hat keinen Verein, der ihr Leben einhauchen könnte: Der FC Sachsen kämpft in der dritten Liga gegen den Abstieg, hat sechs Monate lang nicht gewonnen; der viertklassige Lokalrivale VfB, 1903 erster Deutscher Meister, ist pleite und wird Ende Juni aus dem Vereinsregister gestrichen. Und so droht das Zentralstadion zur Investitionsruine zu werden, zum piekfeinen Monument für die 1,25 Billionen Euro, die der Westen seit der Wende Richtung Osten geschickt hat.
Fußball ist wichtig für die Stimmung drüben in den neuen Bundesländern, das wusste schon Helmut Kohl. Im August 1998, als der Einheitskanzler seinen letzten Wahlkampf führte, versprach er den Leipzigern 51 Millionen Euro; dafür sollten sie das altersschwache Zentralstadion abreißen und etwas Großartiges mit Weltniveau an dessen Stelle setzen. Mit 12 Millionen Euro beteiligte sich die Stadt an dem Prestigeprojekt, und 27 Millionen kamen vom Medienunternehmer Michael Kölmel, der für 15 Jahre die Nutzungsrechte der Arena erwarb. Zurzeit streiten sich die Parteien, wie die Mehrkosten aufgeteilt werden.
Sie haben nicht gekleckert in Leipzig, geklotzt haben sie. Zu den überdachten Sitzplätzen gelangen die Besucher über den 23 Meter hohen Wall, auf dem zu DDR-Zeiten die Leute bei Länderspielen oder Turnfesten gejubelt haben. Die Arena hat 18 VIP-Logen, eine dreistöckige Parkspirale für 600 Autos, sogar jener Tunnel wurde aufwendig saniert, durch den Erich Honecker unbeobachtet vom Proletariat ins alte Zentralstadion stolzierte.
Aber auch eine prächtige Bühne, auferstanden aus Solidaritätsbeiträgen, kann die Wirklichkeit nicht ändern. Christian Rocca, 36, sitzt auf Ebene sechs in einer Loge. Der Präsident des FC Sachsen starrt durch eine große Glasfront auf den Totentanz seiner Elf. "Ich gehe nicht davon aus, dass wir die Klasse noch halten", sagt er, "für Leipzig ist der Abstieg eine Blamage."
Sollte der Verein in der nächsten Saison viertklassig sein, will Rocca trotzdem im Zentralstadion spielen - wenn es sein muss vor 2000 Zuschauern. Der West-Berliner Banker fühlt sich dazu verpflichtet, "weil hier Steuergelder verbaut wurden". Außerdem glaubt er noch an die Wende: In zwei Jahren soll es der Verein bis in die zweite Liga schaffen. "Vision 2006" nennt er die Aufstiegspläne, und der Wirtschaftsbeirat des FC heißt "Unternehmen Bundesliga".
Eine Etage tiefer, in der mit feinem Eichenholzparkett ausgelegten Business-Lounge, schlemmt die örtliche Prominenz Lammhaxe mit Champignons in Kräuterrahm. Zwei Ordner in schwarzem Anzug, mit roter Krawatte und Gel im Haar kontrollieren den Zugang zum Büfett. Als Wattenscheid das 4:1 erzielt, packt einen der Kellner das Grauen: "Keinen Cent würde ich ausgeben für den Scheiß."
So denken zu viele in der Heldenstadt. "Fußball, die Weltmeisterschaft - das findet in Leipzig nicht statt", sagt Winfried Lonzen, der Geschäftsführer der Stadion-Betreibergesellschaft ZSL. "Im Wesentlichen dreht sich hier alles um die Olympiabewerbung." Es klingt, als hoffe er, Leipzig scheitere bereits nächste Woche Dienstag bei der Vorauswahl der Kandidatenstädte.
Pro Spiel macht die ZSL im Schnitt 80 000 Euro Umsatz. "Das ist okay, macht aber keinen Spaß", sagt Lonzen. Es reiche gerade mal für die "schwarze Null". 45 000 Euro Garantiesumme überweist er Sachsen Leipzig in dieser Saison pro Auftritt, im Gegenzug kassiert die Betreiberfirma die Ticketeinnahmen. "Ich kann in dem Stadion keine Kartoffeln züchten - wir brauchen Profifußball in Leipzig."
Von den Steuer-Millionen redet Lonzen nicht. Das Geld ist abgeschrieben.
MAIK GROSSEKATHÖFER
Von Maik Grossekathöfer

DER SPIEGEL 20/2004
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