17.05.2004

Der Patriot und seine Partei

Auszüge aus der Willy-Brandt-Biografie von Brigitte Seebacher (Teil 2)
DER NACHFOLGER: Gegensätzliche Temperamente - Brandt, der libertäre Gefühlsmensch, und Schmidt, der Ordnungsmensch.
Die FDP-Führung war seit der Bundestagswahl 1980 zum Koalitionswechsel entschlossen, unter welchem Vorwand auch immer. Insoweit haftete dem Ende sozialdemokratischen Regierens zwei Jahre später der Charakter des Unvermeidlichen an.
Unmittelbar nach dem Bruch wandte sich der FDP-Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher in entwaffnender Offenheit an W. B.: Aber hätten Sie denn damals gedacht, dass ein sozial-liberales Bündnis so lange hält? Dreizehn Jahre?
W. B. wusste, dass es so lange nicht gehalten hätte, wäre die Union früher auf die deutschland- und ostpolitische Linie eingeschwenkt. Die uneingeschränkte Billigung der Verträge, einschließlich der Konferenz von Helsinki, hatte sich durch das Zwischenspiel des Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß noch hinausgezögert. Erst 1981/82 betrieb Helmut Kohl den Kurswechsel.
In den acht Jahren, die zwischen dem Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers und dem Ende der sozial-liberalen Koalition lagen, hatte er sich angestrengt, im Rahmen seiner Möglichkeiten dem Nachfolger Helmut Schmidt "den Rücken" freizuhalten und für "eine gegenseitige Ergänzung" der Arbeit zu sorgen.
Die Temperamente vertrugen sich nicht. Helmut Schmidt, der Ordnungsmensch, von bürgerlichen Zügen nicht frei, nicht in sich ruhend, immer mit dem Hang zum Belehrenden, und W. B., der libertäre Gefühlsmensch, einzelgängerisch, aus allen sozialen Rastern herausfallend, repräsentierten je eine Möglichkeit der Machtausübung.
Noch im Sommer 1982 rühmt Helmut Schmidt die Anstrengungen des Parteivorsitzenden, die Koalition zu retten. Fünf Wochen nach dem Regierungswechsel am 1. Oktober, vom Amt befreit oder auch ihm hinterhertrauernd und einen Schuldigen suchend, teilt er W. B. auf acht Seiten mit, es sei ein Fehler gewesen, nicht auch den Parteivorsitz übernommen zu haben.
Seit dem Sommer 1972 sei er mit der Art von Brandts Amtsführung nicht mehr einverstanden gewesen. Teile der Partei hätten, zumal seitdem es wirtschaftlich schlechter gehe, Sonderinteressen und Unzufriedenheit an der Regierung und dem Kanzler abreagieren können. Auf die Frage, ob hier oder da härter hätte durchgegriffen werden können, aber kam es W. B. nicht an. Dass er ziemlich viel Unfug duldete, noch dazu solchen, der ihn selbst abstieß, wusste er.
Aber er wusste seit 1969 auch, dass hinter den Auf- und Umbrüchen mehr und anderes steckte als die "dritte Wiederkehr einer bürgerlichdeutschen Jugendbewegung", wie Helmut Schmidt schrieb.
Den sozialen Wandel hatte der Vorsitzende auf seine Weise, losgelöst von Sympathie und Antipathie, analysiert; er war zu dem Schluss gekommen, dass die SPD den Wandel würde mitmachen müssen.
Und der Briefpartner in Hamburg sagte ja auch nicht, wie er die alte, disziplinierte Arbeiterpartei, die unentwegt beschworen wurde, am Leben erhalten wollte. Mit Maßnahmen und Machtworten? Dabei nahm W. B. ihm ab, dass sein Herz an der Partei hing, der er sich nach dem Krieg verpflichtet hatte. Überhaupt bestanden keine Zweifel, nicht einmal augenblicksweise, an Helmut Schmidts sozialdemokratischer Seele. Allenfalls zweifelte W. B. an dessen richtigem Augenmaß.
Als Schmidt 1977 eine Raketenlücke entdeckte und die verblüfften Amerikaner darüber belehrte, hatte W. B. das Gefühl, hier übernimmt sich ein deutscher Bundeskanzler.
ENTTÄUSCHUNG: Den Genossen aus der Generation, die nach Brandt kam, fehlte mehr als nur die Fortune.
Auch wenn es keine Last gewesen war, die er 1987 abwarf, Freude machte W. B. der Parteivorsitz nicht mehr. Seit der SPD die Regierungsverantwortung 1982 abhanden gekommen war, fehlte jene Herausforderung, die er brauchte, um Freude an der Arbeit zu haben. Bei allem Sinn für Neues fehlte auch jene Vertrautheit mit Sachen und Personen, die über viele Jahre gewachsen war.
Den Koschnicks, Vogels und Raus aus der Generation, die nach ihm kam und einen Übergang darstellte, fehlte mehr als nur die Fortune.
Zu Hans Koschnick, dem Bremer Bürgermeister, sagte W. B. oft: Du bist der Letzte, der noch in der alten Arbeiterbewegung fußt. Er dachte daran, ihn zu seinem Nachfolger aufzubauen. Aber so schön und unterhaltsam die Anekdoten waren, die man austauschte, die Enttäuschung ließ sich nicht verdecken. Wenn es galt, sich zu entscheiden, und er gebraucht wurde, wer war nicht da? Hans.
Auf die Erfahrung, die dem Vorsitzenden der Wahlkampf 1986/1987 bescherte, hätte er gern verzichtet: Wie konnte einer so selbstverständlich nominiert werden und sich der Aufgabe so gar nicht gewachsen zeigen? Der Kanzlerkandidat Johannes Rau ließ sich auf kaum einer Sitzung mehr sehen und suchte jeder Diskussion aus dem Wege zu gehen; Zahnweh, ein dicker Finger, ein verstauchter Fuß - die Symptome innerer Abwehr waren unschwer zu übersehen.
W. B. fuhr ihm quer durch Deutschland hinterher. Als er ihn schließlich erwischte, teilte Rau ihm mit, dass mit mehr als 35 Prozent nicht zu rechnen sei. Dennoch zog der Kandidat mit dem Ziel der absoluten Mehrheit durchs Land, sich jeder politischen Aussage enthaltend. Die Parole, mit den Grünen nicht zu wollen und mit anderen nicht zu können, war eher der Vorbote eines Desasters.
Beizeiten hatte W. B., hilfreich gemeint, die Bemerkung fallen lassen, dass 43 Prozent auch ganz schön seien. Der unsichere Kandidat aber ließ sich nicht raten. Er rächte sich mit Hilfe seines Wahlkampfleiters. Von einem Augenblick auf den nächsten, mit großem Getöse und mitten im Wahlkampf, legte Wolfgang Clement sein Amt des SPD-Sprechers nieder. Der Vorsitzende reagierte kühl: "Tatsache und Form" des Ausscheidens könne er nicht billigen.
Dabei nahm er kaum je etwas übel. Seine Nachsicht kannte nur wenige Grenzen. Selten versuchte er jemanden aufzuhalten. Oder auch nur umzustimmen. Er wollte die Menschen weder ändern noch erziehen. Politisches Gespür und Führungskraft ließen sich niemandem beibringen. Weltläufigkeit auch nicht. Koschnick, Hans-Jochen Vogel und Rau, auch Annemarie Renger, fuhren immer wieder nach Israel. W. B. witzelte darüber: Wo sollen sie auch sonst hinfahren. In Israel kommen sie mit Deutsch durch.
Lafontaine hielt W. B. schon früh für ebenso begabt wie besonders gefährdet. Dass Oskar durch die Straßen Saarbrückens gehe und die Leute ihn anfassen wollten, ließ er sich gern berichten. Nicht so gern beobachtete er, wie Oskar sich immer nur profilierte, wenn er gegen jemanden oder gegen etwas vorgehen konnte; gegen Personen, je prominenter, desto lieber, und gegen Positionen, je geläufiger, desto bestimmter.
SOZIALE FRAGEN: Als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission verfasst Brandt das erste Dokument der Globalisierung.
Die Rede über die Freiheit, mit der sich W. B., Juni 1987, vom Parteivorsitz verabschiedete, enthielt ein politisches Vermächtnis und war zugleich ein Akt der Selbstbefreiung. Frei von Zweifeln und Zwängen, sich rechtfertigen zu müssen: Es sei angenehm, Führungsschwächen zu beklagen, wenn es sich nicht um die eigenen handelt. Man könne dem scheidenden Vorsitzenden auch seine Liberalität ankreiden; nur müsse man wissen, "dass er ohne sie nicht mehr er selbst gewesen wäre".
Er fühlte sich frei. Frei für die Themen, die ihm wichtig blieben und die er vielleicht in neuem Licht sehen würde. In keinem Jahr zuvor hatte er so viele große Reden geschrieben und gehalten wie 1988. Am Ende des Jahres würde er 75 werden. Die Bilanzierung seines Lebens ließ er sich gern aufnötigen. Den Blick zurück tat er umso lieber, als die Aussichten, die der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow 1985 eröffnet hatte, zu gewissen neuen Hoffnungen berechtigten.
W. B. dachte daran, zusammenhängende Erinnerungen zu schreiben. Der Wunsch, sich über die Tagespolitik hinaus mitzuteilen, war in seinem Wesen angelegt, und der Einschnitt, den das Dasein ohne Parteiamt bedeutete, insoweit weniger hart, als es nach außen hin den Anschein hatte. Er blieb Mitglied des Bundestags und Präsident der Sozialistischen Internationale, und vor allem blieb er - oder wurde es erst? - eine Größe sui generis.
Nicht, dass er es darauf angelegt hätte, er legte es nie auf irgendetwas an, aber dass eine gewisse Ausstrahlung über die Parteigrenze hinweg und auch in das rechte Lager hinein zu wirken begann, gefiel ihm. Das gelegentliche Frühstück mit Bundeskanzler Kohl wurde fortgesetzt. Der hatte die Sitte eingeführt, lange bevor er Bundeskanzler war. Man tauschte sich aus und nahm sich die Freiheit parteiübergreifenden Lästerns.
Als sich abzeichnete, dass W. B. den Parteivorsitz abgeben würde, aber die Nachfolge sich noch nicht verfestigt hatte, fragte Kohl ihn nach dem Kandidaten. W. redete nicht drum herum, tippte auf Vogel und verbiss sich das Lachen über die Reaktion: Um Gottes willen, ich kenne unsern Vogel, und der ist schlimm. Aber Ihrer, der ist noch schlimmer.
Die Frage, wie sich eine unter den Umständen der Industrialisierung geborene Partei am Ende des 20. Jahrhunderts behaupten werde, trieb ihn um. Spätestens seit seiner Niederlage gegen ÖTV-Chef Heinz Kluncker, der 1973 zweistellige Lohnerhöhungen durchgedrückt hatte, war ihm ein feines Gespür für die Sattheit und die Unbeweglichkeit so mancher Gewerkschaftsführer zugewachsen.
Die soziale Frage, mit der er groß geworden war, stellte sich im eigenen Land schon lange nicht mehr. Sie ließ ihn aber nicht los. W. B. war unfähig sich zurückzulehnen und kannte keinen Hang zur Selbstgefälligkeit. Er lief mit neugierigen Augen durch eine Welt, deren Elend auch einem weniger mitfühlenden Herzen nicht verborgen bleiben konnte. W. B. empfand und verstand den Gegensatz zwischen Nord und Süd als die große soziale Frage des ausgehenden 20. Jahrhunderts; sie würde zu einer Überlebensfrage der Menschheit werden.
1976/77 hatte Weltbank-Chef Robert McNamara, einst Kennedys Verteidigungsminister und für Vietnam verantwortlich, erst einmal aus dem Gegeneinander realitätsferner Positionen herauskommen wollen - mit Hilfe einer Unabhängigen Kommission unter dem Vorsitz W. B.s. Von dessen Sicht der sozialen Frage wusste der Amerikaner wenig, von dessen erwiesener Fähigkeit, gemeinsame Interessen gegensätzlicher Partner zu bestimmen, umso mehr.
In dem Jahrzehnt zwischen 1978 und 1988 wandte W. B. Zeit und Kraft auf dieses Engagement. Zeit des Lesens und Schreibens, Redens und Reisens. Der Bericht und seine Einleitung, die W. B. in eigenem Namen verfasste, sind das erste Dokument der Globalisierung.
W. B. beschrieb "die Globalisierung von Gefahren und Herausforderungen" und beschwor "eine Art Weltinnenpolitik, die über den Horizont von Kirchtürmen, aber auch nationale Grenzen weit hinausreicht".
W. B. war der erste westliche Staatsmann, der Michail Gorbatschow im Kreml traf. Ein Zufall mit Sinn? Vielleicht. Im Mai 1985 begleitete ich ihn nach Moskau und wurde Zeugin seines Erstaunens über den neuen Mann. W. strahlte, als schüttelte er die düstere Dekadenz der Ära Breschnew von sich ab.
Bald nach Gorbatschows Einzug in den Kreml zeichnete sich jener Grat ab, von dem auch W. B. nicht sagen mochte, wer wohin abstürzen könnte. Der Liberalisierung in der Sowjetunion, kaum in Umrissen erkennbar, konnte die DDR nicht nacheifern; sofort hätte sich die Frage nach Grenzregime und Reisefreiheit und damit nach der Existenz des Staates gestellt.
Im September 1988 setzte W. B. das Wort von der Lebenslüge in die Welt - in zwei Reden, die er lange bedacht und an denen er bis zuletzt gefeilt hatte. Sie galten, nicht zufällig, der Vergegenwärtigung deutscher Vergangenheiten. Seine Ausdrucksweise war selten apodiktisch. Er musste sehr geladen sein, aufgeladen, um eine solche Sprache zu führen und seine Empfindungen auf solche Weise zuzuspitzen. Das "Wieder" hatte auch er beschworen, solange wie die Teilung noch überwindbar und nicht verewigt schien und die Erwartungen in keinem Gegensatz zu zeitlichen Abläufen und faktischen Gegebenheiten standen.
Nun waren 40 Jahre vergangen, seit der Parlamentarische Rat zusammengetreten war. In der Präambel des Grundgesetzes wurde kein "Wieder" hervorgekehrt, sondern das Volk verpflichtet, "in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden". Was sollte wiederkommen? Das Reich Bismarcks? Die Weimarer Republik, in der die Demokraten gerade nicht zusammengestanden hatten?
Während er 1988 die "Schicksalsgemeinschaft" der Deutschen ausdrücklich hervorhebt und die Zusammengehörigkeit Europas, einschließlich seiner Mitte, beschwört, lässt W. B. das "Wieder" in der Vereinigung gesperrt drucken und nennt es eine "Lebenslüge". Als die alte Rechte das Wort aus dem Zusammenhang reißt und die junge Linke es vollends missversteht, wundert er sich. Wenn die Zeichen auf Vereinigung gestellt werden können, dann doch nur unter neuen, noch nie da gewesenen Vorzeichen!
HAUSBAU: Geld bedeutet Brandt weder Lust noch Prestige. Mit seinen "Erinnerungen" will er das neue Heim in Unkel finanzieren.
Im Spätsommer 1988 hatte er mich mit der Kunde überrascht, dass ein Haus gebaut werden solle, in Unkel. In das Städtchen am Rhein waren wir 1979 durch Zufall verschlagen worden, wir fühlten uns heimisch. Die Frage, ob er sicher sei, das Haus hier bauen zu wollen, wischte er energisch beiseite.
Er hatte sich auch schon überlegt, wie wir zu einem Grundstück kommen würden: Morgen früh erzählst du dem Hausmeister, was wir suchen, schon am Abend wird es einen Rücklauf geben. Und richtig. Wir entschieden uns für den Rheinbüchel.
Auch die Kassenlage hatte er bedacht. Geld bedeutete W. B. weder Lust noch Prestige. Er mochte auch nicht um des Geldes willen durch die Welt ziehen. Dabei konnte er sich über den Mangel an Einladungen nicht beklagen. Er reiste und redete, wie er es gewohnt war - um der Ehre und der Wirkung willen.
Aber dass ein Haus Geld kostete, wusste er auch, und da er die Feder brauchte wie das tägliche Brot, entschied er: Wir verkaufen die Wohnung, ich schreibe "Erinnerungen", und du hilfst mir. Das wird dann reichen.
MAUERFALL: Entfremdung von Ratgebern wie Egon Bahr und Günter Grass, die Brandts Einheitseuphorie nicht teilen.
Am Mittag des 20. August 1989 sendete das französische Fernsehen einen Bericht aus Sopron, einem Ort an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn. Während eines "Paneuropäischen Frühstücks" am Tag zuvor hatte sich die Kunde verbreitet, ein Tor im Grenzzaun sei offen und nicht bewacht. 700 DDR-Deutsche, genau diesen Augenblick ersehnend, waren durch das Tor und in den Westen gestürmt. W., der den Bericht schweigend angesehen hat, steht auf und sagt: Ja, und was soll nun noch die Mauer?
Als er diesen Satz sagte, war Egon Bahr gerade abgefahren. Er hatte zwei Tage bei uns in den Cévennen verbracht. Ein Gefühl der Entfremdung zwischen ihm und W. B. wollte nicht weichen. Auf der Suche nach Antworten hatten sie einst die Ostpolitik erdacht und umgesetzt. Jetzt weckten sie den Eindruck, als entstammten sie zwei verschiedenen Welten.
Die Freude ob der Bewegung, die Europa und dessen deutsche Mitte durchzog und die zu erleben er nicht mehr gehofft hatte, blitzte aus seinen Augen, als W. B. feststellte: Wo zwei Ausreiseanträge bewilligt sind, folgen zwanzig nach, und überhaupt, zwei Millionen sind weg, zwei Millionen sitzen auf gepackten Koffern. Egon Bahr unterbrach ihn ungerührt: Aber vierzehn Millionen bleiben da! Und die werden sich ihren Staat nicht wegnehmen lassen!
W. B. schwieg und schüttelte den Kopf, wie er es in den nächsten Monaten noch öfter tun sollte. Er war von keinem Zweifel angerührt, seiner Sache sicher.
Als am Ende des Sommers die Fluchtbewegung anschwoll und der Druck auf die Grenzen immer noch wuchs, sprach er aus, was länger schon Ahnung gewesen war: "Ich will offen meinem Empfinden Ausdruck geben, dass eine Zeit zu Ende geht." Die Bundestagsrede am 1. September 1989, dem 50. Jahrestag des Kriegsausbruchs, hatte er in den fran-
zösischen Ferien entworfen und hohe Sorgfalt darauf verwendet.
Erbetene und unerbetene Ratschläge gingen ein. Günter Grass forderte "verantwortungsvolle Vorkehr, damit Polen nach jahrzehntelanger ideologischer Abhängigkeit nicht abermals in Abhängigkeit, diesmal vom westlichen Kapital, gerät". Am Vorabend der Rede versuchte Bahr, ihm den entscheidenden Satz von der zu Ende gehenden Zeit auszureden.
Einen Anschluss der DDR an die Bundesrepublik wollte W. B. sich nicht vorstellen, eine Erneuerung aber erst recht nicht. Die hielt er schon jetzt, im September 1989, für abwegig. Jede innere Reform musste früher oder später das Recht auf Meinungs- und Bewegungsfreiheit einschließen und das Ende dieses Teilstaats einläuten.
Am 7. November hält W. B. einen Vortrag in Amsterdam: "Need for a radical change in international cooperation". Als er am 8. nach Unkel zurückkehrt, ist der Umzug auf den Rheinbüchel vollbracht. Mit einem kleinen Rosenstrauß steht er, endlich, in einem eigenen Haus, auch auf deutschem Boden, und freut sich.
Am Abend des 9. November erreicht den Bundestag die Nachricht, dass Günter Schabowski, Mitglied des SED-Politbüros, Reisefreiheit für alle DDR-Bürger verkündet hat. Die Abgeordneten, unter ihnen W. B., stimmen die dritte Strophe des Deutschlandliedes an. Was aus der Ost-Berliner Ankündigung werden würde, ahnen sie nicht.
Als W. bald nach 21 Uhr nach Hause kommt, fragt er, ob ich wisse, was geschehen ist. Ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen, Schmutz und Unordnung haben eher noch zugenommen, der Fernseher ist nicht angeschlossen und das Radio in einer Kiste verschwunden.
Wir improvisieren einen Imbiss und schlafen den Schlaf der Gerechten, bis irgendwann zwischen vier und fünf das Telefon klingelt. Ein freundlicher Mensch vom Hessischen Rundfunk fragt nach W. B., der doch damals, damals, als die Mauer gebaut wurde, Bürgermeister in Berlin gewesen sei. Er muss über meine seltsame Reaktion verblüfft gewesen sein: Wissen Sie denn gar nicht, was los ist? Die Massen strömen durch die Mauer!
Ich wecke W. B.: Da ist jemand, der sagt, die Mauer sei auf, und will dich sprechen. Er ist augenblicklich wach, springt aus dem Bett und geht ans Telefon. Seine Antworten kommen mir vor, als wäre er nicht überrascht. Er legt auf, lächelt verschmitzt und sagt: Das ist es.
EINHEIT: Die SPD, die sich gegen eine schnelle Vereinigung wehrt, verliert die ersten gesamtdeutschen Wahlen.
Die Volksseele drohte in der zweiten Dezemberhälfte, als die SPD ihren Parteitag in Berlin abhielt, überzukochen. In der DDR sackte die Produktion ab, die D-Mark wurde Zweitwährung, und die staatliche Ordnung löste sich auf. Täglich siedelten 2000 Leute in den Westen über. W. B. hatte nun die Sicherheit, dass wir "der deutschen Einheit näher sind, als dies noch bis vor kurzem erwartet werden durfte".
Die breite Abwehr der SPD gegen den Weg, der zur Einheit führte, überging er. Er tat, als wäre sie nicht vorhanden, beschwor die "freiheitliche Sozialdemokratie" und deren lange, stolze Geschichte. "Ich wünsche mir meine Partei ein weiteres Mal als einigende Kraft in unseren Landen und als demokratische Gewährsmacht für Europa in Deutschland."
Nach ihm sprachen, unter der Regie des Parteitagspräsidenten Gerhard Schröder, Egon Bahr und, als Gast, Günter Grass. Bahr berief sich, wie so oft in den Wochen zuvor, auf die Identität, die sich die DDR-Bürger nicht nehmen lassen würden.
Auch und gerade W. B. wollte das Selbstwertgefühl der Menschen wahren; es wurde sein Thema im neuen Jahr. Aber er löste die Tüchtigkeit der Menschen ab von dem Staat, in dem sie gelebt hatten und der nun vor aller Augen zerfiel.
Bahr rühmte auch jetzt noch "die vorbildliche enge Zusammenarbeit beider Staaten" und forderte, vor allem anderen, Abrüstung; die Einheit könne nur das Ergebnis eines europäischen Sicherheitssystems sein. Auch Grass, dessen Einlassungen W. B. jetzt mehrfach die Schamröte ins Gesicht getrieben hatten, wusste genau, was die DDR-Bürger zu wollen hatten. Dieser Hochmut stieß W. B. am meisten ab.
Er ließ sich nichts anmerken, auch nicht, als Lafontaine, bereits als Kanzlerkandidat gehandelt, am Tag darauf diesen Hochmut auf die Spitze trieb und einen Auftritt hinlegte, in dessen Wirrnis nur eine Botschaft erkennbar blieb: Wozu Einheit? Wir müssen "soziale Gerechtigkeit in der DDR und in der Bundesrepublik organisieren".
Als W. B. ihn im Januar 1990, vor einem gemeinsamen Auftritt im saarländischen Wahlkampf, besuchte, um auszuloten, ob Lafontaine lernfähig sei, hörte er die gleichen Sätze wie vor Jahresfrist. Und W. B. hörte noch mehr: Er, Oskar Lafontaine, wisse nicht, wo Leipzig und Rostock liegen,
und wolle es auch nicht wissen, er kenne Mailand und Paris, und diese Städte seien ihm nun einmal nahe. Auf der Rückfahrt verschaffte sich W. B. Luft und scherzte: Ach was, diese Saarländer sind ja gar keine richtigen Deutschen.
Die Lage in der DDR wurde unhaltbar, und die Regierung Modrow tat, was sie tun musste, sie verlegte die Volkskammerwahlen vor. Unter dem Druck des nahenden 18. März 1990 suggerierte der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende, der die gleichnamige DDR-Blockpartei in einer "Allianz für Deutschland" verschwinden ließ, dass es "ohne Kohl keine Kohle" gebe und sich die Probleme in einem Anschluss schon regeln würden.
Die SPD hätte es jetzt sowieso schwer gehabt. Mit einer Führung aber, der die ganze Richtung nicht passte, war es unmöglich zu gewinnen oder wenigstens ehrenvoll zu verlieren. Das eindeutige Ergebnis, die SPD kam auf ganze 21,8 Prozent, setzte W. B. zu. Die Banane, die Otto Schily in die Kameras hielt, bedrückte ihn. Er freute sich, dass die Wahl stattgefunden hatte und ein wesentlicher Schritt zur Einheit getan war. Was seine Partei betraf, so schwankte er zwischen Zorn und Ratlosigkeit.
Der Wahlkampf zur ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 verlief, wie er verlaufen musste. Lafontaine, der Spitzenmann der SPD, tat, als wäre die Einheit des Landes eine Angelegenheit, die schlimmste Befürchtungen weckt.
Über das Wahlergebnis, das W. B. zu Hause zur Kenntnis nahm, war er "betroffen", aber "nicht überrascht". Tatsächlich packte ihn eine kalte Wut. 33,5 Prozent im vereinten Deutschland, und im alten Bundesgebiet auch nur 35,7. W. B. dachte nicht daran, das Ergebnis zu erklären oder gar zu entschuldigen. Eine Partei, die Wert darauf legte, die Partei der Einheit gerade nicht zu sein, musste verlieren.
KRANKHEIT: Ein Tumor im Darm wird entfernt, aber die Wahrscheinlichkeit des Weiterwucherns ist groß.
Der Sommer 1991 versprach schön zu werden. In den letzten Tagen des Juni, die Abstimmungsschlacht um Berlin als Hauptstadt war geschlagen, erfüllten wir uns einen Wunsch und fuhren nach Island. In der Universität von Reykjavik erklärte W. B., was zu erklären er nicht müde wurde. Europa vertrug kein Entweder-oder und musste in die Breite und in die Tiefe zugleich wachsen. Die Erweiterung nach Osten war politisch geboten. Für die Vertiefung führte W. B. ökonomische Gründe ins Feld, globale Zwänge.
Am 1. Juli brachen wir Richtung Süden auf. Cévennen, Le Mézy. Sieben französische Wochen lagen vor uns. W. widmete sich Haus und Hof, seinem kleinen Gemüseanbau, den Marktgängen, der Küche. Alles war wie immer. So schien es, und so wollten wir es selbst glauben.
W. hatte Schmerzen im linken Bein. Sie kamen und gingen, manchmal waren sie so stark, dass er nicht bei Tisch sitzen konnte. Er versprach, die Sache mit dem Bein zu ergründen und sich nach Rückkehr untersuchen zu lassen.
Ein erster Arztbesuch, zu Beginn des September, verlief zufrieden stellend; die Ergebnisse waren, vorläufig, gut. W. nahm alle Termine wahr und blieb rege. Der Putsch in Moskau versetzte ihn in große Erregung. Jetzt bewunderte er Boris Jelzin für seinen Mut.
Den ersten Jahrestag der Einheit, den 3. Oktober, verbringt er zu Hause. Die Stimmung ist gedrückt. Am 4., einem Freitag, fährt er zur abschließenden Untersuchung wieder nach Wiesbaden. Um zwölf ruft mich der Arzt an und sagt: Da ist ein Tumor im Darm, wenden Sie sich an Professor Pichlmaier in der Universitätsklinik Köln.
Als mir W. eine Stunde später die wenigen Meter vom Auto entgegenhumpelt, sehe und weiß ich: W. ist krank, sehr krank. Er setzt sich in seinen Sessel, ich lasse mich auf dem Fußboden nieder. Nach einer langen Weile sagt er: Da ist ein Tumor. Ja, antworte ich, der ist dazu da, dass man ihn beseitigt.
Am Sonntagmorgen sind die Schmerzen im Bein so groß, dass ich seinen Hausarzt anrufe. Der weist ihn in die Universitätsklinik ein, Orthopädie. W. fühlt sich rasch besser, den Schmerzen wird abgeholfen. Über diese Diagnose muss er schmunzeln: Verschleiß zwischen zwei Wirbelknochen, ausstrahlend ins linke Bein.
Professor Heinz Pichlmaier erscheint. Er sagt nur, was gesagt werden muss. W. wird in die Chirurgie überführt und am frühen Morgen des 10. Oktober operiert. Noch vor neun Uhr ruft der Professor an und klingt erleichtert: Der Tumor ist - "im Gesunden" - entfernt, man könne guter Dinge sein.
W. B. wird am 19. Oktober, einem Sonnabend, aus der Klinik entlassen. Am Dienstag danach ruft Professor Pichlmaier an und bittet mich, ihn am Nachmittag aufzusuchen. In seinem Büro berichtet der Professor über das Ergebnis der Gewebeprobe: Der Tumor ist ungewöhnlich aggressiv gewesen, die Wahrscheinlichkeit des Weiterwirkens hoch.
Er erläutert eine mögliche Therapie, die sich über lange Zeit erstrecken und Kraft kosten werde, und schließt in äußerster Sachlichkeit die Frage an: Wie ist Ihre Entscheidung? Ich horche in mich hinein, blicke dann auf mein Gegenüber und sage: Nein. Als es heraus ist, entspannen sich seine Züge, und mit fast weicher Stimme, aber doch sehr bestimmt, sagt er: Sie haben richtig entschieden.
Auf dem Heimweg habe ich mich zweimal verfahren und es nicht fertig gebracht, klare Gedanken zu fassen und zu überlegen, welche Botschaft ich weitergeben würde. Jetzt, noch im Mantel, lässt mich ein guter Geist ausrufen: Wir können frohen Mutes sein. In diesem Augenblick habe ich vergessen, was mir mitgeteilt worden ist. Wir leben, als müsste W. nur wieder zu Kräften kommen, und sind tatsächlich frohen Mutes.
Am letzten Sonntag im Oktober erschien Hans-Jochen Vogel in Unkel. Er machte Mitteilungen über Herbert Wehner und kündigte zugleich an, seinen Verzicht auf eine Wiederwahl als Fraktionsvorsitzender anderntags öffentlich machen zu wollen. W. B. vermutete einen Zusammenhang zwischen beiden Informationen; er unterstellte Vogel ohnehin einen besonderen Draht zu gewissen Diensten.
Als der Gast gegangen war, wirkte er nachdenklich, zugleich aufgemuntert, nicht wirklich überrascht. Kopfschüttelnd ging er im Zimmer auf und ab: Da hat der Kerl - Wehner - auf dem Weg in sein schwedisches Haus tatsächlich in der DDR Station gemacht! Und auch die Sache der anderen Seite vertreten. Nachfragen habe ich jetzt nicht stellen mögen. Das Sein war leicht geworden und die Scheu, es zu beschweren, groß. Wenn der Tod angeklopft hat, werden sie rar, die Anfechtungen der Welt.
Früher als gewöhnlich fuhren wir in die französischen Weihnachtsferien. Eine Kur, eine Art Zwangspause, war nicht in W.s Sinn gewesen, und auch der Professor hatte ihn bestärkt: Zu Hause ist''s am besten.
In den Cévennen war alles wie immer, nur alles noch viel ruhiger als sonst, unaufgeregt, besinnlich. Einige Tage vor Weihnachten suchte W., wie alle Jahre, seine Säge und zog los, auf der Suche nach einer kleinen Zeder, die als Tannenbaum diente.
ABSCHIED: Der letzte Sommer - für den Besuch Helmut Kohls steht Brandt noch einmal von seinem Krankenlager auf.
Der politische und der schreibende, der redende und der reflektierende Mensch W. B. waren ein und derselbe, immer, in jeder Lebenszeit, mochten sich auch die Gewichte verschieben. Schon im Sommer 1991, kaum dass sich die deutschen Dinge beruhigten und die Terminzwänge lichteten, hatte er wieder Filzstift und Papier zur Hand genommen. Was daraus werden würde, wusste er noch nicht.
W. B. hätte nie nur schreiben mögen. Auch jetzt nicht. Er blieb ein Akteur. Zumindest einer, der sich den Akteuren verbunden fühlte und ihnen nahe sein wollte. Er war enttäuscht, fast ein wenig verwirrt, als er eines Abends im März 1992 nach Hause kam und von einer Zufallsbegegnung erzählte.
Auf dem Flur des Bundeshauses hatte er Gerhard Schröder getroffen und ihn rufen hören: Man müsste sich doch mal wieder sehen. - Aber ja, melde dich doch. - Ich bin jetzt Ministerpräsident von Niedersachsen und habe keine Zeit mehr. Es sollten die letzten Worte sein, die Gerhard Schröder an W. B. richtete.
Am 6. April fuhren wir ins französische Haus. Am Ostersonntag Besuch von einer Freundin und deren Mann. Es wurde gegessen und getrunken, und W. war aufgekratzt. Am Ostermontag brach er zusammen.
W. wollte nichts mehr unternehmen und war unleidlich. Er mochte kaum noch essen und legte sich immer wieder hin, trotz Sonne in eine Decke gehüllt, das Gesicht fahl. Am Donnerstag nach Ostern fuhren wir nach Hause.
Am Sonntag, dem 10. Mai, rufe ich den Arzt. Einweisung nach Köln. Mehrere Organe scheinen betroffen zu sein. Untersuchung und Vorbereitung der Operation ziehen sich hin. Zweimal nehme ich ihn für zwei oder drei Tage wieder mit nach Hause. W. sitzt im Garten und wirkt jetzt nicht ernsthaft krank. Rau und Koschnick kommen zu Besuch.
In der Klinik fragt Professor Pichlmaier leise, wie das halbe Jahr seit jener ersten Operation gewesen sei. Ich schließe die Augen: Schön. Er gestattet sich ein kurzes Lächeln und kündigt an, dass die Operation lange dauern werde. Den Termin setzt er auf Freitag, den 22. Mai, fest.
Als noch vor sechs Uhr morgens das Telefon klingelt, habe ich das sichere Gefühl einer schrecklichen Nachricht. Der Professor teilt in knappen, fast abgehackten Sätzen mit, dass man gar nicht erst zu operieren begonnen und den Bauch sofort wieder zugenäht habe.
Dass ich ihn nach Hause hole, habe ich ihm früh gesagt, ohne nachdenken. Er bekommt Morphium, zunächst kleine Dosen, und verweigert das Essen. Man setzt ihm eine Apparatur auf die Brust, zwecks künstlicher Ernährung.
Am Sonntag erschien eine unfreundliche Pflegedame und herrschte W. an. Als sie weg war, zog er die Stöpsel aus dem Kasten auf seiner Brust: Warum esse ich nicht selbst? Bring mir doch mal was. Am Montag fuhr er fort: Ruf da an, sie sollen den ganzen Krempel wieder abholen.
Von der Großmedizin abgenabelt, sind wir nun ganz auf uns zurückgeworfen. Im Juni und im Juli verändert sich der Zustand kaum. Er leidet unter den Nebenwirkungen vor allem des Morphiums.
W. freute sich über Besuch, vorausgesetzt er war nicht anstrengend. Wenn mehrere Tage keiner kam, sehnte er sich nach
Unterhaltung. Aber bestellt hätte er, außer seinen Mitarbeitern, niemanden. Ich machte eine Ausnahme und schickte einige Zeilen an Helmut Schmidt. Er kam sofort, und W. freute sich. Rau wurde selbst krank. Koschnick kam, Holger Börner, Egon Bahr immer wieder, Klaus Harpprecht bis fast ans Ende.
Am Nachmittag des 29. Juli kam, ohne jedes Aufheben, Richard von Weizsäcker. W. genoss die Geste des Bundespräsidenten und die Stunde, die sie unter dem Kirschbaum verbrachten. Es war der letzte Tag, an dem W. hatte nach draußen gehen mögen.
Helmut Kohl hatte schon vor seinem Urlaub wissen lassen, dass er W. B. besuchen wolle. Nach Rückkehr meldete er sich sofort und kam am späten Nachmittag des 27. August. Er hatte diese unbefangene, warmherzige Art, mit einem kranken Menschen umzugehen. Leid und Tod gehörten zum Leben, warum also den Kopf senken.
W., dessen Zustand schlecht war, hatte darauf bestanden, sich anzuziehen, und zu dem Gast gesagt: Ich werde doch nicht liegen bleiben, wenn mein Bundeskanzler kommt. Für den Besuch Helmut Kohls hatte er sich noch einmal aufgebäumt, am Tag danach konnte er nicht mehr aufstehen.
Den Arzt rufe ich jetzt oft. Auch am Sonntagabend, 20. September, ist er da, sein Auto steht sichtbar vor der Tür. I ch stehe mit ihm, wie immer, am Bett, als es klingelt. In dieser Zeit wird oft geklingelt. Manchmal von Leuten, die einen Blumengruß hinters Tor gelegt haben, manchmal einfach so. Ich springe hinunter und frage durch die Sprechanlage, wer dort sei. Eine Stimme sagt: Gorbatschow, ich denke, welch übler Scherz, und springe wieder nach oben. Das Spiel wiederholt sich noch einmal, dann ist Ruhe. Am anderen Tag höre und lese ich, er sei es tatsächlich gewesen, mit Begleitern. Hätte man ihn nicht anmelden können?
Es geht nun schnell. Zwei Katheter werden gelegt. W. hängt, fest angebunden, an einem Tropf, der ihn mit Flüssigkeit und Medikamenten versorgt. Meine innere Uhr ist auf den vierstündlichen Austausch geeicht, ich brauche nicht einmal einen Wecker. W. lässt keinen Kampf aus, der jetzt noch gekämpft werden kann.
Am 7. Oktober kommen nacheinander die Söhne Lars und Matthias. Matthias nimmt mich, als er geht, in den Arm und sagt: Ich werde es dir nie vergessen.
Am Morgen des 8. schlägt er wieder um sich. Ich streichle ihn und rede leise auf ihn ein. Als der Arzt kommt, ist er fast ruhig. Um elf sitzt Peter, der Älteste, an seinem Bett. Nach einer Stunde kommt er herunter. Er bleibt noch ein wenig und geht dann schweigend. Ich setze mich in das Sesselchen vor W.s Bett. Er ringt nach Luft. Laut und schwer. Um halb fünf gehe ich in mein Zimmer hinüber. Plötzlich ist es still.
Der Staatsakt wirft viele Fragen auf. Aber nur eine Frage: Wer soll spielen? Ich erinnere mich an die Geschichte, die W. so oft erzählt hat. Wie 1954 Herbert von Karajan zu ihm gekommen ist und eine Philharmonie verlangt hat. Ich sage schüchtern: Wenn ich einen Wunsch äußern darf, die Philharmoniker. Am anderen Tag wird nachgefragt: Was soll gespielt werden? Ich begnüge mich mit dem Hinweis, der Dirigent werde es selbst wissen.
Claudio Abbado spielt Schubert. H-Moll. Die Unvollendete. Vollendet.
© Piper Verlag, München. * Oben: beim Parteitag der SPD am 14. Juni 1987 in Bonn, mit Hans-Jochen Vogel, Hans Koschnick, Oskar Lafontaine, Johannes Rau; unten: Nach dem konstruktiven Misstrauensvotum am 1. Oktober 1982 gratuliert Helmut Schmidt seinem Nachfolger Helmut Kohl. * In seinem Arbeitszimmer in Unkel 1991. * Links: als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission 1978 in Sambia; rechts: als Präsident der Sozialistischen Internationale 1988. * Mit Hans Koschnick, Egon Bahr, Gerhard Schröder am 17. Oktober 1989 in Moskau. * Am 3. Oktober 1990 mit SPD-Chef Oskar Lafontaine, Außenminister Hans-Dietrich Genscher, Hannelore und Helmut Kohl, Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Ehefrau Marianne. * Links: im Garten seines Hauses in Unkel 1991, wenige Tage nach der Tumoroperation; rechts: vor dem Berliner Reichstag am 17. Oktober 1992.

DER SPIEGEL 21/2004
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