17.05.2004

Angeknackste Helden

Pädagogen sorgen sich um die Männer von morgen: Immer mehr Jungen verlassen die Schule mit miserablen Noten. Sie sind tief verunsichert, männliche Vorbilder fehlen. Forscher rufen bereits die „Jungenkatastrophe“ aus, die Leistungen der Mädchen werden unterdessen immer besser.
August Ferdinand Möbius, Mathematiker und Astronom zu Leipzig, nahm den Mund ganz schön voll. "Das Mathematische ist der Gegensatz des Weiblichen", verkündete der Elite-Wissenschaftler, gerade mal zwei Menschenleben ist es her. "Möchte dieses in grenzenlosen Gefühlen verschwimmen, so gipfelt männliche Klarheit in der Exaktheit." Eine Frau, talentiert für Algebra oder Geometrie und auch sonst nicht blöd? "Wider die Natur" wie "eine mit Bart".
Das Schicksal ersparte dem Gelehrten Einsicht. Als die ersten Schülerinnen 1896 in Berlin das Abitur bestanden, lag Möbius bereits unter den Toten.
So befremdlich die Töne des Spitzenforschers heute klingen mögen - Großprotz Möbius verhielt sich seinem Geschlecht gemäß. Den Trägern des Y-Chromosoms sei eines gemein, fasst Doris Bischof-Köhler zahlreiche Verhaltensstudien zusammen: "Das Selbst wird meistens überschätzt."
Schon im Kindesalter, so führt die Münchner Entwicklungspsychologin aus, zeigen sich Jungen eher unbeirrt von Schlappen und Gemäkel. Konsequent zieht sich der Befund durch Leistungstests in Kindergarten, Schule und Beruf: "Ist die Versetzung gefährdet oder die Karriere ungewiss: Männliche Selbstwahrnehmung ist auch in aussichtsloser Lage meist rosarot."
Die Schönfärberei wird langsam riskant. Obwohl Männer einparken können, obwohl sie rund 30 Prozent mehr verdienen als Kolleginnen in gleicher Position und noch immer die mächtigsten Ämter besetzen: Der Nachwuchs schwächelt. Ernsthaft.
Ärzte attestieren Jungen dreimal so oft das Zappelphilipp-Syndrom ADHS wie Mädchen; wenn Lehrer sich zur Disziplinarkonferenz versammeln, dann geht es in den meisten Fällen um einen männlichen Delinquenten; auch unter den Legasthenikern stellen Jungen die große Mehrheit. Ja, mehr noch: "In Klassen für Verhaltensauffällige überwiegen sie zu 90, unter Schülern mit Lernschwierigkeiten zu 75 Prozent", berichtet die Oldenburger Pädagogikprofessorin Astrid Kaiser.
Unterdessen steigen die Frauen von morgen auf. Seit 1992 schaffen mehr Mädchen als Jungen das Abitur - mit durchweg besseren Noten. Seit zwei Jahren überwiegen sie auch an den Hochschulen. 55 Prozent aller Gymnasiasten und 60 Prozent aller vorzeitig Eingeschulten sind weiblich.
Die Jungen hingegen dominieren unter den Sitzenbleibern; 150 000, rund ein Drittel mehr als bei den Mädchen, waren es im vergangenen Jahr (siehe Grafik Seite 84). Je anspruchsvoller der Schultyp, desto stärker sind Mädchen vertreten, so lautet die eine Wahrheit. Die andere: Wer nicht einmal die Hauptschule zu Ende bringt, ist meist männlichen Geschlechts.
Fast durchweg erreichten Schülerinnen bei internationalen Schulleistungsstudien wie Iglu (Lesekompetenz in der Grundschule), Tims (Mathematik, Naturwissenschaften) und Pisa (Textverständnis, Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) die höheren Werte: Vor allem beim Lesen und beim Textverständnis liegen sie weit vorn. Gerade erst bestätigten britische Wissenschaftler diese Tendenz. Unter zehntausend Kindern fanden sie doppelt so viele Jungen wie Mädchen mit starken Leseschwächen.
In ihrem Problemfach Mathe hinken die Mädchen zwar hinterher - doch weitaus weniger als die Jungen ihren Mitschülerinnen in den sprachlichen Fächern. Auch in Chemie holen sie auf, in Biologie sind sie längst überlegen. Allein in Physik schneiden die Jungen noch deutlich besser ab.
"Lange beschäftigte uns allenfalls die mangelnde Sozialkompetenz von Jungen", sagt Barbara Koch-Priewe, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Dortmund. "Nun bekommt die Debatte eine neue Brisanz. Die Pisa-Studie hat den Blick auf die Leistungsdefizite gelenkt."
Die Kerle, so sorgen sich Eltern, Lehrer und Forscher, manövrieren sich ins Abseits. "Viele riskieren ihre Zukunft", meint Uli Boldt, Buchautor und Lehrer an der Martin-Niemöller-Gesamtschule in Bielefeld*.
"Es bahnt sich eine Jungenkatastrophe an", sagt auch Henning Scheich, Direktor und Lernforscher am Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg. "Da entwickelt sich eine handfeste Versagerquote."
Die Aktiven des Vereins MANNdat forderten vor drei Wochen in einer Petition an den Bundestag bereits Jungenrechte ein; der Elternverein des schülerreichsten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen mahnt aufgeschreckt, die Zahl männlicher Schulab-
gänger ohne Abschluss sei Besorgnis erre-
gend: "Hier braut sich persönliches Un-
glück, aber auch ein gefährliches gesellschaftliches Problem zusammen."
Denn die Versager von heute werden kaum zu denen heranreifen, die eine Gesellschaft so dringend nötig hat - Steuerzahler mit hohem Einkommen und beziehungsfeste Väter wohlgeratener Kinder. Wer von der Schulbank zum Sozialamt schlittert, verdient meist lebenslang wenig und sieht auch auf dem Heiratsmarkt schlecht aus. Die wenigsten Abbrecher gründen eine Familie.
Ist es also so weit? Kommen nach Jahren der Mädchenförderung, nach "Girls-Days" in Schulen und "Mädchen-AGs" in Kindergärten, nach "Mädchenfreiräumen" auf städtischen Spielplätzen und "Mädchen-Ermutigungs-Nachmittagen" in Jugendzentren, nun die Jungen zu kurz?
Wer diese Frage stelle, der rüttle an einer "gesellschaftlichen Vereinbarung", erklärt die Leipziger Soziologin Heike Diefenbach. Als politisch korrekt gelte es nun einmal, die Mädchen im Nachteil zu sehen. Detailliert hat die Wissenschaftlerin aktuelle Bildungsstatistiken ausgewertet - und folgert aus den Daten unverblümt und gegen alle Konvention: "In deutschen
Schulen haben Jungen deutliche Nachteile gegenüber Mädchen."
Häufig bekommen sie es frühzeitig zu spüren. "Viele melden sich bei uns an, weil sie sich in der gemischten Grundschule übervorteilt gefühlt haben", erzählt Barbara Gauger, Lehrerin an einer der letzten Jungenschulen Deutschlands. Selbst Pädagogen wie Johannes Glötzner, die sich dem Wohl der künftigen Männer verschrieben haben, ertappen sich dabei, Schülerinnen zu bevorzugen. "Wir machen es Mädchen leichter, weil sie es uns leichter machen", sagt der Jungenbeauftragte für die städtischen Schulen in München. "Sie rüpeln weniger, plustern sich nicht so auf, haben oft lesbarere Handschriften und organisieren verlässlich das Drumherum vom Tafelputzen bis zum Klassenfest." Kurzum und im Pädagogendeutsch: Mädchen zeigen "schulangepasstes Verhalten".
Zwar bereiten auch sie Sorgen - vor allem in der Pubertät. Doch die Probleme mit Körper und Selbstwert, im schlimmsten Fall Magersucht und Depression, spiegeln sich selten in den Zeugnissen wider.
Im Gegenteil, womöglich trägt eine typisch weibliche Unart dazu bei, dass Mädchen häufig die aufmerksameren Schüler sind. Nahezu einhellig belegen psychologische Studien, dass sie sich trotz der besseren Noten durchweg schlechter einschätzen als Jungen.
Der Zweifel treibe zu gründlichem Lernen, und die "Schulangepassten" machten es sich auch selbst leichter, so die Forscher. "Eine ruhige Schülerin bekommt nun mal mehr mit als ein Kerl, der seinen Kumpel ständig mit dem Zirkel in den Rücken piken will", sagt Lehrer Boldt. "Es ist das Verhalten, das die Leistungen von Jungen und Mädchen auseinander treibt. Das eine Geschlecht ist ja nicht grundsätzlich intelligenter als das andere."
Oder vielleicht doch? Und falls die Jungen wirklich nicht dümmer sind, warum kriegen sie die schlechteren Noten? Warum verhalten sie sich so viel unangepasster und rebellischer? Und wie lässt sich ihnen helfen?
Die Frage nach den Unterschieden rührt an einen grundlegenden Forscherstreit. Stattet die Natur einen Menschen mit seinen Begabungen aus? Oder entfalten erst Erziehung, Umwelt und Gesellschaft seine Talente?
Die Erklärungen wechselten wie Ebbe und Flut. Lange galt das Weib als Mangelwesen der Natur, das mit geringeren Geistesgaben gesegnet sei. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts erkämpften sich die Frauen allgemeinen Zugang zu Gymnasien und Universitäten; dabei betonten Psychologen und Soziologen den Einfluss von Umwelt und Erziehung. "Doing Gender" lautete das Schlagwort der überwiegend weiblichen Forscher in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren: Geschlechterrollen und das mit ihnen verbundene Verhalten würden erst durch die ständige gesellschaftliche Bestätigung zementiert.
In den neunziger Jahren dann wurden mit der neuen Begeisterung für Bio- und Gentechnik, für das geheimnisvolle Wirken von Hormonen und Neuronen, auch biologische Argumente wieder mehrheitsfähig. Inzwischen verstehen die meisten Wissenschaftler menschliche Entwicklung als ein Zusammenspiel von "nature and nurture", von Natur und Erziehung.
Die Beleglage jedoch bleibt verworren: Dass nicht nur deutsche, sondern auch finnische, japanische, ungarische oder neuseeländische Mädchen beim Pisa-Test besser abschnitten, in einigen Ländern gar in Mathematik, spricht beinahe für eine naturgegebene Überlegenheit des weiblichen Geschlechts. Dass der Leistungsvorsprung der Mädchen in den letzten Jahren stetig zugenommen hat, lässt eher vermuten, dass ihnen gesellschaftliche Einflüsse zugute kommen.
Zunächst einmal, und das erschwert die Suche nach Antworten, findet sich unter den Verhaltensweisen der Geschlechter überwiegend Gemeinsames: Alle Jörgs und Annas dieser Welt weinen, lieben und wüten. Beide können eine Leidenschaft für Schokoladenkekse oder Badewannen entwickeln - auch wenn die Bevorzugung der Dusche einst als ausgesprochen männlich galt. Und selbstverständlich kämpfen auch Mädchen mit Rechtschreibregeln, so wie Jungen in Mathe-Klausuren aufgeben - ganz gegen die Statistik.
"Alle Angaben zum typischen Verhalten sind eben Mittelwerte", erklärt die Münchner Psychologin Bischof-Köhler. "Und mitunter sind Unterschiede innerhalb einer Jungen- oder Mädchengruppe sogar größer als zwischen den Geschlechtern."
Die Spurensuche im internationalen Kindergarten Hamburg-Blankenese offenbart trotz aller Gemeinsamkeiten augenfällige Unterschiede. Zur Pause stolpern die künftigen Männer und Frauen aus 40 Nationen auf den Hof - und 40 Sekunden später steht die Formation: an den Sandkisten in Grüppchen die Mädchen, auf dem Fußballplatz tobend die Jungs. Die einen stecken die Köpfe zusammen und reichen sich ernsthaft ihre Schäufelchen, die andern kloppen sich bereits in den ersten zwei Minuten.
"Eh, this is fun", ist bloß Spaß, wehrt Jacob eine Lehrerin ab - der Vierjährige liegt platt auf dem Boden, weil sein Freund ihm gerade ein Bein gestellt hat.
Hunderte solcher Szenen hat Direktor Nick Ronai in seinem Berufsleben beobachtet. "Mädchen spielen stundenlang vor sich hin", berichtet er, "während Jungen bis zum siebten Lebensjahr am liebsten im Pulk ihre Körperkraft messen." Und das gelte für Kinder aller Nationen. "Ein Südafrikaner und ein norwegischer Blondschopf mimen mit der gleichen Begeisterung irgendeinen Kampf", sagt er. "Da müssen sie durch."
Ronais Erfahrung deckt sich mit den Ergebnissen der Wissenschaft. 20 Jahre lang forschte die amerikanische Entwicklungspsychologin Eleanor Maccoby von der Stanford University in Kinderzimmern, Krippen, Schulen und Experimentierlabors, mit versteckter Kamera und Hunderten von Beobachtungsbögen. Eigentlich hatte sie belegen wollen, wie ähnlich sich die Geschlechter sind. Stattdessen stellte Maccoby fest: Mädchen und Jungen folgen unterschiedlichen Programmen - Mädchen einem Kooperations-, Jungen einem Dominanzprogramm.
Schon ein Neugeborenes benimmt sich, als wüsste es um sein Geschlecht. Offenbar reagieren weibliche Babys früher auf Stimmen und suchen eher Blickkontakt. Männliche Säuglinge dagegen reißen, sobald sie greifen können, anderen aus den Fingern, was sie nur irgend zu fassen bekommen. Mit 14 Monaten dann starren Jungen bereits länger auf Lastwagen und Gewehre, Mädchen auf Puppen und Stofftiere.
"Wir müssen das wohl akzeptieren", meint Anne Campbell, Psychologin an der University of Durham. "Es gibt irgendetwas, das schon in diesem Alter ein Objekt attraktiver macht für Jungen oder für Mädchen." Ihre Heidelberger Kollegin Sabine Pauen hat derart verschiedene Interessen schon bei elf Monate alten Kindern beobachtet - "obwohl die nun wirklich nicht wissen können, welche Spielzeuge eher als männlich oder weiblich gelten".
Bei den Rollenspielen der Zwei- und Dreijährigen entdecken selbst kinderlose Laien Unterschiede, so sehr passen die Vorlieben ins Klischee: Mädchen variieren soziale Themen wie "Einkaufen" oder "Familie" immer wieder neu, während Jungen sich in Indianer, Löwen oder Ritter verwandeln. Stundenlang experimentieren sie mit Rivalität und Hierarchie.
Anders als Mädchen, die miteinander viel und eher freundlich sprechen, führen die Kerle gern das derbe Wort im Mund - und beherrschen schon im Kindergartenalter gemischte Gruppen mit ihren ruppigen Sprüchen.
"Bitter ist ja, dass all das so platt klingt", meint Jacobs Mutter, die ihren Erstgeborenen Benjamin, heute zehn Jahre alt, als Kleinkind auch für Puppen zu begeistern suchte - mit mäßigem Erfolg. Nun verblüfft die Ökonomin immer wieder, wie anders alles bei ihrer kleinen Tochter ist. "Klar", meint sie, "auch Emma kommt mal mit der Pistole und sagt ,Hände hoch''." Doch fehle der Zweijährigen jede Lust am Streit.
Den beiden Söhnen geht das anders. Kopfschüttelnd erzählt die Mutter vom Topfschlagen beim Kindergeburtstag. "Die Jungs stellten ihren Kumpeln, die mit verbundenen Augen herumkrochen, immerzu Stühle in den Weg und fanden es wahnsinnig komisch, wenn sie ordentlich aneckten."
Woher stammen solche Muster? Verhaltensforscher wie Melissa Hines von der britischen City University of London und Gerianne Alexander von der amerikanischen Texas A&M University greifen zur Erklärung weit zurück ins Tierreich. Sie boten einer Gruppe Meerkatzen verschiedenes Spielzeug an und beobachteten, wie sich die Affen-Männchen auf Autos und Bälle stürzten, die Weibchen aber zu Puppen und Kochtöpfen griffen. Das typische Spielverhalten von Kindern, so schließen die Wissenschaftlerinnen, sei folglich entwicklungsgeschichtlich verankert.
Dafür scheint auch eine gerade in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" veröffentlichte Studie zu sprechen, die auf weibliche Überlegenheit beim Lernen hindeutet. In einer Schimpansenkolonie im tansanischen Gombe-Nationalpark kapierten die Menschenaffen-Mädchen durchschnittlich 27 Monate früher als ihre Brüder, wie sich Termiten mit einem Stock angeln lassen. Eifrig übten sie, die nahrhaften Insekten zu fangen, während die Männchen herumtollten.
Der neue Befund stützt die Thesen der Psychologin Bischof-Köhler, die lange im Institut des Verhaltensforschers Konrad Lorenz gearbeitet hat. Weibchen investierten weitaus mehr in den Nachwuchs, argumentiert sie in ihrem Buch über die Psychologie der Geschlechtsunterschiede*. Sie trügen die Jungtiere nicht nur aus, sie steckten auch mehr Mühe in deren Aufzucht und Pflege.
"Evolutionär gesehen haben sich bei den Weibchen deshalb Fürsorglichkeit und Umsicht als günstige Voraussetzung für die Verbreitung des Erbguts herausgestellt", sagt sie. "Die Männchen hat eher der Wettbewerb nach vorn gebracht." Schließlich müssten sie um das beste aller Weibchen unternehmenslustig streiten - bevorzugt in ritualisierten Kämpfen mit Imponiergehabe, nach dem Motto: "Drohen, bis der andere den Schwanz einzieht." Schon ein Dreijähriger, gleich welcher Nationalität und Kultur, gebärde sich daher als Meister der Rangelei und Selbstdarstellung. "Er erprobt spielerisch den kämpferischen Ernstfall."
Für den amerikanischen Psychotherapeuten und Geschlechterspezialisten Mi-chael Gurian steht außer Frage, dass sich aus solchen vorzeitlichen Rollenmustern die kognitiven Talente von heute erklären lassen. Der jagende Mann musste zielen, sich im Gestrüpp zurecht- und nach Hause zurückfinden; die Frauen saßen am Lager und kümmerten sich sprachlich-sensibel um die Sippe. Wen wundere es da, schlussfolgert Gurian, dass Jungen bei räumlichmathematischen Aufgaben besser abschneiden, Mädchen aber beim Aufsatz?
Doch die Welt hat sich gewandelt: Einsatzfreude, Ausdauer und Beweglichkeit mögen Männern menschheitsgeschichtlich genützt haben. Heute aber ist im Leben kleiner Jungen nur noch wenig Platz für die seit Jahrtausenden erprobten Muster. Viele wachsen als Stubenhocker auf, Meister werden sie allenfalls im Videoboxkampf. Seit Sturm und Drang nicht mehr im Freien, sondern am Bildschirm ausgetobt werden, verlagern die Heranwachsenden Kampf und Fehde offenbar in den Unterricht - so ließen sich die Schulprobleme evolutionsbiologisch deuten.
Zunehmend mischen sich auch Hirn- und Hormonforscher in die Debatte darüber ein, warum Jungen so häufig in der Schule straucheln. Besonders das Testosteron steht unter Verdacht. Bereits im Mutterleib stelle das Sexualhormon, das ab dem dritten Schwangerschaftsmonat in den Hoden männlicher Föten gebildet wird, die Weichen; geradezu schicksalhaft komme am Ende wildes und wortkarges Verhalten heraus - so jedenfalls lautet die These.
Tatsächlich lässt ein Experiment mit trächtigen Rhesusäffinnen vermuten, dass Testosteron und Rangelei etwas miteinander zu tun haben. Forscher spritzten den Tieren hohe Hormondosen - und ihre Affentöchter führten sich schon als Babys wilder und kämpferischer auf als diejenigen der unbehandelten Weibchen.
Am Menschen sind solche Experimente undenkbar. Trotzdem gibt es einzelne Mädchen, deren Wesen für die Beweiskraft des Tierversuchs spricht. Wegen einer Störung der Nebennieren sind sie bereits in der Gebärmutter übermäßig vielen männlichen Hormonen ausgesetzt; zur Welt kommen sie deshalb mit einem Penis. Selbst nach einer Geschlechtsoperation verhalten sich die meisten von ihnen eher wie typische Jungen. Sie sind ungestümer als andere Mädchen, interessieren sich kaum für Puppen oder Stofftiere und bevorzugen Jungen als Freunde.
"Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass geschlechtsspezifische Prägung durch Hormone schon vor der Geburt stattfindet", erklärt Simon Baron-Cohen, Psychologe am Trinity College im britischen Cambridge. Sie bestimmen ohnehin zeitlebens das Verhalten eines Menschen.
Mehr noch, Forscher am Institut für Kognitive Neurowissenschaft der Ruhr-Universität Bochum glauben sogar beobachtet zu haben, wie Testosteron das Denken vermännlicht. Sie untersuchten Frauen an verschiedenen Tagen ihres Zyklus und stellten fest: Mitten in der Periode, wenn der Testosteronspiegel relativ hoch liegt, konnten die Probandinnen das besonders gut, was sonst Männersache ist - räumlich-mathematische Aufgaben lösen.
Längst bedienen sich Geschäftstüchtige bei der Wissenschaft, um ehrgeizige und verzweifelte Eltern zu ködern. An der University of Colorado etwa betreibt der Psychotherapeut Gurian ein pädagogisches Zentrum für geschlechtsoptimale Gehirnschulung. "Jungen und Mädchen lernen unterschiedlich", lautet seine Botschaft. In Büchern und Filmen, das Doppelvideo für beide Geschlechter zu 698 Dollar, verortet er nicht nur vermeintlich unterschiedliche Leistungszonen im Gehirn, er erteilt auch pädagogische Ratschläge: "Machen Sie aus normal männlicher Huckleberry-Finn-Energie schulische Leistung und einen guten Charakter."
Nach sechs Monaten schon, so Gurians Versprechen, ließen die Disziplin-Probleme nach. Seine Seminare sind proppenvoll. Hunderte von Eltern sitzen in "Raising Son Centern" (Zentren für die Aufzucht des Sohnes) und quälen sich mit Fragen: Ist mein Junge normal? Wie wird er besser in Mathe? Und welches Neuronennetz könnte ihn zum Schusswaffengebrauch verleiten?
Das lukrative Geschäft macht sich auch in Europa breit. Die beredte Lebenstrainerin Vera Birkenbihl zum Beispiel bietet einen Junitag lang "ein Live-Seminar Brain Management" an - inklusive "bahnbrechender" Pädagogikkonzepte für Jungen- und Mädchengehirne.
Neurowissenschaftler Scheich hält so etwas für fatal. "Die Forschung verfügt über keine Ergebnisse, die solche Konzepte nahe legen", kritisiert er. "Uns fehlen systematische Großstudien." Alle Daten zu Männer- und Frauengehirnen seien bislang nichts als Abfallprodukte anderer Fragestellungen - etwa, wie der Mensch lerne.
Auch Scheich leugnet nicht, dass Jungen und Mädchen möglicherweise unterschiedliche Lernstrategien verfolgen: "Es scheint so zu sein, dass Männer zunächst eher Details, Frauen aber Gesamteindrücke wahrnehmen. Und es sieht so aus, als ob bei Männern eine Hirnhälfte stärker aktiv ist, wenn sie Aufgaben lösen, bei Frauen aber beide." Als Grundlage für sinnvolle Ratschläge jedoch, warnt Scheich, reichten solche Erkenntnisse längst nicht aus.
Trotzdem scheut er sich nicht, auf der Grundlage seiner jüngsten Untersuchungen über die Vorgänge in den Köpfen von Schülerinnen und Schülern zu spekulieren. "Wenn bei Mädchen tatsächlich beide Hirnhälften stärker miteinander kommunizieren, könnte es sein, dass Schülerinnen eher mit Abwägen und Verbinden von Information beschäftigt sind", meint Scheich. Schließlich leiste die rechte Hirnhälfte etwas, das die linke nicht könne: "Sie interpretiert, wie ein Satz gemeint ist oder wie der Sprecher zu Inhalt und Gesprächspartner steht. Die linke analysiert derweil Sachinformationen."
Dabei sei keine der beiden Denkstrategien an sich die überlegene. "Womöglich dringt das Mädchen, bei dem dauernd rechte und linke Hemisphäre bei der Bewertung von Informationen gegeneinander antreten, gar nicht bis zu dem Punkt vor, wo sich ein Junge auf ein einziges Problem konzentriert und dieses dann auch löst." Diese Fähigkeit mache Jungen eventuell zu besseren Spezialisten, mutmaßt Scheich. "Aber nicht immer bringt den Menschen Zuspitzung ans Ziel."
Zudem gilt ganz generell, dass erst die Gesamtvernetzung der Nervenzellen die Leistungsfähigkeit eines Gehirns bestimmt - und die ist abhängig von den individuellen Erfahrungen. Mutter, Vater, Babysitter, Erzieherinnen: Sie alle beeinflussen das Verhalten mindestens so sehr wie Testosteron.
Lange galten vor allem die Eltern als "wichtigste Akteure im Sozialisationsdrama", wie es die Stanforder Psychologin Maccoby formuliert. Eine Reihe von Untersuchungen etwa weist Vätern nach, dass sie Aggressivität bei Söhnen eher dulden - damit der Nachwuchs bloß nicht weibisch werde. Doch Papa und Mama allein können aus Töchtern keine angepassten Wesen voller Selbstzweifel und aus Söhnen keine prügelnden Schulabbrecher machen. Zuständig ist ein Mix aus Genen, Eltern und Umgebung - und ausweichen kann ihm keiner.
"Vom ersten Lebenstag an fangen die Zuschreibungen an", erklärt die Dortmunder Erziehungswissenschaftlerin Koch-Priewe. In psychologischen Tests lässt sich beobachten, dass Erwachsene mit Babys vorsichtiger und zärtlicher umgehen, wenn sie glauben, sie hielten ein Mädchen im Arm. Und auch das Kind passt sich an, sobald es weiß, welches Verhalten als angemessen gilt. "Selbstsozialisierung" nennt Maccoby es, wenn etwa eine Vierjährige im Spielversuch den Kipplaster verweigert und dann erklärt: "Meine Mami wäre froh, wenn ich damit spiele. Aber ich will nicht."
Vielleicht stehe dahinter das Bedürfnis nach Kategorisierung, meint die Entwicklungspsychologin. Jeder Mensch wolle sich einer Gruppe zuordnen; am nahe liegendsten sei da, mit nur zwei Alternativen, nun einmal das Geschlecht.
Die Folgen können den Alltag eines Lehrers zur Höllenprüfung machen. In der Bielefelder Martin-Niemöller-Gesamtschule finden sich alle notwendigen Zutaten. Mit 1700 Schülern ist sie fast unübersichtlich groß, ein Betonbau mit langen Gängen und unverputzten Mauern. Rund ein Viertel der Kinder stammt aus Migrantenfamilien.
"Ihre erste Sprache ist die der Gewalt und Lautstärke", sagt Bernhard Ferié über seine Schüler in der fünften Klasse. "Sie müssen mühsam lernen, dass Menschen sich auch mit Worten auseinander setzen können." Vor allem viele Jungen, ergänzt Kollege Boldt, kennen nur eine Erfahrung: "Sie überleben, wenn sie anderen einen drübergeben."
Der 52-jährige Mathematik- und Wirtschaftslehrer ist angetreten, die "verqueren Männlichkeitsvorstellungen" seiner Zöglinge zu durchkreuzen. Ein Haushaltspass soll den lässig auftretenden Kerlen das Macho-Gehabe abgewöhnen; Noten für Kloputzen, Bügeln und Kartoffelschälen. "So weit der Praxisschock. Genauso wichtig aber ist es, über Verhalten zu reden."
Seit zehn Jahren leitet Boldt "Jungen- und Mädchenkonferenzen", Schulstunden, in denen die Kinder nach Geschlecht getrennt "ein paar Dinge klären". In den fünften Klassen gehören sie zum Stundenplan, in den höheren bietet Boldt sie nach Bedarf an - und der steigt mit der Pubertät.
"Die Kerle versuchen dann noch mehr, sich in den Vordergrund zu spielen", erzählt er. "Furzen, rülpsen, kloppen - alles ist ihnen recht, wenn sie den Mädels nur zeigen können: Ich bin der Größte."
In der ersten Jungenkonferenz blickt Boldt in skeptische Gesichter: Was will der Typ? Und überhaupt, nur mit Jungen? Ist der schwul? "Hilflosigkeit", kommentiert der Lehrer, "sie sind es nicht gewohnt, über sich zu reden." Johlend bilden die Fünftklässler einen Stuhlkreis, zum Auftakt erklärt Boldt das Spiel "Böse Hand". Nach bestimmten Regeln müssen Waldemar, Mirko, Kevin, Lukas und die anderen zwölf jeweils ihre linke Hand auf das Bein des Nachbarn legen. Wer patzt, scheidet aus - Körperkontakt als Wettkampf getarnt.
"Viele haben weder ein Gefühl für den eigenen Körper noch für diejenigen der anderen", meint Boldt, der in den Ferien mit dem Rad die Alpen überquert und selbst in Jeans und T-Shirt so wirkt, wie seine Jungen mit ihren rosigen Gesichtern gern wären: cool.
Die Mädchen unterdes sind weiter. Sie reden mit der Klassenlehrerin darüber, was beim Verliebtsein im Bauch alles kribbelt. "Wir besprechen das hier ganz cool", erzählt Sevar. Elf Jahre ist sie alt, ihre Strickjacke baumelt lässig um die Hüften geknotet. Kreolenohrringe, zwei Halsketten, rot lackierte Fingernägel. "Die Jungen kapieren es ja voll nicht, wenn wir verknallt sind." Sagt sie und löst den Pferdeschwanz.
"Wie fandet ihr das Spiel", fragt Boldt im Nachbarraum, und plötzlich fließen Tränen. Waldemar, der den Kugelschreiber salopp hinterm Ohr trägt, schluchzt. "Ivan hat mich geschlagen." Der sitzt da, die Arme vor der Brust verschränkt: "Der Typ hat mir nicht dazwischenzuquatschen", sagt er und gibt damit Mirko und Kevin den Auftakt. "Waldemar, das Weichei, Weichei, Weichei", hänseln die beiden in schöner Zweistimmigkeit.
"Wer jetzt nicht die Klappe hält, verlässt sofort den Raum." Boldts Bass klingt drohend - spätestens jetzt ist klar, dass diese Unterrichtsstunde ebenso strengen Regeln unterliegt wie Mathe oder Englisch. "Was könnten Ivan und Waldemar tun?" Pause, schließlich meldet sich Christoph, ein properer Pausbäckiger. Die letzte Stunde hat er dazu genutzt, einen Dolch nebst Yin-und-Yang-Zeichen auf seine Unterarme zu malen. "Sich vertragen", schlägt er vor. "Ivan, fühlst du dich dazu in der Lage?", fragt Boldt nüchtern. Nach kurzem Zögern streckt der die Hand aus. Den Rest der Stunde wird er wieder mit verschränkten Armen dasitzen.
"Immerhin ein Erfolg", findet Boldt, "je älter sie werden, desto schwerer fallen ihnen soziale Rituale." Boldt ist seit 1974 Lehrer. "Jungen haben ein schwächeres Ich als früher", sagt er. "Vielleicht verbeißen sie sich deshalb so in ihre Rabaukenrolle. Da suchen sie Bestätigung. Viele sind völlig verunsichert."
Gründe dafür kennen Soziologen und Psychologen genug - Mädchen zum Beispiel. Bereits in der Pubertät entwickeln sie klare Zukunftsbilder, in denen Frau und Mann sich gleichberechtigt um Haushalt, Familie und Beruf kümmern sollen. Ihre Mitschüler dagegen lavieren, wie das "New York Times magazine" schreibt, hin und her "zwischen den oft noch traditionell maskulinen Werten des Vaters und einer modernen Frauensicht, die Sensibilität und Offenheit feiert".
Gleichzeitig breitet sich auf dem Arbeitsmarkt eine Krise der Männlichkeit aus. Jobs, in denen ein starker Körper unbedingter Konkurrenzvorteil ist, werden immer knapper. Vom Callcenter bis zur Deutschen Bahn verlangen Arbeitgeber Kommunikationsfähigkeit und Dienstleistungsbereitschaft - traditionell eher Sache der Frauen. Die machen dann auch viele dieser Jobs und bestehen mittlerweile ebenso als Polizistin, Tischlerin oder Busfahrerin.
Denn anders als Socken strickende Jungs werden schon kleine Mädchen von Erwachsenen ermuntert, wenn sie Fußball spielen, Helikopter basteln oder Computer programmieren - das Kind soll sich ja mal durchsetzen in der Männerwelt. Mit 300 Lokführerinnen, die schon als Mädchen "von dem Beruf geträumt haben", wirbt derzeit die Deutsche Bahn. Eine Anzeige für 300 Kindergärtner? Kaum vorstellbar.
"All das bekommen Schüler mit", meint Boldt. "Und so cool sie auch tun: Sie wissen, dass arbeitslosen Männern schnell die Alternativen ausgehen." Eine Ehefrau ohne Job kann noch immer ins Hausfrauendasein flüchten. Ein arbeitsloser Hausmann dagegen gilt als lächerlicher Pimpelhans - schon gar in bildungsfernen Elternhäusern, in denen eher traditionelle Männlichkeitsbilder herrschen.
"Und gerade dort sammelt sich die Mehrheit der problematischen Jungen", sagt Waltraud Cornelißen vom Deutschen Jugendinstitut in München. Ein Teufelskreis, erklärt sie: Weil es zu traditioneller Männlichkeit gehört, weibliche Autorität in Frage zu stellen, beginnen die Probleme spätestens mit der Schulpflicht. Denn Männer fehlen im Erziehungsprozess (siehe Grafik Seite 90).
Manch ein Schüler hat bis zum zehnten Lebensjahr keinen einzigen erlebt. In einigen Klassen wächst jeder Dritte allein bei der Mutter auf, lernt im Kindergarten ausschließlich Erzieherinnen, in der Grundschule nur Lehrerinnen kennen. Auf die Lebensperspektiven der Jungen wirkt sich der Männermangel negativ aus, das zeigen die Studien der Leipziger Soziologin Diefenbach. "Je geringer der Anteil männlicher Grundschullehrer in den Bundesländern, desto schlechter schneiden Jungen bei den späteren Schulabschlüssen in Hauptschule, Realschule und Gymnasium ab."
Doch als Annette Schavan, Kultusministerin in Baden-Württemberg, und ihr niedersächsischer Kollege Bernd Busemann im vergangenen Herbst nach mehr Männern riefen, entrüsteten sich Scharen von Lehrern. Düpiert fühlten sich vor allem jene Pädagoginnen, die seit Jahren Prittstift, Bastelmappen und Goldfolie für kreativen Unterricht aus eigener Tasche zahlen.
"Verständlich, doch Jungen brauchen Leitbilder, um eine Idee von Männlichkeit zu entwickeln", sagt Boldt. Sein Kollege Peter Billig, Rektor einer Bonner Jungenschule mit überwiegend Männerpersonal, berichtet: "Viele Jungen reagieren geradezu aufatmend auf die ersten Lehrer ihrer Schulkarriere."
Wie immer, wenn Schule mehr leisten soll, als sie kann, fordern Politiker, Pädagogen und Eltern auch in dieser Frage eine Aufwertung des Lehrerberufs. Dann, so hoffen sie, ließen sich schon mehr Männer in die Grundschulen locken. Die Oldenburger Erziehungswissenschaftlerin Kaiser lächelt skeptisch. "Jetzt mal ehrlich", sagt sie. "Die werden kaum Schlange stehen, solange die Gehälter nicht steigen."
Bis dahin will Kaiser "echte Männer mit echten Berufen" zur Projektarbeit in die Klassen holen. "Wenn ein Landwirt die Wärmelampe zeigt und von der Ferkelaufzucht erzählt, können krawallige Jungs viel lernen", meint sie. "Sie erleben, wie behutsam ein derart kräftiger Mensch mit einem winzigen Lebewesen umgehen muss."
Überall auf der Welt, so schreibt der amerikanische Anthropologe David Gilmore, gelte es als nahezu mystischer Akt, "ein richtiger Mann" zu werden. Und fast überall müssen Jungen ihn unter Mühe und Schmerz symbolisch vollziehen: Sie werden in eisiges Wasser getaucht, tagelang zur Jagd geschickt oder wandern - wie früher die Gesellen - ein Lehrjahr lang über Land.
Heute bieten in Deutschland allenfalls Überbleibsel wie Pfadfinder-Organisationen noch identitätsstiftende Männer-Rituale. Die meisten Jungen, erzählt Lehrer Boldt, basteln sich stattdessen aus Filmen, Computerspielen und Fernseh-Action zusammen, was sie für männlich halten. "Die wissen eigentlich nur, dass sie anders sind als Frauen, und dass in ihren Filmen Männlichkeit höher bewertet wird." Die Abgrenzung gegen alles Weibliche, garniert mit ein paar Fernseheindrücken, müsse deshalb häufig reichen. "Heraus kommt ein ominöses Gemisch", eine gehörige Portion Gewaltbereitschaft meist inklusive.
In Klasse acht der Bielefelder Gesamtschule breitet sie sich seit ein paar Wochen aus wie ein grippaler Infekt: der Klassencomputer - auseinander genommen; der Klassenschrank - demoliert.
Chaos herrscht in dem Raum. Die Tische stehen in alle Richtungen verschoben, nun holt sich jeder einen Stuhl, und jede Bewegung gerät zur Show. Der eine klopft sich auf die Muskeln, der Nächste greift dem Kumpel in den Schritt, ein anderer springt gegen die Zimmerwand.
"Mann ey, wir sind voll hyperaktiv", grölt der beleibte Sven und versenkt ein Feuerzeug in den Taschen seiner Hängejeans. "Leute, eure erste Aufgabe." Lehrer Boldt scheucht die letzten Gelangweilten auf. Nacheinander sollen sie auftreten wie auf einer Bühne und in zwei Sätzen begründen, welche Eigenschaften ein bester Freund haben sollte. Peinlich ist das. Verlegen stoßen Luca, Isi, Süleyman, Sven, Jonas, Ahmet und Hai ein paar Wörter hervor: "bisschen verrückt, aber cool"; "freundlich und hilfsbereit."
Zweite Runde, Boldt teilt mit Adjektiven beschriftete Karteikarten aus. Welche Eigenschaften sollte der Freund auf keinen Fall haben? "Sensibel", beginnt Luca, "weil, äh, Weichei, der heult ja gleich." Die anderen Favoriten der Negativ-Liste: nachdenklich, "weil der macht ja dann nichts los"; zärtlich, "weil kann ich ja gleich schwul sein"; kritisch, "weil so verhält sich kein Freund"; einsam, "was will man mit so einem anfangen?"; schwach, "weil unbrauchbar" und sozial, "weiß jetzt auch nicht, warum, das klingt irgendwie doof".
Boldt hört zu und sagt erst mal nichts. "Bei denen brauche ich wohl länger als die üblichen fünf Wochen", erkärt er später.
Der Magdeburger Neurowissenschaftler Scheich hat eine Vermutung. "Womöglich hängt es mit dem irrwitzigen Konsum von interaktiven Spielen und Action-Filmen zusammen, dass Jungen Begriffe weniger mit Inhalt zu füllen wissen als früher", sagt er. Laut Shell-Jugendstudie sehen Jungen weitaus mehr Fernsehen und verbringen viermal so viel Zeit mit Computerspielen wie Mädchen; außerdem surfen sie doppelt so oft im Internet. "Dabei nehmen sie eine enorme Flut von visuellen Informationen auf", erklärt Scheich, "doch viele sind inhaltsarm oder bedeuten immer nur dasselbe: Action."
In der Evolution sei dem Menschen Vergleichbares nicht begegnet, meint der Neurowissenschaftler. "Das Gehirn läuft auf Hochtouren, es verarbeitet eine Masse aufwendig dargebotener Information, es versucht Schlüsse daraus zu ziehen - und kommt doch nicht weiter." Eigentlich sei es gewohnt, Eindrücke auf das Wesentliche zu reduzieren und in Sprache zu gießen. "Doch da ist trotz Datenflut wenig, was sich in Sprache packen ließe. Es könnte sein", befürchtet Scheich, "dass dieser Wahnsinnskonsum die Jungengehirne lahm legt."
Und Jungenkonferenzen sollen die grauen Zellen der Kerle wieder in fruchtbarere Bahnen lenken? Lehrer Boldt zuckt die Achseln. "Viele trainieren hier erst ein Verhalten, das Voraussetzung für regulären Unterricht ist." Tatsächlichen Erfolg zu messen sei schwierig. Er sieht ermunternde Anzeichen. "Mehr Abschlüsse, weniger Verweigerer, bessere Konfliktlösung."
Ähnlich positiv bewertet Erziehungswissenschaftlerin Kaiser ihren Modellver-
such an vier niedersächsischen Grundschulen. Vier Jahre lang sollten Lehrersoziales Verhalten bei Jungen und naturwissenschaftliches Interesse bei Mädchen fördern. Es gelang so gut, dass die Grundschule Friedrichsfehn an der Idee festhält: Im Computer-Unterricht sitzt die erste Klasse nach Geschlechtern getrennt; die Viertklässler haben, so weit das Stundendeputat es erlaubt, ähnliche Jungen- und Mädchenkonferenzen wie die Schüler in Bielefeld.
"Welchen Weg gibt es sonst?", fragt der Münchner Jungenbeauftragte Glötzner. Seit vier Jahren suchen Lehrer von Realschulen und Gymnasien bei ihm Rat, wenn es Probleme mit Jungencliquen oder Schulverweigerern gibt. "Die Zahl der Anfragen steigt", sagt er. "Ich könnte jeden Tag in eine andere Schule gehen."
Glötzner sieht aus, wie sich Friesen einen Urbayern vorstellen. Im wettergegerbten Gesicht wächst weiß durchwirkt ein Rauschebart, darüber funkeln blaue Augen. Er spricht Sätze, die von Vokabeln wie "latschert" und "deppert" nur so wimmeln. "Die Buben sind hilflos", sagt er und zählt die typischen Probleme auf. "Sexualität, Frauen, Berufswahl."
Der kernige Lehrer redet mit ihnen und nimmt sie in die Pflicht. Sie improvisieren Szenen, in denen die Mutter arbeiten will, weil der Vater seinen Job verloren hat. "Dann muss der Bub die Frau spielen und zwangsläufig über Partnerschaft nachdenken." Eine feste Gruppe namens "Buben spielen Theater" tritt regelmäßig auf. "Applaus ist schön", so beschreibt Schüler Max schüchtern, was ihn bei den Proben hält, "weil man weiß, man ist gemeint."
Die Jungenhilfe läuft kaum an, da fürchten die ersten Aufgeschreckten bereits um die Mädchen. Schließlich dominieren Männer noch immer die Chefbüros und überwiegen weiterhin in Fächern wie Elektrotechnik, Maschinenbau oder Physik - unter anderem, weil sie sich im Gegensatz zu Frauen auch mit miesen Noten für ein naturwissenschaftliches Studium entscheiden.
"Lehrer erleichtern es Mädchen nicht gerade, Vertrauen in die eigene Leistung zu entwickeln", kritisiert die Hamburger Pädagogikprofessorin Hannelore Faulstich-Wieland und beschreibt eine beispielhafte Informatikstunde. "Am Ende galt ein großspuriger Junge als kompetent, der seinen Rechner nicht richtig einstellen konnte." Das tat dann eine Schülerin - die dem Lehrer nicht weiter auffiel.
"Natürlich müssen wir darauf achten, das Selbstvertrauen von Mädchen zu stärken", sagt Erziehungswissenschaftlerin Koch-Priewe. Zudem empfiehlt sie Gelassenheit. "Jungenförderung ist kein Rückschlag. Schließlich müssen die Mädchen mit ihnen leben."
Doch ob das demnächst einfacher wird, ob Jungenstunden, Haushaltspass und Theaterspiel den künftigen Männern wirklich durch Schule und Leben helfen können, lässt sich kaum sagen. Längsschnittstudien existieren nicht und interessierten lange auch niemanden. In der Wissenschaft habe bislang eher das Prinzip "von Frauen für Frauen über Frauen" geherrscht, stichelt Anthropologe Gilmore.
Vorzugsweise widmeten sich die Forscher den Mädchen. Dutzende von Studien er
mittelten, wie ihre Gegenwart das Unterrichtsklima verbessere; Dutzende andere beschäftigten sich mit dem weiblichen Interesse für Mathe, Physik und Chemie, belegten akribisch Wortmeldungen in Unter-, Mittel- und Oberstufe oder listeten auf, wie häufig Frauen in Schulbüchern erwähnt werden.
"Wir haben ein Manko in der Jungenforschung, und das liegt eindeutig an der feministischen Tradition der Geschlechterwissenschaft", sagt Ursula Kessels, pädagogische Psychologin an der Freien Universität Berlin.
Auch sie selbst hat, gemeinsam mit der Psychologin Bettina Hannover, Mädchen beforscht. An fünf Berliner Gesamtschulen untersuchten die beiden Wissenschaftlerinnen, ob Schülerinnen mehr Lust an Physik entwickeln, wenn sie dabei unter sich bleiben.
Dabei bestätigten sich Erfahrungen, die Lehrer an Schulen für Höhere Töchter früher regelmäßig machten. Die Schülerinnen in den Mädchengruppen beteiligten sich stärker, erklärten, Spaß an Physik zu haben, und wählten das Fach in der neunten Klasse häufiger als ihre Mitschülerinnen aus den gemischten Gruppen.
"Gerade in der Pubertät neigen Jugendliche dazu, sich stereotyp zu verhalten", sagt Kessels. "Sie erproben sich an dem, was als typisch weiblich oder typisch männlich gilt." In Physik zu glänzen sei für viele Mädchen daher problematisch. "Es gefährdet ihre wackelige Identität als Frau." Sind sie aber unter sich, sei ihnen das weniger bewusst. "Sie vergessen ihre Geschlechtsidentität und fühlen sich dann einfach nur als Schüler."
Und was bringt getrennter Unterricht den Jungen? In ihren Problemfächern Deutsch und Fremdsprachen wären sie vermutlich ähnlich erfolgreich wie Mädchen in Physik, schätzt Kessels. Trifft ihre These zu, müssten Jungen romantische Literatur im gemischtgeschlechtlichen Unterricht allein schon deshalb ablehnen, weil sie damit ihre ohnehin angeknackste Identität als Mann gefährden.
Schlichter, aber ebenfalls denkbar ist, dass Jungen mehr Lust aufs Lesen bekommen, wenn die Texte sie interessieren. Dafür sprechen die Beobachtungen des Friedrichsfehner Grundschuldirektors Hartwig Fortkamp. Er kennt Jungen, die freiwillig seitenlange Aufsätze über Dinosaurier verfassten oder plötzlich begeistert mit dem Lesen begannen - in einem Standardwerk über Angelhaken.
Eine Rechtschreibe-Untersuchung des Hamburger Landesinstitutes für Lehrerbildung scheint Fortkamps Erfahrungen zu bestätigen. Jungen werden zu Meistern der Orthografie, wenn die Wörter ihren Interessen entsprechen: "Schiedsrichter" etwa oder "Computer" beeindruckten in der Studie Zweitklässler so nachhaltig, dass sie "null Fehler" im Diktat erzielten.
Weil sich bisher kein Wissenschaftler damit befasst hat, wie sich reine Jungenerziehung auf männliche Lust an Sprache und Literatur auswirkt, bleibt nichts als ein Ausflug ins wahre Leben: zum Collegium Josephinum nach Bonn, an eine der letzten Jungenschulen Deutschlands.
"Da gab es einen König, der hieß Minos. Das Problem war, dass auf Kreta auch ein fürchterliches Monster lebte, Minotaurus." Deutschunterricht, sechste Klasse. Simon erzählt die Geschichte des griechischen Helden Theseus. "Hervorragend zusammengefasst", lobt Klassenlehrer Martin König. Er lobt oft, und am Ende einer Stunde ruft er seinen Jungs "Danke für die Mitarbeit" zu.
Nomen für Nomen, Adjektiv für Adjektiv nehmen die Elf- und Zwölfjährigen den Text auseinander; über ihnen an der Decke hängen große Stofflöwen - die Wahrzeichen der Klasse. Auf der Fensterbank treiben dicht gedrängt Grünpflanzen aus, in einem Glaskasten wohnen Wüstenrennmäuse mit ihren Jungen.
"Was kann man mit einem Verb machen?", fragt König. "Steigern", ruft einer, angetan wie fast alle im Raum mit Cargohose und Kapuzenpulli. "Das schmerzt", sagt König, "was hilft dagegen?" Die Schüler feixen. "Üben", erhält er zur Antwort. "Na eben, Jungs. Was denkt ihr, wie oft die Spieler vom 1. FC Tore schießen üben und trotzdem daneben treffen." Er grinst. "Also, was lässt sich ein Verb? Danke, Daniel, ja, genau: Kon-ju-gie-ren."
1300 Schüler lernen in der staatlich anerkannten katholischen Lehrstätte; 90 Plätze hat Peter Billig, der Schulleiter des altsprachlichen Gymnasiums, jedes Jahr zu vergeben. Rund 200 Auswahlgespräche führt er dafür. Auch bei Pater Peter Niesemann, dem Direktor der Realschule, ist die Warteliste lang. Nicht allein das christliche Weltbild nimmt Eltern im katholischen Rheinland für die Schule ein. Viele schätzen den Sprachen-Schwerpunkt - und damit die Vertiefung ebenjener Fächer, in denen sich Jungen gemeinhin so schwer tun.
"Ich liebe das hier", sagt Susanne Bölting, Englischlehrerin der achten Klasse im Gymnasium. "Es ist so anders." Ihr Referendariat hat sie in einer Schule für Mädchen und Jungen gemacht. "Da hatten Achtklässler eigentlich vor allem ein Bedürfnis: sich ständig vor den Mädchen zu profilieren."
Hier verhalten sie sich bei der Textarbeit so ruhig, dass die berühmte Stecknadel tönen könnte. "Klar haben die Schüler auch Freundinnen", erzählt Bölting. "Doch im Unterricht blenden sie das aus."
Der Gong ertönt, Mathe in Klasse zehn - eine Stunde, so anstrengend wie sie in jeder anderen Schule sein könnte. Nach einer Minute rülpst der Erste, der Nächste muss aufs Klo, ein Dritter grölt. Alle Unbefangenheit von Unterstüflern ist verflogen. An den Bänken, die sie seit der fünften Klasse begleiten, lümmeln die nun 16-Jährigen; inzwischen einen halben Meter größer, leicht glänzt der Fettfilm auf Haar und Haut, die Stimmen sind brüchig und dröhnen dennoch. Kaum einer weiß, wohin mit seiner Kraft, bis leichte Panik ausbricht: die Klassenarbeit, schon in der nächsten Stunde? "Eh, voll Panne." Ruhe kehrt ein. 28 Köpfe beugen sich über die Cosinus-Kurve.
"Unser Vorteil ist, dass sich die Pubertätsprobleme auf ein oder zwei Schuljahre konzentrieren", sagt Beratungslehrer Hinnerk Dreyer. "In gemischten Klassen ziehen die sich von der sechsten bis zur zehnten Klasse hin." Der 15-jährige Björn empfindet das Collegium daher trotz täglichen Morgengebets als "riesigen Freiraum". Bis zum siebten Schuljahr noch lernte er in einem Gymnasium mit Mädchen.
"Wir können hier konzentrierter arbeiten, weil wir uns nicht ständig vor denen beweisen müssen", sagt er. Stattdessen übernehmen die Jungen den klassischen Mädchenpart gleich mit: Kochen auf Kursfahrten, Fest-Organisation, Klassenraum aufräumen. Das jüngste Projekt der Schule nennt sich "Compassion", eine Art Sozial-Praktikum in Altenheimen, Kindergärten und Häusern für Behinderte.
Erst in der Oberstufe finden sich auch junge Frauen in dem nüchternen Betonbau ein. Zusammen mit einer benachbarten Mädchenschule bietet das Collegium dann in den Hauptfächern gemeinsamen Unterricht und ein breites Fächerspektrum an. "Es kann sich schon auch lohnen, die Ansichten eines Mädchens zu erfahren", erklärt der 18-jährige Schulsprecher Nathanael Liminski und grinst. "Vor allem auf Literatur haben die einen anderen Blick. Wir gucken eher: Was macht der Held da? Die fragen: warum?"
"Schulen wie das Collegium werden natürlich die Ausnahme bleiben", sagt Co-Rektor Ulrich Lipperheide, während er durch den Treppenflur zur nächsten Stunde hastet. "Niemand denkt ernsthaft darüber nach, künftig flächendeckend nach Geschlechtern zu trennen."
Trotz möglicher Leistungssteigerung hielte das auch Boldt für einen Rückschritt. "Beide Geschlechter müssen nun mal voneinander lernen, und damit beginnen sie am besten frühzeitig." Koch-Priewe kritisiert vor allem den künstlichen Schutzraum in reinen Jungen- oder Mädchenschulen. "Mädchen sollen in der Konkurrenz mit Jungen ihren Weg finden und umgekehrt."
Zumindest für zeitweilig getrennten Unterricht - nicht nur in Jungen- und Mädchenkonferenzen, sondern auch in den Fachstunden - plädieren inzwischen viele. Zwar mahnen einige Geschlechterforscherinnen noch, getrennt zu unterrichten bedeute, Unterschiede zu betonieren; und auch die Mehrheit der Deutschen scheint mit dem Konzept wenig anfangen zu können (siehe Umfrage Seite 95). Doch die Riege pragmatischer Experten wächst.
"Es wirkt, und es ist sinnvoll", urteilt Kessels von der Freien Universität Berlin. In Deutsch, Physik, Informatik, Mathe, Chemie und Fremdsprachen sollten Schulen ruhig mal getrennten Unterricht ausprobieren, meint auch Koch-Priewe. "Nicht unbedingt immer auf Jahre, aber vielleicht ein paar Monate lang, wenn die Fächer neu einführt werden. Damit die eine Gruppe nicht schon von vornherein benachteiligt ist."
Die Schulgesetze mehrerer Bundesländer wie zum Beispiel Hessen, Schleswig- Holstein oder Sachsen-Anhalt erlauben stundenweise getrennten Fachunterricht. Doch in der Praxis bleiben Forschungsprojekte wie das der Berlinerin Kessels die Ausnahme. Auch Jungen- und Mädchenkonferenzen stehen in nur wenigen Schulen auf den Stundenplänen - obwohl Boldt bei Fortbildungen oft begeisterte Kommentare hört.
"Häufig können Schulen solchen Unterricht gar nicht anbieten", kritisiert der Lehrer. "Sie haben kaum noch ein Kontingent für Stunden, die nicht benotet werden müssen." Viele Kollegen kapitulierten schon vor dem regulärem Unterricht und vor der Masse an Inhalt, die sie vermitteln sollten. "Oder aber sie wollen sich selbst nicht mit ihrer Rolle als Mann oder Frau auseinander setzen."
Das aber sei unverzichtbare Voraussetzung, sagt der Münchner Bubenbeauftragte Glötzner. Sorgfältig streicht er durch den langen Bart. "Man weiß es ja selbst manchmal nicht besser und verhält sich nach depperten bizarren Männermustern."
Bizarr und deppert - aber erfolgreich. Denn eine Frage bleibt offen: Warum machen die durchweg weniger erfolgreichen Jungen dann im Beruf so oft steilere Karrieren als die Mädchen?
Zumindest die Evolutionspsychologen kennen eine Antwort: "Im Job ist es wie mit dem Erbgut", sagt die Verhaltensforscherin Bischof-Köhler. "Man muss es halt unverdrossen immer wieder probieren. Und da haben Männer einfach die höhere Misserfolgstoleranz." KATJA THIMM
Hamburger Schule Hinschenfelde
Rund 370 Schüler besuchen die Grund-, Haupt- und Realschulklassen der Schule Hinschenfelde im Hamburger Stadtteil Wandsbek. Die Jungen und Mädchen der Klasse H7 seien eine ganz normale Hauptschulklasse, sagt ihre Klassenlehrerin Gabriele Stuhr, eine von 27 Pädagogen an der Schule. "Die Mädchen sind durchweg bemühter und fleißiger." Das wirke sich in allen Fächern aus, doch vor allem könnten sie besser lesen und schreiben. Nach Stuhrs Erfahrung können die Lehrer immer weniger Ansprüche an ihre Schüler stellen. An den Lehrplan allein hält sie sich längst nicht mehr: "Die nötige Förderung sieht der nicht vor." Die Klassenlehrerin wünscht sich mehr Unterrichtszeit für musische Fächer, in denen Kinder sich erproben, ohne bewertet zu werden.
Berliner Pasteur-Oberschule
Etwa 600 Schüler besuchen das 1910 erbaute Gymnasium im Bötzowviertel im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Seit einigen Jahren lernen Jungen und Mädchen im Fremdsprachenunterricht ab der 7., im Chemie- und Physik-Unterricht ab der 8. Klasse stundenweise getrennt. "Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht", urteilt Schulleiter Lutz Lölke, der selbst das Fach Chemie unterrichtet. Die Schüler der Klasse 8b schneiden in nahezu allen Fächern gleich ab; in den Naturwissenschaften sind die Mädchen ein bisschen besser.
* Uli Boldt: "Ich bin froh, dass ich ein Junge bin". Schneider Verlag, Hohengehren; 203 Seiten; 16 Euro. * Doris Bischof-Köhler: "Von Natur aus anders - Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede". Verlag Kohlhammer, Stuttgart; 430 Seiten; 27 Euro. * Bundesweiter Berufsorientierungstag für Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren am 22. April. * An der Grundschule Friedrichsfehn nahe Oldenburg.
Von Thimm, Katja

DER SPIEGEL 21/2004
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