17.05.2004

PORNOGRAFIE Männer sind knapp im Moment

Im kalifornischen San Fernando Valley werden 200 Pornofilme pro Woche produziert, hier leben etwa 1500 Pornodarsteller. Trotz regelmäßiger Gesundheitskontrollen ist im Sexzentrum der Welt das HI-Virus ausgebrochen. Die Gefahr kommt von außen, auch aus Europa. Von Alexander Osang
Am siebten Tag der Quarantäne kniet Luissa Rosso vor einer fleckigen Couch im Bungalow von Rob Spallone. Man sieht nur ihren hellen Rücken, eine kleine Tätowierung auf der rechten Schulter, eine Rose, ihr Gesicht hat sie im Schoß einer dicken, schwarzen Frau vergraben, die vor ihr auf der Couch von Rob Spallone liegt und so nackt ist wie sie. Rob Spallone selbst ist gerade im Baumarkt, um ein paar Teppiche, Tischdecken, Vasen und Bilder zu kaufen, damit es in der nächsten Szene ein bisschen bewohnter im Hintergrund aussieht. Er benutzt das Haus erst seit kurzem und wird es sicher nicht lange behalten. Rob Spallone ist Pornofilm-Produzent, in seiner Welt wechseln die Hintergründe ständig.
Die schwarze Frau jongliert mit ihren schweren Brüsten und schaut dabei fragend zu dem älteren Herrn, der das Bett mit einer Videokamera umkreist. Der Mann hat gefärbte Haare, er trägt weiße Turnschuhe, hat gelbliche Raucherkrümel in den Mundwinkeln und heißt Henry Pachard. Er ist Regisseur und Kameramann dieser Szene, die irgendwann in einen Pornofilm montiert wird, der noch keinen Namen hat, aber bereits eine vage Struktur, die ihm Rob Spallone zugerufen hat, bevor er in den Baumarkt aufbrach. Sie machen erst die Brünette und die Schwarze, dünn und dick gewissermaßen, dann blond, brünett und schwarz, später blond und dick, schwarz und schwarz, und am Ende wird es noch eine Szene zwischen einer Großmutter und einer Blondine mit schottischem Akzent geben: Es ist ein reiner Frauenfilm. Spallone musste ein bisschen improvisieren, er hat heute keinen Mann bekommen. Zwei seiner Akteure stehen auf der Virus-Liste, ein paar halten sich an den empfohlenen Drehstopp, andere arbeiten woanders. Männer sind knapp im Moment.
Es ist der siebte Tag der "Quarantäne", wie sie im San Fernando Valley den Zeitraum nennen, in dem bestimmte harte Szenen eigentlich nicht gedreht werden sollen. 2 Darsteller sind positiv getestet worden, rund 50 weitere warten auf ihre Ergebnisse, keiner weiß, ob das alle sind. Das Virus ist zurückgekehrt, aber davon ist in Rob Spallones Bungalow nichts zu spüren. Die Frauen gehen gelangweilt ihrer Arbeit nach. Die Frauen hier wollen Männer. Für eine "Girl-Girl"-Szene gibt es 400 Dollar, für eine "Boy-Girl"-Szene doppelt so viel.
Henry Pachard schlurft um das Bett wie ein Familienvater, der eine Weihnachtsfeier filmt. Er hat in seinem Leben über 10 000 Pornoszenen gedreht, er ist bereits 64 Jahre alt und wohl nicht mehr zu überraschen. Sein Name ist so falsch wie seine Haarfarbe. Henry Pachard: Das sollte verrucht-international klingen, als er vor 40 Jahren anfing, Sexfilme zu drehen. Damals bekam er als Regisseur 40 000 Dollar für einen Film, heute sind es noch 800 Dollar. Damals gab es noch Beleuchter, Assistenten, Tonleute, Scriptgirls und einen richtigen Regiestuhl. Heute ist er allein mit seiner Kamera und den Frauen. Henry Pachard: Der Name sollte ihn so weit wie möglich wegbringen von seinem Geburtsort Wichita, Kansas.
Die Namen in der Pornowelt verwischen Spuren und sollen ein bisschen Atmosphäre schaffen, so wie die Blumenvasen und Kunstdrucke, die Rob Spallone gerade aus dem Baumarkt holt.
Das Mädchen mit der Tätowierung auf der Schulter hat sich Anfang des Jahres Luissa Rosso getauft, weil das nach Süden klang, nach Wein und nach Feiern. Sie kommt aus Sömmerda, das ist so was wie das Wichita des Bundeslandes Thüringen. Ihr bürgerlicher Name ist ein gewöhnlicher ostdeutscher Mädchenname, er ist so was wie ihr letztes Geheimnis.
Luissa Rosso also.
Wenn man ihre Geschichte glaubt, ist Luissa Rosso auf ziemlich direktem Weg von Sömmerda auf diese Couch im kalifornischen San Fernando Valley geraten und damit an den Rand der Katastrophe.
Ihre Geschichte hört sich so an: Vor einem Jahr war sie Studentin der Betriebswirtschaft im ersten Studienjahr in Jena und verdiente sich ein bisschen Geld als Kellnerin dazu. Sie hatte ein kleines Auto, eine Wohnung und einen Freund, der Koch in einem Weimarer Hotel war. Vor elf Monaten las sie in einer lokalen Thüringer Sonntagszeitung eine Anzeige, in der junge Frauen für erotische Fotos gesucht wurden. Sie meldete sich. Zum ersten Shooting war dann aber auch ein nackter Mann da. Sie machte erst mal mit. Es passierte auf einer Wiese am Rande von Gera, sie nennt es "Blümchensex", der junge Mann sei genauso aufgeregt gewesen wie sie. Sie wechselte in die neue Welt, ihr Freund blieb in der alten zurück. Sie spielte in ein paar deutschen Pornofilmen kleine Rollen, ein Mädchen mit wechselndem Vornamen, sie lernte den Geschäftsführer einer großen deutschen Sexfilm-Produktion kennen. Sie wohnte bei ihm, half bei der Organisation, spielte in einem Film auf den Malediven mit und in einem Streifen auf einem südfranzösischen Landschloss, das war alles aufregender als Sömmerda. Auf der letzten Venus-Erotikmesse in Berlin traf sie einen jungen Mann, der ihr erzählte, dass man in Amerika viel, viel mehr Geld verdienen könne als in Europa. Er gab ihr die Adresse von Jim South, dem größten Modelagenten der amerikanischen Pornoindustrie.
Anfang des Jahres flog sie nach Los Angeles und nannte sich Luissa Rosso. Die erste Szene drehte sie in einer Villa am Pazifik. Es gab einen Pool und ein Volleyballfeld. Sie verdiente etwa viermal so viel Geld wie in Deutschland, wo sie für eine einfache Sexszene nur 200 Euro bekommen hatte. Im Valley gab es dafür 800 Dollar.
Luissa Rosso wollte in den drei Monaten, die sie mit dem Touristenvisum in Amerika sein konnte, 30 000 Dollar verdienen. Sie wollte kein Star werden, nur ein bisschen wohlhabend. Und sie redete sich ein, dass sie mit dem Geld später vielleicht an einer der schönen Universitäten in Los Angeles studieren könnte. Das war der Plan. Sie fuhr zurück nach Deutschland, meldete ihren Honda Civic ab, holte sich eine Auszeit an der Hochschule in Jena und war Anfang März wieder in Los Angeles. Sie mietete sich eine kleine, saubere Wohnung in einem Apartmentkomplex im San Fernando Valley und fing an zu arbeiten. Sie hatte manchmal Schmerzen im Unterleib, aber das musste an den Darstellern liegen, die in Amerika ruppiger waren als in Deutschland, dachte sie. Außerdem arbeitete die 21-Jährige so viel wie nie zuvor. Sie schaffte drei bis vier Szenen in der Woche.
Luissa Rosso ist eine von etwa 1200 Pornodarstellern, die in diesem Frühjahr im San Fernando Valley gedreht haben, im Pornozentrum dieser Welt. In der Zeit also, in der sich das Virus ausbreitete und auch dieser jungen Frau aus Sömmerda gefährlich nahe kam, die sich jetzt von der Couch erhebt und mit schnellen, kleinen Schritten im dunklen Flur des Bungalows verschwindet. Henry Pachard lässt die Kamera für einen Moment sinken, er setzt sich zu der schwarzen Frau auf die Couch, kramt eine Schachtel rote Marlboro aus seiner Hemdtasche, zündet sich eine an und erzählt ein bisschen von früher, als es noch richtige Stars gab und es nicht, wie heute, nur noch um Frischfleisch ging.
"Jede Woche ein neuer Arsch", sagt Pachard. Die nackte schwarze Frau sitzt still auf dem Sofa. Irgendwann drückt der Regisseur die Kippe aus und nickt der blonden Schottin zu.
Es kann weitergehen.
Ein paar Minuten später kommt Luissa Rosso in einem T-Shirt und einer weiten Hose zurück, sie weiß nicht genau, ob sie nachher noch mal ranmuss, sie geht auf den Hof, raucht eine Zigarette, wartet auf Spallone, der sie bezahlt. Es ist nichts Aufreizendes an dieser Frau, sie hat ein rundes Gesicht und einen singenden thüringischen Akzent.
Am 24. März dieses Jahres wurde Luissa Rosso für eine Szene mit den Pornodarstellern Marc Anthony und Darren James gebucht. Marc Anthony, der auch Produzent des Films war, hatte ihr am Telefon die Eckdaten mitgeteilt. Doppelpenetration, 1200 Dollar.
"In der Nacht vorm Dreh begannen meine Schmerzen im Unterleib schlimmer zu werden. Am Morgen hab ich's nicht mehr ausgehalten. Ich hab den Marc Anthony angerufen und abgesagt", sagt sie. "Ich bin in eine kommunale Klinik gefahren, da haben sie eine Zyste an der Gebärmutter gefunden, sie haben mich gleich operiert. Als ich aus der Narkose aufgewacht bin, bin ich in mein Apartment gefahren. Es hat ja so schon 3000 Dollar gekostet, für eine weitere Nacht hätte ich noch mal 1000 bezahlen müssen. Ich war total fertig, und dann hat mir der Arzt auch noch gesagt, dass ich drei Wochen keinen Sex haben dürfte. Der wusste ja nicht, was das für mich finanziell bedeuten würde. Der dachte, ich sei eine stinknormale deutsche Studentin. Na ja, ich hab gedacht, mein Amerika-Abenteuer ist vorbei. Im Nachhinein muss man natürlich sagen: Ich hab Glück gehabt."
Der Produzent ersetzte die erkrankte Deutsche durch die kanadische Darstellerin Lara Roxx. Lara Roxx war eine Stripperin aus Montreal, die ganz neu in der Stadt war. Produzent Anthony überredete sie am Drehort zu einer Doppelanalszene, die zu den unangenehmsten und riskantesten Pornostellungen zählt, aber 1800 Dollar bringt. Die höchstbezahlte Position in der amerikanischen Pornobranche. Einer der Partner von Lara Roxx war Darren James, ein 40-jähriger Pornodarsteller, der gerade von einem Dreh aus Brasilien zurückgekehrt war, wo er sich offenbar mit HIV infiziert hatte. Er steckte Lara Roxx an. Beide arbeiteten danach weiter. Sie wussten nichts von ihrer Krankheit. Sie hatten gültige Aids-Tests der "AIM", die so etwas ist wie das Gesundheitsberatungszentrum für kalifornische Pornodarsteller. Alle 30 Tage muss sich hier jeder Akteur testen lassen, sonst darf er nicht drehen.
Aber 30 Tage sind eine lange Zeit im Pornogeschäft. Im San Fernando Valley werden jede Woche etwa 200 Filme gedreht. Als Darren James drei Wochen später bei seinem nächsten Gesundheitstest erfuhr, dass er das Virus im Körper trug, hatte er inzwischen mit 14 verschiedenen Darstellern gedreht - und die wiederum mit Dutzenden weiterer Partner.
Die AIM, die Adult Industry Medical Health Care Foundation, ermittelte in 72 Stunden ein Netz aller Pornodarsteller, die mittelbar oder unmittelbar mit Darren James Kontakt hatten. Sie fanden 47. Sie veröffentlichten die Künstlernamen der betroffenen Darsteller im Internet, um andere zu warnen.
Die AIM wird von der ehemaligen Pornodarstellerin Dr. Sharon Mitchell und dem Produzenten Ira Levine geleitet. Sie beraten Neuankömmlinge, sie verhandeln mit staatlichen Vertretern, die immer wieder Einfluss auf die Pornoindustrie nehmen wollen, und haben einen HIV-Test eingeführt, der innerhalb von 24 Stunden Ergebnisse liefert.
Die AIM-Funktionäre glaubten, in den letzten sieben Jahren einen sicheren Damm um die südkalifornische Pornogemeinde gezogen zu haben. Jahrelang schien es, als könne man sich in der freien Sexwelt eher anstecken als im San Fernando Valley. Jetzt war der Damm gebrochen. Die Namen von Darren James und Lara Roxx erschienen in den Nachrichtendiensten der ganzen Welt. Die kalifornische Gesundheitsbehörde schaltete sich ein, und manche glaubten sogar, ein fernes Grollen aus dem Washingtoner Justizministerium von John Ashcroft gehört zu haben, wo man die Pornoindustrie sehr gern abschaffen würde.
Die AIM rief zu einer Konferenz in den Ballsaal des Hilton und empfahl allen Akteuren eine 60-tägige Quarantäne. Die Industrie sollte ruhen. Es schien der einzige Weg zur Sicherheit zu sein.
Es ist der siebte Tag der Quarantäne. Morgen, am achten, ist Luissa Rosso für eine Analszene gebucht. Die erste seit dem Aids-Ausbruch. Die Firma heißt West Coast Productions, für die hat auch Darren James gearbeitet, der Träger des Virus. Ihr Partner wird Mr. Marcus sein, ein bekannter farbiger Darsteller. Er wird einen Doktor spielen und sie seine Patientin.
Hat sie nie daran gedacht, sofort nach dem Aids-Fall aufzuhören?
"Nö. Eigentlich nicht, man muss nur halt vorsichtig sein. Eigentlich sind die Vorschriften hier viel strenger als in Deutschland", sagt sie.
Hat sie jemals Schuldgefühle gegenüber Lara Roxx gehabt?
"Sie tut mir natürlich Leid, sie hat sich zu dieser Doppelanalszene überreden lassen, weil sie unerfahren war. Das hätte ich nicht gemacht. Glaube ich jedenfalls", sagt Luissa Rosso.
Vielleicht ahnt sie, dass das nicht stimmt. Es hätte auch ihr Name sein können, der in den Fernsehnachrichten auftaucht. Lara Roxx oder Luissa Rosso, das klingt ähnlich. Sie sind beide 21 Jahre alt. Sie sind beide erst in diesem Jahr ins San Fernando Valley gekommen. Sie sind Ausländerinnen. Sie hatten einen ähnlichen finanziellen Plan. Die Kanadierin Lara Roxx sagt, dass sie 30 000 Dollar verdienen wollte, um sich dann aus der Pornobranche zurückzuziehen. Genauso viel wie ihre Kollegin aus Thüringen. 30 000 Dollar sind offenbar eine magische Zahl im Pornogeschäft.
Lara Roxx ist ein paar Tage ziellos durch Los Angeles getaumelt, nachdem sie ihr Testergebnis erfuhr. Dann ist sie zurück nach Montreal gefahren. Sie gibt dort jetzt auch Interviews. Sie erzählt, dass sie eine unglückliche Kindheit hatte, ihre Eltern hätten sich pausenlos gestritten. Auch Luissa Rosso sagt, dass ihre Eltern sich scheiden ließen. Ihre Mutter habe den Verstand verloren, ihr Vater sei weggezogen, sie habe jetzt keinen Halt mehr. Es sind böse Stiefmuttergeschichten, die vielleicht alle ein bisschen stimmen, vielleicht aber auch nicht. Sie passen jedenfalls.
Luissa Rosso schnippt ihre Zigarette in den Hof, drinnen im Bungalow wechselt Henry Pachard die Kombination, irgendwann rollt der dicke Lincoln Navigator von Rob Spallone auf den Hof.
Spallone ist klein und muskulös, seine Arme sind tätowiert, seine Jeans sind eng. Er kramt ein dickes Dollar-Bündel aus der Hosentasche, zählt 400 Dollar ab und gibt sie Luissa. Sie bedankt sich, nimmt ihre Tasche und fährt zurück ins Leben, in dem sie ihren Mietwagenvertrag um eine Woche verlängern muss. Spallone hat die fünf Szenen voll, aus denen ein Pornofilm besteht. Jedenfalls die Art von Pornofilmen, die er macht. Sie kosten im Durchschnitt 10 000 Dollar. Darsteller, Location, Regisseur, alles inklusive.
"Ich dreh dir jeden Film für 10 000 Dollar", sagt Spallone. "Das muss ich auch, jeder Arsch kann doch heute einen Pornofilm machen, wenn er eine Kamera halten kann. Die Gewinnspanne ist natürlich gering, so eine DVD, wie die mit den Frauen, die wir heute machen, kostet später im Laden vielleicht zehn Dollar und hält sich für einen Monat. Wir vermarkten die Filme im Internet, dann reißen wir die Szenen auseinander, setzen sie neu zusammen. Was denken Sie, was ich mir schon für einen perversen Mist ausgedacht habe. Ich habe einen Sexfilm mit 100 fetten Männern gedreht, damit war ich auch in der 'Howard Stern Show' in New York. Ich such mir die Leute übers Internet. Dicke Frauen, alte Frauen, schwangere Frauen, behaarte Männer, alles. Es gibt einen Haufen Perverse da draußen, die das sehen wollen. Und es gibt jede Menge Perverse, die da mitspielen wollen. Die 100 dicken Männer hatte ich in 24 Stunden zusammen. Es gibt alles, ich habe sogar mal beinahe den größten Gangbang mit Liliputanern zusammenbekommen. Ich hatte zwölf Liliputaner zusammen, aber sechs sind dann wieder abgesprungen. Man muss sich was einfallen lassen", sagt Spallone.
Kann es sein, dass er Bedürfnisse befriedigt, die er selbst geschaffen hat?
"Ach, so ein Scheiß! Es gibt große Firmen wie 'Wicked', die drehen nur Filme mit Kondomen. Das ist sehr lobenswert. Aber es gibt Leute da draußen, die wollen keinen Film, in dem sie ein Kondom sehen. Und für die bin ich da. Mein lieber Henry da drinnen, der versucht mir manchmal aus altem Ehrgeiz eine kleine Handlung in die Szene einzubauen. Aber ich drehe hier kein verdammtes ,Vom Winde verweht', ich bin Pornoproduzent."
Spallone holt drei Baumarkt-Teppichläufer aus dem Kofferraum seines Autos. Kunstdrucke gab es nicht. Er weiß, dass es darauf nicht ankommt, es kommt immer auf die Frauen an. Neue Gesichter, neue Körper. Und die bestellt er bei Jim South.
South betreibt die größte Modelagentur im San Fernando Valley. Sie ist in einem schmalen, dunklen Büro am Ventura Boulevard untergebracht. South sitzt an einem Schreibtisch vor dem einzigen Fenster und wartet. Es ist still, manchmal schnalzt er mit der Zunge unter seiner Prothese, dass es leise klackt. Er ist 68 Jahre alt, seit 35 Jahren sitzt er in diesem Büro. Auf dem Sofa neben seinem Schreibtisch haben Tausende Pornodarsteller gesessen, nachdem sie in die Stadt kamen. Er trägt ein weißes Hemd, eine Westernkrawatte, enge dunkelblaue Wrangler und Cowboystiefel, denn er kam aus Texas nach Kalifornien. Er ist verheiratet, er hat zwei erwachsene Söhne, die ihm bei der Arbeit helfen.
Wenn eine neue Darstellerin kommt, schreibt Jim South ihre Daten auf eine Karteikarte, ihre Maße und die Sexualpraktiken, zu denen sie bereit ist. Dann geht er mit ihr in einen Nebenraum und macht zwei Polaroidfotos. Eins von vorn, eins von hinten. Die legt er zusammen mit der Karteikarte in einen seiner Aktenschränke.
800 Darsteller hat er im Moment im Bestand, 85 Prozent sind Frauen.
Lara Roxx war nur einmal hier. Er hat ihr einen Dreh vermittelt, er hat ihr einen Wagen geschickt, der sie früh vom Motel abholen sollte, aber die Kanadierin hat nicht aufgemacht und auch das Telefon nicht abgenommen. Da hat er sie aus den Akten genommen. Es ist eines seiner Gesetze. Wer zum ersten Dreh nicht erscheint, mit dem arbeitet er nicht mehr.
Luissa Rossos Akte habe er da, sagt er. Er holt einen Stapel rosa Karteikarten aus einem seiner Aktenschränke, befeuchtet seinen Finger und blättert sie durch. Dabei murmelt er "Rrrrrrossso. Rrrrrrossso."
Sein Sohn, der am hinteren Schreibtisch mit einer großbusigen Blondine darüber verhandelt, wie lange sie mit ihrer Geschlechtskrankheit pausieren muss, lächelt.
Dann hat Jim South die Karte.
Luissa Rossos ostdeutscher Mädchenname steht ganz oben, ihr Geburtsdatum, ihre Passnummer und die Adresse eines kleinen Dorfes in der Nähe von Sömmerda. 325 Leute leben in diesem kleinen Dorf.
An der Seite hat South mit einem roten Filzstift notiert, wozu die Thüringerin bereit ist. Boy-Girl, Girl-Girl, Double Penetration, Anal, Interracial.
"Sie macht alles", sagt South und schüttelt leicht den Kopf, als wundere er sich darüber. Normalerweise starten die Mädchen, die zu ihm kommen, nicht gleich mit dem ganzen Paket. Auf der Rückseite hat er die Interessenten für die Thüringerin aufgelistet. Es sind mindestens 20 verschiedene Firmen.
"Deutsche Mädels sind zuverlässig", sagt Jim South und lächelt.
Vier Tage später sitzt Luissa Rosso aus Sömmerda im Starbucks-Café auf der Terrasse des Kodak-Theaters, in dem die Oscars verliehen werden. Von hier kann man den Hollywood-Schriftzug in den Bergen über Los Angeles sehen.
Es ist der elfte Tag der Quarantäne. Heute ist bekannt geworden, dass sich Jessica Dee mit dem Virus infiziert hat. Eine tschechische Darstellerin, mit der sie befreundet war, soweit man das in diesem Geschäft sein kann.
"Sie ist ein normales Mädchen, nicht so zickig wie die Amerikanerinnen. Sie hat auch keine Drogen genommen wie viele andere. Schade", sagt Luissa Rosso. Sie trinkt einen Schluck Wasser, es ist heiß. Dann steht sie auf und setzt sich vorsichtig wieder hin.
"Ich habe leichte Probleme beim Sitzen", sagt sie. "Ich habe gestern eine Analszene gedreht, die sich fünf Stunden lang hingezogen hat."
Sie hat in dieser Woche jeden Tag gearbeitet. Sie hat die 30 000 Dollar zusammen, macht aber erst mal weiter. In der "Los Angeles Times" erklärt Lara Roxx, die infizierte Kanadierin, dass sie kein Geld übrig behalten habe. Sie sei total abgebrannt. Die Pornoindustrie habe sie fallen gelassen.
Luissa Rosso hat sich mit Joey Silvera angefreundet, einem Pornostar der achtziger Jahre, der inzwischen eine große Produktionsfirma besitzt. Er hat sie mit zum Spiel der Los Angeles Lakers genommen, sie haben in der ersten Reihe gesessen. In der neuesten Ausgabe der "Adult Video News", dem wichtigsten Branchenblatt der Pornoindustrie, ist auf Seite sieben ein großes, ganzseitiges Bild von ihr. Es wirbt für eine DVD mit dem Titel "Multiples".
Sie hat jetzt einen Fuß in der Tür zum großen Geschäft.
In der Stunde, die sie im Café sitzt, klingelt ihr Handy fünfmal. Es sind fünf neue Angebote. Sie kann nur drei annehmen, weil sie in vier Tagen nach Europa fliegt. Ihr alter Bekannter, der Geschäftsführer der großen deutschen Pornoproduktion, feiert seinen Geburtstag auf dem Landschloss in Südfrankreich. Er bezahlt ein paar europäischen Darstellern die Flugtickets, dafür dreht jeder eine Szene umsonst. Sie hat mit dem Geschäftsführer besprochen, dass sie den Film synchronisieren lassen und auf den amerikanischen Markt bringen. Jetzt, wo sie hier ein bisschen bekannter wird, sagt sie. Auf dem Rückweg will sie sich bei der Auslandskrankenversicherung in Thüringen die 3000 Dollar wiederholen, die ihre Unterleibsoperation gekostet hat. Vielleicht fährt sie auch kurz bei ihrer Universität vorbei, wenn Zeit bleibt.
Ein paar Tage später macht die AIM den vierten HIV-Fall bekannt. Ira Levine, der Vorstandschef von AIM, sitzt in dem schwarzen gläsernen Hochhaus von "Hustler"-Chef Larry Flynt, er wirkt nicht mehr ganz so beruhigend wie auf der großen Konferenz im Ballsaal des Hilton vor zehn Tagen. Damals sah es so aus, als sei alles unter Kontrolle. Sie haben eine 60-tägige Drehpause empfohlen, aber dort unten im Tal wird weitergedreht, als wäre nichts passiert.
"Ein bisschen was verändert sich immer nach so einem Fall. Aber die Pornogemeinde hier ist eine Art Volksstamm. Mit all den Dingen, die einen Volksstamm ausmachen. Zum Beispiel können wir aussterben", sagt Levine. Er hat an über 700 Filmen mitgearbeitet, als Schreiber, Produzent und Regisseur, er ist mit einer bekannten Pornodarstellerin verheiratet. Er redet auch von sich.
"Unsere Kontrollen sind viel besser geworden, auch das Bewusstsein der Darsteller. Kein Produzent in San Fernando Valley dreht heute noch ohne einen gültigen Test. Ich glaube, das ist einmalig auf der Welt. Aber eine vollständige Kontrolle gibt es nicht. Das ist so eine Vorstellung der Gesundheitsbehörde. Die sind doch nicht mal in der Lage, jedes Restaurant der Stadt mehr als einmal im Jahr auf Einhaltung der Hygienebestimmungen zu kontrollieren. Wie wollen die dann eine so bewegliche Szene wie das Pornogeschäft im Griff haben? Die Darsteller reisen mit leichtem Gepäck. Sie haben alles am Körper, was sie für ihre Arbeit brauchen. Wir haben die Szene hier relativ gut unter Kontrolle. Das sind wilde, junge Leute, die lassen sich nichts diktieren. Womit wollte man denen drohen? Die Gefahr kommt von außen, aus Ländern, wo nicht so gut kontrolliert wird wie hier", sagt Ira Levine.
Er schaut aus dem Fenster auf die Stadt unter ihm, die kein Ende hat.
Eine Woche später dreht Luissa Rosso mit Darstellern aus Polen und Deutschland für eine deutsche Firma einen Film auf einem Landschloss in Südfrankreich. Sie kennt die Darsteller nicht. Niemand musste einen Aids-Test vorzeigen. Das sei in Deutschland sowieso nicht üblich, sagt sie.
"Ich hatte meine Tests dabei, aber die wollte keiner sehen", sagt sie.
Von Osang, Alexander

DER SPIEGEL 21/2004
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